Abendausgabe
Nr. 365 44. Jahrgang
Ausgabe B Nr. 180
10 Pfennig
Donnerstag
4. August 1927
= Vorwärts=
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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Der Gouverneur weigert sich, Sacco und Vanzetti zu begnadigen. Hinrichtung nächsten Donnerstag.
Boston , 4. Auguft.( Eigenbericht.) Der Gouverneur von Massachusetts , Fuller, hat nach langer Berafung mit seiner Umgebung sich endgültig geweigert, auf oin Revisionsverfahren des Prozeffes Sacco- Vanzetti einzugehen. Infolgedeffen werden die beiden Berurteilten am 10. Auguft hingerichtet werden.
Die Entscheidung des Gouverneurs Fuller, die kurz vor Mitter nacht durch den Sekretär des Gouverneurs befanntgegeben wurde, schließt mit den Worten:" Meine Prüfung des Falles Sacco- Banzetti bietet mir teine genügende Rechtfertigung zu einer Intervention gegen den Strafvollzug. Ich glaube mit dem Gerichtshof, daß diese Männer Sacco und Banzetti schuldig sind und daß ihnen die volle Freiheit, sich zu verteidigen, gewährt wor den ist. Ich glaube weiter, daß kein Rechtsgrund bestand, um ihnen ein neues Verfahren zu bewilligen."
Der Sommerfit des Gouverneurs in Rye Beach in Newhampshire wird durch Polizeiwachen geschützt.
Grausamkeit bis zum Schluß!
Die Schwester Vanzettis traf gestern in Boulogne ein, um sich nach New Yort einzufchiffen. Ohne nähere Aufklärungen wurde dem jungem Mädchen jedoch die Ermächtigung zur Ueberfahrt verweigert. Gie hatte Ende Juli von Freunden ihres Bruders ein Radiotelegramm erhalten, wonach dieser sie durchaus vor dem 10. Auguft noch einmal sehen wollte, da er an diesem Tage mit seiner Hinrichtung rechne. Die Behörden haben dem Mädchen nachträglich versprochen, daß es am Sonnabend abreisen tönnte.( Also erst nach der Hinrichtung eintrifft! R. d. B.).
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Auf dem elektrischen Stuhl, der für Sacco und Vanzetti bereitsteht, nehmen das Gerechtigkeitsgefühl der Welt und das menschliche Gewissen Play. Der Starfstrom, bestimmt, beider Glieder für immer zu lähmen, trifft Millionen Herzen und läßt ihren Schlag für Sefunden aussetzen. Würde der amerikanischen Justiz, die blindwütig ihre beiden Opfer umfrallt hält, würde doch dem Gouverneur Fuller, der gleich Shylok auf seinem Schein besteht, noch in lezier Minute flar werden, daß hier unendlich viel mehr ausgelöscht wird als das Leben zweier Unschuldiger; daß ausgelöscht wird der Glaube an das Recht, der Glaube an die neue Welt als eine bessere Welt.
Unzählige haben protestiert. Aus allen Ländern, aus allen Kulturnationen sind die Rufe für Sacco und Banzetti erflungen. Die besten Köpfe der Dichter und Gelehrtenwelt, vereint mit der Arbeiterschaft möchten wir diese Berbindung noch recht oft erleben- haben ihre Stimme für Recht und Menschlichkeit erhoben. Aber auf Warnungen und Beschwörungen fennt der Gouverneur Fuller nur eine Ant
Kirchenbann gegen Dr. Wirth? Die Deutschnationalen möchten einen kleinen Kulturtampf entfachen.
damit, den
Die Zuschrift aus führenden Zentrumstreisen, die wir gestern morgen veröffentlicht haben, hat eine aufgeregte und etwas verworrene Antwort in der Germania " hervor gerufen. Man rebet non unfachlichem Kampf", von„ Het gerufen. Man redet von unsachlichem Stampf", von Het fampagne gegen Dr. Mary- aber man weiß fachlich nichts zu sagen. Troßdem stürzt sich die gesamte Rechtspresse auf diese Auslassung der Germania . Wir begnügen uns Beifall ber beutschnationalen Bresse für die„ Bermania" festzustellen und den begriffsstuhigen Leuten im Zentrum noch einmal auseinanderzusehen, daß die fachliche und die Schwächen und Fehler des Dr. Marg schonungslos offenlegende Kritit mit Heße nichts zu tun hat. Herr Dr. Marr hat sich tonsequent nach rechts hin entwickelt und diese Tatsache schafft fein Geschrei über Hetze" aus der Welt. Daß diese Tatsache Aufregung in den Reihen des Zentrums hervorruft, ist verständlich das hat Herr Dr. Marr sich selbst zuzuschreiben.
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Aber Heze? Nun, wie Heße" aussieht, sollte man doch im Zentrum wissen. Hat man schon vergessen, daß Erz berger , der als Opfer der Hezze fiel, zum Zentrum gehörte? Wir empfehlen den Herren vom Zentrum, die von Hetze reden, die Lektüre der deutsch nationalen Breffe von heute morgen. Da heißt es in einem Artitel gegen Birth:
„ Ist Birth überhaupt noch prattizierender Ratholit, geht er überhaupt noch in die Kirche? Gibt es denn einen Geistlichen, der ihn in Renntnis seiner für die Förde. rung des Sozialismus und dessen Machtstellung wirkenden Reden und Taten noch zu den Satramenten zuläßt?
Diese knappen Ausführungen möchte ich mit der Auffassung vieler fatholischer Pfarrer schließen, die sie mir gegenüber äußerten, und die ich auch zu der meinigen mache: Dr. Birth ist nicht nur ein ganzer Mann, sondern auch ein ganz hervorragender Republifaner und unter deren pielgenannten Größen Hörfing, Severing,
wort. Sein rechtskräftiges Urteil in der Hand, erwidert er gleich Shakespeares Shylot mit aufreizender Monotonie: Ich tann's nicht finden, s'ist nicht in dem Schein." Und da Gouverneur Fuller die Stimmen der Lebenden in den Wind schlägt, so möge er, der Angelsachse, sich wenigstens dessen erinnern, was der größte Dichter des Angelsachsentums und zugleich der Welt, was William Shakespeare dem auf seinen Blutschein Bestehenden durch den Mund der Porcia antwortet:
,, Die Art der Gnade weiß von feinem Zwang. Sie fegnet den, der gibt, und den, der nimmt. Am mächtigsten in Mächt'gen, zieret fie
den Fürsten auf dem Thron mehr als die Krone... Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst, undird'sche Macht tommt göttlicher am nächsten wenn Gnade bei dem Recht steht."
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Aber wie im ,, Kaufmann von Venedig " dieser Appell an Shylofs unerfättlicher Blutgier abprallt, so wird er, fürchten wir, an dem aufgeftahelten Klassenfanatismus der Fullers von Boston abprallen. Sacco und Banzetti sollen hingerichtet werden, nicht, weil man wüßte, daß sie Mörder feien- niemand hat diesen Beweis geführt, sondern einzig und allein, weil feststeht, daß sie anarchistischer Ueberzeugung lebten. Der einzige ,, Beweis" ihrer Schuld war der, daß sie nach ihrer Verhaftung über ihre politische Tätigkeit falsche Angaben machten, weil sie unwissend, weffen man sie beschuldigte- irrtümlich glaubten, wegen ihrer politischen Tätigkeit verfolgt zu werden. Sie sind Anarchisten und haben falsche Angaben gemacht braucht man mehr Beweise, um zwei Menschen als angebliche Raubmörder auf den elektrischen Stuhl zu schnallen?! Wie der Patriarch in Lessings ,, Nathan", ganz gleich, wie der Fall liegt, die Patentlösung bereit hat Der Jude wird gehängt", so heißt es brüben: Der ganz gleich, wie der Fall liegt, die Patentlösung bereit hat Anarchist wird hingerichtet." Mögen die Belastungszeugen auch noch so verdächtige Spitzel sein, mag ein Komplize der wirklichen Täterbande die Tat inzwischen gestanden haben, mögen noch so viele Beugen für die Unschuld der beiden Berurteilten aufgetreten sein, tut nichts der Anarchist wird hingerichtet. Und um die Tragödie der Justiz auf den Gipfel zu treiben: Nachdem man die beiden über sechs Jahre unter der Folter des rechtskräftigen Todesurteils gelaffen hat, geht man nun endlich im siebenten Jahr an feine Vollstreckung!
Empörung und Protest durchzittert die Kulturmenschheit. Noch einmal muß in den wenigen Tagen bis zur Hinrichtung diese Stimme zur äußersten Stärte anschwellen. Die gesamte Menschheit muß handeln in dem Sinne des großen Rechts kämpfers Emile Zola , als er sein ,, Ich flage an!" in die Welt rief: Ich will nicht mitschuldig werden. Der Gedanke an den Unschuldigen, den man mariert, würde den Schlaf meiner Nächte zerstören."
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Scheidemann, Deimling, Schönaich, Dr. Haas, Gerlach, Th. Wolff und anderen vielleicht der Beste und in des Wortes wahrster Bedeutung„ le brave des braves"! Dr. Wirth ist aber nach den Dorerwähnten Auslaffungen der Päpste und Bischöfe- ein ebenso schlechter Ratholit, der als 3rrlehrer die Interessen der Kirche und ich sage das als Katholik leider Interessen der Kirche und auch die Interessen des Zentrums, solange fich dieses noch eine tatholische Partei nennt, aufs schwerste schädigt. Windthorst, Mallinckrodt, Frankenstein und all die anderen Bedeutenden unter den Begründern des Zentrums und streitbaren Kämpfern in der Kulturkampfzeit würden sich im Grabe umbrehen, wenn sie hörten, daß einer ber Hauptsprecher und Führer ihres" Zentrums infolge feines Eintretens für den von ihnen so heiß bekämpften Sozialis mus und infolge seiner Mithilfe, dessen Machtstellung im Staate zu fördern, so gegen die Verordnungen der Kirche verstößt, daß er dieferhalb nach der Ansicht vieler Katholiken, Zentrumsleute und tatholischer Briefter als erfommuniziert erachtet werben muß."
Man laffe uns mit dem Hetzgeschrei in Frieden, wenn mir die politische Wandlung des Herrn Dr. Mary feststellen. Es stünde den Freunden des Herrn Dr. Marx besser an, wenn sie der deutschnationalen systematischen persönlichen Heze gegen ihre eigenen Parteifreunde entgegentreten
würden.
Das Rätselraten um den Sinn seiner Erklärung. New York , 4. Auguft. Bräsident Coolidge erhielt gestern in seinem Ferienort Rapid City mehrere hundert Telegramme von Republikanern aus allen Staaten der Union , worin er ersucht wird, doch ja bei den nächsten Wahlen seine Kandidatur aufzustellen. Der Beschluß des Präsidenten, nicht wieder zu fandidieren, ist 31 politischen Tages frage geworden und hat vor allem die Genfer Konferenz ganz in den Hintergrund gedrängt. Die Art, wie der der Presse überreichte Berzicht formuliert war, schließt die Möglichkeit einer neuen Kan bidatur nicht aus
Lindenstraße 3
Flickwerk an der Schule.
Kritisches zum Reichsschulgesetz.
Von Wilhelm Paulsen.
Das Reichsschulgesetz in der Fassung des Regierungsentwurfs zerstört nicht nur den Aufbau des deutschen Schulwesens, sondern zerreißt auch das Gemeinschaftsbewußtsein des deutschen Volkes. Sind schon heut die sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze fast unüberbrückbar, so tönnen die ideellen und weltanschaulichen Kämpfe, die mit der Konfeffionalisierung des Schulwesens entfacht werden, das soziale Aufbauwert geradezu gefährden. Die Berquickung der wirtschaftlichen Kämpfe mit dem Hader um Religion wird zu einer Verwirrung und Verfälschung der politischen Programme führen und als Folge davon zu einer notwendigen Schwächung aller auf- und vorwärtsdrängenden Kräfte.
Die Größe des Parteitages in Kiel lag in der Ruhe seiner Kraft, die in der Betonung des Klassenkampfes als eines wahrhaftigen Kulturkampfes ihren höchsten Ausdruck fand. Hilferding rief aus: ,, Wir wollen nicht dulden, daß dieser Kampf der Kampf der Arbeiter um einen höheren Anteil an der Kultur- durch sozialreaktionäre 3wede verfälscht wird, daß Arbeiter gegen Arbeiter wegen privater Anschauungen gegeneinander gehegt werden, die weder unsere sozialen noch unsere politischen Ziele berühren!"
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Wenn es in Deutschland überhaupt eine Kulturfront gibt, so muß sie sich auf dieser Basis erheben. Wir fordern die weltliche Schule". Sie ist uns ein geistiges Programm, das in seiner Begründung viel tiefer greift, als es den Gegnern im Schlagwort erscheint. Es deckt sich nicht mit dem liberalen Losungswort ,, Los von der Kirche" und Befreiung des Staates von ihrem politischen Einfluß. Es stellt eine wissenschaftlich und sozial ganz neu begründete Bildungs- und Erziehungsaufgabe dar: Schutz der Eigenentwickelung des Kindes in seiner geistigen und leiblichen Gesamtkraft, und Be lebung des Gemeinschaftsethos, der Erweckung, sittlicher Grundkräfte im Menschen, die ihn fähig machen, bewußt und unbewußt an der vernünftigen Gestaltung menschlicher heit mitzuarbeiten. Alles, was wir gewohnt find, mit dem Ordnung, an dem großen sozialen Befreiungswerk der MenschBegriff der ,, Renaissance der Erziehung" zu bezeichnen, verbinden wir mit unserer Forderung der weltlichen Schule. Wir werden auf diese Prinzipalforderung niemals verzichten.
So sicher aber diese Ueberzeugung in uns wirkt, so sicher auch wissen wir, daß die Entwickelung dieser neuen Schule zwar durch die Gesetzgebung begünstigt, nicht aber durch diese gefchaffen werden kann. Wie der Sozialismus das Werk aller gestaltenden und arbeitenden Kräfte der menschlichen Gesellschaft sein wird und nicht durch diktatorische Maßnahmen irgendwelcher Art voreilig ins Leben gerufen werden fann, fo muß die Schule das Formwert des fulturellen und Bildungswillens der geistigen Masse sein.
Wenn das wahr ist, dann ist unsere politische Stellung im Kampf gegen das Reichsschulgesetz gegeben. Im Kampf um die Verwirklichung der Reichsverfassung handelt es sich nicht um unser großes Schul- und Bildungsprogramm, sondern um die Sicherung der gefeßlichen Vorbedingungen für feine Verwirklichung: die Aufrechterhaltung der Einheit und Leistungsfähigkeit der Schule und die Berteidigung ihrer geistigen Unabhängigkeit und Freiheit. In diesem Kampfe fönnen wir mit der gesamten fortschrittlichen Welt, soweit es ihr um die Festlegung der elementaren Grundrechte der Schule ernst ist, zusammengehen. Ja, aus den höheren Ansprüchen unseres Programms heraus, tragen wir die Verantwortung dafür, daß dieser Kampf in geschlossener Bucht und, wo wir die zahlenmäßige und geistige Ueberlegenheit haben, unter unserer mitreißenden Führung durchgekämpft wird. Es wäre ein schwerer taktischer Fehler, wenn uns die Losung ,, weltliche Schule" in diesem Augenblick von den mittämpfenden liberalen Parteien abdrängte. Wir würden die Gesamtheit der Schule um ein Linsengericht an die Orthodorie verkaufen.
der
Ohne die demokratische Berfassung Schule, wie sie die Reichsverfassung will, ohne die Einheit ihrer Organisation, ohne die Freiheit ihrer Lehre die man der Volksschule im Gegensatz zur höheren Schule und Akademie vorenthält gibt es teine Entwicklung des Schulwesens, auch nicht ihrer grundlegenden Wissen schaften. Die Bädagogit wird wieder st um pfe MethodenLehre zu übermittelnder Katechismusweisheit, und die Psychologie verliert mit dem freien Subjekt das lebendige Objekt ihrer Erkenntnis. Der deutschnational- klerikale Widerftand gegen die staatliche Einheitsschule( Gemeinschaftsschule der Reichsverfassung) beruht auf dem sichern Instinkt, daß mit ihr der innere und soziale Fortschritt anhebt. Behauptung der alten Mächte bedeutet Feindschaft gegen jede moderne Bildungsmaßnahme.
Was die liberalen Parteien von der Sozialdemokratischen Bartei gegenwärtig trennt, ist der gegenseitige Zweifel in der Stellungnahme zum Religionsunterricht. Die Durchschnittsmeinung der bürgerlichen Deffentlichkeit verkennt das Wesen der weltlichen Schule. Sie nimmt an, daß diese der Bedeutung der Religion als Bildungsfaktor in der abendländischen Kultur nicht gerecht wird, daß sie ihre objektive Stellung im Geschichts- und Deutschunterricht historisch und wissenschaftlich nicht gebührend würdigt. Und doch führte bereits der sozialbemokratische Sprecher im Verfassungsausschuß zu Weimar ( 1. Lesung) aus, was der Parteitag in Kiel später bestätigte: Meine Partei mill feinen Kulturtampf. Sie anerkennt bie