mehreren Toten werden auf diese Weife verbreitet. Wie weit diese geheime Presse Spitzelarbeit ist, kann man im Lande nicht beurteilen. Leuten, die unter Zensur stehen, sind die Nummern nicht zugegangen. lieber die Auswirkung der neuen Polizeigefetze darf die Presse nichts bringen. Trotzdem weiß in Rom jeder, daß der maximalistische Abgeordnete N o b i l i aus seinem Verschickungsort Favignana zurückgekommen ist, weil seine durch faschistische Mißhandlungen— Versengen mit einer brennenden Zigarette— verletzten Augen zu ernsten Vefürchtungkn für die Sehkraft Anlaß geben. Unter Polizei- aufsicht sind gestellt worden: Der General Bencivenga , einer der Abgeordneten des Aventin, der wegen feiner riesigen 5zörpcrkraft mit Recht von den Faschisten gefürchtet war, der Journalist E m a n u e l, früherer Korrespondent des„Corriere della Sera " aus Rom und der Kunstkritiker M e o n i, stellvertretender Großmeister des Freimaurerordens. Diese Leute, die nun rechtlich neben Zuhältern, Falschspielern, Kokain- Verkäufern und Gewohnheitsverbrechern stehen, müssen abends um 7 oder um 8 Uhr in ihre Wohnung zurückgekehrt sein, können kein öffentliches Lokal besuchen usw. Man rechnet darauf, daß Emanuel in dieser Weise sich seine Besuche bei dem deutschen und dem englischen Botschafter abgewöhnt, und daß Meoni die Theaterkritiken aus den anderen Zeiwngen abschreibt. Irgendwelche Rückschläge des Schrittes der Führer der Konföderation der Arbeit find nicht an die Ober- fläche getreten. Nachdem Rossoni erklärt hat, jeder faschistische Analphabet hätte mehr Bildung als die Gewerkschaftsführer. man brauche ihre Bildungsstelle gar nicht, kriecht das ekle Gewürm der Berleumdung herum. Man spricht von Be- stechungsgeldern mit recht vielnulligen Zahlen, und vergißt vollkommen, daß die Männer, die die Erklärung vom Stapel gelassen haben, in zwanzig- und dreißigjährigem Parteileben bewährt wären und moralisch immer so hoch gestanden haben, daß derartige Anwürfe aus eigenem Lager nicht gewagt lverden sollten. Man berichtet hier von einem Worte des Genossen Treves, der gesagt haben soll, daß die, die in Italien bleiben, mit Notwendigkeit entweder ihre Seele oder ihren Leib verlieren müssen. Das Wort ist zu schwarzseherisch: es ist das Pendant zu der beliebten faschistischen Drohung:„Wir werden euch schon durch Hunger kirre machen." Merk- würdigerweise macht sich eine gewisse Entfremdung zwischen den Ausgewanderten und denen geltend, vor denen die Grenz falle in Italien zugeklappt ist. Man berichtet uns, daß drüben über Tendenzen und Reformismus und Revolution diskutiert werde, als hätte man nichts gelernt und nichts vergessen. Bon Italien aus solle laut und ein- dringlich das:„Seid einig, einig, einig!" des sterbenden Stauf- facher über die Grenze dringen. Haltet euch die Lumpen fern, die hier im faschistischen Solde standen, die Rossi, Fasciolo, Cicotti, Bazzi und Konsorten, aber tutdemFaschismus keine Botengänge, indem ihr euch um theoretische Fragen balgt. Die harte und ungerechte Beurteilung des Schrittes der Gewerkschaftsführer durch die Ausgewanderten bezeugt eine Verkennung der Verhältnisse: wir halten den Schritt für einen schweren Mißgriff, aber wir dürfen es als Selbstbesudlung empfinden, wenn wir ihm moralisch un- würdige Motive unterschöben. „Ouce' und König. Ein Brief Giolittis an Victor Emanucl. Aon der französisch. italienischen Grenze wird uns berichtete In römischen politischen Kreisen ist der immer offener werdende Zwiespalt zwischen dem„Duce" und dem König Tagesgespräch. Victor Emanuel fühlt jeden Tag mehr den Boden unter den Fähen abbröckeln, Mussolini dagegen beginnt, alle der Krone vorbehaltenen Vorrechte, wie die Verurteilung zur Ler- bannung, das Amnestierecht usw., an sich zu reißen. Der frühere Innenminister Federzoni, der im Kabinett gewissermaßen die
Krone vertrat, ist als Kolonialminister kaltgestellt, zählt gleich Null und verrät es auch aller Welt, daß er gleich Null zählt. Je- manden,, der ihn bot, sich für irgendeinen armen Teufel von Ver- bannten zu verwenden, antwortete er:„Ist er Askari? Ist er Lybier? Ist er ein Lybier oder Askari, dann kann ich als Kolonialministcr etwas für ihn tun, sonst nicht das geringste!" Der Herzog von A o st a, der unter den Prinzen des Hauses Caooyen den Rekord der Unintelligenz hält, hat im Widerspruch mit dem, was vor einigen Monaten verlautete, feine frondierende Hastung gegen seinen Vetter, den König, verschärst und wissen lasten, er werde im Augenblick des Zusammenstoßes wieder, wie bei dem Marsch auf Rom , auf feiten Mussolinis stehen. Viele Generäle und höhere Offiziere, der Ergebenheit für den Monarchen verdächtig, wurden fristlos, viele am Vorabend ihrer Beförderung verabschiedet. Das Kriegsministerium ist voll muffo- linifchen Spionen: selbst der Generalstabschef, General B a d o g l i o, ist von ihnen eng umgeben. Die Armee ist geteilt: die unteren Offiziere sind großen- teils Gegner Mussolinis. Sie fühlen sich durch die Crniedri- gungen gekränkt, die sie gegenüber den Miliz ossizieren erfahren. Die letzte war die Vorschrift, dem„Gagliardetto" der Faschi und den Abzeichen der Legionen dieselben Ehren wie der Nationalflagge zu erweisen. Mit verbissenem Zorn sehen sie auf die mst hohen Ge- hältern und Ehren gespickten jungen Leute, die in der regulären Armee nicht einmal den Rang eines Hauptmannes erreicht hatten und sich jetzt„Generäle der Miliz" titulieren. Die aus ihre Lauf- bahn bedachten höheren Offiziere hatten es zum Teil mit dem Herzog von A o st a, zum Teil mit B a d o g l i o. Diese letzteren würden sich allen Ernstes den großen Plänen Mussolinis wider- setzen. Ernsthaft erhält sich das Gerücht, daß im Heere eine Geheimorganisation, das„Kreuz von Saooyen", besteht, zu dem Zweck, die der Monarchie ergebenen Offiziere zu sammeln, um im entscheidenden Augenbllck die Monarchie zu verteidigen. Inzwischen faschisiert sich die Miliz immer mehr. Die nach dem Matteotti -Mord zu Konsuln und Generälen ernannten Obersten und Generäle der regulären Armee sind heimlich entlasten und durch die Führer des Squadrismus(faschistische Rollkommandos. Red.) ersetzt worden. Während die Armee desorganisiert ist, haben die Kasernen der Miliz einen ständigen Waffenzustrom. Unter den Faschisten spricht man immer noch ganz offen vom Imperator Mussolini. Der„Duce" schweigt dazu: er läßt sie reden und schwächt dabei täglich mehr die Grundlogen, aus denen der König seinen wackelnden Thron erhält. Man hat den Ein- druck, daß Mussolini , wenn er nur noch ein wenig Geduld auf- zubringen vermag, keine ernstlichen Hinderniste mehr bei der Er- süllung seines Cäsarentraumes finden wird. In Verbindung damit erscheint es angebracht, ein in gewissen römischen Kreisen umgehendes Gerücht zu erwähnen, wonach der frühere Ministerpräsident G i o l i t t i in Verfolg der terroristischen Mahnahmen des verslostencn Novembers einen Brief an den König gesandt hat. Nach den uns zugegangenen Indiskrettonen handelt es sich um einen schwungvollen Brief eines Mannes, der fühlt, daß er die letzten Worte seines politischen Daseins aus- spricht. G i o l i t t i ermahnt darin den König, sich nicht die äußersten Möglichkeiten für den Weiterbestand der Monarchie aus den Händen schlüpfen zu lasten, und erklärt, wenn der König sich nicht mehr auf der Höhe der Situation fühle, sei es empfehlenswert und würdig, abzudanken. Dieses„politische T e st a m e n t" des SSjährigen italienischen Staatsmannes wird in allen Kreisen eifrig besprochen.
Ver verbotene Reichstaasfilm. „Eine Versammlung zappelnder Personen?" Das Reichsinnenministerium hat bekanntlich vor kurzem einen Filmstreifen der„Deulig" verboten, der die letzten st ü r m i s ch e n Reichstagssitzungen im Film festhielt. Auf Anfrage teist das Reichsinnenministerium nunmehr mit, daß dieses Verbot von der Filmprüfstelle Berlin ausgegangen ist. Dies« hat geltend ge. macht, daß der Film technisch sehr schlecht sei und daß er außerdem eine Verhöhnung des Reichstags bewirken könne. In
der Begründung des Verbotes wird der Eindruck des Films mit den Worten geschildert:„Die abrupte Darstellung gibt das Bild einer Versammlung von zappelnden und wild gestikn- lierendenPdrsonen." Die Filmoberprüsstelle hat sich dem Standpunkt der Filmprüfftelle Berlin angeschlossen. Das Berbot und seine Begründung sind geeignet, der Welt ein falsches Bild des Reichstags zu geben, der in Wirklichkeit— besonders seit sich auch die Kommunisten in L ä b e s Schule zu parlamentarischen Musterknaben verwandest haben— das gesittetste Par- lament der Well ist.„Zappeln" tut dort niemand als der mit Händen und Füßen redende Herr H e r g t.
die yugenberger lernen um. Kreuzer„Hamburg " i« Athen . Der Kreuzer„Hamburg " hat Athen , die Hauptstadt der griechischen Republik, besucht. Und Hugenbergs„Lokal-Anzeiger" nimmt dies zum Anlaß eines sehr ausgedehnten und phrasenreichen Sonderberichtes. Sei dem, wie ihm wolle: erstaunt aber ist man, we>m man erfährt, auf welchen„erschütternden, packenden Nenner" nach den Worten des Kommandanten, Kapitän Groß, das Aus- land die Ereignisse bringt, die sich im letzten Anderthalbjahrzehnt in Deutschland abgespielt haben. So sagt man noch Groß und dem Scherl-Blatt: „Deutschland hat Ungeheures im Welltriege geleistet. Aber Leistungen, die weit in den Schatten gestelst werden, die verblasten gegen all das, was das Vaterland nach dem großen Kriege ge- schaffen!" Ja, aber wie wird uns denn! Daß die Hugenberger als Re- gierungsparteiler s o schnell umlernen würden, haben selbst wir nicht erwartet. E» müssen doch ungeheure Leistungen sein, die von der oerfl...„schwarzrotgelben" Republik vollbracht worden sind! Weiterhin berichtet uns der Hugenberg-Korrespondent, daß der Empfang in Athen „frei von allen Schlacken und Hohl- Helten einer längst versunkenen Bortriegsepoche" gewesen sei. Das wird doch immer toller!„Schlacken und Hohlheiten" unter Wil- Helm, zur Zeit unseres glorreichen Kaiserreichs? Der Schloßherr von Doorn wird nicht erfreut sein, wenn er wie früher auch heute noch als einziges Organ der Reichshoupt- stadt sein Scherlsches Leibblatt unverkürzt zu lesen bekommt.
tzi'nöenburg, Heye und der Gelfer. Entrevuc auf dem Schlicffen-Diner. Reichspräsident von H i n d e n b u r g Hot den Todestag feines Amtsvorgängers auf besondere Art gefeiert: Cr erschien in Feld- marschalluniform zusammen mit dem Chef der Heeresleitung. Ge- neral der Infanterie Hey«, bei dem Diner, dos die Vereinigung der Angehörigen des ehemaligen Generalstabs alljährlich zu Ehren des Generalfeldmarschalls von Schlieffen veranstaltet, und traf sich dort unter anderen mst dem in Husarenuniform gehüllten Schloßherrn von Oels, unserem verflossenen„Feste-drusf"- Kronprinzen. Man enthüllte während des Festmahls eine Büste de» verstorbenen Generalobersten v o n M o l t k e, der In den kritischen Septemberwochen des Jahres 1914 die Nerven und damit die Schlacht an der Marne verlor.„Im übrigen waren", so berichtet un» der„Lokal-Anzeiger",„die ersten Wort« des Vorsitzenden, Ge- neralfÄdmarschall von Mackensen, dem Gedenken an den früheren Obersten Kriegsherrn gewidmet." In der Tat, der Reichspräsident hat zuweilen merk. würdig« Methoden, die deutsche Republik zu repräsentieren.
Aus dem Wege zur Genesung. Auch am Dienstag sind im Be- finden des Genossen Löbe erfreulich« Fortschritt« zu verzeichnen. Der Wundverlouf ist durch keinerlei Komplikationen gestört, die Temperatur durchaus normal. Man kann wohl jetzt der weiteren Genesung des Genosten Löbe ohne Besorgnis entgegensehen.
Eine öerufung mit Hindernissen. An der Berliner Universität bestehen zwei chirurgische Kliniken. Die eine, in der Ziegelstraße befindlich, wird von Prof. Bier geleitet. Die ander«, im Häuserkomplex der Charitö gelegen, hat seit mehr als Jahresfrist keinen eigentlichen Chef. Pros. Hilde- b r a n d, ihr letzter Direktor, ist leidend und nicht imstande, die ftlimt bis zur Amtseinführung seines Nachfolgers zu leiten. Ein Privat- dezent oertritt ihn. Die medizinisch« Fakultät bat nun vor einigen Monaten— da- inals schon reichlich spät— eine Vorschlagsliste für die Nachfolge Hildebrands dem Kultusministerium eingereicht. An der Spitze der Liste steht Prof. S a uer b r u ch- München. Wiederum seit Monaten verhandelt das Kultusministerium mit Pros. Sauerbruch wegen Uebernahme der Berliner Professur. Bor kurzem heiß es in vielen Zeltungen, Prof. Sauerbruch wolle«ine Berufung nach Berlin annehmen. Dann wurde diese Nachricht von München aus wieder für unzutreffend erklärt: ob Prof. Sauerbruch nach Berlin übersiedle, sei noch nicht entschieden. Es erhebt sich die Frage, wie lange das so weitergehen soll. Di« Behandlung der Patienten, die in der chirurgischen Klinik der Charitö liegen, und die Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß ihr« Betreuung unter der Leitung eines hervorragenden Ehirurgen erfolgt, hat man dabei offenbar völlig vergessen. Ein allererstflafstger Chirurg gehört schleunigst an die Spitz« der großen Klinik. Wie steht es nun mit Pros. Sauerbruch ? Wird er kommen? Soll man die Verhandlungen mit ihm immer noch weiter ausdehnen? Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß Pros. Sauerbruch ein sehr bedeutender Chirurg ist. Seine Methoden bei der Vornahm« von Operationen in der Brusthöhle haben oer Chirurgie neue Gebiete erschlossen: vielen Menschen wurde auf diese Weise Hilfe zuteil, die ihnen früher oersagt war. Die Bedeutung des Arztes Sauerbruch verkleinern zu wollen, wäre ein törichtes Unterfangen. Skepttfcher zu beurteilen ist der Professor'Sauerbruch . Es schwirren da Gerüchte, die aber von sehr verläßlichen Männern recht ernst be- achtet werden, herum, Gerüchte, die da besagen, Prof. Sauerbruch stelle verschieden« sehr bedenkliche Bedingungen. Wenn Sauerbruch allerlei Verbesserungen der Einrichtungen der Klinik verlangt, so ist dies natürlich am allerwenigsten„bedenklich": die„Bedenken" kann hierbei höchstens der Finanzminister haben, dessen Zustimmung es dann zu erreichen gilt. Etwas bedenklich ist immerhin der Wunsch Prof. Sauerbruchs— wie es heißt— in einigen Iahren die Nochfolge Prof. Biers in der Direktion der anderen Berliner chirurgischen Klinik anzutreten und schon jetzt diesbezügliche Zusicherungen zu bekommen. Es ist nicht gerade zweckmäßig, daß di« Kliniken der Charitö gewissermaßen als Sprungbretter angesehen werden. Sie sollten in jeder Beziehung mit den anderen Universitäten gleichberechtigt sein und für gleich wichtig gehalten werden. Wenn aber Pros. Sauerbruch diesen ganz besonderen Wunsch haben sollte, später gerade die Klinik zu leiten, an der einst die Professoren Langenbeck und v. Bergmann wirkten und an der jetzt August Bier lehrt, so wird man hieraus schließlich noch keine Kabinett- trog« zu machen brauchen.
Dagegen bietet ein wettere? Gerückt, dessen Richtigkeit von ver- Ssiedenen Seiten immer wieder versichert wird, Veranlassung zum ufhorchen. Es heißt, Prof. Sauerbruch verlange, daß— nach dem in einigen Iahren(infolge Erreicheng der Altersgrenze) zu er- wartenden Ausscheiden Prof. Biers— die dann freiwerdende andere außerordentliche Professur der Chirurgie an der Berliner Univer- sität nicht wieder besetzt werden solle. Würde diese Forderung, wie dies entschieden behauptet wird, wirklich zutreffen, so muß man sagen: dieses Verlangen„geht über die Hutschnur": Professoren, die „Alleinherrscher" sein wollen und dies in solcher Weise bekunden, müyen vom Ministerium die entsprechende Antwort erhalten. Und dies um so mehr, als nun einmal der„Politikus " Sauer- bruch eine für die Berliner Universität in höchstem Maße bedenk- liche Persönlichkeit ist. Hat er es doch fertig bekommen, beim Hltler-Putsch in München in Reih und Glied mit- zumarschieren. Ein Kopsschuß, den er bei dieser Gelegenhest erhielt, zwang ihn, als Pattent feine eigene Klinik aufzusuchen und dort wochenlang das Bett zu hüten. Ob gerade ihm die Berliner Lust behagen wird und ob vor allem gerade die Berliner Arbeiter- beoölkerung zu ihm als Arzt mit besonderer Neigung gehen wird. dies dürfte doch recht zweifelhaft sein. Oder vielmehr gar nicht zweifelhaft sein. Jedenfalls würde sich die große Mehrheit der Berliner darüber hinwegzusetzen wissen, wenn Sros. Sauerbruch in München bliebe. Dies muß ganz offen ausgesprochen werden. Es geht nicht an, daß seinetwegen die große chirurgische Charitöklinik in ihrer Leitung immer länger verwaist bleibt. Es gibt schließlich auch noch andere, ebenso bedeutende Chirur- gen in"Deutschland . Das Ministerium sollte nicht nur auf die Kandidaten der Fakultät, von denen der eine inzwischen schon ver- starben ist, sondern auch auf andere hochqualifizierte Ehirurgen, die sehr ernsthaft in Frage kommen, ihr Augenmerk richten, nun- mehr schleunigst einen Ruf ergehen lassen und dafür sorgen, daß der betreffende Arzt dann auch binnen kurzem sein neues Amt über- nimmt. Die Berliner Bevölkerung hat ein Recht darauf, dies mit Nachdruck zu verlangen.______ Oer dichter spielt sein Stück. Wilhelm v. Scholz, der Präsident der preußisckcn Dichierakademie, der in letzter Zeit manifestartig seinen bedeutenden Geist von sich gibt, will die Welt beglücken. Er spielt darum in seinem Stücke„Der Wettlauf mit dem Schatten" senen Dichter, der da vermeinte, ein fremdes Leben durch übersinnliche Mächte und mit seinem Füllfederhalter zu bewältigen, während der arme Dichter doch nur durch das schäbige Alltagsgeschick inspiriert wurde. Der Präsident der preußiscken Dichierakademie irrt sich über sein schauspielerisches Talent und üoer feine poetischen Gaben gleichmäßig. Als man vor Iahren dieses kleine Rätselstück aufführte, war die Darstellung viel besser. Doch das Stück hat inzwischen nicht mehr Krast gewonnen, es ist im Gegenteil von einer ausdringlichen Un- bedeutendheit. Es ist darum so unbedeutend, weil der Dramatiker jedes Wort in eine okkuste Bedeutendheit hineiniouchen, zu einer mystischen Dunkelheit hinaufheben möchte. Von dem Schauspieler Wilhelm v. Scholz darf nicht geredet werden. Nicht daß man ihm technische Unvollkommenheit vorzuwerfen hat. Er ist eben ganz
unzulänglich in seiner ganzen Persönlichkeit. Die Ungclcnkigkcit. die bei Frank Wedekind etwa zur großartigen Impression werden konnte, ist bei Wilhelm o. Scholz allzu dürstig, allzu kläglich. Er steht nicht hinter seiner Rolle, er fingert, er befingert alles nur oberflächlich. Dazu noch die klägliche Natur feiner Stimme, die kränklich scheint. Endlich einige Angewohnheiten, abgesehen irgend einem Schmierenschouspieler, und die komödiantische Natur des oben- teuerlichen Mannes ist erschöpft. Das Experiment mißlang durchaus. Und das Schauspiel versagte vollkommen. Es war auch der ganz« Abend der„Tribüne ein großer Mißerfolg. Lothar Müthel und K ä t e Haack schienen ihre Rollen zu improvisieren. Zwei Künstler, die sonst doch zu nuancieren und zu verfeinern wissen, skizzierten ihre Rollen nur grob und kulissenmäßig, nichts war aus- gereift. Trotzdem bewiesen treue Enthusiasten, daß sie bereit sind, durch dick und dünn mit dem oerehrten Präsidenten der preußischen Dichierakademie zu gehen._ M. H.
»An einem Wendepunkt der wellgeschschte." Hierüber sprach in der H o ch s ch u l e für Politik der amerikanisch« Professor S h o t w e l l anläßlich der Eröffnung de» Earnegielehrstuhles in Berlin . An der Feier nahmen der Reichskanzler, der preußische Ministerpräsident Genosse Braun, Reichsgerichtspräsident Simons, Reichs- und preußische Minister, die Spitzen der Beanrtenschast und der Presse teil. Ver amerikanische Gelehrte führte aus: Die Geschichte aller vergangenen Zeiten zeigt uns eine ewige Wiederkehr, einen ständigen Kreislauf von Sommer und Winter, guten und schlechten Iahren, Frieden und Krieg, notwendig auftretend, aber auch not- wendig eng umgrenzt in Raum und Zeit eines wie das andere. Die Technik als Ergebnis der modernen Wüsenschast hat solcher Wiederkehr ein Ende gemacht uyd an ihre Stelle den Wandel treten lassen, an die Stelle einer statischen Raturgebundenhett ein« dynamisch« Naturüberwindung. Auch sie hat ihre Gesetzmäßigkeit, nicht die des Kreislaufes freilich, sondern gerade die dxr Unumkehr- barteit, die der Steigerung: e» gibt keine rational beschräntbare Wirk- samkeit mehr, jede einmal eingesetzte Krast steigert sich an der Geeenwirtung, die sie hervorruft, ins Absolute, so z. B. treiben die modernen Kriegsmittel einander zur äußersten Destruktionsfähig- keit: so gibt es keine räumliche Isolierung des Krieges mehr, keine totale Reutwlttät: so ist auch die zeitstche Ausdehnung der Kampf- Handlungen nicht langer durch die notursichen Pausen der Tages- und Jahreszeiten umfchränkt: so schließlich gibt es kein einziges Lebensgebiet mehr, das einem Völkerringen sich fernhatten könnt«. Eben darum gibt es aber nunmehr auch einen Fortschritt zum Frieden, der seinesgleichen nicht kennt in der Wellgeschichte. Einmal eingerichtet, treiben Völkerbund , Locarnosystem, Schiedsgerichts- barteit mit einer überindividuell technischen Stetigkeit zur Frie- denesicherung, der sogar kaum ein ganzes Volk sich widersetzen könnt«. Auch hier stoßen wir auf Dynamik: kein noch so fixierter Bertrogstext, kein.�mabänderlicher" Status quo kann wondellos bleiben oder bei noch so starkem Rückschlag wiederkehren. Wir haben, worauf alle« andere ven-ht, 0«n stetig stärker werdenden Friedenswillen der Massen in allen Ländern, von dem die ganze Bewegung ihren Ausgong genommen hat, und so stehen wir wirk- lich an dem Wendepinilt der Westgeschichte,„in welchem un» die Wissenschaft die Mittel an die Hand zu geben beginni, um die Forderungen der Religion zu erfüllen."