Einzelbild herunterladen
 

Unterhaltung unö ÄAissen

Attentat auf Se. Majestät. Aua Gehelmatten der wilhelminischen Zeit. In d«m Elberfelder Geheimbundeprozeh im Dezember 1889 wurde der Polizeitommlssar K a m m h o f f als der lkrupelloleste Züchter einer verbrecherischen Spitzelbande entlarvt. Äammhoff hielt engste Beziehungen mit dem im Elberfelder Pro- zeh angeprangerten Lockspitzel R ö l l i n g h o f, der in internen Kreisen der Sozialdemokratie und zugleich in bestimmten a n a r ch i- st i s che n Gruppen verkehrte. Mllinghof unternahm im Austrog« der Polizei wiederholt Reisen nach Belgien , vor allem nach Verviers , um dort Verbindungen mit den Anarchisten anzuknüpfen. lieber diese Verbindimgen machte im Elberfelder Prozeh der Zeuge Derghafer sehr eingehende Aussagen. Nach dem Bericht desBer­liner Bolksblatt' in Nr. 2S6<18. Dezember 1889) brachte Rölling- hof anarchistische Broschüren und Flugblätter von Belgien nach Deutschland . Nach einer Aussag« des Zeugen Stärken erzählte Röttinghof von einem anarchistischen Kongreß. Er meinte, es wäre nichts anderes mehr zu machen, man mühte Dynamit nehmen und das Kasino und einige Kirchen in die Lust sprengen. Ja, Röllinghos bot den Arbeitern direkt Geld an,wenn sie etwas in die Luft fliegen"' lassen wollten. In dem Elberfewer Prozeh wurde weiter bezeugt, daß sich Röllinghos einmal 30 M. voneinem Poli.zeikommissar' geholt hätte. Helles Tageslicht fällt nun auf diesenanarchistischen Kongreß" und auf den Zeugen Röllinghos durch den Geheimbericht Kammhoffz über diesen Kongreß und über die oenneintlichen anarchistischen Attentatspläne. In den Akten des preuhi- schen Justizministeriums befindet sich nämlich folgender Geheimbericht: Streng geheim! Crtissime. JT. I Nr. 326. III. Elberfeld, den 25. April 1889. An die Königliche Staatsanwaltschaft, hier. Wohlderselben beehre ich mich infolg« der erhaltenen Requist- tion gehorsamst zu berichten, dah der geplante Kongreß der Anarchisten am 21. dies, in Berviers stattgesunden hat. Tags vor- her begab ich mich an den genannten Ort und konstatierte, tah der Schlosser Resonet, wohnhaft Ru« du Eanal 31, bei welchem, falls das erste Zusammentreffen am Bahnhof verfehlt worden, sich die Eingeladenen treffen sollten, i» genannter Wohnung wirtlich existiert«. Der zu dem Kongreß eingeladene Vertrauensmann Deutsch- lands meine Vertrouensperson traf in der Nacht gleichfalls in der mehrerwähmen Stadt ein. Am 21. er., mirtags 1 Uhr, trafen an dem Bahnhof Berviers der in England wohnend« bekannt« Anarchist Otto Rinke sseiner eigenen Aussage nach geboren in Ares » lau und seit 11 bis 12 Iahren eines politischen Berbrechens wegen aus Deutschland flüchtig) und noch zwei Personen mit dem Vertreter Deutschlands zusammen, von hier aus begaben sich dieselben in die vorher angegeben« Wohnung des Schlossers Resonet von mir verfolgt und beobachtet. Hier fräsen sie mit diesem und e'nem Beloier zusammen und begaben sich in die Privotwobmrng des Anarchisten Jules Char» pentier. wohnhaft Rue Betoirrnlle 20, Stadtteil Hotnnont. Daselbst wurde ein Altenkal auf Seine MasestSt den deutschen Kaiser besprochen und wurde mit dessen Ausführung p. Eharpentker, welcher sich hierzu bereit erklärt«, beauftragt. Die Ausführung wurde bei Gelegenheit der diesiährigen Herbstübungen bei der in Minden oder Münster stattfindenden Kaiserparade in Aussicht genommen. Nachdem wohnten die Personen einem unter Teilnahme von etwa 2900 Menschen stattfindenden Begräbnis eines Anarchisten bei: alsdann begaben sie sich in einen vorher gemieteten Saal einer in der Nähe des Theaters liegeichen Wirtlckafi, woselbst etwa noch 29 weitere Gesinnungsgenossen eintrafen. Hierselbst wurde das ge- plante Attentat weiter beraten und Ort sowie Zeit, wie vorge- schlagen, festgesetzt. Eharpentier befindet sich schon jetzt im Besitz von Dynamit und Bomben und wurde von dem Dorsitzenden Otto Rinke beauftragt, sich einige Gehilfen zur Ausführung der Tat zu beschaffen, während der Vertreter Deutschlands mein Vertrauens- mann den Auftrag erhielt, sich vorher über den Platz, sowie über die Gegend, an welchem die Äaiserpavade stattfinden soll, genau zu unterrichten, um dem Ausführenden als Führer dienen zu können. Die Reis« pp. Kosten werden noch Aeuherung des p. Rinke durch den russischen ausgewiesenen Fürsten Peter Krapotkin Haupt- sächlich bestritten: p. Rinke war mit cmfsallend vielem Goldgeld versehen. Rinke sowie Eharpentier forderten zu Gewalttätigkeiten heraus und erklärte Rinke, daß zu einem eventuellen Putsch durch Eharvensier oder aber durch ihn selbst aus Loiidon unter der Deck- adresse Haas« und Äembler, Ro. in London . Bruce Guone Tetten- hane<?) bezogen werden könne. Rinke reiste am 22. dies, von Berviers nach Brüssel , um mit dem dort anwesenden bekannten Anarchisten Murphy aus Hans zusammenzutrefsen. Letzterer soll dort eine Konferenz mit Boulanger gelzabt haben. In Dcrvicrs wurde in der Versammlung sestgesetzt, dah zu Pfingsten ein zweiter Kongreß In London behufs weiterer Be- sprechung. speziell mit Rücksicht auf das geplante Attentat, statt- finden soll- Mein Vertrauensmann war beauftragt, Rinke zu venmlalsen, Deutschland zu besuchen, was derselbe aber mit der Bemerkung ab- lehnte, dah ihm der deutsche Boden zu heiß soi und er dort' noch ein« Straf « von 2 Jahren zu verbüßen hätte. Ferner wurde bei dem Kongreß verabredet,«in« neu« Organi- sation behufs Agitation für die anarchistisch« Partei einzusühren: speziell sollen behus« Empfangnahme und Berbreitung onarchistt- stber Schristen pp. Vertrauenspersonen in Hamburg . Bremen und Lachen zu gewinnen versucht werden. Der Vertreter Deutichland, mein Dertrauen-monn wurde beauftragt, speziell im Wupper - tal für möglichste Verbreitung dieser Tendenzen zu sorgen und sich Vertrauensleute zu beschoffen. Während der stattgehabten Versammlung wurde ein« Menge revolutionärer Flugschriften verteilt und erlaube ich mir gehorsamst. von diesen eine An, zahl anzuschließen: 1. Die moderne Gesellschaft. 2. Di« Repräs entativ-Regienma. 3. Revolutionäre Regierung. 4. Eine Anzahl FlugblätterAn die Indifferenten". 5. Eine dergleichenAn die Frauen des Doltes". Der Polizeitommissar. ' gez. K a m m h o f f. Für die richtige Abschrift: Sieberg. > Staatsanwaltssekretär. Der Bericht de, Lockspitzels Röllinghos dieser konnnt als Berichterstatter und Vertrauensmann Kammhoff» nur in Frage

spricht von einer Attentotsberatung, an der 29 Personen teil- genommen haben sollen. Und diese fast öffentliche Beratung soll unter dem Borsitz eines so verschlagenen Mannes wie Otto Rinke stattgefunden haben? Das ist ganz unmöglich. Ja. es soll sogar ein Kongreß zur Beratung des Attentats nach London berufen werdenl Ueber diese faustdicke Lüg« mußte eigentlich selbst ein preußischer Polizeitommissar des wilhelminischen Regiments stolpern. Aber es kommt noch besser: Der Fürst Krapotkin, der einen schweren Kamps um seine Existenz zu führen hatte, sollt« der Geldgeber aller möglichen anarchistischen Unternehmungen sein. Aber wenn nur einige Quentchen Wahrheit in diesem Lügenbrei schwammen, so mußte die preußische Justiz denVertrauensmann" des Polizeikommissars Kammhoff sofort ver hasten lassen: denn der P o Ii z e i a n o r ch i st hatte ja das vermeintliche Attentat auf Wilhelm II. selbst mitbeschließen Helsen . DerDer- trauensmann" der Polizei war überdies alsFührer" auserkoren, um den Attentätern nach Möglichkeit bei ihren Plänen zu helfen. Und der ganze Attentatsplan wird gestützt und gefördert durch die Polizei selbst, die ihremNertraucnsmann" die nötigen Mittel für seine verbrecherische Tätigkeit vorschießt. Die Polizei leistet selbst an dem Attentaisplan weitgehende Beihilfe. - Der Bericht des Polizeikommisiars Kommhofs stellt sich als die schwerste Anklage gegen die Polizei und Justiz der sozialistengesetz - lichen Zeit dar. Der preußische Iuftizminlster. der preußisch« Innen­minister, ja der Reichskanzler Bismarck hoben nämlich den Bericht Kommhoffs gelesen und sie haben dazu geschwiegen. Sie schwiegen zu den verbrecherischen Machenschaften eines Polizei- kommissars und seines gedungenen Werkzeugs, die durch die Erfindung oder durch di« Begünsiigung eines Attentatsplans eine große staatsrettende, ihre Position fördernde Aktion einleiten wollten. Pr.

die Zreuöe im volksmunSe. Wenn das Volk Empfindungen schildert, trägt es gern stark aus: am liebsten verwendet es Bilder und Gleichnisse. Jeder deutsche Stamm hat dabei seine Besonderheiten, die mit dem Wesen der Menschen und der sie umgebenden Natur irgendwie zusammen- hängen. An die Spitze stellen wir den allen gemeinsamen, ebenso schönen wie wahren Vergleich, sich freuen wie ein Kind, den Goethe besonders liebte. Wenn dafür im Norden, an derWaterkont", all- gemein gesagt wird, sich freuen wie ein Stint, so ist das vielleicht nur eine witzelnde Verdrehung, obgleich Brehm im Tier- leben schreibt:Das lebhafte, anscheinend lustige Spielen der(zum Laichen im Flusse) aufsteigenden Tiere Hai zu der bekannten Redens- ortlustig wie ein Stint" Veranlassung gegeben." Denn ein Vor- gong, den nur wenige zu sehen bekommen, ist an sich nicht geeignet

Die Welt hatte für den kleinen Paul«in merkwürdiges Gesicht. Eigentlich hatte sie viele Gesichter. Sie bestand, kurz gesagt, über- Haupt nur aus Gesichtern. Eben das war das Merkwürdige. Seine kleinen Finger taten vielerlei. Aber alles, was sie taten, hing irgendwie mit Gesichtern zusammen, und zwar mit Nasen, Docken pder Kinnen. Wenn er, die Serviette unter dem Arm in der linken Hand den Schaumtnpf, mit der Rechten über die Wangen der Kunden strich, die in den breitlehnigen Rasiersesseln hingegossen saßen und hilslos die Beine von sich streckten. dann kratzten ihn di« Bartstoppeln in die zart« Haut. Sein knabcnhast rotes Antlitz rötete sich noch tiefer, und mit seinen runden blauen Aucklöcheraugen sah er zaghast aus die halbgeöffneten Lippen, die sich unter dem sanften Druck seiner seisenden Hand manchmal unheimlich bewegten. Ein dunkles«Schamgefühl hielt ihn stets zurück, seine unbehilslich« Hand an die Kehle alter, weißhaariger und würdiger Männer zu legen. Und jedesmal, wenn er sich einem feingekleideten jungen Mann oder einem sorgenvoll dreinblickenden Kaufherrn nähern sollte, zitterte er unwillkürlich. Und fast befiel ihn ein Schrecken, wenn er an die Zukunft dachte: Durch welch einen Urwald von Haaven und Bartstoppeln seine kleinen, zarten, mädchenweichen Finger sich durchzuwühlen hatten,«he er Meister würde! LosI Los! Paul!" rief der Gehilse. Paul flitzte noch vorn.Bitte!" wisperte er heiser. Er konnte schonbitte" sagen: aber der Schwung, de» der Gehilfe diesem für jeden Barbier so wichtigen Worte zu verleihen wußte, die fein« welt­männische Dehnungbit.. tee", die mit einer knallende», eleganten Hebung der letzten Silbe endete, hatte er noch nicht heraus. Der Ge- Hilfe hing jeder Berrichtung, die er vornahm, dieses Beiwort an. Wenn er den Kunden«inseist«, daß di« Schaumslocken flogen, wenn er die Nasen nach rechts oder links bog, wenn er mit dem Handtuch die Wangen abtrocknete, wenn er die Röcke mit der Kleiderbürste ab- staubt« immer erklang ein elegantesBit... teece!" Wenn er einen Scheitel mit dustenden Essenzen anspritzte, wenn er. mit dem Tuche wallend, eine Verbeugung machte, wenn er die.Hand nach dem Trinkgeld ausstreckte, stets erfolgte sein:Danke bit... tee!" Er öffnete devot die Tür:Aus Wiedersehen der Herr, dank« bit... tee!" Würde Paul es jemals erlernen? Mit Kummer dachte er daran, welch ungeheure Ausgaben ihn in der Zukunft noch erwarteten. Zwischen oll den fremden Menschen arbeitete er herum, vorn und hinten, rechts und links klang da» kratzende Geräusch der Messer, sang das schrille Quietschen der Scheren und schnurrte die arbeitende Gleichmäßigkeit der Haarmaschinen. Cr war so klein, daß er den meisten Leuten, die von ihm die Ver« schönerung ihres Aeußeren erwarteten, kaum bis an die Brust ging. Der weiße Kittel, den er von seinem Lorgänger geerbt hatte, hing ihm fast bis zu den Knöcheln herunter. Was gab es alles für ihn zu erreichen! Ihm schwindelte: Wachsen sollte er, ein Mann werden, rasierxn sollte er, haarschneiden, frisieren, ondulieren, schamponieven, manicuren, olles mit seinen zwei ungelenken Händchen! Alles, alles sollte er lernen! lind das in vier Iahren! Wie wenn es über feine Kräfte ging? Und er wieder auf die Schule zurückmußte?... Denn Paul glaubte, daß nur der ins Leben hinaustreten durste, der größer wurde und etwas gelernt hatte. Und er hatte sich doch so sehr nach dem Leben gesehnt! Manchmal, wenn er in einer Eck« des Lodens stand und ge- dankenlo» durch die hohe breste Fensterscheibe hinaus auf das Ge- wirr in den Straßen blickte, überkam ihn das große, reißende

Vellage des Vorwärts

zu einem Gleichnis. In Thüringen und Sachsen s r e u t m a n I i ch w i e e i n S ch n« e k ö n i g. Die Redensort hat sich auch weiter verbreitet, nur daß man nicht überoll weiß, daß dys«in Rani« für den Zaunkönig ist. Wer einmal beobachtet hat, wie flink und behend dieser kleine Etwas durch Hecken und Reisigbündel schlüpft und, auch wenn es Stein und Bein friert, mit keck aufgerichtetem Schwänzlein sein schnarrendes Liedchen schmettert, der wird den Vergleich begreifen. In den raschen und leichten Bewegungen gewisser Tiere sieht das Volk, oft unter Verkennung der Wirtlichkeit, einen Ausdruck der Freud « und des Wohlbefindens. Schon mittelalterliche Dichter verwenden den Vergleich wohl wie ein Fisch im Wasser, ebenso wie Goethe in seinem Gedicht vom Fischer:Ach. wüßtest du, wie's Fischlein ist so wohlig auf dem Grund." Für den Nord- deutschen, den Nachbarn der Meeresküste, ist springlebendig Ausdruck menschlicher Lebenslust und Gesundheit. Das Wort stammt aus dem Fischhandel. Fisch«, die noch springen, sind zweifellos frische Ware, nur daß sie nicht vor Lebenslust springen. Mittel- und Oberdeutsche ziehen die Vögel zum Vergleich heran. Fast hört man den heiteren Gesang der Vögel aus dem v ö g e l i w o h l der «schweizer, das gesteigert ist in dem elsässischen wohl wie der Vogel im Hanfsamen. Das Grimmsche Märäzen vom klugen Schneiderlein schließt mit den Worten:Er lebte»üt ihr vor- gnügt wie eine Heidelerche." Einen anmutigen Vergleich gebrauchen die Schwaben : wieseleswohl. Wie nimmt sich da- neben das in Berlin so beliebie quietschvergnügt aus! In dem ursprünglich wohl studeutischen kreuzfidel istkreuz" als beteuernder Ausruf auszufassen. Weniger würden sich nomentlichi die Domen mit dem weps'nlebendig der Tiroler bcsreunden, das zum Beispiel Karl Schöi!l)err inGlaube und Heimat" ver« wendet. Auch das ostpreußische hl i g(d. h. lustig) wie die Laus i m Schors würde der Hamburgerin ihrIgittigitt!" ent- locken. Es verrät doch zu deutlich die slawische Nachbarschaft. In Nord und Süd aber gibt es Leute, die bisweilen ihr Bebagen darin finden, im Schlamm zu wühlen und sich zu fühlen, und sich dabei sauwohl zu fühlen, wie die lustigen Gesellen In'Auerbachs Keller singen:lins ist kannibalisch wohl, al» wie fünshundert Säuen." _ O. H.

Händelrocknen ohne Handluch. In den Waschräumen einer großen Fabrik bei Düsseldorf gibt es keine Handtücher! Wie trocknen sich denn die Tausende von Benutzer» ihre Hände? Aus Schächten neben den Waschtischen strömt erwärmte, trockene Lust. Nach dem Waschen hält man die Hände einen Augenblick in den Luststrom, und sofort sind sie trocken. Wer sonst in viel benutzten Wasch- räumen die Handtücher gesehen l)at, wird diesesTrockne mit Luft!" als einen hygienischen Fortschritt allergrößter Bedeutung freudig begrüßen.

«Staunen vor d» Gewalt der Lc&ensdinge. Hier stand er nun in dem viereckigen Raum, in dem es immer nach Seife und unbestimmte Wüns«che erregenden Parfümen roch, ungekannt, kaum beachtet, und wie durch ein Guckloch sah er draußen das helle Leben vorüber- fluten, das mit seinen Wellen an di« breite Scheibe des Ladens schlug und manchmal durch die sich jäh öffnend« Tür bis zu chm hereinspült«. Jedesmal, wenn die Tür aufflog, erstaunt« er ob des Ungeheuren, Ungekannt«» und Unerwarteten, das da mit fremden Schritten in di« Stille des Ladens hcreindrang. Nach und nach wurde Paul der Laden mit allen seinen Einzel- heiten vertraut. Die Büchsen, Dosen, Flaschen und Kapseln, die in schimmernden Glasschränken die Wände entlang aufgereiht standen, die großen, hohen, blanken Spiegelscheiben, die unförmigen Rohr- geflechtsessel mit den mächtig geschwungenen Rücken- und Armlehnen, jede» Gerät, jede Ecke, jedes Släubchen, jedes Spinngewebe, das hoch oben an der Decke hing. Hier war er und hier stand er. Und nachdem er so Fuß gefaßt hatte in einer Welt des ZSechfels und der verwirrenden Erscheinungen und eine kleinere Welt um sich fühlt«, die ihm vertraut war, schöpfte er wieder Mut und sah auch neugierig nach der Straß«, die vorüberlärmte. Hier war der Mittelpunkt, in dem sich ihr Leben brach! Hier war das Ohr, in dem sich ihre Geräusch« fingen! Hier war dos Herz, zu dem ihr Blut zurückpulste! Hier stand er. der kleine Paul, und bereitete alle die großen Leute zu den bedeutenden Unter- nehmungen vor, die ihr Tag bringen würde. Hier geschah e», daß alle jene, die draußen in der großen Welt irgend etwas bedeuteten, die eilten und wichtige Geschäfte vollendeten, sich ruhig auf seine höfliche Einladung in den Gessel niedersetzten, es sich gefallen ließen, daß er mit seinen Händen ihnen ein Tuch uorband, und bescheiden warteten auf das, was er mit ihnen vornahm. Er glättet« ihre Frisuren, er zog ihr« Scheitel, er rollte ihre Locken, er strich ihr« Bärte und reinigt« ihre Backen. Er machte st« erst menschenmöglich. Zu ihm kamen sie alle. Bor ollem, was sie taten, kamen sie zu ihm. Don ihm nahm ihr Tagewerk und Ihr Tun seinen Ausgang. Der Lehrling Paul brütete in feinem Kopf allerhand kühn« Gedanken aus. Seine Augen sahen, während er das Rasiermesser schwang, in fremde Augen hinein. Cr gewöhnte sich an ihr« Blicke. die er zuerst gefürchtet hatte, und sah tieser hinein in das Geheimnis der fremden Seelen. Glitzernde Funken perlten aus seinen Pupillen in die Augen der Fremden nieder. Der Lehrling Paul wertete den Laden zum Sd)aupiatz des Lebens. Märchenhost huschten die Gestalten aus und ein. Märchen- Haft waren ihre Bewegungen und ihre Formen. Märchenhaft fühlt« er das rosige Fleisch der Gesichter und die stachlige Fremdheit ihrer Bärte unter seinen Fingern. Leidenschaften, die er nicht kannte, und die ihn schaudern machten, ruhten still und gelassen unter seinen Händen, wenn sie vorsichtig und sachlich über die Gesichter und Köpfe fuhren. Keiner von oll den seltsamen Gestalten widerstrebte. tat keinen Mucks, keiner wehrte sich. Allen durfte er mit seinen Fingern die Barte streicheln und die Wangen und Schläfen liebkosen. Paul war seinen Märchengestalten gut. Er konnte sie bald olle. Er liebt« sie. wie man eine Puppe liebt. Und er spielte mit ihnen wie mit Puppen.... Wenn die Tür ausging, dann ruckte er mit dem Tuche, daß es knallte, rückte«inen Stuhl zurecht und, auf den Zehen stehend, schob er leise und mit ernstem Gesicht di« blütenweiß« Servjett« in den Kragen. Dann strich er den bösen, grimmigen, großen Männern mit zärtlichen Fingern den weißen Schaum um die Lippen, und sie lächelten ihm zu und taten ihm nichts zuleid.

Oer Guckkasten der Welt. Do» Watter Meckauer.