Donnerstag
28. Oktober 1926
Unterhaltung und Wissen
Der Patriarch.
Bon Saulus.
Nein, es war nicht möglich. Nein, das fonnte ja gar nicht sein! Er, der in der glatirasierten, nervösen Unraft der Zeit wirkte wie einer jener alten treuen Patriarchen, wenn er feines Amtes waltete hinter dem Schalter, er, dessen weißer, würdig dichter Bart dem mit seinen Sparpfennigen tommenden Bürger treuberzig entgegenwinkte, er, der für jeden ein gutes Wort, einen vertraulichen Rat, ein günstiges Papier beileibe feine windige Spekulation, sondern eine staatserhaltende, mündelfichere Sache gehabt hatte, derselbe sollte- nein, es war nicht möglich. Nein, das konnte ja gar nicht sein.
Und doch war es fo.
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Sechs Wochen nach dem Tode, fünf und eine halbe Woche nach der von der ganzen Stadt hochachtend miterlebten Bestattung des Hauptkassierers der städtischen Sparkasse Kaufmannsdorf, Herrn Eckardtsen, legte der Regierungsrevisor dem Bürgermeister ſein Resultat vor: die Sparkasse wies einen Fehlbetrag von 24 000 m. auf, dessen erste Spuren, soweit die mur teilweise noch vorhandenen alten Bücher eine Feststellung zuließen, 20 Jahre zurücklagen. Der Bürgermeister erinnerte sich, daß Edardtsen vor 22 Jahren damals war der Bart noch gemütlich braun feierlich von ihm selbst in seinem Amte konstituiert worden war. Der Herr Bürgermeister erinnerte sich peinlicherweise sogar, daß er in der Grabrede dieses glücklichen Griffes seiner selbst bescheiden rühmend gedacht. Und ächste: Ist denn fein Zweifel, daß Eckardtsen...?"
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Rein anderer als er fonnte das folange verheimlichen. Die falschen Unterschriften über abgehobene Spargelder stammen von ihm."
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Als Witwe Eckardtsen vor den Kadi zitiert wurde, wußte schon die halbe Stadt, warum. Und als fie in ihrem faffungslosen Schmerz sich gleich danach ihrer einzigen Freundin vertraut hatte, die ganze. Als sie sich aber gefaßt hatte, rechnete sie im Handumdrehen nach, was ihr und dem Haushalt von ihrem Manne zuteil geworden war und hielt dem Amtsrichter die folgende wegen ihrer Länge nur auszugsweise wiederzugebende- Rede: Herr Gerichtsrat! Ich und meine Kinder, wir haben von dem Sündengeld nichts gehabt, nichts gehabt und nichts bekommen. Keinen roten Pfennig. Ehrlich und strebsam haben wir uns durchs Leben gemüht, o, wie ich mich abgeradert habe, alles habe ich für meinen Mann und meine Kinder getan. Und, unberufen, er war zu Hause ja auch immer sparsam und ich fann leider nicht sagen, ein schlechter Mann, nein, der Wahrheit die Ehre. Aber, daß er eine heimliche Sünde gehabt haben muß ,, Wenn dich die bösen Buben locken" steht schon in der Bibel, und er hat doch unserem Hermann so eine schöne, in echt Schweinsleder geschenkt, als der sein Pastorenegamen bestanden hatte!"
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Der Kaufmannsdorfer Abendbote" wußte des Rätsels Lösung, indem er mystifgetränkte Andeutungen von heimlichen Trinkgelagen, Spielorgien und noch viel, viel Schlimmeren, was zu schreiben dem familiären Charafter unseres Blattes widerstrebt, aber beachten Sie die nächste Nummer", machte.
Daraufhin lud der Amtsrichter Herr Obersteuerkontrolleur Habebald, Herrn Fleischermeister Roßgeweiht, Herrn Stationsvorsteher Stoppeboom und Herrn Gastwirt Baffermild zur Vernehmung. Sie sagien aus, und ihre sittliche Entrüstung über die verleumderischen Schmerereien in der Abendpost", ihr ehrenhafter bürgerlicher Bandel seit ihrer Erzeugung in firchlich und staatlich getrauter bürgerlicher Ehe, ihr Ruf und ihre Stellung erhärteten die Wahrheit dessen, was sie sagten daß sie mit Eckardtsen seit fast 20 Jahren ihren allwöchentlichen Stammtisch mit Achtelpfennig- Stat gehabt hatten, auf dem Eckardtsen stets zwei Bier, einen Kognat und einen Kaffee, in diefer Reihenfolge, getrunken. Die zwei Zigarren, die er rauchte, brachte er noch dazu von zu Hause mit. Na, und daß diese wirklich nicht zu den kostbarsten gehört hatten
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Habebald,
der sich einer feinen Nase rühmte, bestätigte es noch in der Erinne rung mit einem leichten Schwächeanfall. Zu Kaisers Geburtstag feien in der Republif aus alter Tradition wohl ein, zwei Gläser mehr getrunken worden, in Anbetracht der Weihe des Tages, aber„ daß diese Genüffe bei meinen Preisen nicht zu Untreue und verbrecherischen Handlungen verleiten fönnen, wissen Herr Amtsrichter ja selbst", faßte Wassermild bescheiden sein Urteil zu
fammen.
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Der stets gut informierte Kaufmannsdorfer Abendbote" „ drehen Sie 55 Exemplare mehr durch, gibt guten Absatz", hatte der Redakteur dem Berleger geraten brachte am Abend dieses Bernehmungstages eine dunkle Geschichte von eventuellen Beziehungen Eckardtsens zum Stadttheater, zu gewiffen dort aufgetretenen weiblichen Zugvögeln. In seiner nächsten Nummer aber veröffentlichte er einen Brief von Lia Lea, erster Soubrette des Stadt theaters, daß sie Herrn Eckardtsen in feiner Weise persönlich gefannt habe und fügte sachlich hinzu, daß es der Redaktion ferngelegen habe, bestimmte Namen zu nennen oder bestimmte Bersonen gewiffer Hand lungen zu bezichtigen.
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Ja, Herrgott, wo waren aber die 24 000 Mark geblieben? Ganz Kaufmannsdorf bebte unter der furchtbaren Ahnung, einen unbekannten Bampyr in seiner Mitte zu haben, der unbarmherzig fern Opfer wählte, seine Saugnäpfe ansetzte und ruck zuck war ehr famen Bürgersleuten das Mark soliden Bürgertums aus den Knochen gesogen, sie in die Verdammnis heimlicher Griffe in eine Rasse gestoßen. Wenn sogar Eckardtsen gefallen, wer war da noch sicher? Die Stadtverordnetenverfammlung verlangte einstimmig seit Menschengebenfen hatte Einstimmigkeit nicht im städtischen Wörterbuch gestanden eine außerordentliche Kontrolle aller Hauptund Nebenfassen. Der Gesangverein„ Gemütlichkeit", der Frauen. bund„ Deutsche Treue" und der sozialdemokratische Wahlverein beriefen Generalversammlungen ein mit dem Thema" Prüfung der Bücher und Vereinsfaffen". Sämtliche Hausfrauen zählten das Taschengeld ihrer Männer und Kinder nach. Bei Eckardtsens aber schritt schnell das Unheil und das finstere Geschlecht der Nacht, in diesem Fall des Familienzwistes, heftete sich an ihre Sohlen. Nämlich in Gestalt Fräulein Lotte Eckardtsens, dre etwas aus der Art geschlagen war, Mathematik studiert hatte und im Familienrat unkindlich daherredete. Papa hat gar nichts gemacht. Rechnet es euch doch aus. Woher soll denn das Geld zu deinem Dienstmädchen gekommen sein, Mama? Bei Vapes jämmerlichem Gehalt! Und meine höhere Töchterschule. Deine erste Hypothek und Ladeneinrichtung, Heinrich. Und mein Studium, und daß du Pastor wurdest, Hermann, und daß Robert so schnell Leut. nant wurde, meint ihr, das gibt's alles gratis?"
Also redete die ungeratene Tochter, und es erhob sich die verdiente Ablehnung gegen ihr loses Mundwerk. Witwe Eckardtsen
bekam einen Weinkrampf. Ist das der Dank für das, was ich an dir getan, daß du mir mein Dienstmädchen vorwirfst? Wo ich noch dazu immer eine vom Lande genommen habe, die bloß halben Lohn betam?"
Robert aber schlug die Hacken zusammen:„ Wärst du ein Mann und fatisfaktionsfähig, müßte ich dich fordern!" Hermann warf einen Blick zum Himmel, Motto" Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun," schüttelte gewichtig das Antlig eines reinen Toren und behauptete:„ Mit Gottes Hilfe bin ich sein Diener geworden, nicht durch verruchtes Sündengeld, merke dir das, Schn efter."
Die aber war unbelehrbar, hatte sie doch die Differentialrech nung im Sündenbabel der fernen Hauptstadt fennen gelernt und begann zu dozieren:„ Bitte: 24000 in 20 Jahren macht jährlich 1200, mit 1000 fing Papa an, 2000 foftete ihm mindestens ein Studienjahr von uns, Hermann
Deutschnationale Resolutionen
Gegen den Treue dem
Erbfeind
Kaiserhaus
Für die Koalition
Für den Parlamentarismus
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für den Außengebrauch für den Innengebrauch. Stets passend.
Da flog fie raus. Und alle dachten an das Wort des Dichters: So raubt mir denn zwei Seelen dieser Tag", und beweinten die Gestrauchelten.
fafturwarenhändler am Blaze war er leider der holden Poesie nie Bloß Heinrich dachte das nicht, als größter Woll- und Manu zugänglich gewesen. Er ging, als Abenddämmerung ihren menschenfreundlichen Schleier über das ereignisreiche Kaufmannsdorf gebreitet, zum„ Blauen Roß", wo Lotte sich nach ihrem Sturz aus dem Familienhimmel einlogiert hatte, und pfiff:„ Ich weiß nicht, was soll es", den Geschwisterpfiff, der sie- Jugend hat keine Er übte auch diesmal seine frevle Wirkung Tugend so oft in ihrer Kindheit zu ungeratenen Taten vereint. ach, wie leicht findet
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Bellage des Vorwärts
das Schicksal ihn nicht aus seiner Bahn geschleudert hätte. Es ist keineswegs unmöglich, daß er auch ohne Festungshaft und Stromtid ein bedeutender niederdeutscher Dichter geworden wäre, wenn auch in Stoffwahl und Gestaltung ein anderer, als er geworden ist. Auf jeden Fall zählt er zu der Kategorie der späten Genies; denn er war 43 Jahre alt, als sein erstes Buch, die„ Läuschen und Rimels", erschien, Belligen" die Literaturhistorifer feine höheren dichterischen Eigenin dem wie in der drei Jahre später veröffentlichten Reis' nah schaften entdecken können. Erst als Achtundvierzigjähriger zeigte er in der tragisch- poetischen Berserzählung Rein Hüsung" die Handschrift des Genies, und der Zweiundfünfzigjährige veröffentlichte den ersten Band seines Meisterwerkes llt mine Stromtid".
Ein anderes spätes Genie, Joseph Brudner, durch widrige Lebensumstände lange in feiner Entwicklung gehemmt, ließ sein Opus 1 mit 39 Jahren erscheinen. Für Komponisten von Rang ist das ein außerordentlich spätes Debütantenalter, aber dafür blieb seine Schaffenstraft bis ins höchste Alter ungeschwächt. Friß von Uhde, einer unserer stärtsten impressionistischen Maler, nahm als 30jähriger Kavallerieoffizier seinen Abschied, um den„ Rock des Königs" mit dem Malerkittel zu vertauschen. Konrad Ferdinand Meyer war 42 Jahre alt, als er mit seinen Balladen vor die Deffentlichkeit trat. Durch sein außerordentlich spätes Hervortreten fällt der Neißener Archivverwalter Karl Jensch auf, der 1893 als faft Sechzigjähriger seine schriftstellerische Laufbahn begann, dann aber in rascher Folge eine Reihe bedeutsamer Bücher über Politik, Volkswirtschaft, Geschichtsphilosophie, Ethit und andere Gebiete schrieb.
Jean Jacques Rousseau war 38 Jahre alt, als im Jahre 1750 seine berühmte Abhandlung über die Künste und Wissenschaften" erschien, die das gebildete Paris in höchste Aufregung ver= setzte und den bis dahin fast unbekannten Jean Jacques zu einer ungewöhnlichen literarischen Erscheinung stempelte. Saabi, der berühmte Dichter Persiens , schrieb seinen Rosengarten" in seinem 85. Lebensjahre, und der Abbé Delille arbeitete, ganz mit seinem Gegenstand beschäftigt, als 75jähriger Greis an seinem Gedicht„ Das Greifenalter", das er mit ins Grab nahm. Lorenz Sterne, der wegen seines Wizzes gefürchtete und bewunderte Pfarrer zu Sutton, war 46 Jahre alt, als er auf den Gedanken fam, sein erstes und faft einziges Buch, den unsterblichen Tristam Shandy" zu schreiben. Ein anderer, nicht minder humorvoller und berühmter Pfarrer war Francois Rabelais , der sich mit 47 Jahren zum Studium der Medizin entschloß und als Bierundfünfzigjähriger zum Dr. med. promovierte. Im Alter von 49 Jahren veröffentlichte er anonym die„ Chronik des Gargantua", welches Wert drei Jahre später in einer völlig neuen Fassung als der große satirische Zeitroman " Gargantua und Pantagruel" erschien. Als spätes Genie fann auch Christoph von Grimmelshausen , der Verfasser des„ Simplicius Simpliciffimus", betrachtet werden, der nach den üblichen, jedenfalls falschen Angaben ver Literaturgeschichte als Vierunddreißigjähriger mit dem Fliegenden Wandersmann nach dem Monde" debütterte und als Vierundvierzigjähriger sein Meisterwert erscheinen ließ. Wer aber bürgt dafür, daß Grimmelshausen im Jahre 1625 geboren wurde? Sein Todesjahr( 1676) läßt ein früheres Geburtsjahr vermuten.
In der neueren Literatur fallen ein Anzahl Boeten von Rang auf, die verhältnismäßig spät zur dichterischen Produktion gelangten. Detlev v. Liliencron befand sich im 40. Lebensjahre, als feine ,, Adjutantenritte " erschienen. Gustav Falke war 38, Tim Kröger 47 und der schwäbische Dichter Christian Wagner 50 Jahre alt, als fie ihr erften Bücher veröffentlichten. Klara Biebig zählte 37 und der liebenswürdige, aber weniger bekannte Erzähler Adam Karrilon 44 Jahre, als sie ihre ersten Bücher herausgaben.
Nicht jedes spät hervorgetretene Talent gelangte zur größeren Geltung und nicht jede frühe Begabung erfüllte die auf sie gefeßten Erwartungen. Die Entwicklungslinien verlaufen bei. Spätgenialen wie bei Frühreifen oft in überraschen Kurven, so daß Prophezeiungen immer gewagt find. Bei der Feststellung der späten daß manche Dichter und Künstler, die ihre Laufbahn im frühen Debütanteralter macht man die etwas eigentümliche Wahrnehmung, bereits überlebt hatten, in dem andere erst anfingen zu schaffen. Alter mit großem Erfolg begannen, ihren Ruhm in einem Alter
sich das Laster zusammen, Lotte kam herunter, und leise, ganz fächsische Bauernhaus ist durch eine besonders eigenartige leise fragte er:„ Meinst du, daß sie mir was wollen können, von wegen Schadenersatz?"
Lotte meinte nicht, versprach aber, einen befreundeten Juristen zu fragen, worauf Heinrich sie brüderlich und als erfahrener Mann vor Freunden und dergleichen warnte.
suchung im Falle Eckardtsen zu den Akten gelegt worden sei, und Die Abendpost berichtete aber bald darauf, daß die Unterfnüpfte daran drei Spalten„ Unentdeckte Verbrechen im Wandel der Beiten".
Das späte Genie.
Bon Hermann B. Nühr.
verfolgt, stößt man zuweilen auf die merkwürdige Tatsache, daß Wenn man den Entwicklungsgang geistig bedeutender Menschen Genialität eine Alterserscheinung ist. Das späte Genie läßt sich jedoch nicht, wie verschiedentlich versucht wurde, aus dem Mangel an Entwicklungsmöglichkeiten erklären; denn oft gingen der genialen Leistung im Alter eine Reihe mittelmäßiger Versuche in jüngeren ließen. Ohne den Tatsachen Gewalt anzutun, fann man hier feine Jahren voraus, die aber nichts Außerordentliches mehr erwarten Barallele ziehen zwischen den Spätgenialen und jenen Kindern, die in der Schule für dumm, faul und ungezogen galten und hernach dennoch bedeutende Männer wurden. Die Intelligenz manches schlechten" Schülers machte sich erst dann bemerkbar, nachdem er mit den seiner besonderen Begabung entsprechenden Studien begann oder einen geeigneten Wirkungsfreis gefunden hatte. Alle Hemmungen, die der geniale Kopf in der Schule durch die Kurzsichtigkeit der Eltern und Lehrer sowie durch den auf den Normalschüler eingestellten Schulbetrieb findet, fallen bei dem späten Genie, von dem hier die Rede ist, fort, so daß jeder Vergleich verfehlt ist. Der gentale Mensch, dem erst im späteren Alter eine große Leistung gelingt, zeichnet sich zwar nicht immer durch einen normalen Bildungsgang aus, wodurch aber die Spätgenialität feineswegs erflärt wird. Cervantes hätte feinen Anlagen und feinem Bildungsgrade nach den" Don Quichote " im 28. oder 38. Lebensjahre schreiben können; aber er befand sich im 58. Jahre seines mühevollen Lebens, als der erste Band seines unvergleichlichen Buches erschien. Allerdings hatte er schon früher Bücher geschrieben. aber Bücher, die seinen Namen sicher nicht unsterblich gemacht hätten. Ebensowenig wäre im Jahre 1781 am philosophischen Himmel der Name des damals 57jährigen Immanuel Kant als ein Stern erster Größe aufgegangen, wenn in diesem Jahre, in dem Lessing starb und Schiller seine„ Räuber" herausgab, nicht seine Kritik der reinen Vernunft " erschienen wäre. Die Schriften des Königsberger Philosophen hätten, jo bedeutend sie immer sind, den Namen ihres Verfaffers faum zu einem unvergänglichen gemacht. Es ist nußlos, darüber zu streiten, ob Friz Reuter ein großer Dichter, oder ob er überhaupt ein Dichter geworden wäre, wenn
Der Schafftall als Urform des Bauernhauses. Das nieder. Form ausgezeichnet, über deren Herkunft schon verschiedene gelehrte Ansichten geäußert worden sind. Der hervorragende Kenner niedersächsischen Volkstums W. Pehler sucht nun im neuesten Heft der Heimatblätter der Roten Erde" im Schafftall die Urform dieser ehrwürdigen Bauernarchitektur nachzuweisen. Die primitive Form Besitzstandes führt dann auch eine Vergrößerung der Hütte und der Wohnung ist ja eine Hütte, die nur aus einem Dach besteht und entweder runde oder rechteckige Form hat. Die Erweiterung des Erhöhung des Daches herbei. Solche primitiven rechteckigen Dachhütten sind nun in Gestalt von Schafställen in den Heide- und Moorgegenden Nordwestdeutschlands noch tatsächlich vorhanden, und ihre Aehnlichkeit mit den Bauernhäusern derselben Gegend ist so groß, daß man das Sachsenhaus als altgermanisches Stallgebäude bezeichnet hat. Es diente vorwiegend zur Beherbung des Bichs, mie einige Beispiele in den einsamsten Gegenden Hannovers noch heute bezeugen, in denen die Wohnräume überhaupt fehlen; gegessen wird auf der Diele und geschlafen in Berschlägen neben und über dem feiner ganzen Anlage zu erkennen ist, erst nachträglich zugefügt. Bich. Der Wohnteil des sächsischen Bauernhauses ist, wie aus Wer die Entwicklungsgeschichte dieses Bauernhauses erkennen will, der muß besonders im ümmling Umschau halten, einem heidebewachsenen, moorunterbrochenen Landrücken im nördlichen Teil des Regierungsbezirks Osnabrüd, in dem noch wie in faum einer verfälscht bewahrt sind. Neben Erdhütten finden sich hier Heideanderen deutschen Landschaft Boltstum, Sprache und Bauart unschuppen und Schafftälle in der denkbar einfachsten Form. Die Wände des Stalles tragen nichts weiter als den Dachrand und sind etwas schräg nach innen aufgemauert, um sich an die Sparren anzulehnen, die die ganze Laft tragen. Von außen glaubt man eine einfache, große Dachhütte vor sich zu haben; im Innern aber erfennt man die für das Sachsenhaus so bezeichnende Aufständerung". So ergibt ein Vergleich zwischen diesem Schafstall und dem niedersächsischen Bauernhaus eine weitgehende Uebereinstimmung: bei beiden tragen die Ständer die ganze Last, der Raum ist dreigeteilt und in der Mitte liegt die Stallgasse. Das tief über die Höhe des Einfahrtstores herabreichende Strohdach, die Windbretter am Dachrand, das Fachwerk und vieles andere stimmen völlig überein. Die Namen für einzelne Teile des Baues sind beim Stall und beim Hause dieselben, und so ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, daß der Heideschafftall die Urform des altsächsischen Bauernhauses darstellt.
Eine neuenfdedte Baumwollart. Kürzlich ist in Rußland entdeckt worden, daß eine in der Steppe in großen Massen wild wachsende Pflanze, das Rendyr, zu baumwollartigen Geweben verarbeitet werden kann, die an Festigkeit die Baumwolle um das 3weis und Dreifache übertreffen. Die mit Kendyr bedeckte Fläche ift doppelt so groß mie die gesamten mit Baumwolle bebauten Felder. Schon als Gestrüpp ist das Kendyr geeignet, im Jahre so viele Fasern zu liefern, als derzeit in Rußland Baumwolle verarbeitet wird. Der Preis des verarbeiteten Kendyrs stellt sich ebenso hoch wie der der Baumwolle. Amerikaner und Deutsche bemühen sich gegenwärtig um die Erlangung einer Konzession zur Ausbeutung des russischen Rendyrs.