Abendausgabe
Nr. 617+ 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 305
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Vorwärts
Berliner Volksblaff
10 Pfennig
Freitag
31. Dezember 1926
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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Schiedsspruch für die Schuhindustrie.
Fünf Pfennige Lohnzulage ab 20. Dezember.
Die Einigungsverhandlungen, die gestern im Reichsarbeitsminifterium für die Schuhindustrie begannen, 30gen fich bis heute in die Mittagsffunde hinaus. Die Unternehmer hatten zunächst befanntlich nicht nur jede Cohnerhöhung, sondern überhaupt jede Berhandlung über eine Cohnerhöhung abgelehnt. Es war darüber zu Einzelkämpfen gekommen und schließlich zur Androhung der Generalausfperrung, die am 8. Januar beginnen sollte. Das vom Reichsarbeitsministerium eingefehte Schiedsgericht hatte einen Schiedsspruch gefällt, der eine allgemeine Lohnerhöhung von 8 Pi., gültig bis zum 30. Juli, vorfah. Trotzdem hatten die Unternehmer ihren Aussperrungsbeschluß gefaßt. Der Reichsarbeitsminister hat es nicht gewagt, gegen den Willen der Unternehmer den Schiedsfpruch für verbindlich zu erklären.
In den neuen Berhandlungen haben die Unternehmer fich schließlich bereit erklärt, eine Lohnerhöhung von 3 Pf. zu gewähren, aber unter der Boraussetzung, daß die Arbeitergruppen davon ausgenommen würden, die im Afford mehr als den Tariflohn verdienen. In den langwierigen Verhandlungen mußten schließlich die Unternehmer eins zurüdsteden. Der erste Schiedsspruch hatte die dm 1, April einzutretende Erhöhung der Mieten vorreggenommen, der zweite Schiedsfprach, der heute gefällt wurde, läßt die Erhöhung der Mieten infofern außer Betracht, als der Schiedsspruch aur bis 31. März befristet ist. Da man im ersten Schiedsspruch die Belaffung durch die Mietfteigerung auf 2 Pf. pro Stunde angefeht hatte, wurde also ein Abstrich tatsächlich von einem Pfennig
Die Wahrheit über den Mainzer Zwischenfall halbwegs zugegeben.
Daris, 31. Dezember. Die Agentur Havas dementiert in direkt die von ihr verbreitete Nachricht, amei französische Soldaten Jeien in der Nacht zum 25. Dezember von fieben Deutschen angegriffen worden. Sie mill aber nicht bestätigen tönnen, daß
biese beiben Soldaten gestern wegen ihrer Haltung, d. h. wegen
der Händel , die sie mit Deutschen gehabt hätten, verhaftet worden seien.
Sie stellt den Fall in einem aus Mainz datierten Telegramm mie folgt bar: Die beiden Soldaten find sofort nach ihrem Ein treffen in der Raferne um 2 Uhr morgens in Arrest gefeßt worden. Ein Untersuchungsverfahren vor dem Kriegsgericht ist gegen die beiden bisher nicht eingeleitet worden. Daher sind sie auch nicht verhaftet worden. Sie werden nur wege: militärischer Bergehen streng bestraft, und zwar 1. wegen Fehlens beim Mitternachtsappell am 24. Dezember und 2. megen Berlusts einer Dienstmüße und eines Revolvers.
Besprechung zur Verhütung weiterer Zwischenfälle. Amtlich wird gemeldet:
Anläßlich der durch das Urteil des Landauer Kriegsgerichts im besetzten Gebiet entstandenen Beunruhigung ist im Auftrage des Reichsministers für die befeßten Gebiete Dr. Bell der Reichskommissar Freiherr Langwerth v. Simmern mit der Interalliierten Rheinlandtommiffion in Roblenz in Besprechungen darüber eingetreten, in welcher Weise wirksame Maßnahmen zur Verhütung weiterer schwerer 3 wischenfälle getroffen werden fönnen.
Aufstellung der Genatskandidaten.
Millerand fällt beim Nationalen Block durch. Paris , 31. Dezember. ( Eigener Drahtbericht.) Auf Grund einer unter den, verschiedenen Parteien angehörenden, Senatsdelegierten vorgenommenen Abstimmung, bei der neun Randidaten die absolute Mehrheit erreicht haben, hat die Parteileitung des Nationalen Blods beschlossen, bei den Senatswahlen eine ist der sogenannten nationalen Einheit" von neun Mit gliedern aufzustellen und den Wählern freizustellen, einen zehnten Namen nach Gutbünten einzutragen, da zehn Senatoren zu wählen sind.
Millerand, der die absolute Mehrheit nicht erreicht hat, wird auf dieser Liste nicht erscheinen. Man fragt sich in hiesigen politischen Kreisen, was unter diesen Umständen der frühere Prä fident der französischen Republik zu tun gedenkt, und ob er tatfächlich, wie er gestern einem Berichterstatter des Intransigeant" erflärt hat, allein in den Wahlkampf gehen wird.
Mexiko weicht vor Amerika nicht zurück. Die Landgesetze bleiben in Kraft.
Paris , 31. Dezember. ( WTB.) Nach einer Meldung ber Chitago Tribune" aus Merito hat Bräsident Calles die ameritanischen Delintereffenten nochmals davon in Kenntnis gesetzt, daß die neuen megifanischen Delgefeße am Sonnabend in Rraft treten.
New York , 31. Dezember. ( WTB.) Der Verband der amerifanischen Delproduzenten in Megito hielt eine Bersammlung ab, um zu der Ablehnung des meritanischen Präsidenten Calles, das InFrafttreten der Delgefehe hinauszuschieben, Stellung zu nehmen. Die Berfonumlung pertagte fich jeboch, ohne Beschlüffe zu faffen.
gemacht. Die Lohnerhöhung beträgt nach dem heute gefällten Schiedsspruch nur 5 Pf. die Stunde. Die Unternehmer haben durch die Drohung mit der Generalaussperrung einen, wenn auch nur die Drohung mit der Generalausfperrung einen, wenn auch nur fleinen Erfolg gehabt. Der Schiedsspruch ift gültig vom 20. Dezember ab, hat also rückwirkende kraft. Der Beirat des Zentralverbandes der Schuhmacher wird zu dem Schiedsspruch heute Stellung nehmen.
Lohnbewegung in der Metallindustrie.
Bor großen Kämpfen.
Frankfurt a. M., 31. Dezember. ( Mtb.) Die Berwaltungen des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Frankfurt a. M., Offenbach , Darmstadt , Höchst und Hanau haben den jetzt bestehenden Lohn tarif für die Metallindustrie sowie sämtliche Lohn- und Rahmen verträge des Kleingewerbes gefündigt. Somit laufen fämtliche Lohntarife am 31. Januar 1927 ab. Da auch der Fabritarbeiter verband den Lohnvertrag für die chemische Industrie gekündigt hat, befinden sich die beiden stärksten Industriegruppen im Wirtschafts. bezirk Frankfurt a. m im Januar im Lohntampf.
Opladen , 31. Dezember. ( Mtb.) Der Tarifvertrag für die Metallindustrie im unteren Kreise Solingen ist von den Metallarbeiterverbänden zum 31. Januar 1927 gekündigt worden. Der gekündigte Bertrag sah eine Arbeitszeit von wöchentlich 56 Stun. den und für die Betriebe der Schwerindustrie eine solche von 52 Stunden vor.
Es wird angedeutet, daß das weitere Borgehen von den aus Megito eintreffenden Nachrichten abhängig gemacht werden würbe. Möglicherweise würden einige Gesellschaften ihre Rechte nach dem Infrafttreten der Gefeße verfallen laffen, um bann mit Hilfe des amerikanischen Staatsdepartements vorzugehen.
Rückzug aus Nicaragua . Coolidge orduet angeblich den Abzug der amerikanischen Truppen an.
Paris , 31. Dezember.( Ep.) Chicago Tribune" meldet aus Washington , Präsident Coolidge habe gestern dem Staatsdepartement die Beobachtung ftrengsler neutralität in Micaragua anempfohlen. Daraufhin habe das Staatsdepartement geflern
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GROSSER
VEREIN.
STAATEN
VON AMERIKA CATLANT.
OCEAN
MEXICO
OCEAN
ENICARAGUA
SUDAMERIKA
Zu Amerikas Eingriff in Nicaragua . abend die Zurüdz iehung der amerikanischen Marinetruppen aus den befehten Gebieten Nicaraguas angeordnet, mit Aus nahme einiger weniger Punkte, wo schwache Ableilungen zum Schuße des bedeutenden amerikanischen Befihes zurückgelaffen
werden.
Die Militärzenfur aufgehoben.
Latimer hat dem Staatsdepartement mitgeteilt, daß die gesamte New Bort, 31. Dezember. ( BTB.) Der amerikanische Admiral 3ensur über die Radiostationen in der neutralen Zone von Nicaragua aufgehoben worden sei. Der 3wed der Zenjur fei gewesen, die Neutralität in der Zone durch die Berhinderung der Uebermittlung von militärischen Befehlen und Meldungen feitens beider Parteien aufrechtzuerhalten.(!) Das Staatsdepartement hatte schon früher erklärt, daß es feine Kenntnis von der Zensur habe.
Die Memelausweisungen aufgeschoben.
Bis zum Abschluß einer Untersuchung. Memel , 31. Dezember. ( WTB.) Wie aus Kowno zuverlässig berichtet wird, find die Ausweisungen der drei reichsbeutschen Redakteure vorläufig ausgesetzt worden, bis die eingeleitete Untersuchung beendet ist. Man erwartet, daß dies in zehn Tagen der Fall sein wird. Die Rommandanten in Memel und Heydefrug sowie der Gauverneur des Memelgebietes find von der porläufigen Auslegung in Kenntnis gesetzt worden.
Wenn der Silvesterpunsch auf dem Tische dampft, schlägt die große Stunde der Illusionen. Alles, was das austlingende Jahr ihm versagt hat, erwartet das leicht entzündliche Gemüt fast mit Gewißheit von den nächsten zwölf Mona ten. Und so figen sie in dieser Nacht schon zum neuntenmal beisammen, die geschworenen Hasser unserer Repu blit, die Berteidiger der, mit eine zu reden, vermoderten Erbtehrichtsintereffen", die Hohenzollernanbeter und ReDantheprediger, die ehemaligen Generale und alten Korpsstudenten, die Hakenkreuzler und Wehrverbändler, und das Herz schwillt ihnen in der Hoffnung, daß 1927 endlich bringen wird, was nicht Kapp- Butsch, nicht Erzbergers und Rathenaus Meuchtung, nicht Ruhrkrieg und nicht Hindenburg - Wahl zu bringen vermochten: die Wiedererrichtung des früheren Privilegienstaates jenes Preußens, in dem von 12 Oberpräsidenten 10, von 36 Regierungspräsidenten 20 und von 497 Landräten 276 blauen Blutes waren, und jenes Deutschlands , in dem dieses verjunferte Breußen Trumpf blieb. Ja, fie wimmeln noch imer zu Hauf herum, die Ewiggeftrigen und Borvorgestrigen, in deren Kopf es nicht hinein will, daß der Familienverband der Köderiz und Ihenpliz feinen maßgebenden politischen Einfluß mehr ausübt, daß die deutsche. Menschheit nicht mehr in die Herren Offiziere" und Die Kerls" zerfällt und daß gründliche politische und soziale Durchbildung eher zu einem Landratsposten befähigt als die 3ugehörigkeit zum blauen Kreis" des„ hohen Kösener SC".
Und dann die
Wenn der Altohol sie heute auf den Gipfel trägt, von dem sie das monarchistisch- militaristisch- reattionäre Ranaan dicht vor ihren Füßen zu erbliden wähnen, find fie nicht einmal zu hundert Prozent Schwärmer ins Blaue hinein. Daß Das alte Deutschland im neuen Deutschland feine starken Baftionen hat, jeder einzelne Tag auch des abgelaufenen Jahres zeigte es In jeder Verwaltung, auch in den republikanischen Ministerien, siken an entscheidender Stelle die Geheimräte, die sich immer noch als treue Diener ihres ausgerüdten faiserlichen Herrn betrachten. Das Reichsinnen. minifterium hat uns mit dem Schund- und Schmuzgesetze ein Scheufal beschert, wie es dümmer und dumpfer auch das Barlament der Arterienvertaltung, das Breußische Herrenhaus unseligen Andenkens, nicht hätte ausheden tönnen. Brost Külz! Das Reichspostministerium hat, stur und stumpf gegen alle Einwände, der Republik mit der Fridericusmarte ein Angebinde gemacht. Brost Sting!! Justiz mit ihrem Samthandschuh gegen die Butschisten von rechts und ihrer Eisenfaust gegen die Unzufriedenen von links! Seit der letzten Entscheidung des Berliner Landgerichts gibt es ein Neues in der Welt: den Staatsstreichler mit Bensionsberechtigung. Denn wenn wieder einmal ein Ehrhardt an den Iden des Märzen putscht wieder einmal herr Luden dorff früh um sechs am Brandenburger Tor spazieren geht, wieder einmal in der Reichstanalei ein Rapp nach seinem treudeutsch magnarisch britisch völlisch antisemitischen Herrn Schniger alias Trebitich Lincoln ruft, dann werden die Helden lobebaeren wiffen, daß ihnen nicht nur tein Haar getrümmt. sondern von der großmütigen Republik auch die Pension auf Heller und Pfennia nachbezahlt wird. Fröhlich stoßen sie darum am schwarzweißroten Silvefter an: Proft Landgericht, Rammergericht, Reichsgericht! Und erst die Reichswehr , monarchistisch gefärbt in der Wolle, mit allen republikfeindlichen Berbänden unter einer Dede, mit einem Offizierkorps, das seit 1914 nichts gelernt und nichts vergessen hat! Stürmisch läuten Bunschgläser und Setttelche aneinander: Brost Geßler! Ein Profit, ein Profit der demokratischen Gemütlichkeit! Und während nebenan ,, völfische" Thusnelben neckisch Blei gießen, träumt das Mannsvolt von dem Blei, das die Republit ins Herz treffen soll. und da die Uhr zwölf auf schlägt, schnarrt eine Etappenfommandoftimme: Aeh daß es 1927 flappe! Auf den Tag!"
B
Mögen die Illusionisten von links, die Kommunisten, mit ähnlichen Hochgefühlen 1927 als das Jahr begrüßen, das die in Mostau so oft angefagte Weltrevolution von Tibet bis USA . nun wirklich bringt, fo hodt eine andere Spielart von Reitgenossen verdroffen vor ihrem billigen Glühwein. Es find die geborenen Kleinbürger, die von 1927 nichts erwarten, weil 1926 fie, wie alle vorangegangenen Jahre, zahlt und da, die Geschäfte gehen flau, schlecht Wetter ist auch, betrogen hat. Für sie ist es immer dasselbe, was auch tommen mag. Monarchie oder Republik- Steuern werden hier geEntwicklung! Der gerubfame Trott des Emiafichgleichbleibens au Silvester reanet es schon wieder! Was Fortschritt! Was ist das einzig Wirkliche im Wechsel der Jahre. Und nach einem grämlichen Blick in die Neujahrsnacht schläat das seinen Fensterladen zu, friecht brummelnd unters Federbett und mummelt sich in die Schopenhauerfche Ripfelmühenweisheit, daß sich nie der Weltgefchichte Inhalt, fondern nur die Namen, nur die Jahreszahlen ändern. 1927 für 1926? Na, wenn schon!
Gleich weit von jenen Illusionisten wie von diesen Beffi misten stehen mir. 3mar miffen wir nur zu genau, daß es auch in des neuen Jahres ersten Stunden für viele nichts zu lachen gibt. Mit allerhand lufullischen Genüssen wartet wohl diese Nacht auf: ein Silvestereffen in den Hotels Esplanade und Kaiserhof 30, in Bristol und Eden 35, im Adlon 40 M., Wein besonders, aber nicht für jeden Empfänger von Erwerbs losenunterstüßung ist diese Tafel gedeckt, und sogar die in Lohn I und Brot stehenden müssen sich hier zumeist den Mund wifchen.