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aufgestellten Richtlinien hieß es unter anderem: Herabsetzung der Schutzzollschranken, Anwendung der Klausel der Meist- bcgiinstigüng, Aufhebung noch bestehender Ein- und Ausfuhr- verböte, Vereinbarungen über die Bedingungen des Verkehrs zu Wasser und zu Lande. So sind die Sozialdemokratische Partei und die Gewerk- schaften seit je Vorkämpfer des Freihandels ge- wesen, jener Idee, die dann 1924 auf der Generalversamm- lung des Vereins für Sozialpolitik durch die bekannte Er- klärunq der mehr als 199 Nattonalökonomen und Staats- Wissenschaftler, und ferner nunmehr in dem Manifest der Wortführer der privatkapitalistischen Wirtschaft und Finanz auf der Tagung der Internationalen Handelskammer in Lon- don ihren Ausdruck gefunden hat. Was nun? Der Ausschuß zur Vorbereitung der vom Völkerbund im Frühjahr 1927 in Aussicht genommenen Welt- wirtschaftskonserenz hat seineKommission C", der für Deutschland Staatssekretär Tredelenburg angehört, mit der Prüfung des Problems des Welthandels und der Märkte beauftragt. Die Wirtschaftsführer in London fordern nun aber erfreulicherweise klar und bündigdie W i e d e r e i n- führung der Handelsfreiheit". Demnach bliebe nur die Aufstellung einfacher internationaler Regeln und Bedingungen übrig, unter denen zu Wasser und Lande, über Häfen und Güterbahnhöfe, auf allen internationalen Ver» kehrswegen, der Güteraustausch unter den Völkern zu erfolgen hätte. Die von den Wirtschaftsfllhrern in London oorge- schlagene Kommission soll wohl diese internationalen Ver- kehrsregeln auf der Grundlage des Freihandels, der Befeiti- gling aller Zolltarife, ausarbeiten? Damit ist aber gleicher- maßen angedeutet, daß der Weg zur Verwirklichung des Frei- Handels noch immer einlangwierigerWeg fein kann. Die Erreichung des Zieles ist von heute auf morgen nicht zu erwarten. Die sofortige Aufhebung aller Zollschranken 'würde sehr tief in das wirtschaftliche Leben einschneiden. Die Hochschutzzolländer müßten eine Uebergangszeit und Schon- frist haben, um ihre Wirtschaft schrittweise umstellen zu können. Aber das Londoner Wirtschaftsmanifest ist ein Fanal, das den Weg beleuchtet, den die organisierte Arbeiterklasse seit Jahrzehnten schon als richtig erkannt hat, und den es jetzt gilt, mit neuer Kraft vorwärts zu gehen. Das Manifest ist als Auftakt für die Ge n f e r W e l t- wirtschaftskonserenz gedacht. Es bildet das wich- tigste Stück ihrer Tagesordnung. Es darf keine platonische Liebeserklärung an den Freihandel bleiben. Es muß Wirk- lichkeit werden, fruchtbringende Wirklichkeit zum Wohle der Völker. Oos Virtschaftsmamfeft. Der Rcichsbankpräsident über seine Bedeutung. Hltincheu, 19. Oktober. (TU.) Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der zu den Mihinterzeichnern de» internationalen Wirtschaftsmani- festes gehört, gab heute einem Vertreter der Telegraphenunion zu dem Manifest die nachfolgende Erläuterung: Das Wirtschasts- manifest, das von führenden Wirtschaftlern aus IS verschiedenen Ländern unterzeichnet ist, kann in seiner Bedeutung unmöglich unterschätzt werden. Selbstverständlich drücken die Unterzeichner dieses Manifestes, ivelchem Lande immer sie auch angehören mögen, nur ihr« per- fönlich« Ueberzeugung aus. Daß dl« Regierung dieses oder jenes Landes sich mit den Unterzeichnern wicht zu Identifizieren wünscht, ist ein« Selbstverständlichkeit. Aber deswegen verliert dieses Manifest nichts von feinem Wert. Wir haben all« noch in zu lebendiger Erinnerung das Beispiel des Dawes-Bevichtes. Als die Weisheit der Regierungen am End« war, hatten wir es nur einer kleinen Gruppe von führenden internationalen Wirtschaftlern zu danken, daß ein wirtschaftlicher Ausweg aus den politischen Schwierigkeiten gefunden wurde. Wenn das Manifest aus der einen Seit« die wirtschaftlichen Fehler hervorhebt, die Krieg und Frieden gebracht haben, so verliert sich das Manifest doch nicht tn historischen Betrachtungen über Schuld

und Sühn«, sondern weist unbekümmert um alles, was geschehen ist, unbekümmert um politisch« Engherzigkeit, die noch in einzelnen Köpfen stecken möge, den Weg in die Zukunft, den Weg ins Frei«. Das Manifest Ist nicht ein« Auslastung der Regierenden, die durch all« möglichen Fesseln in ihrer Freiheit behindert sind, es ist«in Ausfluß des gesunden Menschenoer st andes aller Völker, die den Weg zur wirtschaftlichen und damit zur geistigen Zusammenarbeit frei machen wollen.

verjuöete deutschnationale. Ludcndorff sagt es. Ais die Deutschnationalen Anna v. Gierte absägten, weil sie keinen rassenreinen arischen Stammbaum aufzuweisen hatte, da ahnten sie nicht, wie bald sie alle selbst von der Liste der zuverlässigen, judenreinen deutschen Männer gestrichen werden würden. Nun ist es so weit. Ludendorff gibt für die Sachsenwahlen seinen Anhängern folgenden Befehl: «Ich erwarte, daß sich niemand mehr von den Parteien täu- s ch e n läßt, die ihre Mitglieder immer wieder dadurch irreführen, daß sie vorgeben, deutsche Politik zu treiben. Ich mein« die Deutsche Boltspartei und die Deutschnatio­nal« B o l k s p a r t e i. lieber die verfreimauerte, rein tapita- listische Bolkspartei des Herrn Stresemann wird ein Zweifel nicht bestehen Sie ist schon lange klar erkennbar aus den lchwarzweiß» roten Parteien ausgeschieden, obwohl sie immer noch diese heiligen Farben entweiht. Auch die Deutsch nationale Bolls- parte! schaltet sich selbst immer mehr aus den schwarzweihroten Parteien aus. Jüdisch«, römische, freimaurerische Einflüsse werden in ihr immer maßgebender. Seitdem sie nun Locamo, Genf und damit mittelbar Versailles und die Schuldlllge als Recht anerkennt, den Dawes-Pakt ermöglicht und die Sparer im Stich gelassen hat, zeigt sie klar und deutlich, daß sie nur noch Dienerin der überstaatlichen Mächte, keine deutsche und völkische Partei ist." Es ist weit gekommen mit Deutschland : viele große Par- teien, aber keine große deutsche Partei alles verjudet. liebet 69 Millionen Einwohner aber nur drei Dutzend Deutsche. Warum sich diese drei Dutzend darauf kaprizieren, in diesem Lande der Juden, Römlinge und Freimaurer zu bleiben, statt sich auf einer unbewohnten Südseeinsel anzusiedeln? Kommunisten, Gelbeunö�anöbunöimSunSe Das Arbeitsgcrichtsgesctz im Sozialpolitischen Ausschuß. In der Weiterberatung des Sozialpolltischen Reichs- tagsausschufses über den Entwurf eines Arbeitsgerichts- g e s e tz e s am Dienstag wurde im§ 4 festgelegt, daß die Arbeitsgerichtsbarkeit durch Schiedsvertrag und Tarifvertrag aus» geschlossen werden kann. Bei der Festsetzung de» unter dl« Arbeitsgerichte fallenden Perfonenkreises begründet« Genosse Auf- Häuser den sozialdemokratischen Antrag, wonach auch die leitenden Angestellten von der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte miteinbezogen werden sollen. Der Antrag wurde trotz des Widerstandes der Rechtsparteien angenommen. Ebenfalls ange- nommen wurde«in sozialdemokratischer Antrag, wo- nach solche Personen den Arbeitnehmern gleichgestellt werden, die, ohne in einem Arbeitsverhältnis zu stehen, im Austrag und für Rech- nung einer oder mehrerer bestimmter anderer Personen Arbeit leisten und sonstig« arbeitnehmerähnlich« Personen, wie Zwischeninelster, die einen wesentlichen Teil ihre« Entgelt» für eigen« Arbeit erhalten. Durch diesen Beschluß werden die Heimgewerbetreibenden, aber auch die Gruppenführer der Artisten usw., in die Arbeitsgericht« mit«in-

.für die Berufungsmöglichkeit an die Landesarbeits- g« r i ch t c sind nach dem Regierungsvorschlaa 809 Mark festgelegt worden, entgegen dem sozialdemokratischen Antrags der 6v0 Mark vorsah. Ein Antrag der Deutschen Volkspartei , für Arbeiter und Angel teilt« verschieden« Berusungsfummen zu bestimmen, fand keine Mehrheit. Berufung und Revision ist ferner möglich, wenn das Arbeitsgericht t»w. das Landesarbeitsgericht die grundsätzlich« De- deutung des Rechtsstreites anerkennen. Nach dem sozialdemokratischen Antrag sollte das Verufungsverfahren von dem einstimmigen

Beschluß des Arbeitsgerichtes abhängig sein. Nach dem in derselben Sitzung verabschiedeten§ 10 werden die wirtschaftlichen Vereinigungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer als parteifähig erklärt. Ein kommunistischer Antrag, der die ge werks chaslliche partet- sähigkeii zugunsten der unorganisierten Arbeiter einschränken will. wurde gegen die Stimmen der KPD . und des Abgeordneten Wolfs . des Vertreters der gelben Werksvereine und de» Reichslandbundes, abgelehnt.. Schließlich entspann sich noch«ine lange Debatte über die Prozeß- Vertretung mit dem Ergebnis, daß die Rechtsanwälte entgegen einem Beschluß de» Reichsrats bei den Arbeitsgerichten in erster Instanz nicht zugelassen sind. Die Rechtsparteien waren bei dieser Ab- stimmung gespalten. Der Ausschuß vertagt« sich um 2 Uhr. Um 5 Uhr nachmittags trat er wieder zustimmen, um sich der E r w« r b,- losenfürsorg« zuzuwenden. Die �rwerbslosenfürsörge vor Sem flusscbuß. Der Reichstagsausschuß für sozial« Angelegenheiten setzie am Dienstag nachmittag sein« Beratungen sort, und zwar über die Fragen der Erwerbslosenfürsorg«. Der Reichsarbeits- minister Dr. Brauns gab zunächst einen Ueberblick über den gegen- wärtigen Stand der Arbeitslosensrage und die Fürsorgemaßnahinen. Die Zahl der unterstützten Erwerbslosen sei gegen das Frühjahr um rund 609 000 zurückgegangen und diese Entwicklung halt« an. Der Rückgang sei nur in geringem Maß« aus der Jahreszeit zu erklären, vielmehr ist er durch dl« wirtschaftliche Entwicklung verursacht, ober auch durch die Maßnahmen auf dem Gebiete der Arbeits- beschaffung. Ein« Erhebung über die Ausge- steuerten mit dem 1. Oktober als Stichtag ist angeordnet. Ihre Ergebnisse werden End« Oktober vorliegen. SN den letzten Monaten ist auch die Erhebung in der allgemeinen Erwerbslosenfürsorge durch- geführt worden, die der Reichstag im Juli beschlossen hat. Di« Er- Hebung hat die finanziellen Schätzungen der Begründung zur Arbeits- losenversichsrung in weitem Maße bestätigt. Der Entwurf der Arbeitslosenversicherung hat jetzt den Reichswirtschoftsrat passiert. Reben der Arbeitsbeschaffung und der Arbeitslosenversicherung de- schäftigt sich die Reichsregierung vor allem mit dem Problem der älteren Angestellten, das sich neuerdings zu einem Problem auch der älteren Arbeiter erweitert hat. Im Anschluß hieran begründet« Genosse vrey die Anteage unserer Fraktion. Er wies dabei hin auf die nicht nur körperlich. sondern besonder, erschütternden moralischen und seelische» Aue­wirkungen der WRtschaftskrise und der langfristigen Erwerbslosigkeit und fowert« ein« soforftge Erhöhung der Unlerflilhung und Verlängerung der Vezugsdauer. DI« Redner der übrigen Fraktionen tonnten sich unseren Argumenten nicht oerschlikßen: der konmrunistische Redner verwechselte, anstatt mit uns in einer Reih« zu fechten, den Ausschuß offenbar mit einer kom. munistischen Werbeversammlung und glaubte, bei dieser Gelegenheft die saiärfsten Vorwürfe gegen un» richten zu müssen, selbstverständlich zur Freude der bürgerlichen Parteien. Er mußt« erst vom vor» sitzenden, dem Abg. Esser, sehr«nergisch zur Sache gemahnt werden. Im übrigen wurde von den verschiedenen Seiten darauf ycn» gewiesen, daß die Frag« der Erwerbslosigkeit nicht nur das Reichs- arbeitsmini st erium, sondern mindestens ebenso den Wirt- schastsminister und den Finanzmintster angehe. Unter anderem zeigt« auch Genosse Grnßmcrnn, wie die Erwerbs­losigkeit in engem Zusammenhang mit der Arbeitszeitfrage. der Ueberstundenwirtschaft. der Konturrenz von Be- amten und Angehörigen der Reichswehr stände. Es wurde deshalb bedauert, daß dos Kabinett sich nicht schon längst eingehend mit all diesen Fragen beschäftigt Haft« und es wurde zum Schluß beschlossen, «ine neue Sitzung de» Ausschusses auf Donner, ttog vormittag«»,- zuberufen, tn der der Wirtschaftsminister, der Finanz- m i n i st« r und der A r b« i t» mi n t st e r ihr Prograinm betreffend di« Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorlegen sollen. Der AvnvSrilge Ausschuß de» Relchslaae, ist von seinem Bor - sitzenden, dem Abg. H e r g t(Dnat.). zu einer Sitzung auf D i e n s- tag. den 2 6. Ottober, einberufen worden. Auf der Taaes- ordnung steht dl» Fortsetzuna der Besprechung über die großen l n, ternotionolen Wirts chastsfragen und dl« Frage der Militärkontrolle. Das Slresemann-Attental. Heute findet vor dem Land- gericht III der Prozeß gegen die Stresimann-Attentäter Kaltdorf und Lorenz statt. Wie erinnerlich wurde der Prozeß wegen Nicht- erscheinen des Zeugen Funke vertagt.

Tanzmatinee öer Volksbühne. Gastspiel der Münsterer Tanzgruppe. In ihrer zweite« Tanzmatinee im Theater am Dülow- platz hatte sich die Bolksbuhne die Tanzgruppe des Stadt- theaters Münster verschrieben. Diese Tonzgrupv« erfreut sich seit Jahr und Tag eine» weithinreichenden Ruhmes. Der Intendant Dr. Niedecken-Gebhard hat mit ihr den Beweis geliesert, daß man auch ohne unbeschränkte Geldmittel und an einem Ort, der für dergleichen nicht gerade hervorragend geeignet erscheint, ein künstlerifck wertvolles Tanzensemble schassen und zu schlechthin mustergültigen Leistungen heranbilde« kann. Boraussetzung ist, daß man von der überragenden Wichtigkeit der neuen körpcrrhvthmischen Kunst ehrlich überzeugt ist und daß man die Fähigkett oesitzt, die rechten künstlerischen Kräfte zu finden und zu fesseln. In den Laban- Schülern Kurt Iooß und Jens K e i t h sind, als künstlerische Leiter, diese Kräfte gesunden. In den Darbietungen der Matinee wurde für sie und das durchweg erstklassige Ensemble der Besähi- gungsnachweie in vollem Umfange erbracht. Es waren Leistungen, denen leider, leider die ständigen Tanzensembles unserer Ber - liner Bühnen nichts Gleichwertiges zur Seit« xu stellen haben. Im Mittelpunkt stand das tänzerisch« Eonnnermärchen von Kurt IooßDie Brautfahrt. Em Scherzspiel. Ein« phantcfttische Posse. Nicht durchweg stilrein, aber doch ei« frucht- barer Ansatz zur Schöpfung des Tanzdramas der Zukunft. Frucht- bar vor allem in der bisher kaum oersuchten Kunst, durch den reinen, abstrakten Rhythmus der Bewegung sowohl Eimelpersonen wie Gruppen klar und eindrucksvoll zu charakterisieren. Hierin Hegt die bühnengeschichtliche Bedeutung des Werke». Bon diesem Punkt aus sollte man weiter arbeiten. Sollt« oersuchen, auch aus der Handlung möglichst alle schauspielerischen, pantomimischen Elemente zu tilgen, deren sich namentlich im ersten Akt noch zu viele finden. Dann würde eine vollkommen sttlreine Schöpfung zustande kommen, zu deren Genießen man nicht des Berstandes bedarf. Di« alles, was sie gestattet, durch den reinen Rhythmus dem mitschwingenden Gefühl vermittelt. Eine große, eine schwierige Aufgabe, deren Lösung man aber den Münsterern zutrauen darf. Denn in den drei Stücken aus der FolgeLarven", die die Matinee einleiteten, hat Kurt Iooß gezeigt, wie dieses Problem anzufassen ist. Da war all« dramatische Handlung aus rhythmische Gegensätze gestellt. Da bemühte sich der Zuschauer nicht, zuverstehen", sondern sein Gesühl erlebt«, dirett und unvermittelt, was gewollt und gegeben war. Wie man, auch m derBrautfahrt", der naturalistischen Dekorationen entraten konnte, wie die Szenen im Walde, im Salon usw. sich alle innerhalb der gleichen neutralen Stosfwände abspielten und trotzdem das Milieu und die wechselnden Stimmungen jedesmal fein und deutlich herauskamen, so sollte es auch mit der Handlung oersucht werden. Dann wäre das Ziel, dem die Entwicklung der heutigen Bühnenkunft zustrebt, erreicht. Soviel Grundsätzliches. Ueber die künstlerischen Einzelheiten wäre nur Rühmendes zu sagen. In der rein choreographischen Leistung kann freilich, was die Fülle der tänzerischen Ideen und Motive anlangt, Iooß mit Laban nicht wetteifern. Dafür aber be- herrscht er die für die Bühnenwirkung entscheidende Kunst der klaren Gruppierung und packenden Bipfelung. Di« Sauberkeit der In- szeuierung, die au Wigmansche Disziplin heranreichend« Gruppen-

aktton sind des höchsten Lobes würdig. Szenen wie der Abmarsch zur Brautfahrt, wie die Werbung vor dem Thron der Prinzessin, rissen das Publikum mit Recht zu jubelnder Begeisterung hin. K e i t y als Krieger, Iooß als Zauberpriester, Sigurd Leeders zarter Prinz, dos prinzeßliche Puppchen der Frida H o l st, Inge H e r t l i n g(Königinmutter). E l s a K a b l, die di« Oberhofmeisterin im Stil eines dressierten Pudels gab. die Hofdamen(A i n o Sil- mala und D a r j a C o l l i n), die Mägde(Elle Fechner und Angiola Sartori o) alles unübertreffliqe Leistungen, die sich zu einem tadellos abgerundeten Ensemble zusammenschlössen. Das Publikum, das das Theater am Bülowplatz bis in de» obersten Rang hinauf füllte, amüsierte sich prachtvoll und kargte nicht mit seinem Beifall.___ John Schtkowski. Oer prinzliche Kümper. In England, das die Demokratie mit Eifersucht behütet, ist Gott sei Dank folgende rührend« Geschichte geschehen: Seine König. liche Hoheit der Prinz von Wales war zufällig nicht auf Biiftcljagd in Afrika oder bei einem Pferderennen. Er wollte ein Mensch unter Menschen sein und fuhr darum nach Hull , um das Institut zu besichtigen, in dem blinde und taubstumme Kinder erzogen werden. Man denke stch die Freud « der braven Engländer, die ganz außer Rand und Band gerieten, weil der Prince ös Wales sich zu solchem Besuche herabließ. Der Hoschronist(ein ordentliches demokratisches Land braucht einen Hofchronisten) erzählt denn auch alles, was bei dieser Ge- lege'nheit geschah, mit der notwendigen Genauigkeit und historischen Wahrheit. Der Prince of Wales besiegte also im Fluge das ganz« Infiittit der blinden und taubstummen Kinder. Die blinden und taubstummen Kinder jubelten ihm zu. soweit sie das konnten. Die Blinden tonnten zwar den erlauchten Gast nicht sehen, und die Tauben konnten ihn nicht hören, doch sie alle ließen durch ihre Lehrer in ihrer besonderen Krüppelsprache mttteilen, daß sie hoch- geehrt seien. Der Prince of Wales lächelle zufrieden, und dann geschah, was keiner erwartet hatte, oder vielmehr, was jeder erwartet, aber heimlich oerborgen hatte. Man brachte für den Prinzen von Wales eine Ucberraschung, die Gabe der blinden und tauben Kinder von Hull . Sie hatten nämlich für den Prinzen von Wales einen Jumper gestrickt, einen bunter Jumper, einen pikfeinen, durchaus eines Prinzen würdigen Jumper. Und nun tasteten sie sich heran und überreichten feierlich dem Prinzen seinen Jumper. Der Prinz, der gewöhnt ist, bei allen Gelegenheiten schöne Worte zu machen und dem man nachrühmt, daß er ebenso geschickt mit einem Kaffern- Häuptling wie mit einem Boirerchampio» umzugehen weih, fand natürlich in seiner Leutseligkeit auch das richtige Wort für dieses prinzliche Geschenk. Er sagte, ja, er versprach es sogar hoch und heilig, daß er jedesmal beiin Golfspiel den ihm von den blinden und taubstummen Kindern geschenkten Jumper anziehen werde. Diese goldenen Worte des Prinzen wurden von dem tiefbewegten Taub- stummenlehrer in die Sprache der Taubstummen übersetzt, und die verkrüppelte Jugend, die das vernahm, stellte stch, wie das so üblich ist, vor Begeisterung auf die schwächliche» Kopse. So geschehen im Oktober 1926, da die Kinder der streikenden Kohlenarbeiter England» kei« Hemd anzuziehen haben, obwohl der Wirbelsturm über den Kanal schon frostig hiuüberweht.

Kultusminister Dr. Decker eröffnete einen Zyklu» der L e s s i n g» Hochschule überProbleme der Gegenwartswelt" mit einem Einzelvortrag überDas neue Dildungsideal". Dr. Becker erwies sich in seinen Ausführungn als feinsinniger Ge- lehrter, der aber zu dem Publikum der Lessina-Hochschule, die doch eine Art Bolkshochschul« darstellen soll, wenig Fühlung fand. Was konnte etwa ein am Geistesleben des Volkes interessierter Arbeiter au» den ganz allgemein gehaltenen Ausführungen des Kultus- Ministers entnehmen, der sein Bildungsideal als einenneuen Hu- manismus" definiertes Freilich erklärte Dr. Becker von vornherein. daß er nicht an den lanWäufigen BegriffHumanismus" als an ein« auf klassische Sprachen und klassische Bildung ausgebaute Er- zlehung denke, sondern an das humanistische Ideal: den griechischen Menschen, der sein Leben führt In Ausgsglichenheit des Körpers zum Geist«. Aber man vermißte schmerzlich die Einstellung auf die Gegenwart und den Hinweis auf die Sondersorderungen unserer Zeit. Hier begnügte sich Dr. Becker mit allgemein gehaltenen Er- klärungen, daß der Unterricht von der Erziehung abgelöst werden müsse, daß die Grundlage der Erziehung bei ollen Kindern gemeinsam sein müsse, daß es aber unmöglich sei, eine absolute Einheitsschule zu schaffen, weil es unmöglich sei, jeden Menschen nach dem gleichen Schema zu unterrichten. Dr. Becker vergaß nur hinzuzufügen, daß die Differenziertheit der Erziehung heut« noch in der Hauptsache vom Geldbeutel, nicht von der Beranlaguna abhängig ist. Wie und wie wstt er hier Aenderung wünscht, verschwieg er. So blieb sein anregender anderthalbstündigcr Bortrag trotz mancher bcachtens- werter Momente eine interessante Theorie. Viele Besucher der Vor. lesung mögen sich von dem Ramen und vor allem von der Stellung Dr. Beckers mehr versprochen haben. Sz. Otto heubner , der Altmeffter der Kinderheilkunde, ist, 83jührtg, in Dresden gestorben. Er hatte im Vogtland das Licht der Welt erblickt, studiert« Medizin in Leipzig und Wien , wurde 1863 Privat- dozent, 1873 außerordentlicher. 1882 ordentlicher Professor in Leipzig und folgt« 1894 einem Ruf an die Universität Berlin . Hier war er bis zum Frühjahr 1913 läng, trat dann in den Ruhestand und zog sich nach Loschwitz bei Dresden zurück. Heubner hat einen Teil seines Lebenswerkes für die A.ierkeimung der Kinderheilkunde als selbständiges Sonderfach der Medizin eingesetzt. Ihm ist e? vor allem zu danken, daß heute an einer ganzen Reihe von deuischen Universitäten eigene Lehrstühle für Kinderheilkunde bestehen,«ein« zahlreichen Arbeiten behandeln die verschiedensten Gebt."« der Kinderheilkunde, so das der Säuglmgsernährung, der Diphtherie, der Syphilis beim Kind usw. Sem Hauptwerk ist das 1903 er- schieneneLehrbuch der Kinderkrankheiten", das die größte Verbreitung gesunden hat. Ein besonderes Verdienst hat sich Heubner durch feine ausführlichen klinischen Studien über die Be- Handlung mit dem Behringschen Dlphtherieserum erworben und vei; allgemeinen Einführung dieses segensreichen Heilmittels dadurch mit die Wege geebnet.

Gerhart ftaaptmav» Im Verbände Deutscher E zSkiftr. DI« dIe«jZbrige Reih« der Dicht« abend« de» Verbandes Deuticher Srzübier wird am 30. Oktober, abend» 8 Uhr, im P l e n a r I a a l de» Reichstag » Gerhart Hauptmann mit einer Bwlelung au» seinen Werke« er- ösjnen. Karten bei Bote& Vcxt und lt. Dertheim.