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Nr. 592.
B 293
44. Jahrgang
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Donnerstag 15. Dezember 1927
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Auguft Schmelzer für den Mord verantwortlich.
Das Gutachten des Kreisarztes im Arensdorfer Prozeß.
F. Kl. Frantfurt a. d. O., 15. Dezember. Zwei Momente riefen in der heutigen Bormittagsver» handlung besonderen Eindruck hervor. Der erste war das Erscheinen der Mutter des erschossenen Reichss bannermanes Bollant aus Erfner. Diese Frau erschien am Arm ihrer Tochter, tief in Schwarz gekleidet, und machte ihre Aussage über die letzten Lebenstage ihres Sohnes unter fortwährendem Schluchzen.
von vorn getroffen, mahrscheinlich, weil er sich gerade umgedreht hatte. Die Wahrscheinlichkeit bafür, daß ein sofortiges Eingreifen den Tod verhindert hätte, war nach Ansicht der Gutachter nicht gegeben.
Nebenklager Kuhl : Tieße saß schon auf der Bank im wagen, als er den Schuß befam. Er sagte nur noch: Ich glaube, ich bin getroffen", dann wurde er biaß im Gesicht und fant hinten über. Während der Fahrt wurde er dann von den uns entgegen tommenden Polizeijanitätern verbunden, aber er starb bald danach. Beschwerden der
Berwundeten.
Während die Frau unter heftigem Schluchzen und Weinen fizend ihre Aussagen macht, rührt sich in den Ge- Krankenhaus Frankfurt a. D. fichtern der beiden Angeklagten auch nicht die kleinste Muskel. Kein 3ug verrät, daß sie irgendwelche Anteilnahme an dem Schicksal derer empfinden, denen fie die Kinder geraubt haben. Die trauernde Mutter wird auf ihren Wunsch sofort nach ihrer Aussage aus dem Gerichtsfaal entlaffen. Sie wendet sich noch einmal schmerzerfüllt und voller Zorn den Angeflagten zu, aber fie fagt fein Bort und läßt sich von der Tochter hinausgeleiten. Die Angeklagten fehen ihr teilnahmslos nach.
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Die weitere Sensation bildeten die Aussagen der Sach verständigen. Zunächst wurde die Todesurface im Falle Wolfant eingehend erörtert. Insbesondere richtet sich die Fragestellung darauf, ob der nachträgliche Tob des verlegten Bollant auch eine Folge des Schuffes jei oder ob andere hinzugetretene Momente den Tod verursacht haben. Die Sachverständigen find übereinstimmend der Meinung- wie bei der Obduktion festgestellt wurde, daß Bundtrampf den Tod herbeigeführt habe.
Kreisarzt Medizinalrat Dr. Müller aus Frankfurt erstattet fodann fein Gutachten über den Befund des Angetlagten August Schmelzer, den er alsbald nach feiner Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis untersucht hatte. Es hat damals einige fleine Berlegungen, vor allem Hautabschürfungen im Gesicht und auf dem Kopfe, bei ihm festgestellt, erklärt diese Berlegungen jedoch sämtlich für äußerst harmlos und hält es für ausgeschloffen, daß diefe von einem Gummifnüppel oder gar von einem Schlagring herrühren könnten.
Bas die geistige Beschaffenheit des Angeklagten anbetrifft, so hat er den Eindruck gehabt, daß dieser Mann über die Borgänge und seine Beteiligung durchaus logische Angaben und nicht im geringsten den Ein. druck eines Geistestranten machte. Im Anschl an dieses Gutachten, das zusammenfassend erklärt, daß er Schmelzer für einen Psychopathen, aber nicht für cinen Geisteskranken halte, soll der leitende Arzt der Jrrenanstalt Sorau , Dr. Ahrends, vernommen werden, und an
Unter allgemeiner Aufregung betrat dann die Mutter des zunächst schwerverletzten, nach vier Bachen am Bundtrampf geftor. benen Richard Wollant den Saal Bon fortwährendem Schluchzen unterbrochen, schilderte fie, wie sie ihren Sohn am Tage nach dem Unglüdsfall im Krankenhaus in Frankfurt besucht habe. Der Arzt Dr. Schmidtbiehl habe sie erft nicht vorlassen wollen. Die Krankenschwester habe das Verhalten des Arates damit zu ent schuldigen gesucht, daß fie erklärt habe, der Arzt habe ichlechte Laune, weil er gerade im Mittagsschlaf gestort worden let Ihr Sohn habe dann sehr geflagt über einen ganz durch- bluteten Berband, der noch nicht gewechselt jei. Bei einem. päteren Befuch habe er gemeint, der Arzt habe wohl nicht piel für ihn übrig. Nach bret Wochen habe sie dann von ihrem Sohn die Nachricht erhalten, daß er geröntgent fai und nach Haufe dürfe, morauf sie ihn nach Ertner geholt habe. Von dort sei er dann auf Anraten ihres Arztes, Dr. Königsberg, in eine Privat. finif in Berlin- Schöneberg gekommen.
Dr. Königsberg aus Erfner berichtete, daß er Bollant im Krankenhaus in Frankfurt einmal besucht und ihm geraten babe, bort zu bleiben, bis er geröntgent sei und bis das Fieber gesunken fei. Zu seinem Erstaunen und ohne sein Zufun sei dann Wollant aber doch, obwohl er hohes Fieber haffe, nach Erfner übergeführt worden.
Das Fieber sei dann am nächsten Tag gefallen, aber die Wunde habe start geeitert, so daß einige Tage später in der Privat flinif bie Operation vorgenommen wurde. Der Arzt äußerte sich dann über den ärztlichen Befund des von ihm behandelten Reichsbannermannes. Die Frage der Verteidigung, ob das vorzeitige Ver
laffen des Krankenhauses vielleicht nachteilig für die Krankheit des
Bollant gewesen sei, verneinte der Sachverständige. Auf Befregen eines Geschmorenen und des Bertrefers der Rebentläger gab Dr. Königsberg weiter an. daß Wollant über die Pflege in Frank furt geflagt habe, ob mit Recht, wisse er nicht. Er persönlich hätte allerdings erwartet, daß ihn bei seinem Besuch der Krankenhausarzt persönlich an das Bett des Patienten geführt hätte, was aber nicht geschehen sei. Der Nebenfläger Busch erklärte im Bufammenhang hiermit ebenfalls,
daß der Arzt die Wunden nur ganz flüchtig angesehen habe. Borf.: Sie haben sich also anscheinend im Krankenhause nicht ganz wohl gefühlt? Nebentläger Busch: Nein. R.-A. Nehab: Hatten Sie alle das Bestreben, aus dem Frankfurter Krantenhaus fe schnell wie möglich herauszufpmmen? Die Neben tläger( faft einstimmig): Jawohl. Es wurde dann noch festgestellt. daß fomohl die Berlekten, wie auch Wollant die sogenannte Totanus- Sprize pegen Bundstarrframpf erhalten haben.
Der Chirurg Dr. Jacobi aus Schöneberg schilderte den Verlauf der Operation an Bollant und den unglücklichen Ausgang infolge des Wundstarrtrampfes.
Lerche Bollants vorgenommen hat, gab an, daß fich Gerichtsarzt Dr. Fraenfl aus Berlin , der die Settion der
Anzeichen von Blutvergiftung
vorgefunden hätten, daß aber zweifellos Tofanus- Bazillea am Geshoh gewesen felen. Die Tocesurfache fei Wundsfarrtrampf infolge der erli tenen Schußperlegung. Der Schutz durch die Impfung balte mur 7 Tage vor was in der Braris vielfach nicht bend tet werde. Selbst bei völligem Berheilen der Wunde würde immer die Gefahr bestehen, daß bei irgendeinem Eingriff die Infektion erfolgen werde, auf der anderen Seite sei diese Operation notwendig gewesen, um den Elter abzulassen.
Bon der Verteidigung wurde hierzu der Antrag gestellt, den Krankenhausarzt Dr. Schmidtdichl als Zeugen zu laden.
Dr. Steinbih bestätigte ten Obduktionsbefund und erflärte es auf Befragen des Vorsitzenden für ausgeschlossen, boß die To'annsBazillen auf dem Wege des Geschosses durch die Kleider auf die Kugel gelangt seien.
Gutachten der Schießfachverständigen. Rachdem Landjäger Dherleutnant Kurth über feine Ermitt
tungen in Arensdorf und über die Auffindung der Patronenhülsen
Der Sachverständige als putschiffenfreund.
ſchließend daran der Nervenfachverständige Dr. Blaczet Sozialdemokratische Anklage gegen den Rorvettenfapitän Canaris im Unter
über die Glaubwürdigkeit des fleinen Zeugen Ber melcher. Es verlautet, daß dieses leßtere Gutachten etwa dahin ausläuft, daß nach allem, was man über die Psyche der Kinder und in diesem Falle des Jungen selber meiß, seine absolute Glaubwürdigkeit nachgewiesen wird.
Zum heutigen Berhandlungstag waren außer den noch nicht vernommenen Zeugen auch die Sachverständigen vollzählig erschienen, acht medizinische und ein Schießfachverständiger. Zunächst wurde der 15jährige Arbeiter Paulte aus Arensdorf vernommen. Er schilderte die Schlägerei im Dorfe, bei der August Schmelzer zunäch st mit einem Degen dazwischengehauen habe. Später hätte dann noch August Schmelzer mit dem Gewehr in der Hand, während sein Bater mit einigem Zwischenraum neben ihm ging, die Reichs bannerleute verfolgt und dazwischen geschossen.
Darauf wird noch einmal der Junglehrer Röleler vernommen, ber geffern die ungünstige Aussage über einen 13jährigen Zeugen muß er heute zugeben, daß er erst am 31. März b. 3. auf einen entsprechenden Regierungserlaß aus dem Stahlhelm ausgetreten ist. Scine Gesinnung hat er nicht gewed felt. Es tommt dann eine Besmerde zur Sprache, die gegen einen Arens dorfer Lehrer wegen mishandlung eines Schülers erhoben worden ist. Rechtsanwalt Nehab behauptet, daß Röfzler den betreffenden Schüler in diesem Zusammen ang wider etlich vnd mit Gewalt zum Arzt gebracht habe. Zeuge: Das stimmt nicht. Rechts amwalt Falkenfeld: Auch die Beschwerden gegen Sie felbſt find wohl größtenteils aus Arbeiterfreifen gekommen? 3euge: Ja wohl, ich habe einmal gegen den Bater des in Frage fominent en Schülers Strafantrag gestellt. In dem Urteil murde festgestellt, dah mit feine Unregelmäßigteiten zur Last gelegt werden
tonnten.
Bernehmung der Sachverständigen.
suchungsausschuß des Reichstags.
Der Schlußaft in dem großen Trauerfpiel, betitelttailer liche Marine". Jum legten Male werden die Gespenster der Gefchundenen und Erschossenen beschworen Fast törperlich stehen fie vor uns im blassen Licht eines der nüchternen Sigungssäle des Reichstags, in dem nach längerer Baufe der Barlamentarische untersuchungsausschuß zur Entgegennahme der Schluß berichte zusammengekommen ist.
Auf der Anklagebant fißt... Ja, wer eigentlich? Die ehemals Raiserliche Marine? Ihr Offizierkorps? Nein. Angeklagt ist hier der höllische Ungeift jenes Militarismus, der seit einem Jahrhundert und länger ungestraft die Völker der Erde ichinden darf. Jener Un geift, der gerade in unseren Tagen in den Dokumenten des christlichen Gewerkschaftlers Stumpf, der Broschüre Dittmanns fünstlerischen Beichte Georg von der Brings in seinem Soldat Suhren", in Barbusse und zahlcsen anderen Schriften ongeprangert worden ist.
"
der
Der Berteidiger der Marine ist Herr Brüninghaus. Der frühere faiserliche Admiral, flein, mit dem abgehackten Tonfall des ehemaligen Militärs, spricht mit der Robustheit eines sich unbe schwert fühlenden Gewissens. Man möchte ihm beinahe glauben, daß er das Grftem nicht empfunden hat, das er verförpert. Der Mann, der es über sich vermochte, den Einpeitscher des Tabatfapitals Segen die hungernden Tabalarbeiter zu spielen, diefer Mann bringt ohne Hemmungen den Mut auf, das zusammengebrod, ene System bis zum lehten zu rerieiten.
Bor Eintritt in die Tagesordnung gab Genosse Dr. Moses eine Erklärung ab, die eine
schwerste Belastung des Marinefachverständigen Korvelfentapitän Canaris bedentet. Die Erklärung lautet wörtlich:
Es folgt die Bernehmung der Sachverständigen. Kreisarzt Dr. Müller und Dr. Wintet aus Frankfurt berichteten über den Obbutionsbefund bei dem erschossenen Reichsbartnermann Karl Tiezzz, Die Kritif, mit der wir seinerzeit Herrn Korpettenfapitän dem ein Gefchoß in die rechte Lunge gedrungen war, so daß der Tod Canaris als Vertreter des Reichsmarineamtes abgelehnt haben, burch Berbluten eintrat. Nach Betundung der Aerzte wurde Tiege lift uns in manchen Kreifen fehr verübel worden. Inzwischen hat
fich gezeigt, daß unser Urteil über diefen Bertreter des Reichsmarineamtes noch viel zu milde gewesen ist. Nach Veröffentlichungen der Weltbühne"( Nr. 34 und 36, 1927), die bisher noch von feiner Seite dementiert worden sind, hat Heir Tanar's auch noch nach der Revolution eine Tätigkeit ausgeübt, die ihn unmöglich zum Sach
verständigen qualifiziert. Er hat als erster Offizier des Kreuzers Berlin " in Kiel seinerzeit den Führer der Organisation Consul , den Rittmeister a. D. Lieder, zweds Aufbau der DC. laufend mit Geldern von der Marinestation der Ostsee, bzw. von der Marineleitung Berlin versorgt Das gleiche geschah mit dem Leiter der DC. in Mecklenburg , dem früheren Decoffizier Boh, der daraus seine Vorbereitungen zum Hitler Butsch finanzierte. Dem Leiter der DC. in Riel hat Canaris durch die Marinestation Waffen, Uniformen ufm
für die Mannschaften zur Berfügung gestellt.
Der DC.- Chef ha te durch die Allmacht des Canaris bald meh zu gen als der eigentliche Befehlshaber der Ostseestreitkräfte." ( Beltbühne.") Herr Canaris ift auch in ein Attentats. verfuch gegen General Seedt verw: delt, ber bis heute noch der Aufflärung harrt Schließlich ist befannt geworden, baß durch ihn auch die Finanzierung ber Bereinigten Vaterländischen Verbande von Schleswig- hot. stein einschließlich des Widingbundes erfolgt ist. Diese Be fchuldigungen, die auf der Aussage des in erster Line selbst beteiligten Leiters der DC. in Kiel beruhen, find so gravierend, daß eine Ablehnung des Kapitans Canaris als fachverständiger Gutachter vor dem Untersuchungsausschuß mehr als gerechtfertigt ist. Aufs neue muß dem Erstaunen Ausdrud gegeben werden, daß man im Reichsmarineamt es wagen tonnte, eine Persönlichkeit von solchen Qualitäten dem Un erjudungsausschuß als amtlichen Bertreter und Gutachter zu präsentieren.
Die Erklärung foll dem Reichsmarineamt zur Aeußerung übermittelt werden. Sollte sich sein Inhalt bestätigen, so würde das eine Anflage gegen die Personalpolitik des Reichsmarineamts bedeuten, die nicht ohne schwerstwiegende Folgerungen bleiben darf.