Beilage
Freitag, 24. August 1928.
Der Abend
Spalausgabe des Vorwärts
fräsen Gürtelschnallen, schneiden die Stücke gleichmäßig und legen sie dann zum Muster auf, machen aus den Muschelresten Serviettenringe.
verschreiben? Merkwürdig, seit die organisierten Arbeiter in Adorf eine Gewerbehygiene und beffere Wohnungsverhältnisse( sie sind immer noch verbesserungsbedürftig genug) fennen, seitdem sterben sie nicht mehr so rasch an der Proletarierkrankheit. Die Krankheitsziffern würden aber noch fleiner, wenn die Zahlen auf den Lohn beuteln größer würden.
Für die Insassen der Automobile, die auf der sauber gepflaster.| Schleif- und Polierapparat, fie fassionieren die dünnen Muschelstücke,| franken nicht zwei Monaet Kur in einer Adorfer Perlmutterfabrik ten Straße nach Bad Elster im Vogtlande fahren, ist Adorf ein unangenehmes Verkehre hindernis. Aus der Freiheit der Landschaft verirrt sich die Chaussee plötzlich in diese Mausefalle. Schritt fahren! tommandiert eine Tafel mitten im Häuserwinkel, das einen Rubisten in Entzücken versetzen könnte. Ineinandergeschachtelt rücken die Straßenzüge das linke Elsterufer hinan, und oben hocken breit und wohlgenährt die Behörden. Ein Baumeister hat auf den von Brandkatastrophen und vom Spetulationsfieber durcheinanderge schüttelten Häuserhausen die dazu passende Kirche gefeßt. Ihr Turm meist wie ein viermal zerquetschter Zeigefinger von der trübseligen Gegenwart hinauf ins Ungewisse, das heute auch grau und troftlos ist und ohne Freude.
Aber auch Adorf hat sein Kulturzentrum, bitte! Im alten Gafthof zum goldenen Löwen, der schon seit vier Jahrhunderten von ein und derselben Familie verwaltet wird, zeigt der Ober mit Andacht und Stolz das Stübchen, in dem Goethe sein etliche Dutzend Meter langes Gedicht ,, Hermann und Dorothea " geschrieben hat. Der Besucher beult sich den Kopf an der niederen Tür ein und sieht dann ein dumpfes Mauerloch", alte handfeste Stühle und Tische, eine Anlage zur Kienbeleuchtung, an den Wänden alte Stiche und im Schrank allerlei Geschirr.
Adorf gehört zu den Orten, von denen man sagt: Hier möchte ich nicht einmal im Goldrahmen hängen! Schön. Doch die achttausend
Menschen, die hier leben müssen,
werden nicht so schnell mit Adorf fertig. Vielleicht haben sie, von einer Minderheit abgesehen, gar nicht das Bedürfnis, menschlicher zu leben. Sie wissen nicht, daß es ihnen schlecht geht. Nur einige vergleichen das Leben der Faulenzer in Bad Elster mit ihrem Dasein und kommen zu Ergebnissen, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen, und wenn der Kirchturm noch proziger wäre und das Gefängnis noch stärkere Gitter hätte.
In der Spinnerei und Weberei von llebel und in den Tertil. merken stehen die Arbeiter vom ersten Morgengrauen bis zum Abend, wenn das Licht des Tages längst ausgelöscht ist. Die von ihnen produzierten Baumwoll, Neffel- und Wollstoffe, Teppiche und Läufer werden auf dem großen Umladebahnhof verfrachtet, wo eine im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer starke Beamtentompagnie nicht weniger ausgebeutet wird, trotzdem aber kaum etwas wissen will von einer Gemeinschaft mit den Hungerleidern in den Fabriken. In den grauen Wohnvierteln der Stadt, die wie ausgestorben da liegen, fizen die Zäcklerinnen und Stickerinnen über der Heimarbeit und plagen fich für den Faktor und Fabrikanten, die beide von dieser Arbeit leben wollen und dabei vergessen, daß die Proletarier nicht von der Luft leben können, auch wenn sie so gut ist wie in Adorf . Unter dieser Arbeiterbevölkerung, die noch nie die Kraft aufbrachte, eine Linksmehrheit in das Rathaus zu schicken, findet der suchende Reporter noch eine Gruppe seltener Art:
die Perlmutterarbeiter.
Seit ungefähr 1850 gibt es in Adorf eine Berlmutterindustrie. Mit ihren primitiven Werkzeugen bastelten die Muschler", was die Mit ihren primitiven Werkzeugen bastelten die Muschler", was die Mode ihnen vorschrieb. Reich geworden ist keiner, wenn er darauf versessen war, von seiner Hände Geschicklichkeit zu leben. Heute sind diese Heimarbeiter bis auf einen winzigen Reft verschwunden. Die hundert Adorfer Muschler stehen in den Betrieben. Zu jährlich zwei Monaten Monte Carlo reicht ja der Lohn nicht gerade, nicht einmal zu Bad Easter, obgleich das nur einen Kazensprung entfernt ist, aber ganz so miserabel wie den anderen Heimarbeitern geht es ihnen nicht mehr. Das klingt doch sehr hübsch, nicht? Der Vergleich wird eben nur dann deutlich, wenn man weiß, wie tief im Elend die Perlmutterarbeiter saßen.
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In einem alten Haus, über das der Vorsitzende des Heimatschutz- und Altertumsvereins einen begeisterten Artikel für die Sonntagsbeilage des Wochenblattes schreiben fönnte in die Bude einziehen wird er natürlich nicht! wohnt hinten im Hofwinkel einer von den letzten Zeugen des aufreibenden Kampfes zwischen Kapital und Heimarbeit. Dieser Zeuge ist front und arbeitsunfähig und bekommt pro Tag sechs Neugroschen" Krankengeld. Aber er flagt deshalb nicht. Mehr hätte er auch nicht, wenn er arbeiten würde. Was hat es nun für Zweck gehabt, daß er früher
mit Frau und Kindern bis Mitternacht geschuftet hat! Na, früher ging es ja immer noch. Da kamen sogar die Borzellanmaler aus dem Bayerischen herüber, weil sie bei der Perlmutterarbeit mehr zu verdienen glaubten. Aber die haben sich bald wieder auf die Strümpfe gertiacht. Wie die Adorfer Unternehmer mertten, daß die Perlmutterindustrie beinahe ein Schlaraffenland zu werden drohte, wo den Arbeitern außer dem Muschelftaub gebratene Gänse ins Maul fliegen fönnten, da drückten fie die Löhne immer tiefer. Zum Beispiel: eine Zeitlang gingen die fleinen in Perlmutter eingefaßten Bismarckbilder sehr gut. Drei Mark bekamen die Arbeiter für das Dutzend. Nach einiger Zeit, Bismard hatte seinen Berlmutterschimmer noch nicht eingebüßt, wurden nur noch 75 Pfennige bezahlt. Wenn da ein Muschler zum Militär kam und seine drei Jahre Drill udt hatte, tonnte er die Augen aufreißen über den Wandel der Lehrverhältnisse: aus den 75 Pfennigen waren inzwischen 15 Pfennige geworden! Bon früh bis spät in die Nacht hinein hockte der Muschler in seiner Ecke am Schleiftisch, staubumwölft. Oder er bastelte mit der Laubsäge an den Broschen herum cder an den„ Nippes", die damals Mode Wenn die ganze Familie weniger als vier Kinder zu haben, war eine nationale Schmach mit zugriff, dann sprangen am Ende der Woche etwa vierzehn Mark auf den Tisch. Ein Heidengeld, für das sich lohnte, den Buckel frumm zu machen vor dem Herrn", in deffen Macht es stand, beliebig weniger auszupaden. Heute sind die Perlmutterarbeiter fast sämtlich organisiert. Sie haben durch einen vierzehntägigen Streit einen Höchstlohn von 75 Pfennig die Stunde erobert. Dieser Lohn nimmt nach dem jugendlicheren Alter zu ab. 42 Pfennig ist der Minimallohn.
waren.
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Für diesen Lohn müffen fie Qualitätsarbeit leiffen.
Im Gebrüll der Maschinen, umnebelt vom Muschelstaub, der trotz der Staubsauger an jedem Arbeitsplatz die Muschler mit einem feinen Puder bedeckt, entstehen die schimmernden Schalen und Aschenbecher, die Perlmutterbelage von Schatullen und Bestecken, Toiletteartikeln und Servierbrettern. Die billige Flußmuschel wird heute fast nie mehr verarbeitet. Muscheln aus Kalifornien , aus der Südsee und aus Frankreich werden eingeführt und müssen ihre versteckte Schönheit preisgeben. Von Uebersee kommt das meiste Rohmaterial, nach Uebersee geht die meiste Fertigware wieder. Das bigotte Amerika ist zum Beispiel ein Großabnehmer von-perlmutterbelegten Kruzifigen. Ein grauenhafter Kitsch: der Gekreuzigte in schimmernder Perlmutterfassung! Seht ihr, das ist echtes Christentum!
Die Muschler wurden früher, als sie noch teine Organisation und feine sozialdemokratische Partei hatten, die ihnen fürzere Ar beitszeit, etwas mehr Lohn und Hygiene in die Betriebe brachten, von der Schwindsucht hinweggerafft. Ach mo, der Muschel staub ist doch nicht ungesund! Es gibt Aerzte, die diesen Stands punkt einnehmen. Weshalb sie dann ihre gutzahlenden Lungen
An den schimmernden Wundern von Adorf flebt viel Arbeiternot und Kleinstadtelend.
Wenige in dieser müden Stadt wissen, wie groß ihr Elend ist. Sie ,, bleiben im Lande und nähren sich redlich". Und durch den Bahn hof von Adorf fahren die Bäderzüge nach Elster und in die tschechis schen Kurorte. An den breiten Fenstern stehen sie, die nicht im Lande bleiben und sich dennoch nähren, daß sie sich redlich plagen müssen, wieder etwas abzunehmen sie schenken der vorüberhufchenden Stadt einen uninteressierten Blick und vertiefen sich dann wieder in ihr Magazin, aus dem ihnen entgegenlächelt, was dieses Dasein an Genüssen zu bieten hat. Draußen huschen die letzten Häuser eines Drtes vorbei, der für einige tausend Menschen ein Schicksal bedeutet: Menschen am Kreuz wenn es gut geht, mit Berlmutter eingefaßt.
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Haldane und die Studenten
Das Parlament im Internat.
Die Nachricht vom Tode Lord Haldanes, als einer der sym pathischsten Persönlichkeiten der englischen Hochpolitit, läßt mich an meine Orforder Studentenzeit zurückdenken, wo er vor uns jungen Leuten sprach und ungewohnten Aufruhr erregte. Es war im Debattierklub der Orforder Studenten, einer Einrichtung, die zur politischen Schulung der zufünftigen Beamten, Verwalter und Leiter des britischen Weltreichs nicht wenig beiträgt, und er verteidigte dort 1913 die Politik des liberalen Kabinetts unter Führung Lloyd Georges. Seine ruhigen, fachlichen Ausführungen fanden grimmig erregte Gegner unter dieser Jugend, die, wie ja überall, ihrer oppofitionellen Stellung zu der mißliebigen Regierung um viele Grade schärfer als gefeßtere Altersklaffen Ausdruck gab.
Wenn etwas in England von deutschen Verhältnissen ver schieden ist, dann ist es das Studentenleben. Bei uns träumte noch vor kurzem der" Mulus" von der akademischen Freiheit". Als traffer Fuchs, gestützt auf den Geldbeutel seines alten Herrn, sieht er die Freiheit in der Möglichkeit, das Kolleg zu schwänzen, in der Zügellosigkeit beim Saufen und Raufen. In kleinen deutschen Universitätsstädten herrscht noch heute diese Auffassung. In England bestand sie nie, dort ist das Universitätsleben eine Fortsetzung des Internats der höheren Schule. Orfords Universität besteht aus 22 Kollegs, die nichts anderes als Internate sind, in denen die Musensöhne durchweg in puritanischer Einfachheit wohnen. Mit den Tutors und Profesforen speisen sie gemeinsam in den hohen gotischen Speisesälen an schweren eichenen Tischen, zum Teil noch bei Kerzenbeleuchtung, männer und berühmten Gelehrten, die einst Schüler dieses Kollegs während von den Wänden die Bildnisse all der großen Staatsgewesen sind, auf sie herabsehen. Auf der Straße darf sich der Student nur in der Studententracht sehen lassen, dem " gown", einem leichten schwarzen Talar über der sonstigen Kleidung und dem Studentenbarett, wenn er es nicht vorzieht, barhäuptig z. B. zum Tee zu gehen. Abends muß er pünktlich zur Polizeistunde um 11 Uhr zu Hause sein! Wenn er privat wohnt, tommt möglicherweise ein Bedell, um zu kontrollieren, ob die Polizeistunde eingehalten wird. Diese strenge Zucht findet ihr
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Haldane als Lordkanzler
| Gegengewicht im Sportleben, das einen sehr großen Teil der Zeit des Orforder oder Cambridger Studenten in Anspruch nimmt. Auf jeden Fall hat dieses System der Erziehung ganz tüchtige Rerle hervorgebracht. Fast all die großen englischen Staatsmänner sind Zöglinge der berühmten alten colleges" gewesen. Peel und Pitt und Cobden, Disraeli und Gladstone, ebenso wie Chamberlain und Baldwin haben dort ihre ersten Reden gehalten, Sigungen geleitet und den Parlamentsapparat in den studentischen Debattiertlubs virtuos handhaben gelernt. Die Sigungen werden ganz nach dem Muster des englischen Parlaments aufgezogen. Auf der einen Seite ist die Regierungspartei, auf der anderen die Opposition. Man redet sich gegenseitig mit den gleichen Formeln wie im Unterhaus an und wacht streng darüber, daß die parlamentarische Form und das Air des Gentlemans gegenüber auch dem Gegner gewahrt bleibt. Nicht selten kommen bedeutende Männer der Politit, um vor diesem Forum zu sprechen.
Zur Zeit jener Rede Lord Haldanes war die politische Atmos späre Englands sehr erhitzt. Lloyd George regierte, und während ihn die Liberalen als Staatsmann ganz großen For mats verehrten, haßten ihn die konservativen Kreise wie die Best. Wenn auf ihn die Rede tam, fielen selbst die vornehmsten jungen Lords in Orford, die die" Fairness" in Person schienen, aus der Rolle, regten sich ganz plepejifch auf und„ raskal" ( Schurke), war noch eine gelinde Bezeichnung für den Führer des Kabinetts, der das Imperium in das sichere Verderben hinein. reite. Natürlich war nach dieser Meinung Haldane seiner würdig, der eine Verständigung mit Deutschland suche, statt die Flotte mit drohender werde. allen Mitteln auszubauen, da die deutsche immer mächtiger und
Haldane sprach im Klub, dessen Galerien überfüllt waren, wie vor einem wirklichen Parlament. Er nahm die Studenten also ernst. Ein schlichter, ruhiger Redner mit wohlflingender Stimme ohne Pathos, streifte er kurz die sozialen Reformen, die die Libe ralen eingeführt hatten( Sozialversicherung), um dann auf die aus
wärtige Friedens. und Verständigungspolitif einzugehen. Hier meldeten sich laute Zwischenrufe. Und dann die Interpellationen, die mit sachlichem Ernst und Würde Aufklärung über diese oder jene unverständliche Regierungsmaßnahme vers langten.
Dabei ereignete sich das Ungewohnte, daß ein ganz junges Semester aufstand, und in einer Art, die noch deutlich die Spuren jungenhafter Flegeljahre erkennen ließ, der Regierung Unanständigfeit und Käuflichkeit vorwarf. Da aber ging eine Welle der Empörung durch das ganze Haus und das rügende ,, Schämen Sie sich" ertönte nicht minder hart und zahlreich aus seinen eigenen, wie aus den Reihen der Regierungspartei. Ich glaube, alle in dem überfüllten Saal waren erschrocken darüber, daß der englischen Regierung unanständige Gesinnung unterstellt und das so offen und unparlamentarisch ausgesprochen wurde. Auch Lord Haldane blickte erstaunt auf den fühnen Interpellanten, um dann fast unmerklich zu lächeln. Bielleicht dachte er, daß es für einen so jungen temperamentvollen Dachs schwer ist, streng die Form zu wahren, wo draußen im Land die konser. vativen Blätter, allen voran die Sonntagszeitung John Bull ", deren Riesenauflage das ganze Land überschwemmte, Woche für Woche sich in Uebertreibungen gegen die Regierung erging, Hal danes Verständigungspolitik bekämpfte, in Artikeln und Karitaturen die Invasion der deutschen Flotte in England an die Wand malte und gegen die liberalen Blätter, wie den„ Daily News and Leader", hetzte, die einige Male in der Woche sogar turze Aufsäge in deutscher Sprache brachte und Deutschland als Muster für England hinstellte.
Bielleicht dachte der weitsichtige Mann auch daran, wie die jungen studierenden Leute und so viele andere nicht nur in England patriotische Begeisterung, weniger in sozialen Reformen und Völkerverständigung sehen, als in Gewaltpolitit, die sich in blutigen Auseinandersegungen gegen die Nachbarstaaten richtet. Er sah viel leicht schon damals voraus, daß diese Haltung notwendigerweise zu der Katastrophe des Weltkrieges treiben mußte, dessen traurige Lehren selbst es ebenso wenig wie die Aufklärungsarbeit der demotratischen und sozialistischen Blätter vorher vermocht haben, das Universitäten auszurotten. B. Hartig.