Einzelbild herunterladen
 

Sonntag

26. Mai 1929

Franz Klühs  

:

Unterhaltung und Wissen

Kampfgeweihter Boden

Das alte Magdeburg.

fich die Polizei gegen die Sozialdemokratie und diese gegen die Bolizei befand, war ich furz entschlossen in die Höhle des Löwen ge­Die Chronik der alten Stadt Magdeburg  , wo in nächster Woche stiegen, um den junkerlichen Polizeipräsidenten zu bewegen, von der wieder der Parteifongreß der deutschen   Sozialdemokratie tagen Entfendung uniformierter Beamter abzusehen und auch sonst einige wird, ist angefüllt mit politischen und sozialen Kämpfen. Schon Unbequemlichkeiten aus dem Wege zu räumen. Aber schon der Gus dem frühen Mittelalter ragt jener historische Kampf in die Wunsch, zum Empfang des Parteitags vor dem Bahnhof die üblichen Gegenwart, den die Handwerksmeister der Innungen und Gilden Masten mit dem Begrüßungstransparent aufstellen zu fönnen, wurde mit dem Patriziertum um die Teilhaberschaft an der Verwaltung brüst abgelehnt. Gestattet wurde nur, daß einige Genossen mit Ab­der Stadt führte. Auf dem alten Marktplay vor dem Rathaus ließ zeichen sich vor dem Bahnhof aufstellten, um den ankommenden Dele­im Jahre 1301 der patrizische Rat elf dieser rebellischen gierten als Wegweiser behilflich zu sein. Bedingung war jedoch, 3unftmeister öffentlich verbrennen. Aber troß solcher daß die Abzeichen nicht zu groß" jeien! Die Idee, drakonischen Mittel war auf die Dauer die zünstlerische Organisation daß er auf die Entsendung von Ueberwachungsbeamten überhaupt der Handwerker nicht von der Stadtverwaltung auszuschließen. verzichte, lehnte der Gewaltige entschieden ab. Selbst der Hinweis Die Lutherische Kirchenreform fiel in Magdeburg   auf einen darauf, daß ja über den Parteitag in allen Zeitungen groß und aus besonders günftigen Boden. Diese damals reiche Handelsstadt war eine der ersten im Lande, die sich offen der Reformation anschloß. führlich berichtet werde, und daß seine Verhandlungen außerdem in einem umfangreichen Protokoll der Mit- und Nachwelt übermittelt Die tieferen Ursachen solcher Auflehnung gegen das Alte würden, fonnte ihn nicht zu einer besseren Einsicht befehren. Auch im Geiste war wieder wirtschaftlicher und sozialer Art. Erzählt den weiteren Hinweis, daß die lleberwachung, wenn sie schon under doch der Chroniſt von den Beschwerden, die die Magdeburger   Bürgermeidlich sei, durch Beamte in Zivil ausgeführt werden könnte, lehnte gegen den Kleru's erhoben, der geftüßt auf die Steuer= er ab mit dem Bemerten, er habe seine Anweisungen bereits ge= freiheit der Domgeistlichkeit innerhalb der Stadtmauern Getroffen und könne fie nicht zurückziehen... merbe aller Art betrieb und besonders von der Schente gerechtigkeit ausreichenden Gebrauch machte. Aus Konkurrenz­gründen hatte sich gegen den Merus ein Haß angesammelt, der den empfänglichen Nährboden bildete für die Saat der neuen Lehre"

des Mönches von Wittenberg  .

Der Dreißigjährige Krieg hat dieses lutherisch gewordene Magdeburg   durch Tillys Brandstiftung vom Erdboden verschwinden und nur wenige Bezirte um den Dom und das Kloster Unserer lieben Frauen bestehen lassen. In der Not der folgenden Jahre mühselig mieder aufgebaut, zeigt der älteste Teil der heutigen Stadt noch die Spuren jener furchtbaren Verheerungen, vor allem den Mangel eines einheitlichen Bauftis, der andere mittelalterliche Städte auszeichnet. In den späteren Jahrhunderten wurde die Entwicklung der Stadt gehemmt durch die Tatsache, daß die Brandenburger Kurfürsten sich Magdeburg   aneigneten und die preußischen Könige es gar zur Festung machten. Dadurch wurde die Stadt in industrieller und kommer: zieller Hinsicht auf das schwerste eingeschnürt. Die Rücksichtslosigkeit und Selbstfucht brandenburg- preußischer Landesväter" trug die Schuld, daß die sonst so günstig gelegene Handelsstadt im Vergleich zu anderen gleichgroßen Städten in ihrem Auf- und Ausbau zurück­

bleiben mußte.

Da auf jedem Parteitag auch ausländische Parteigenossen als Vertreter der Bruderparteien zu erscheinen pflegen und diese ihre Begrüßungsansprachen zum Teil in ihrer Muttersprache hatten, so mußte man damit rechnen, daß die polizeilichen Ueberwachungs­beamten diese Reden in fremder Mundart als dem damaligen Ber­einsgesetz zuwiderlaufend erklären und das Sprechen verbieten würden. Ich machte deshalb den beamteten Junter geziemendst darauf aufmerksam, daß solche Ansprachen auf allen Barteitagen un beanstandet erfolgt seien, und ersuchte ihn, auch in Magdeburg   teine Schwierigkeiten zu machen. In diesem Falle erwies er sich als ein höflicher Mann. Er erklärte, daß er gegen furze Aus­Führungen nichts unternehmen" werde. Sicher hatte er diese Zusage auch an seine Beamten weitergegeben. So erlebten wir denn, daß, als der finnische Parteigenosse wijt im Namen der finnischen   Sozialdemokratie, aber in deutscher Sprache, seine Ausführungen machte, der überwachende Polizeikommissar sich plöglich erhob, an den Vorstandstisch trat und verlangte, daß dem Redner das Wort entzogen würde, weil er-zu lange spreche, während doch nur kurze Ansprachen erlaubt seien! Als ihm schroff erwidert wurde, die Versammlungsleitung läge beim Präsidium und nicht bei ihm, das Präsidium aber habe dem Redner

|

Beilage des Vorwärts

das Wort erteilt und werde ihn nicht unterbrechen, zog sich der Be­amte allerdings begossen zurück. Die Anordnung seiner Borgesetzten hatten ihn in eine sehr unangenehme 3widmühle gebracht; denn er hatte geglaubt, er müsse nun die Reden der Ausländer, auch wenn sie nicht in fremder Sprache gehalten würden, mit dem Zentimeter­maß nachmessen!

Unter sozialdemokratischer Führung.

Diese Dinge haben sich, wie viele andere, auch in Magdeburg  grundlegend geändert. Es gibt hier und da auch heute noch Bartei­genossen, die in refignierter Stimmung versichern, es hätte sich in der Republit ja eigentlich nur formal einiges gewandelt, im Wesens fern sei die gesellschaftliche Verfassung noch wie ehedem. Aber die Delegierten, die diesmal den Parteitag besuchen, werden schon rein äußerlich die Veränderungen feststellen tönnen, die sich in den letzten zehn Jahren vollzogen haben. Keine Pickel­haube wird sie überwachen. Die Straßen werden geschmückt jein mit den Fahnen der Partei und der Republik  . Der höchste Vertreter der Staatsbehörden in dieser Provinzialhauptstadt, der Ober­präsident, ist Sozialdemokrat. An der Spitze der Kommunalverwaltung steht ein Sozialbemotrat und sozialdemokratische Stadträte sind ihm zur Seite gestellt. An Stelle jenes junterlichen Polizeipräsidenten steht heute und seit Jahren schon ein Sozialdemokrat. In der Schuhpolizei Magdeburgs  find zahlreiche Sozialdemokraten vorhanden. Man erzählt sich, daß in einem Wahlbezirk, der hauptsächlich eine der großen Polizei­unterkünfte umfaßt, bei der letzten Reichstagswahl zu 100 Pro 3. fozialdemokratische Stimmen abgegeben

wurden.

Der Parteitag wird diesmal in der unter sozialdemokratischer Führung neigeschaffenen wundervollen Stadthalle tagen, die an sich schon ein Symbol des neuen Geist es in der früheren Metropole des Zucker, Zichorien und Eisenkapitals ist. 1910 fand fein Vorläufer noch in einem, inzwischen eingegangenen, Vorstadtlokal statt, das von einem der ältesten Magdeburger   Bartei­genossen bewirtschaftet wurde. Es bot damals den einzigen größeren Saal, der der Partei und den Gewerkschaften zur Verfügung stand.

Heute drückt die Sozialdemokratie in politischer und ful­tureller Hinsicht der Stadt den Stempel des vorwärts=

strebenden Arbeitsgeistes auf. Auch der festliche Empfang, den die Parteigenossen des Bezirks in Verbindung mit dem mitteldeutschen Jugendtag den Abgesandten der Partei bieten werden, ist ein Zeichen dieses Arbeitsgeistes und zugleich der ge­jammelten Kraft der dortigen Arbeiterbewegung. Ein gutes Vor­seichen für das Gelingen des Parteitages auf kampfgereihtem

Boden!

Sieber: Wie Magdeburg   wurde

Preußische Enge herrschte auch im Gesellschaftsleben der Stadt noch bis meit über die Schwelle des jezigen Jahrhunderts. 3mar waren die Festungswerke gefallen oder doch außer Betrieb gefeßt, aber der Stempel aftpreußischer Gamaschenkultur blieb durch die Ueberlieferung der Jahrhunderte dem Großteil des Bürgertums Hermann aufgedrückt. Nationalliberale Zuckersieder und scharfmacherische Eisenindustrielle beherrschten das politische und gesellschaftliche Leben des Bürgertums. Eine bürgerlich- demokratische Mittelschicht war in nennenswertem Ausmaße nicht vorhanden. Infolgedessen standen fich die durch das Industriekapital geführte bürgerliche Klasse und die Arbeiterklasse in Magdeburg   so schroff gegenüber, wie das in menigen Städten Deutschlands   der Fall war, In Magdeburg   war die Brutstätte der Gelben, die von den Unternehmern mit allen Mitteln fünftlich großgezogen und in ihrer Vereinsmeierei be­stärkt wurden.

Gerechtigkeit und Justiz.

Troß alledem aber hat die Magdeburger   Arbeiterschaft sich sehr frühzeitig dem Gedanken der Organisation erschlossen und für die fozialistische Bewegung schon in den ersten Jahren ihres Bestehens sich mit startem Tatsachenfinn eingesetzt. Hier spielte sich der neue Rampf um Gleichberechtigung und Mitverantwortung in flarer Scheidung der Fronten ab. Der Klassengegenfaz wirtte sich in seiner ganzen Schärfe besonders in den Maßnahmen der Behörden aus, die sich im kaiserlichen Deutschland   ohne weiteres als die Voilzugs­organe der Interessen des Besizbürgertums fühlten. Dies tam am stärksten bei der Polizei und in der Justiz zum Ausdruck. Auf die lettere traf besonders das klassische Wort des alten Glaßbrenner zu: ,, Gerechtigkeit ist ein schön' Ding, aber es gibt auch Justiz!"

Der soziale Kampf des Bürgertums gegen die aufstrebende Ar­beiterklasse ist in die Geschichte dieser Stadt eingezeichnet mit blutigen Urteilen gegen die Sozialdemokratie und ihre Vertreter. Sieht man ganz ab von der Ausnahmezeit des

In

Sozialistengesetzes  , in der bekanntlich Sozialdemokraten vogelfrei maren, jo hat gerade nach dem Fall des Schandgesetzes die Magde­ burger   Justiz sehr wesentlich dazu beigetragen, den Haß und das Mißtrauen zu vertiefen, von denen die Arbeiterschaft gegen die Rechtsprechung erfüllt war und blieb. Kam es doch vor, daß man einen wegen geringfügigen Flugblattvergehens angeklagten Barteigenossen in Haft nahm und ihn in Retten gefesselt durch die Stadt schleifte! Staatsanwälte, die Karriere machen wollten, übten sich besonders in der Verfolgung sozialdemo­fratischer Parteifunktionäre, vor allem der Parteiredakteure. schmachvoller Erinnerung ist noch jenes Urteil, das gegen den Re­dakteur August Müller wegen Beleidigung eines der vielen preußischen Prinzen die Kleinigkeit von 3 Jahren Gefängnis festießte. Müller wurde, als sich der wirkliche Täter", der Abge­ordnete Albert Schmidt, meldete, zwar im Wiederaufnahme­verfahren freigesprochen, dafür aber Schmidt selbst zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt, die er bis zur letzten Stunde abfizzen mußte. Die Wirkung dieser Strafe für ein geringfügiges Presse­bergehen blieb nicht aus Schmidt hatte die drei Jahre zwar über­standen; aber schon verhältnismäßig furze Zeit nach feiner Frei­laffung suchte und fand er den freiwilligen Tod unter den Rädern eines Buges, die ihn zermalmten!

-

Bor neunzehn Jahren.

"

Das mar der soziale Boden, auf dem im Jahre 1910 Der Barteitag in Magdeburg   zusammentrat. Schon äußerlich wurde das auch den Delegierten aus dem Reiche bemerkbar: Während der ganzen Dauer der Tagung einschließlich der feftlichen Veran­ftaltungen Jaßen zmei Polizeibeamte in ihren caratteristischen preußischen Bidelhouben neben dem Vorstandstisch auf der Bühne, um allen Vertretern aus dem Inland und Ausland zu zeigen, daß man in einer echt preußi ichen Stadt fich befinde. Als damaliger Borfigender des Magde­ burger   Parteivereins hatte ich versucht, dieser Defotation" des Barteitages vorzubeugen. Trotz der scharfen Kampfftellung, in der

-

Ein Pensionopolis" ist Magdeburg   nicht wie Heidelberg   oder Freiburg   oder Naumburg  , in dem fich emeritierte Beamte zur Ruhe ichen, nicht einmal ein Ort, den man um seiner historischen Mert würdigkeiten willen besucht. Die Hohenzollern   haben nicht allzuviel für diese Stadt übrig gehabt, und von der Natur ist Magdeburg  wahrhaftig nicht begünstigt. Die Börde  , aus der es sich erhebt, ist zwar sehr fruchtbar bester Rübenboden aber so reizlos wie wenige Gegenden in deutschen   Gauen. Weit und breit kein Höhen zug, feine Seen und Wälder wie um Berlin  . Der Elbstrom- sonst nichts. Aber ein strategisch ungemein wichtiger Punkt. Der Brücken­topf mit dem Uebergang von Mitteldeutschland   nach dem Osten. Cin Grenzwall gegen die Slawen schon in tarolingischen Zeiten, als es zum ersten Male urkundlich erwähnt wird. Bon Kaiser Otto I. in seiner Bedeutung erkannt, und auf sein Betreiben zum Erzstift erhoben. Ein militärischer und geistlicher Mittelpunkt das ging immer schön Hand in Hand und bald auch ein Handelsemporium. Mit dem Schwert, mit der christlichen Heilsbotschaft und mit dem christlichen Geschäftsgeist bearbeitete man von hier aus die kulturell zurückgebliebenen heidnischen Wenden.

-

Schon vor dem Jahre 1000 umschloß eine Mauer das Herz der heutigen Stadt, das Viereck um den Marktplay herum. Das von den Benediktinern gegründete Domtlofter lag außerhalb dieser Mauer und ist auch dann, als es von den Erzbischöfen im 12. Jahrhundert in die Stadtbefestigung mit einbezogen wurde, immer nur wie ein

Anhängsel betrachtet worden. Es ist kein Zufall, daß die Zugänge vom Neuen Markt", dem heutigen Domplat, aus zum Alten Marti" so schlecht sind: bis ins 14. Jahrhundert hinein wurden diese Gassen sogar mit Ketten gesperrt. Der Erzbischof, der sich mit seinem Domkapitel und zahlreichen Hinterfassen, Edlen und Knechten, um die Domkirche her angefiedelt hatte auf dem höchsten Punkt der Stadt, dem Domfelsen, bedrohte das ganze Mittelalter hindurch die- Dom Raiser verliehenen Gerechtsame der Bürgerschaft. Der Erzbischof von Magdeburg   war ein gefürchteter Gegner. Er war der mächtigste Kirchenfürst in Norddeutschland: er herrschte über den Bischof von Brandenburg  , und diesem wiederum war der Propst von Berlin  unterstellt. So hoch stand Magdeburg   über Berlin  .

Und so mächtig und reich war die Bürgerschaft der Stadt schon im 12. Jahrhundert, daß sie ihm Trotz bieten konnte. Einen Bischof, der es gar zit toll trieb, ließ der Magistrat im Rathaus festiegen: die zu erbitterte Bürgerschaft hat ihn im Bischofsteller" ermordet. Bor diesem Rathause wurde im 13. Jahrhundert als Symbol der politi­fchen Macht der Bürgerschaft, die unmittelbar unter dem Reichsober. haupt, nicht unter irgendeinem Territorialfürsten, stand, das Reiter­denkmal des Kaisers Otto mit zwei allegorischen Frauengestalten auf­gestellt. Ein Gegenbeispiel zu dem schon zu Beginn des 13. Jahr hunderts in dem neuen französischen   Stil erbauten Dom, dem frühesten gotischen Bauwerk auf deutschem Boden, für den die Bischöfe Riesen sunimen verwendeten. Nur ein französischer Meister fonnte in so früher Zeit, im Jahre 1207, nach dem Brande des ersten, ottonischen Domes, eine so fühne, geradezu revolutionäre Neuerung, planen. Drei Jahrhunderte haben an der Kathedrale gebaut, die sich so un­gemein reizvoll aus romanischen Resten gemein reizvoll aus romanischen Resten den Ueberbleibjeln offen bar des früheren Domes emporringt. Die Bilderstürme der Re­formationszeif. haben ihre Innenausstattung fast völlig vernichtet. Und trozdem steht sie auch in ihrer fahlen proteftantischen Nüchtern heit noch in großartiger Majestät da. Die Reste ihres plastischen Schmuds erinnern daran, daß die Magdeburger   Gießhütte bis nach Bolen und Rußland   hinein ihre Einflüsse ausdehnte.

entlang, der ihr Lebenselement war, mit der abwechslungsreichen, durch viele, meist doppeltürmige Kirchen gegliederten Silhouette, die sich an der Elbe entlang aufrollt, mit der dreiteiligen Blazgruppe des Alten Marktes, der sich vor Rathaus und Stadtkirche schlauchartig erweitert, und mit der leich gekrümmten, im Süden durch den Eng­paß", im Norden durch das Turmpaar der Katharinenkirche abge­schlossenen Brachtstraße des Breiten Weges" eine hervorragende städtebauliche Leistung gelungen. Es ist erstaunlich, daß ihre Gru.id­züge noch heute so deutlich erkennbar sind.

Erstaunlich deswegen, weil Magdeburg   das fürchterlichste Schicksal erduldet hat, das wohl je einer größeren deutschen   Stadt beschieden gewesen ist. Magdeburg   hatte sich als erste norddeutsche Stadt, schon im Jahre 1524, der Reformation angeschloffen. Seine hochbedeutenden Druckereien stellte es in den Dienst der kirchlichen Fehden: Unseres Herrgotts Kanzlei" hieß es in evangelischen Kreisen. Leider ging im Jahre 1567 auch der Dom in protestantischen Befiz über und wurde bei der Gelegenheit furchtbar geplündert und seiner sämtlichen Altäre beraubt. Moritz von Sachsen   hat die Stadt im Schmalkaldischen Krieg vergeblich belagert, wodurch ihr Selbst­bewußtjein, mächtig gesteigert wurde. Den bischöflichen Bedrücker war man los. Aber statt des inneren" Feindes erhoben sich die äußeren: die waderen evangelischen Brüder von Sachsen  , Branden burg, Braunschweig   machten sich den Besig von Unferes Herrgotts Kanzlei" streitig. Der Kurfürst von Brandenburg   hat Gustav Adolf  

"

verhindert, der Stadt im Dreißigjährigen Krieg zu Hilfe zu eilen und dadurch ihren Fall am 10. Mai 1631 verschuldet. Tillys erbitterte Soldateska richtete ein schauerliches Blutbad unter der Bevölkerung an und ließ die ganze Stadt in Flammen aufgehen. Es blieb, menit man von einigen Kirchen absieht, taum ein Stein auf dem anderen. Die Hohenzollern   sind die Rugnießer von Magdeburgs Fall ge­worden. Es ist keine Rede davon, daß sich unter ihrem weisen Szepter die Stadt wie der Phönig aus der Asche erhoben hätte. Wie sehr sich auch ihr genialer Bürgermeister, der Erfinder der Luft­pumpe, Otto von Gueride, für die politische Unabhängigkeit jeiner Baterstadt einsetzte: Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst", annettierte sie und machte eine Festung daraus. Damit fand die bürgerliche Entwicklung der Stadt ein jähes Ende. Mit dem Wieder aufbau ließ man sich beinahe 100 Jahre Zeit. Ein Bebauungsplan Guerides, der eine Entlastung des Breiten Weges durch zwei was vor allem wichtig war eine brauchbare Parallelstraßen und Verbindung zwischen Domplatz und Rathaus vorjah, überdies eine Durchfahrt vom Alten Markt nach Westen hin, stieß beim Militär­gouverneur auf völlige Verständnislosigkeit. Was dantals verjäumt morden ist, fonnte bis auf den heutigen Tag nicht eingeholt werden. Außer der einen Parallelstraße, die den Namen Otios von Guerice trägt, ist nichts getan worden, um in das mittelalterliche Gaffen­gewitre Ordnung zu bringen. Es fehlen die so dringend not­wendigen Durchfahrten zwischen den beiden Hauptplätzen und von der alten Elbebrücke nach der Otto- von- Gueride- Straße. Die Zift­

--

-

Im 1700 lagen noch ganze Stadtviertel in Schutt. delle und die Bastionen, mit denen der Plaz nach den neuen fran­zöfifchen Grundsägen befestigt wurde, anstatt mit den urfpringlichen Stadtmauern, interessierten den neuen Herrn in Berlin   meit mehr als das Gedeihen der Bürgerschaft. Man brauchte einen Stütz­punft gegen Sachsen  . Man war sich ja so spinnefeind im Heiligen Römischen Reich, indes man vom Erbfeind", vom Sonnenfönig" in Versailles  , Subfidien" bezog auf Deutsch   Schmiergelder". Bon den neuen städtebaulichen Regeln des Barodstils ist nicht viel 3 merken in Magdeburg  : der Fürst Leopold von Dessau  , der Alte

Die Bürgerschaft fonnte mit so überragenden Werfen nicht mett­cifern. Immerhin ist ihr mit der Anlage der Stadt an dem Strom| Dessauer", der über 40 Jahre lang Militärgouverneur gewefent ift,