Hr. SS ♦»».Jahrgang
1. Seilage öes Vorwärts
Donnerstag, 1Z.Ianuarl»27
Im Gegensatz zu anderen Ländern besteht in Deutschland die Konzessionspslicht für die Apotheken, so daß derjenige, der die be- hördlich vorgeschriebene Ausbildung hinter sich hat, wohl die Führung einer schon bestehenden Apotheke übernehmen, aber nicht ohne weiteres eine neue errichten darf. Im gegenseitigen Interesse des Staatswohls wie des Apothekerstandes wird für 10<M bis 11 000 Einwohner eine Vollapotheke gerechnet, so daß es in Deutsch - land rund 6500 Apotheken gibt. Wir werden an der Berliner Entwicklung sehen, daß in früheren Zeiten eine vicl schärfere Konkurrenz sich breitmachte, bis in neuerer Zeit ein Aus- gleich erfolgte. Rechte und Pflichten. Man unterscheidet dreierlei Arten von Apotheken � privilegierte, das heißt solche, die frei oeräußerlich und vererblich sind, auf Real- rechlen-tionzession beruhende, das heißt solche, mit deren Recht der Unveräußerlichkcit und sreien Veräußerung, doch muß der Nach- solger bestätigt werden, und schließlich aus Llersonal-Konzesflon beruhende, die nicht veräußerlich und nicht vererblich sind. Stirbt der Eigentümer, so hat die Witwe das Recht der Verwaltung durch einen approbierten Apotheker bis Lebensende, sind dann noch Waisen unter 21 Iahren vorhanden, so steht diesen das Recht bis zum 21. Jahre zu. In Preußen sind die Apotheken der zweiten Art in der Mehrzahl; in einigen anderen deutschen Ländern findet man diese Form nicht. Dem durch die Gesetzgebung dem Apotheker eingeräumten Vorzug, daß seine Tätigkeit gegen übertriebene Konkurren,; geschützt ist, also unter normalen Verhältnissen eine lohnende sein wird, steht andererseits eine Reihe von Verpflichtungen gegenüber, so z. B. Innehaltung der festgesetzten Preistore, Bereit- Haltung nur einwandfreien Materials, Vorsicht bei der Abgabe giftiger Mittel, peinliche Sauberkeit. Osfenholtung der Apotheke auch an Sonn, und Festtagen sowie nachts, wofür setzt wohl überall Vereinbarungen unter den Apotheken getroffen sind. Unvermutet« Visitationen durch die Medizinalbehörden sorgen für die Befolgung der Vorschriften. Daß die Ausbildung des Apothekers eine tüchtige wisienImmKiMc Grundlage haben muß. ist bekannt: manuelle Ge. schicklichkeit muh ebenfalls vorhanden sein, desgleichen die Gabe. mit dem bunt zusammengewürfelten Publikum angemcsien zu ver- kehren. Ist heutigen Tags nicht allzuvielen Gelegenheit geboten, sich selbständig zu wachen, so bietet andererseits die innige Be- rührung de» Apothekerberufs mit der ychemie und der Nahrung?- wiltelmduflrt« cktie Möglichkeit, in verhältnismäßig jungen Jahren bessere Posten zu erholten. Auch al? Apotheker kann er durch Hebernahme von tsarn-, Blut- usw. Untersuchungen fei» Ein. kommen vergrößern. ftus früheren Jahrhunderten. Man sollt« meinen, daß etwa«, da» so mst dem Wohlbesinden der Menschen zusammenhängt wie die Apotheke. Gegenstand genauer historischer Beobachtung hätte sein sollen, Für Berlin trifft dies nicht zu: Da» erste Dokument stammt«ms 1<S2: es dürfte sich da ober Jucht um die Erteilung eine» Privileges, sondern um die Be- stätigung«Ines früher erteilten handeln. In die durch den Wechsel der Geschäftsrokale, durch Veränderungen im Namen. Wappen- zeichen usw. geförderte Verwirrung der historischen Kenntnis, hat
neuerdings eine die„Geschichte der privilegierten Apotheken Berlins " behandelnde Arbeit Hermann Gelders Aufklärung gebracht- sie be- handelt 27 Privilegien, von denen drei erloschen sind. Aus der ältesten Zeit stammen die von 1482(für Johann Tempelhoss) und die zwei ISSZ und 1556 für Dr. Augustin Steel, Leibarzt Joachims II., verliehenen. Dann folgt ein ganzes Jahrhundert ohne eine Verleihung— man muß aber bedenken, daß diese Zeit den Dreißigjährigen Krieg sah und daß unter Johann Georg von 157l bis 1576 der Alchimist Thurnelsser sein Heim in Berlin auf- geschlagen hatte und den Leuten von Nah und Fern, aus dem Be- simd der Harnproben ihre Krankheft folgernd, für die umer seiner Aufsicht hergestellten Arzneien schweres Geld abnahm. Auch eine HostSchkoßfapotheke bestand und lieferte an dem großen Kreis der mit dem Hof in Berührung stehenden Leute..Fünf Vrlviiegftn wurden von t65S bis IbllS verliehen, dann folgt aber unter dem verschwenderischen Friedrich I. und dem mit Geld für seine Soldaten leicht zu gewinnenden Friedrich Wilhelm l. eine Hochflut von ver- leihungen: fünf in den Jahren 1700 und 1701, eine m 1706 und sechs von 1720 bis 17SS. Nachher folgen nur noch sechs bis 1707. In der ersten Hälfte de» IS. Jahrhunderts bestanden also in Berlin ?1 Apotheken bei einer Einwohnerzahl von 70 000. Die Privi- leglen hatten den älteren Apotheken nicht den zugesagten Schutz ge- wähn: Sankurse waren die Folg«. Eine Komwiision wurde«in- geletzt: man beschloß, die Zahl der Privilegien zu beschränken, aber zur Ausführung kam es nicht. Nur drei erloschen aus inneren Gründen, darunter die älteste Tempclhoffsch«(1740). Ein von Friedrich Wilhelm l. befohlener Bau eines Hause» in der Friedrich- slodt mußte von der Apothekergilde bezahlt werden; die einzelnen Mitglieder steuerten von 45 bis 700 Taler bei. In der Franzosen - zeit kam eine ähnliche Auslage, als es sich um ein« Kriegssteuer von 3575 Talern handelte. Die Beträge gingen von 20 bis 312 Tatern, und es zeigte sich, daß die neugegründeten Apotheken die älteren an Leistungsfähigkeit übertrafen. Di« Belastung war diesmal
2l/i-: Proz. vom Umsatz, der für die Gesamtheit aus 171 500 Taler geschätzt wurde. Jammern über diese Abgabe war groß. Der Bilderreichtum der Sprache älterer Jahrhunderte spricht sich in den Bezeichnungen der Apotheken aus: wir finden— als noch heule geltend— den goldene», weißen, roten, schwarzen Adler, den Schwan, den goldenen Hirsch, den Elefanten, Einhorn, Pelikan, den Engel, die Löwen-Apotheke, Rote Apotheke, Zur Sonne und Zum König Salomo. Aus der Lage erklären sich Namen wie„Unter den Linde »",„An dem Königstor",„Molkenmarkt-Zlpotheke", die ..schweizer Apotheke" hieß auch noch„Zum(gekrönte») schwarzen Adler"; ohne solchen Beinamen war die„Polnische Apotheke". Eine große Zahl der alten Apotheken zeichnete sich derart aus, daß sie zu Ratspersonen und Bürgermeistern ernannt wurden, resp. in die Familien hineinheiratetei:. Wir erwähnen hier Uohairn gehender, den Nachfolger von Tempelhoss, und Michael Aschen- brcnner, der 1588 die eine der an Dr. Steel gegebenen Apotheken erwarb. Er war aus Bernau gebürtig, hatte aus Wunsch der Kur- fürstin Kacharina Thurncisser seine Künste abgucken müssen, war Hosapothekcr geworden und später auch Münzmeister. Die Grabsteine dieser beiden Pioniere der Berliner Apothekenzunft sind in der Rikolaikirche zu sehen. Ans dem 10. Jahrhundert seien nur die Namen Schacht, Soltmann(Strude und S.), Lüden« Rose U, ft. E. Simon genannt, um darauf hinzuweisen, daß auch in dem schärfer gewordenen Daseiuskamps hervorragende Naturen zu einer Volkstümlichkeit kamen. Im ollen Berlin zählt man jetzt 2S7 Apo- theken. Für Groß-Berlin ergibt sich eine Gesamtzahl von 509 Apo- lheken. Die allgemeine Tendenz des Zusainmenschlusses war bei der Eigenart-des Apothekergewerbcs erst recht gegeben: im Berliner Apothekerverein ist schon für 1774 nachzuweisen und zählt heute nahe.zu sämtliche Groß-Berliner Apoihekeiibesitzer zu Mitgliedern. In der Levetzowstraße 16 B befindet sich das 1909 eröffnetc vereins- hatis Deutscher Apolheker. tu dein der„Berliner " und der.. Deutsche " Apothekerverein einträchtig übereinander lxiusen. An Angestellten sind in Groß-Berlin: Approbierte Ik 467, Approbierte 1 109, Kandidaten 79, Alsistenien mit Vorprüfung 50. insgesamt 696 tätig, die im Verband Deutscher Apolheker organisiert sind. Apotheke und Publikum. Nach zwei Richtungen hin ist im Beirieb einer Apotheke durch die neuzsiliichc wirischastliche Entwicklung eine Acndenrng ein- getreten: die Arbeit Hot sich geändert, und die Art der Bezahlung auch Während früher der Apotheker die meisten Rezepte selbst auzführc» mußte, hat die Ausgestaltung der medtzlnlschen„Spezioll- töten" durch die chemischen Fabriken viel von dieser Arbeit über- stüssig gemocht. Man kann sogen, daß nur nach die Hälft« der Tätigkeit sich auf Rezeptur bezieht, während die Fertigware d'« andere Hälft« umfaßt sind hinsichtlich der Bezahlung haben d>« Krankenkassen die große Acnderung gebracht, sie lieiern zwei Drittel der Rezepte, das direkt zahlende Publikum ein Drittel. Die Zjb« rechnung der Kasten mit den Apotheken erfolgt in zehn bis vierzehn Tagen. Die Vit gehörte Behauptung, daß diese oder jene Apotheke .billiger" sei, ist im großen und ganzen nicht stichhaltig: lretcn Preisverschiedenheiten auf, so liegt es an der Berechnung. Das Standesimeresie des Apothekers verlangt die äußerst? Sarrektheit in dieser Hinsicht und läßt Verstöße nicht ungeahndet. Daß das Publikum, das nicht von der Kaste versorgt wird, die Preise für die Apothekerwnre an und für sich zu hoch findet, ist natürlich eine Sache für sich. Hinsichtlich der schon erwähnten Notwendigkeit,
Die Vunöer der Klara van Haag. KIZ von Johannes Vuchholtz. Aus dem Dänischen übersetzt von Erwin Magnus . Frau Klara nahm aus einer Schale eine große Apfelsine und begann sie zu schälen. „Sieh," sagte sie und reichte die Hälfte Hedwig.„Wir wollen einen Vorgeschmack vom Süden nehmen. Iß. Hedwig. Vielen Dank für Augustinus . Alles kann noch gut tverden, wenn ich mich überzeugen kann, daß ich dich irgendwie ge- rettet habe. Prächtige junge Hedwig— wenn man dich auslöschte, würde es dunkel in der Welt. Ich glaube, jetzt darf ich reisen. Du mußt deinem Vater darüber hinweghelfen tonnen, wenn der Ziegelbrand fehlschlägt. Natürlich ist jeder Tag hier eine Demütigung für mich, abe? wenn du nicht gekommen wärst, hätte ich ja bleiben müssen." ..Ja," sagte Hedwig mit Festigkeit,„ich werde ihn schon wieder froh machen. Es ist kein Haß mehr in mir gegen ihn." „Kannst du nicht einen Schritt weiter gehen?" jagte die Gnädige eindringlich. Hedwig sah vor sich hin:„Ich bin gewiß nicht glücklich genug, um selbst gut gegen andere zu sein." Da erwachte ein funkelnder Wiederschein in Frau Klaras Augen: sie nickt« und sagte:„Jetzt hast du gewiß das Recht auf deinerSeite. Aber entschuldige, daß ich zu etwas ganz anderem überspringe— willst du mich nach Kopenhagen begleiten, wenn ich jetzt abreise? Nur auf zwei bis drei Tage. Und dann hierher zurückkehren natürlich?" Das versprach Hedwig mit Freftden. Die Gnädige war wieder närrisch sprunghaft in ihrer Rede. Sie sagte:„Sag mir, welche Zeitungen hieltet ihr. dort, wo du warst?" „Das Vard« Tageblatt." „Sonst keine?" „Zeitungen nicht, aber dann noch das Hochschuiblatt und die Wache, aber ich bekam Bücher aus Kopenhagen geschickt, und—" ..Ausgezeichnet." sagte die Gnädige und fragte nicht weiter.> Als Hedwig gehen wollte, begleitete die Gnädige sie. Sie gingen Arm in Ärm das Hafengleis entlang. Die Luft war so voll von wehmütiger Herrlichkeit. Hedwig atmete bebend. Selbst solch ein Eisenbahnwagen, der dastand und unter einer Persenning schlief, konnte mit seinem trockenen Oel- und
Staubgeruch etwas sagen. Hedwig hatte als Schulmädchen oben auf der federnden Persenning„Schwimmen" gespielt, hatte gehüpft und geschwommen, bis das Blut in ihrem Gesicht stach und brannte. Ein andermal— später— hatte sie— an einem Abend wie diesem— einen kleinen Knaben gerufen, der auch in einem Eisenbahnwagen spielte, und ihn gebeten, einen Brief zu besorgen.-- Ja. selbst der blaue Delt duftete wehmütig— gemahnte an salzige Tränen. Dort unten stand noch die gebrechliche Pfahlbrücke, von der Johan Fors raulchend sortgerudert war. Es zitterte um Hedwigs Mund. Eine kleine Frauenhand ruhte auf ihrem Arm. Slber in einigen Tagen sollte dieselbe Hand zum Abschied ausgestreckt werden. Allein in der Welt. Weder Vater noch Mutter. Denn sie lebten zwar, aber nicht in Hedwigs Welt. Kein Augusti- nus Trillesbäk. Sowohl sein Name, wie alles, was zu ihm gehörte, hatte in den letzten Tagen einen unangenehmen Nachgeschmack bekommen— wie abgestandene Milch. Nein, nicht Augustinus . Nein, jetzt blieb Hedwig allein in der Welt, allein mit Hedwig. Sie preßte sich in Angst und Wehmut an Frau van Haag, die so stumm dahinging. Das Abendlicht über dem Wasser und über den dunklen Steilufern Iütlands hatte die Farbe dunkelroten Nießwurzes. 19. Kapitel. Frau van Haag ging persönlich zu Gören Fuhrmann und bestellte ihren Wagen zum Elf-Uhr-Zugc. Sie und Sören waren ausgezeichnete Freunds geworden— ja, es war wirk- lich etwas anderes als am ersten Tage/ da er für sie fuhr. Die liebe kleine Last, man bekam stets doppelte Bezahlung van ihr: erstens was die Fahrt kostete, und zweitens ein Lächeln und ein paar Worte, die wenigstens anderthalb Kronen das Stück wert waren! Heute versteht Sären nicht recht, was die Gnädige vor hat. Sie ist so merkwürdig schwierig. Sonst pflegt sie ja nur zu sagen: Kommen Sie mit dem Wagen um die und die Zeit und da und da hin. Jetzt fragt sie, ob Sören keinen anderen Wagen als den gewöhnlichen hat. Als den Wiener Wagen? Fährt der nicht weich genug für die Frau Zöllnerin? Ich finde, wir liegen darin direkt zum Einlullen." «Ja, Sören, aber was sollen wir mit vier Plätzen im Wagen, wenn wir nur zwei sind? Haben Sie nicht einen
Wagen, der nur für uns beide und für den Kutscher aus dem Bock Platz hat?" „Nein, meiner Treu, die Frau Zöllnerin soll nicht anders fahren wollen als in dem Wiener Wagen, mit Krone auf der Tür und den Schnörkeln und S. S., Sören Sörensen , darauf, Das bin ich. Ja, mit zwei Plötzen habe ich ja den Jagd- wagen." „Lassen Sie uns den Iagdwagen sehen."> „Dann kommen Sie mit, kleine Frau Haag! Sehen Sie, hier steht er." „Nein, der ist nicht hübsch." „Da sehen Sie? Was hat Sören gesagt! Aber an und für sich ist er übrigens gut genug und wenn der Wiener Wagen zuviel Sitze hat. dann können wir ja den einen abschrauben." .Können Sie das, Sören," sagte die Gnädige mit steigendem Interesse. „Nee. wahrhaftig, das geht nicht," sagte Sören verblüfft, weil er beim Wort genommen wurde. „Das ist ja dumm." „Wenn aber die Frau Zöllnerin bange sind, daß da ein Affe ihr gegenüber sitzen und sie angucken sollte— so können wir wohl einen großen Koffer auf den Vordersitz stellen, der nicht anderswo hingeht." „Sie find ein genialer Mensch» Sören. Wollen Sie dann zum Elf-Uhr-Zug kommen, aber nicht zu früh. Und gleich, wenn Sie kommen, stellen Sie den Koffer hinauf, der auf der Treppe steht!" „Soll geschehen. Die Roten oder die Schwarzen?" „Die Roten — und kommen Sie nicht zu früh, hören Sie." „Soll geschehen. Soll geschehen." Am nächsten Tage ist Hedwig Egholm vom frühen Morgen an im Zollamt. Die letzten Sachen werden«in- gepackt und die Stuben noch einmal durchstreift. Was per- gessen wird, ist für immer verloren. „Aber da hängen ja meine Hyazinthen! Hilf mir, Hedwig. Wir müssen sie abnehmen. Hier ist der Schlüssel zum großen Koffer." „Da geht es nicht hinein. Der Rahmen ist zu schwer. Es ist unmöglich." „Dann nehmen wir es lose mit im Wagen. Es ist von mir selbst. Hedwig, und es stammt von der Zeit vor dem Sündenfall, es soll nicht entehrt werden. Ach, Hedwig, willst du es annehmen. Darf es an deiner Wand hängen? Du kannst es einstellen, wenn wir an deinem Heim vorbeifahren." (Fortsetzung folgt.)