1. Seilage öes vorwärts
Irektag, lS.5ebroarlH27
Zur Verminderung des Arbeitslosenheeres. Die Stadtverordnetenversammlung für die höchstens 48 stündige Arbeitswoche.
In d«? Berliner StadtverordNetenversammlong wurde gestern einstimmig ein Beschluß gefaßt, der zur Verhütung weiterer Zunahme de? Arbeitslosenzahl die Beschränkung der Arbeitszeit städtischer Betrieb« und Gesell- schaften auf höchstens 4S Stunden pro Woche fordert. Wo schon eine kürzere Arbeitszeit besteht, muß fle selbstverständlich erhalten bleiben. Den Beschluß empfahl der Ausschuß, dem«tu kommunistischer Antrag auf Einhaltung de?«Sstündigen Arbeit » wache überwiesen worden war. Für die Mündige Arbeitswoche stimmte» gestern auch die tkommuntsten. nachdem fle mit der Forderung einer Mündigen Arbeltswoch« nicht durchgedrungen waren. In der Debatte erinnert« unser Genosse llrich die Kommunisten daran, daß früher fle selber den Settritt«erlin» zum Arbeitgeberverband der Städte gewünscht haben, der dann zu Bindungen bezüglich der Arbeitszeit geführt hat. Scharf sprach fich unser Bedner gegen den Heber st unden- skandol au», der in städtischen Betrieben«inen unerhörten Um- sang erlangt hat. Tenofl« llrich betonte die alle Forderung, daß die Betrieb« der Stadt verUn in Lohn- und ArbeitsoerhSltuissen vorbildlich sein sollen. Auch der Beschluß verlangt möglichste Der- mcidung von lled erstunden. « In de? gestrigen Sitzvng der vtadtoeroedneteu wurde zunächst der vom Magistrat vorgelegten llebersicht über die der Haushalts. »ufstellung lSZÜ zugrunde gelegten Schtüffel. and Cil,!>eit!-sShe für die Verteilung der Mittel zugestimmt. Di» Versammlung ersucht« dabei u. a. den Magistrat, dem houshaltsousschuß Vorschläg« für ein« stärker» Berückiichtigung d«r proletarischen Bezirke bei der Derteilunz der Haushaltmittel zu unterbreiten. Au» Anlaß der 100. Wiederkehr von Beethovens Todestag hat der Magistrot beschlollen,«in« Beethoven- Feier, bestehend au» Opernvorstellungen in den Opernhäusern und Konzerten in der Philharmonie und im Eaalbau Friedrichshain , abzuhalten. Ferner ist die Errichtung»iner Etiprndiumssttstung an ausübend« Muflker befchloflch, wachen. Die Lersammlung schloß sich«instimmig der Vorlage de» Magistrat» an.— Die Kommunisten hatten vor einiger Zeit einen Antrag eingebracht, nach dem in den städtischen Be- triebe« die«S-Stunden-Woche»ingehalten werden soll. ,'m so ein« weitere Steigerung der Erwechslosenzifser zu verhindern. Der vorbereitend« Ausschuß empfahl der Lersammlung. folgenden Beschluß gutzuheißen: Der Magistrat wird ersucht, in den städtischen Betrieben und Gesellschaften dahin zu wirken, daß überall hie achtuniwierzigflündige Arbeitswoche eingeführt wird. Sollten Tarifverträge eine längere Arbettszeir vorsehen, so ist bei ihrem Neuabschluß daraus hinzuwirken, daß die genannte Empfehlung eingehalten wird. Wo eine kürzere Arbeits- zeit besteht, soll sie bestehen bleiben. Neberstunden sollen nur in dringenden Fällen zugelaflen und dann durch Freizeit(Abbummeln) ausgeglichen werden. Die dadurch erforderlichen Neueinstellungen sind vorzunehmen. Stadtv. Gnadt(Komm.) trat nochmals für die Annahme des kommunistischen Antrag» ein. Di« Stellung der s o- zialdemokratischen Fraktion legte Genosse llrich dar. Bei der Prüfung des kommunistischen Antrags ergab sich, daß der An- trog fo, wie er gestellt wurde, nicht annehmbar war. I m A u»- schuh haben die Kommunisten da» auch eingesehen. E« mußte zunächst sestgestellt werden. Inwieweit der Antrag nichr mit de« bestehenden Tarifverträgen kollidiert. Di« Gewerk- lchaftevertreter, die gehört wurden, erklärten, daß wohl eine An- zahl Torifperträg« gekündigr seien zu dem Zweck, die«rbellszeikbe. siimmungen in verbessern, daß aber darüber hinaus.selbstverständlich ganz generell die Arbeitszeit verkürzt werden müfle. wir Sozialdemokrale« haben lm Ausschuß den Siandpunkl vertreten. daß die städtischen Arbeiter nicht länger arbeiten sollte« als die slädlischrn Beamten. Durch den Eintritt der Stadt Berlin in den Arbeftgeberverbond der deutschen Gemeinden, der seiner, eft von den Kommunisten stark befürwortet wurde, ist die Situaiton insofern verschlech. icrt worden, al» nn« auch der Mustertarif de, Arheitgeberoerban.
! de,»itgenomme« werden müßt«, der die Mündige vrbeftswache 1 vorfleht. So sind uns jetzt bis zu«nem gewissen Grade die Hände > gebunden. Eenofle llrich verbreitete sich dann über die Ueber- I stundenleistungen In den städtischen Betrieben. Auf unseren Wunsch hin ist der Passus in den Ausschußbeschluß ausgenommen worden. nach dem die Gewerkschaften wegen der Aenderung der Tarife bei den Direktionen vorstellig werden sollen. Die Etadtverordnetenver- sommlung braucht dem Vorgehen der Oraanisatlonen nicht vorzu- greisen, dle verbände find stark gcnvg. für sich selbst sorgen z» können und st? werden da, auch tun. Gerade die Arbeiterparteien im Rathause sollten mit den Gewertfchasten konform geben. Wie stet», so verlangen wir auch jetzt wieder, daß dl« Arbeftzbeoingungen sür die städtischen Arbeiter mustergültig sein müssen; wir verlangen aber auch, daß stch dle Arbeiter nicht nur auf die städtischen Körper« schaften verlassen, sondern daß sie als Arbeiter wissen, wo ste hin- gehören, llrich trat für die Annahme de« Ausschußbeschlusses ein.(Bravo ! bei den Soz.) Stadtv. Trefsert(Z.) betonte, daß fetne Fraktion den kommu nistischen Antrag nicht annehmen könne, vielmehr dem Antrag» de« Ausschusses zustimmen werde. Sollte dieser angenommen werden, so bedeute das schon ein« wesentltch« Verbesserung de» destehenden Zustande». Auch Trefsert trat für llrich» Empfehlung«In, daß für den Fall, daß ssch die städtischen Werksdirektionen und Gesellschaften weigern sollten, den Beschlüssen«ms Jnnehaltung der 48- Stunden- Woche nachzukommen, diese verklagt werden sollten. Mne Handhabe dazu bieten die die bezüglichen Verordnungen de» Reichsarbetts- und de» Justizministers. — Ein Antrag auf Schluß der Aussprache wurde angenommen- Die Abstimmung ergab unter Ablehnung der kom munistischen Anträge die einstimmige Annahme der eingangs er- wähnten Aueschubbeschlülst. Die Abstimmung über die Anträge wegen der Revisto» der Der- träge mit der H a f en g ese l lf chaf k ergab die Zuruckoerweisung her Angelegenheit an den vorberatenden Ausschuß.. Zu der Frage der anderweitigen, besseren Unterbringung der Schnitter, die alljährlich nach Berlin kommen, wurde nach der Be- richtersiatwng durch den Genossen Adolf Hossmann beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, sür«ine besser«, hygienisch einwondsrei« Unter. bnngung der Schnittersomilien zu sorgen. Im übrigen soll der Ma- gistrat dafür sorgen, daß die preußische Regierung di« Landkreis« und Provinzen anweist. Unlsrkunftsmögtichkeiten sür dt« Schnitter zu schaffen. Bürgermeister Scholtz sprach den Stadtverordneten den Dank de» Mogistrat» dafür mr». daß diese Angelegenheit endlich ein» mal zur Sprache gebracht wird. Jahrelang bemuhe stch der Magi- strat wegen de» Ausenhalt» der arbeitslosen Schnittersamllien bei den Staatsbehörden, ab«? kein« wollte zuständig sein. D>« Frage müsse schon deshalb endlich einmal entschieden werden,«eil nicht so sehr die finanzielle als die N�fundheltlich« Seite zu be- rücksschstgen sei. Genossin Todenhagen: von den Staatsbehörden werden mit den Schnitterfamilien der Stadt Berlin Lasten auferlegt, sür di« die Stadt Berlin nicht zuständig ist. Unter allen Umständen müsien die Landwirte, die di« Nutznießer der Arbeitsirast der Schnitter sind, sür eine ordnungsgemäß« Unterbringung der Schnitter im Winter sorgen. Wenn es aber um die Landarbeiter geht, find die Deutschnationalen schwerhörig. — Schließlich wurde noch ein Ergänzungsantrag der Kommunisten dahingehend ange- nommen. daß den Schmtterkindern Gelegenheit geboten werden soll, daß sie auch im Winter eine Schule besuchen können.— Be- reit» im November v. I. hatten die Zentrumsleute in einem An. trae gefordert, die zur Entlastung der Leipziger Straße und zur Erhöhung der Berkehrsstcherheit geplante Verbindnugsstrahe durch die ZMnlstergärken (von der Französischen Straß« her) doch nun bald zu bauen. Der Magistrat soll ersucht werden, die Berhandlungm mit den Mini- sterien zu beschleunigen und umgehend Baupläne vorzulegen. In dem zur Beratung der Frage der künftigen Entwicklung der Ber liner City eingesetzten Ausschuß ist beschlossen morden, die Straß« nicht al» Verlängerung der Französischen, sondern der Iägerstraß« zu bauen. Nach der Berichterstattung durch den Stadtv. Birk(Z.) sprach sich Stadtv. Schwarz(DBp.) gegen da, Projekt aus. Seiner. zeit hat die Stadt Protest gegen den Ankauf de, Hotel» Kaiserhof durch die Reichsministerien eingelegt, well dadurch durch Behörden
in die Kompetenzen der Privatwirtschaft eingegriffen worden wäre. Ebenso sollte, stch im vorliegenden Falle auch die Stadt jeden Ein- griffs in die Rechte der Ministerien und ihres Besitzes enthalten. Ebenso erklärte sich Linke(Dnatl.) gegen die Durchleguno. Stadt« baurot Dr. Adler trat namens des Magistrat, für die Ausführung des Projekt» ein. Di« Versammlung vertagte dann die weitere Aussprache auf die nächste Sitzung. Explosion im Laboratorium. Der Ehaniker lebensgefährlich verletzt. Ein schweres Explofionsunglück ereignet« stch gestern nachmittaß in dem chemischen Laboratorium des Dr. Grünberg in der Schmidstraße ft». Der Inhaber wurde lebensgejährlich oerletzt und von der Feuerwehr aus dem brennenden Raum ge- borgen. Dr. Grünberg hat im Haufe Schmidstraße ve mehrer« Keller gemietet, di« er ausbauen ließ und in ein Laboratorium umwandelte. Gestern nachmittag war Dr. G. mit der Herstellung von Klebe- stoffen beschäftigt, wozu er alt« unbrauchbar« Filmstreifen ver- wandte. Aus noch nicht einwandfrei geklärter Ursache, vermutlich aber durch Unvorsichtigkeit, geriet«in Filmstreifen in Brand. Im selben Augenblick explodierte der ganz« Lorrat. Eine groß« Stichflamme schoß hervor und erfaßt« G.. der sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Am ganzen Körper brennend sank der Unglückliche bewußrio« z» Boden. Durch seine Hiiferufe waren Hausbewohner aufmerksam geworden, die die Feuer- wehr alarmierten. 0), der in der Nähe des Ausganges zusammen- gebrochen war. konnte noch lebend in» Frei« geholt werden. In hossnungslosem Zustande wurde er in das Bethanien-Krantenhous übergeführt. Da» Jeuer, das an leichtbrennbaren Gegenständen rnid Chemikalien reich« Nahrung fand, breitete sich sehr schnell au,. Mit großer Mühe konnte di« Feuerwehr ein Weiiergreisen verhindern. Starke Rauchentwicklung und stickige Base erschwerten zudem die Löscharbeit.__ y Monate Gefängnis für Dr. Schott. Das Urteil im zweiten Attendiebstahlsprvzetz. Lei der Urteilsbegründung im zweiten Moabiter Attendietistahlsprozeß hob Landgerichtsdirektor Fietitz hervor, daß diesmal der Sachverhalt in verschiedenen Punkten anders liege, als in dem Falle des Rechtsanwalts Dr. Ludwig Meyer. Es mußte daher auch rechtlich eine o>cher« Bewertung der Strafyaudlungen er- joigen. Der Hauptangeklagt», Justizmspcktor Gustav P a h l k e. wurde wiederum b«e erschwerten Amt« verbrechen» und der Be> stechung sthutdig befunden und von neuem zu 1 Jahr ti M o- naten Zuchthaus sowie löv Mark Geldstrafe oder weiteren 12 Tagen Zuchthm»«rnd 8 Iahren Ehrvertust verurteilt. Der An- geklagt« Rossel wurde diesmal nur- schul diz befunden der Beihilf« zur Bestechung, dasielb» wurde bei dem Angeklagten Dr. Schott angenommen. Rossel und Dr. Schott wurden z u jevMonaten Gefängnis verurteilt. Der Kaufmann Litt- Hauer eichieit wegen Bestechung 4 Monate Gefängnis. Schott und Litthauer wurden je 2 Monat« auf die Untersuchungshaft angerechnet. Die gezahlten Bestechungsgelder in Höhe von JWO M. wurden dem Staat verfallen erklärt. Gegen Pohlk« kommen noch drei«eitere Anklagen wegen Vmtsverbrechen» und Bestechung, bei denen öer Sachverhalt genau so liegt, wie in den bisher abgeurteilten Fällen, zur Ler- Handlung. Hustizobersekretär Rossel ist nur an zwei von diesen Anklagen beteiligt. Gegen Pahlkc schwebt außerdem noch ein um- fangreiches Strafverfahren' wrgen schwerer Amtsuntersidiagung>n � 15 Fällen m Verbindung mit Aktenbeseitigung. Der nächste Akten- diel'ftahlsprozeß gelangt am kommenden Mönlag vor demselben Schöffengericht, das bisher über die beiden Iustizbeamten abzu- urteilen hatte, zur Verhandlung. Achtung. Leamle! Die von der' Lezirksarbeiisgemeinschaft soz. Beamten und Lehrer sür Freitag, den IS. Februar, nach dem Jugendheim Lmdenstr. 3 einberufen« Sitzung mit dem Vortrag des Genossen Siering muß auf Freitag, den 2 5. Februar, abend» 7(4 Uhr, verschoben werden. Die Sitzung findet nicht im Jugendheim, sondern in den Kamin« rfälen. Teltower Straße 1 (Ecke Belle-AUiance-Srraße), Cäciltensaal, statt, weil nach den bis- hengen Mitteilungen mit einem so starten Besuch der Veranstaltung zu rechnen ist, daß dos Jugendheim hierzu nicht ausreichen dürfte.
Gerichtstag.
von Jteb Börevce. C«»yri(bt 19» tv Put Zwluy, Wie«' Paul hatte sie auch gepackt und kühte sie auf den Hals. G(« wollt« aufstehen, aber wir widersetzten uns. „Nein, Mama, du bist unsere Gefangene." Nun muhte sie sich fügen und sie tat«s gern. Dann sprang sie auf und rief mit Kommandostimme:„Hetzt aber rasch ihr kleines Gesindell" Paul wurde wieder in feine« Dagen gesetzt, der Weg ging steil bergab. ,T)a könne« wir«rnnögNch gehen." „Versuchen wir'»," antwortete ich. Sie schritt hinter mir, sehr anmutig w ihrem blauen Mpakaklefd. ein mit Nosen geschmücktes Hütchen stand ihr reizend Wir gingen den steilen, abschüssigen Weg hinunter und ich wendet« jeden Lugenblick meinen Kopf zurück. Halb lachend, halb ärgerlich rief sie mir zu:„Hacques, wir kommen hier nicht weiter, kehren wir um." Ich antwortete tm selben Ton:„Unmöglich zurückzugehen. nur weiter." Die laue, reitte Luft, die Sonne, die die Bäum« mit ihrem Licht überschwemmt«, der Sang der Vögel, das Rauschen der Blätter, das Murmeln eines Lächleins, das von einem Felsen herabsickert«, das Summen einer Diene, alle die zauberhaften Töne lockten uns immer weiter. Wir waren berauscht von der Luft, den Düften, den blauen, flimmernden Lichtern und wir gaben dieser Trunkenheit unbewußt nach. Plötzlich, bei einer Wegbiegung, öffnet sich der Wald und der See erscheint, glitzernd und blau. „Mama, komm' schnell, schau' her." Sie ging rasche? und betrachtete schweigend die wwer° gleichliche schone Landschaft. Die Sonne neigt« sich schon zu den Kämmen des Iura, als wir zum Bahnhof kamen, wo Leute warteten. „Vielleicht geht jetzt ein Zug nach Genf ", meinte Mama. Ich erkundigt« mich und wirklich gab es zehn Minuten später«inen Zug. „Was kostet eine Karte?" „Fünfzig Centimes." „Ich habe im ganzen noch zwei Franken," meint« sie ernst.„Paul zahlt wohl nicht, aber« ist ein Aufschlag für de» Wagen zu entrichten. Ach was," fuhr st« sorglos fort.
j„ich habe ja noch für morgen Makkaroni. Butter und Käse zum Mittagesien und übermorgen bekomme ich wieder etwas Geld... kommt." Tinig« Minuten später saßen wir im Zug. „Welch' herrlichen Spaziergang wir gemacht haben," sagte meine Mutter strahlend,„ich hätte nie gedacht, daß mein« alten Bein«..." Sie konnte nicht ausreden:„Mama, dn bist fo jung und so schön geworden!" Sie lächelte Paul zu, der auch ganz selig war. Wir legten die kurze Fahrt schweigend zurück, unserer Freude ganz hin- gegeben und blickten zur Sonne hinaus, die die Fluten des Sees purpurn färbt«. Da» Ende des Traumes. Nun waren wir schon zwei Jahre in Genf , als gegen Ende des Winter, 191. meine Mutter«rkankte. Sie muhte mehr als zwei Wochen lang dos Bett hüten. Die Patin besuchte sie und bot ihr an, sich um das Hauswesen zu kümmern. Die Mutter wollt« es nicht annehmen, so sorgte die Frau wenig- stens für Paul und Alice. Während der ganzen Krankheit meiner Mutter blieb der Kleine bei der Patin; das Dienst- mädchen holte Paul de» Morgens ab und ich führte ihn, wenn die Schule aus war, nach Haufe, denn meine Mutter hatte nicht zugeben wollen, daß ich durch ihr« Krankheit die Schule versäume. Frühmorgens stellte ick alles Nätlge auf «in Tischchen an ihr Bett und ging dann schweren Herzens fort. Sie wollte keinen Arzt und ich wagte e» nicht, gegen ihren Willen Kl handeln, um sie nicht aufzuregen. Nach zwei Wochen stand sie auf. aber sie war sehr schwach und tonnte noch nicht ihre Stunden außer Haus geben; ste schickte mich ' mit einem Brief zu ihren Schülern und bot fle, während der nächsten Zeit zu ihr zu kommen. Di« meisten waren sehr liebenswürdig und erklärten sich«inverstanden, nur zwei Damen antworteten, daß sie keine Zeit hätten und die Stunden unterbrechen müßten. Dle Mutter, die jetzt gerade kräfig« Nahrung gebraucht hätte, verlor so einen Teil ihrer Ein- nahmen. Ein unüberwindliches Schamgefühl hielt mich ob. die Patin um Geld anzusprechen. So schickt« mich die Mutter mit dem blauen Alpakakleid in» Versatzamt. Eine dick« Frau gab mir mit argwöhnischem Blick sechs Franken, von denen wir bis zum Monatsend« lebten. An jenem Abend sagte di« Mutter mit eintöniger, müder Stimme:„Das oerzeihe ich deinem Vater nicht, so lange ich lebe." Zum erstenmal sprach sie das aus, was wir uns beide dachten. Ich gab keine Antwort und ging schlafe».
Als ich im Bette lag, das ich mit dem kleinen Paul teilt«. kamen mir ihre Worte wieder in den Sinn. Ich sah mit einem Male unsere Lage klar vor mtr. Seit fünf Jahren war«r fort. Zuerst halte er von Zeit zu Zeit Nachricht von sich gegeben: er schwor seiner Frau, daß er eifrig arbeitete, er hätte«Ine„prachtvolle Anstellung", die ihm bald erlauben würde, uns nachkommen zu lassen; bald würden wir wieder „weißes Brot" essen. Dann kam wohl«in kleiner Geldbetrag und meine Mutter schöpfte neuen Mut. Monate vergingen, wir blieben ohne Nachricht, dann war eine kurze Karte aus Poris gekommen:„Nur Mut, ich arbeite." Einig« Zeit nach» her war ein verzweifelter Brief mit dem Poststempel Marseille gekommen:„Mächtige Feinde"— eine Verschwörung zu seinem Verderben angezettelt— hatten ihn um seine„prachtvoll« Anstellung" gebracht. Auf all das zuckte meine Mutter die Achseln und meinte verachtend:„So ein ödes Geschwätz!" Nun hatten wir seit Jahren nichts mehr von ihm gehört. Ich stellte mir gerade die Frage, was er wohl jetzt tun möge. als Paul, der fest schlief, sein dickes Händchen auf meine Brust legte. Bei dieser Berührung, die süßer war. als der zärtlichste Kuß, kam ein Gefühl von Auflehnung über mich und einer unendlichen Liebe. Seit zwei Iahren besuchte ich das Gymnasium, da» Lernen machte mir viel Freude, ich war ein sehr guter Schüler. Meine Patin hatte durchgesetzt, daß ich vom Schulgeld befreit war und die Bücher umsonst erhielt. Ich wollte Ingenieur werden, ich sann phantastische Pläne aus, die mich berühmt und ungeheuer reich machen sollten. Eine Riesenbrücke würde ich bauen, um Calais mit Dover zu verbinden. Dadurch würde der Weg nur ein paar Minuten dauern und die ganzen Schwierigkeiten des Ein- und Ausschiffens wegfallen. Saß ich zum erstenmal im Reichtum, dann wollte ich mich an den zweiten Plan wagen, der so abenteuerlich war, daß mich mein« Kameraden auslachten, als ich eines Tages ein Herz faßt« und ihnen alles auseinandersetzte. Ein Tunnel, der in drei Stunden Petrograd mit Stock- Holm verbinden sollte. Schon bei dem bloßen Gedanken stieg mir das Blut zu Kopf und hämmerte in meinen Schläfen. Die Schwierigkeiten, die es da zu überwinden gab, berauschten mich, da» Ringen zwischen Natur und Wisienschaft erschien mir tausendmal wunderbarer, al» all« Abenteuer, die ich je gelesen hatte. Vielleicht würde ich so wie Lesieps vor der Vollendung meines Werkes unter- liegen, aber mein« longjährigen Kämpf« und Mühseligkeiten waren belohnt: Der Panamakanal war vollendet, der Tote triumphierte als Sieger. (Fortsetzung folgte