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Mittwoch 2S. September 1927

Unterhaltung unö Wissen

öeilage ües vorwärts

Der Taugenichts. Von Alfred Pauzini. (Schluß.) Er wer noch ni« auf dem Markt gewesen. Ein« erstaunlich«. ganz riestge Sache: Hallen, Läden, Stände, Loger, Menschen, Wagen, Karren. Geschrei, Gehetz und Flüche. Ein großes Maschinenwert, in dem die Menschen herumwirbelten. Armer Professorl Die unruhigst« Klasse war sanft dagegen. Er kam sich wie ein Strohhalm neben einer in Gang befindlichen Dampfmaschine oor: Rauch und Zischen und der Strohhalm im Weg! So ging es auch ihm in der Menge. Und was die Leute für ein« Sprache redeten! Alles im Dialekt. Aber was für ein Dialekt! Ein Bäurisch, daß Gott erbarm'! Wozu haben wir denn die Schulen?" dachte der Professor. Und weiter dacht« er:Wo finde ich denn da ein christliches Menschen- antlitz, dem ich sagen kann: Mein Herr, ich habe die Absicht, eine gewisse Quantität Trauben zu erwerben, reife, gute Trauben, zwar nicht für Tisch, wisien Sie, zu einem annehmbaren Preis, zu dem Zwecke usw. usw." Aber alle Gesichter verrenkt, verzerrt, alles Leut«, die sich durch Geheul, mit Fuchteln und Schimpfen verständigten. Und es war spät: 8 Uhr. Um 1» Uhr, hatte man ihm gesagt, würde der Markt geschlossen. Endlich gelang es ihm, sich an«inen, wenigstens etwas zivilisiert aussehenden Menschen, der ihm als Traubenhändler bezeichnet wurde, zu wenden. Aber die Unterhaltung fiel kurz aus: Wieviele Waggons?" Mir würd« eigentlich schon eine kleine Quantität genügen..." 3ch arbeite nicht in kleinen Quantitäten." Und der Professor sah statt des derben Gesichtes dieses Despoten, der so turzangebunden war, einen breiten Rücken. Es fand sich ein anderer, der auch in kleinen Quantitäten ar> beitete. Er ließ sich dazu herab, den Professor anzuhören. Aber als 'sie auf die Qualität zu sprechen kamen, erlaubte er keine Prüfung der Warengüte. Er garantierte und damit basta! Der Professor versuchte, ihn durch ein« kluge Rede davon zu überzeugen, daß ein ,.e r garantiert und basta" ein Uebermaß von Vertrauen in sich schloß, das zu gewähren er für seine Person zwar gerne bereit wär«: doch würde gewiß er, der Händl«r. seinerseits es nicht zulasien. Aber der wollte nicht einmal den Ansang dieser klugen und logischen Rede zulassen, denn«r sagte: Och habe kein« Zeit, ihr Geschwätz anzuhören." Bauernlümmel! Den Profesior wurmte«s gewaltig, feine logischen und klugen Erwägungen unter dem HandelstitelGeschwätz" zusammengefaßt zu sehen. Zum ersten Mal« verspürte«r ein beinahe liebevolle» Empfinden für die Regierung oder den Staat oder die Nation oder Italien ober wie immer man Borsehungswesen nennen mochte, das ihn dafür bezahlte, daß er drei Stunden täglich, die Zusatzklassen gar nicht gezählt, logisch« und kluge Erwägungen vortrug.. Mit einem anderen Verkäufer, der eine prachtvolle Auswahl herrlichster Trauben hatte, große, duftende Trauben in verzierten Körben und Kisten, so schön, daß alles wie gemalt aussah, hätte er beinahe Streit bekommen. Er war herangetreten und hatte, ganz vorsichtig, ganz sorgsam, eine Beere herausgeholt, um sie zu kosten. Weg da die Händel" Aber nur ein Beerlein..." Beerlein oder Traube, weg da die Händ«, sage ich! Hat mir der Kerl meinen ganzen Korb versaut." All« sahen den Professor scheel und giftig an, al» ob er bei einem Diebstahl ertappt worden wäre. Er sank ganz in sich zu- samnien und stahl sich schleunigst aus der Menge weg. Ihn, einen Professor und beinahe Studienrat.Kerl" zu nennen! Bei einem letzten kam der Handel geradezu hoch zustande: wenigstens was die War« betrifft, war alles perfekt. Aber als es sich um den Preis drehte und der Professor sein Notizbuch herauszog, um zu rechnen, hörte er plötzlich eine Stimm«, die keinen Wider- fpruch duldete: Die Rechnung mache gefälligst ich selbst!" Welches Gesindel, welch« Plebs, was für eine Welt! Q, der Verkehr mit den Atriden war viel schöner und besser. Mit dem Traubeneinkauf ist es nichts," sagt« ihm eine innere Stimme.Das ist eine unmögliche Angelegenheit." Aber eine andere, noch weiter innen sitzende Stimme sagte ihm auch:Mein bester Prosessar, du, der du bislang soviel an der Regierung aus- zusetzen gehabt hast, sage mir freundlichst, wie du dir deinen Lebensunterhalt verdienen wolltest, wenn die Regierung nicht wäre!" * Profesior, was machen S i e denn hier?" Als der Professor, der sich in den eben bezeichneten schrecklich bedeutsamen Gedanken vertieft hatte, inmitten dieser feindlichen, un- bekannten Menge seinen Namen rufen hörte, fuhr er erschreckt zu- sammen. Ein junger Mann mit hübschem, gesundem Gesicht und frohen Augen, blondem Haar, eine Zigarette im Munde, am Arm ein Trauerbond, stand vor ihm. Wer... mit wem... Hab« ich die Ehre?" Ravelli, Herr Profesior." Ah, ganz richtig, Ravelli, jetzt erinnere ich mich. Was mach«» Sie denn hier?" Mein Beruf," antwortete'Ravelli, der immer noch der gleiche war. Und Sie?" Ich? Ach ja, ich gehe etwas spazieren, ja, so zu meinem Der- gn�gen." Hübscher Markt, was?" sagte Ravelli. Ja, sehr hübsch... Und was ist denn Ihr Beruf, mein Junge?" Ravelli erklärt«. Sein Vater war Früchte- und Tomaten- Händler. Bar einem Jahr war er gestorben, nun führte er das Geschäft weiter. Cr sprach von Orangen, Zitronen und Tomaten, Pyramiden von Tomaten, ganzen Wagenladungen von Orangen und Zitronen: von Deutschland , von der Schweiz , von Palermo und Parma : von Qualitätswaren, von Zitronenfehlern: Zitronen ohne Läuse, die ins Ausland gehen. Zitronen mit Läusen, die im Inland bleiben; von Preisen, Verträgen. Wechseln. Scheck, und Barzahlungen. All di«se Weisheit türmt« Ravelli vor dem Professor mit großer Redegewandtheit aus. Und der Professor wurde blaß vor Erstaunen. Sie verstehen sich nur auf Zitronen und Tomaten?" wagtelser wohllöbliche Herr Professor schließlich zu bemerken.Auf Trauben verstehen Sie sich nicht?" > Ader natürlich verstand er sich auch aus Trauben! Und nun erklärte der Profefsor:___________________

Luöenöorffs Mngsttraum

Mfe- der pfpchiater!

Also, mein Freund, sehen Si«: mein« Frau l«idet an Sod- brennen, usw., die Weine, die man hier zu kaufen bekommt, sind alle verfälscht, usw. usw., nun möchte ich gern«, usw." Dieser Esel von Ravelli begriff im Nu, ehe noch der Profesior richtig ausgesprochen hatte. Sie wollen sich selbst Wein zu Hause keltern." Ja, so ist es, so ein bißchen zur Probe, zum Vergnügen sozu- sagen." Wie schlau der Junae ist!" dacht« der Profesior. Kommen Si« mit mir!" sagte Ravelli. Ich will natürlich keineswegs... hören Sie, Ravelli," sagte der Professor, während er ihm durch die Meng« folgt«,Ich will natürlich keinen Weinhändler machen, versteht sich. Aber meine Frau, usw., die hiesigen Verkäufer, usw." Schwipp, schwupp! Man mußte den Jungen sehen, mit welcher Sicherheit er auftrat! Er brach durch die dicksten Bauerreihen, sprach im derbsten Dialekt, redete wie die anderen mit den Händen und schimpst«, ohne«in Blatt vor den Mund zu nehmen. Als der Professor sah, daß Ravelli bei allen bekannt war, und daß man ihm vernünftige Antworten gab und mit ihm auf voll- kommen gleichem Fuß verhandelte, sagte er: Ich überlasse alles Ihne», lieber Ravelli." Wieviel Zentner wollen SI«? Zehn, zwölf?" Zwölf! Zehn! Was Si« für besser halten." Innerhalb einer halben Stunde waren zehn Zentner der schönsten, r«ifften Trauben, gelbe und blaue, fein säuberlich in Körbe gepackt. kontrolliert gewogen und auf den Wagen geladen. Wachsleinwand darüber und mit einem festen Strick zugebunden:damit Ihnen nichts gestohlen wird, Professor!" ein Peitschenknall, ein paar trockene Bemerkungen zum Wagenlenker, die Adresse, so, fertig, abfahren! » Blieb nur noch das Zahlen. O, wie gerne bezahlte d«r Herr Professor! Ein äußerst annehmbarer Preis. Und alles ausge- zeichnete Trauben, die ganzen Körbe, oben und unten. Ah, welches Wunder, dieser Ravelli! Unglaublich: so ein Dummkopf und so gescheit! Mit liebenswürdiger Höflichkeit entzog er sich den Dantens- bezeugungen des Profesiors. Dann aber sagte er: Profesior, ich hätte noch eine neugierige Frage!" Aber bitte sehr, bitte sehr, mit Vergnügen!" Welche Zeitwörter regieren einen Kasus, die transitiven oder die intransitiven?"<Deutsch von Al-r- Esemlonofs.)

Meltau als Todesursache. Ein gefährlicher Aemd des Obstes. Kürzlich wurde aus Mannheim gemeldet, daß ein Kind nach dem Genuß von Obst, das in ganz seltenem Maße von Meltau befallen war, unter qualvollen Schmerzen gestorben sei. Erscheinun- gen dieser Art sind nun zwar sehr selten zu verzeichnen, sollten aber gleichwohl daran erinnern, daß der Genuß mcltaukranker Früchte gelegentlich schlimme Folgen haben kann. Der Meltau, jener weiß- liche mehlähnliche Ueberzug der sich an gewissen Pflanzen Ge­treide, Rosen, Hülsenfrüchten und zahlreichen anderen Gewächsen findet, wird durch einen schmarotzenden Pilz, den Meltaupilz

(Etrsipbe) erzeugt. Da» weiß«, spinnwebartige Fadengeflecht dieses Pilzes, das oft in dichten Massen hauptsächlich die Stengel und Blätter deckt, dringt in sie ein und entzieht ihnen die lebensnot- wendigen Nährstoffs, so daß sie an den Schmarotzern schließlich zu- gründe gehen müssen. Den Namen Meltau erhielt der Pilz im Dolksmund deshalb, weil die von dem Fadengeflecht sich abschnüren- den Sporenmassen die befallenen Pslanzenteile wie mit einer Mehl- schicht bedecken. Bis vor etwa zwanzig Jahren kannte man bei un» nur die europäischen Formen des Meltaues, die zwar sehr verschieden in ihrer Art waren, so daß zum Beispiel die verschiedenen Gewächse, wie die Hülsenfrüchte, Kohl, Raps, Wcin usw., leweil» von eigenen Meltaupilzarten befallen wurden; aber im allgemeinen waren wenigstens die Fruchtbäum» und-sträucher von diesen Pilzen nicht allzu sehr bedroht. Unter den Fruchtbäumen wurden von den Mel-

taupilzen namentlich Apfelbäume befallen, deren Blüten und junge Blätter sie vernichteten, während ein anderer Pilz die Pfirsichbäume befiel. Im Jahre 1906 wurde aber in Deutschland ein Meltaupilz eingeschleppt, der gefährlicher ist als all« bisher bekannten Arten: der amerikanische Stachelbeermeltau(Lpkaeratlieca mors, uvse), so genannt, weil er besonders Stachelbeeren gefährlich wird. In Nord­ amerika einheimisch, wurde dieser Pilz zuerst im Jahre 1890 nach Rußland verschleppt, zwei Jahre später tauchte er dann schon in Skandinavien und kurz darauf vereinzelt auch in Deutschland auf, wo er sich bis jetzt, da er durch die ungeheueren Massen seiner durch die Luft fliegenden Sporen von Pflanze zu Pflanze getragen wird, immer mehr verbreitet hat. Die von ihm befallenen Früchte sind über und über mit dem zuerst weißen, später aber braunen Sporen- mehl bedeckt. Frücht « solcher kranken Sträucher oder Bäume zu ver- zehren, soll man unter allen Umständen vermeiden. Ein Radikol- mittel gegen den Meltau hat sich bis jetzt noch nicht ejssindig machen lassen: Bespritzungen der erkrankten Gewächse mit Schwefel- kalium sSchwefelleber) sollen aber gut« Dienste tun. Die Ausbreitung des Pilzes wird jedenfalls am sichersten durch Verbrennen der von ihm befallenen Pflanzen mitsamt ihren Wurzeln verhindert. Als Meltau oder Honigtau bezeichnet der Avlksmund auch die klebrige Flüssigkeit, die von den Blattläusen abgeschieden wird und dadurch, daß sie sich mit den von den Läusen abgestreiften Häuten vermischt, gleichfalls einen mehlähnlichen Ueberzug aus Blättern und anderen Pflanzenteilen bildet. Dieser tierische Meltau, der aller- dings von den Blattläusen so Reichlich abgesondert wird, daß ein zwanzigblältriger Zweig, auf dessen Einzelbläitern je 16 Läuse leben, im Tage mit etwa 2000 Tropfen Honigtau überträufelt wird, bringt zwar an sich keinen Schaden, wohl aber dadurch, daß sich an ihm allerhand schädliche Pilze, die aus ihm ihren Nährboden finden, fest- setzen._ Herbstzeitlosen. Don Hermann Schützinger. Wenn der Oktober heraufdämmert und der Hcrbstnebel sich wie ein nasses Tuch über die Felder legt, verfällt der seist«, in sommer- licher Manneskrast stehende Spießbürger in den obligaten, herbst- lichen Angstzustand. Er wird elegisch, liestSchilslieder" zitiert Lenau und andere Weltschmerzapostel und berauscht sich an Versen wie folgt: Stoppelfeld, die Wälder leer, Und es irrt der Wind verlassen, Weil kein Laub zu finden mehr, Rauschend seinen Gruß zu fassen." Findet er aber wirklich ein Stück Laub, das ihm der aufdringliche Wind ins Fenster weht, dann flötet er mit Lenau los: Durchs Fenster kommt ein dürres Blatt, Vom Wind hereingetrieben: Dies leichte, offne Brieflein hat Der Tod an mich geschrieben." Natürlich stirbt man an Lenauscher Weltschmerzlektüre nicht gleich und diehöhere Tochter" wie der ocrgeistigte Jüngling, wie der wohl gepolsterte Vater erleben sicherlich trotz alles seelischen Bauch- wehs und trotz aller Krümmungen der Zahlungsbilanzen den nächsten .Lenz". Aber man will doch auch seine seelische, Herbstzeitlosen- stimmung" haben. Und so pustet und schwitzt und dichtet der Feuilletonist der Kreis- und Sonntagsblätter seinen Herbstzeitlosenschmu» herunter: Stille weiße Nebel schweben über den Wiesen.-- Die un­scheinbare Blum«, die blaßblau in den abgemähten Wiesen blüht. -- Der müde Nebel liebt und umschmeichelt sie. Ein stummes Weh faßt uns, ein sinnendes Weh bleibt uns in der Seele stehen. Herbstzeitlose, künde mir deine Marl -- Einer bleichen Lippe gleichst du, die der Tod geküßt--" So ähnlich klingt der.Herbstzeitlosenschmus" der Leute, die sich oor Langeweile und Nichtstun den Magen verdorben haben. Da ist mir schon jener handfesteGründer" und Bodenspekulant immer noch lieber, der beim Anblick von Herbstzeitlosen zu sagen psi«gt-' Wal ? Herbstzeitlosen? Sumpsboden: Nich trocken gelegt? So ne Schweinerei! Rin mit de Drainageröhren. Raus mit det mistige Kraut!"