Ernste Situation im Saag. Wieder Selbstmord eines Richters
In den späten Abendstunden des Donnerstag war die Stimmung im Haag über die Aussichten der Konferenz sehr pessimistisch und gedrückt. Snowden hat in geradezu ultimativer Form ge fordert, daß ein Komitee eingesetzt wird, um die englischen Wünsche nach einer Revision des Young- Planes prüfen zu laffen. Nach einander haben aber Chéron, Tirelly und Jaspar nicht weniger fategorisch die englische Forderung abgelehnt. Insbesondere erklärte der Italiener, daß die italienische Delegation von Mussolini bindende Instruktionen erhalten habe, wonach sie auf feinen Fall einer Verschlechterung der italienischen Quote zustimmen dürfe. Da Italien der hauptsächliche Nutznießer des neuen Verteilungsschlüffels ist und infolgedessen ein Ausmeg auf seine Kosten erfolgen müßte, ist durch die schroffe Erklärung auch der anscheinend legte Ausmeg versperrt. Unter diesen Umständen muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Haager Konferenz bereits am Sonnabend auffliegt.
Die Aussichten, heute noch durch private Besprechungen ein Kom promiß zu finden, sind als sehr gering zu bezeichnen. Aus der Umgebung des britischen Schatzkanzlers hört man, daß dieser sein letztes Wort gesprochen habe, als er die Prüfung feiner Borschläge als Voraussetzung für jede weitere Diskussion be zeichnet. In französischen Kreisen erklärt man aber, daß das von Chéron ausgesprochene Nein ebenso unumstößlich und unwiderruflich sei. Das gleiche gilt über die Weigerung Italiens und Bel giens . Daher ist es durchaus
denkbar, daß die Engländer bereits am Sonnabend den Haag verlaffen.
Snowben ist jedenfalls der Mann dazu. Seine Rede foll übrigens nicht nur inhaltlich und im Aufbau, sondern auch im Vortrag außer ordentlich einbrudsvoll gewesen sein. Andererseits hat Briand am
Er stürzt sich aus dem fahrenden Zug
Ju der vergangenen Nacht zwischen 12% und 12% Ahr wurde auf den Eisenbahngleisen etwa 250 Meter vom Bahnhof Köpenid entfernt die ei che eines Mannes gefunden, in dem man später einwandfrei den 35 Jahre alten Amtsgerichtstat Dr. Scheier erfannte.
Wir erfahren zu diesem Selbstmord folgende Einzelheiten. Dr. Scheier war früher in Neiße tätig. Vor einiger Zeit wurde er als Amtsgerichtsrat nach Niesty in der Oberlausitz versetzt. Mit seiner Frau, die er erst vor furzem geheiratet hatte, und seinem Bruder fehrte er gestern porzeitig von einer Urlaubsreise heim. Die drei Reisenden benutzten den gegen abend abgehenden D- 3ug nach Frankfurt a. Oder. Unterwegs vermißten Frau und Bruder plötzlich den Amtsgerichtsrat. Er hatte die 3ugtoilette aufgesucht und war nicht zurückgekehrt. Zugbeamte öffneten die Tür des Abortes und fanden dort das Jackett des Amtsgerichtsrats hängen, das Fenster stand offen, er felbft war nicht zu finden. Sofort murde telegraphisch die Station Köpenid unterrichtet, doch hatte man inzwischen bereits die Leiche gefunden.
Wie die Feststellungen ergaben, muß Dr. Scheier aus dem Toilettenfenfter hinausgefprungen sein.
Da der Zug mit mäßiger Geschwindigkeit fuhr, so fann er sich bei dem Sprunge nicht allzusdymer verlegt haben. Auf dem Bahnkörper muß er dann noch etwa 200 meter weit gegangen sein, bis er an ein totes Gleis tam. Hier wurde gerade ein Stadtbahnzug abgestellt. Der Lokomotivführer dieses Zuges sah auf der Strecke einen Schatten und bremste schors, fonnte aber nicht mehr verhindern, daß der Zug über den Mann hinwegging und ihn tötete. Die Angehörigen, die den Zug bei der ersten Haltestelle in FrankDie Angehörigen, die den Zug bei der ersten Haltestelle in Frank furt an der Oder sofort verließen und nach Berlin zurückkehrten, haben den Toten einwandfrei als Gatten und Bruder identifiziert. Nach ihren Bekundungen war Dr. Scheier übernervös und zeigte
feit einiger Zeit Anfälle von Berfolgungswahn. Infolge dieses Leidens hat er seinem Leben selbst ein Ende gemacht. Die Leiche wurde von der Kriminalpolizei befchlag= nahmt und nach der Leichenhalle des Kreiskrankenhauses in Köpenid gebracht.
Das Luftschiff im Nebel.
Flugrichtung auf die Azoren. - Alles wohl.
Den letten Berichten zufolge nimmt man an, daß, 59 Meilen( 110 Kilometer) pro Stunde. Unsere Position ist 54 Grad Graf Zeppelin " in Richtung auf die Azoren fliegt. Nach Ansicht des New- Yorker Sachverständigen Rimball wird der Zeppelin vorübergehend eine Nebel- und Regenzone durchfliegen müssen, dann aber wieder besseres Wetter antreffen.
Nach einem bei der Hamburg - Amerita- Linie ein gelaufenen Telegramm befand sich das Luftschiff„ Graf Zeppelin " am Freitag morgen um 9 Uhr ME 3. auf 42,40 Gras Nord und 40,40 Grab West. An Bord ist alles in Ordnung.
New Bort, 9. August.
Die Funkstation der Reading Corporation in Philadelphia fing gestern 23.18 Uhr Mez. folgenden Funtspruch auf: Wir haben dichten Rebel angetroffen. Die Geschwindigkeit beträgt
10 Minuten westlicher Länge und 39 Grad 40 Minuten nördlicher Breite." Das Luftschiff befand sich demnach über 1000 Meilen von der amerikanischen Küfte entfernt. Der Dampfer Expreß" teilt durch Funkspruch mit, daß er das Luftschiff 40 Grad nördlicher Breite und 67 Grad westlicher Länge gesichtet habe. Der Graf Zeppelin " fliege fehr niedrig und halte diretten Kurs nach Dften
Nach dem letzten Betterbericht ist anzunehmen, daß Graf Zeppelin" mährend der Nacht ein Rebel- und Regengebiet durchflog, um bei Tagesanbruch wieder auf gutes Wetter zu stoßen. Man nimmt hier an, daß günstigere Binde den Führer des Luftschiffes veranlaßt haben, von dem zunächst beabsichtigten nörd lichen Kurs abzugehen und weiter südlich zu steuern. Das Better während des ersten Flugabschnittes war ideal, so daß das Luftschiff zeitweise eine Stundengeschwindigkeit bis zu 185 Kilometer herausholen fonnte.
Erich Flatau Vorsitzender der Berliner fozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion, wird heute 50 Jahre all.
Donnerstag gegenüber der französischen Breffe nochmals deutlich zum Ausdrud gebracht, mas er bereits in seiner Kontroverse mit Stresemann in der politischen Kommission betont hatte, daß nämlich die Räumung des Rheinlandes völlig von der Annahme des Young- Planes abhänge. Die Engländer wiederum versichern, daß sie bei einem Scheitern der Konferenz entschlossen feien,
ihren Truppen den sofortigen Räumungsbefehl zu erteilen. Damit würde zwar ein ftarfer moralischer Drud auf Frank reich ausgeübt werden, aber der Sache wäre einstweilen nur zu geringem Teil gedient, da nach einem Auffliegen der Haager Son ferenz Frankreich jedenfalls seine Truppen im Rheinland belaisen murde. Jedenfalls verhehlt man sich auch in deutschen Delegierten treifen des Ernstes der Situation nicht.
Haag, 9. August.
Der englische Außenminister Henderson stattete heute vormittag Stresemann einen Besuch im Oranjehotel ab. Borher empfing Stresemann den Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Benizelos. Der sigungsfreie Bormittag wurde heute von den Abordnungen zu zahlreichen privaten Besprechungen und zur Fühlungnahme ausgenutzt.
Die Pariser Presse beschuldigt Snowden heute auch am Donnerstag, im Saag nicht sozialistisch), sondern nationalistisch gesprochen zu haben. Man hofft hier jedoch allgemein, daß es noch gelingen wird, die Konferenz aus der Sackgasse herauszumanöve rieren. Das Journal" hält nach dem gegenwärtigen Stand der Berhandlungen die persönliche Intervention des englischen Ministerpräsidenten für dringend geboten. Im übrigen betont die gesamte Bresse nach wie vor, daß Frankreich eine Wenderung des Young- Planes unmöglich gestatten könne. Das einzig
5000 Reichsmart Belohnung.
In der Nacht zum 1. b. M. wurde, wie bekannt, cinc Privatvilla in 2üne, nördlich von Lüneburg , durch ein Sprengstoffattentat erheblich beschädigt. Am nächsten Morgen machte man beim Absuchen der Nach barschaft im Gebäude der Landkrankenkasse am Lünerdamm 9 einen Fund, der auf weitere Attentats versuche hindeutet.
Seine Sittenfchnüffeleien und Unterschlagungen in München
Un die Person des wegen Unterschlagung von 80 000 m. verhafteten Stadtpfarrers Waderl von München knüpft fich die Geschichte einer hundertprozentigen Blamage der Münchener Polizei.
Dont
Es war vor etwa acht Wochen, daß ein der persönlichen Leitung des Stadtpfarrers Backerl unterstehender tatholischer Jungfrauenverein der Münchener Polizei in einer mit der erforder= lichen Unterschriftenziffer versehenen Eingabe mitteilte, daß er durch die Auslage der ferualhygienischen Werte von Ban de Belde und May Hodann und der Kirche in der Karifatur" Friedrich Wendel im Schaufenster einer Münchener Buchhandlung sich in seinen fittlichen und religiösen Empfindungen ver letzt fühle. Die Münchener Polizei, bei der der Stadtpfarrer Baderl ein und aus ging, beschlagnahmte darauf die genannten Werke, da ,, eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung vorliege". Der Buchhändler beschwerte sich. Das Amtsgericht, das über die Beschwerde zu befinden hatte, entschied, daß durchaus teine unmittelbare Gefahr für Münchens Ruhe und Ordnung durch die Auslage ernster wissenschaftlicher Berte zu erblicken sei. Pfarrer Backerl gab nicht nach und lief zum Staatsanwalt, der ihm den Gefallen tat, gegen den Spruch des Amtsgerichts Berufung einzulegen. So fam die Sache vor das Landgericht. Aber auch auf dem Landgericht schüttelte man den Kopf und gab die Werke frei.
In der Eingangstür zu einer Kellerwohnung in dem Gebäude hatten bisher unbekannte Verbrecher eine Höllenmaschine verstedt. Zur Aufklärung und zur Ermittlung der Täter ist eine nähere Beschreibung dieser Höllenmaschine angebracht. Sie bestand aus einer für den Zweck besonders zurechtgemachten 45 mal 18 mal 13 Zentimeter großen, 30 Pfund fassenden Margarinefiste der ,, Erme Margarinemerte"( Buttella- Werte) in Eiderstedt in Schleswig- Holstein . Aus dem Geheimzeichen der Firma ist feftgestellt, daß die Kiste mit dem ursprünglich harmlosen Inhalt um den 15. April herum an einen Kunden geliefert wurde. Die Kifte enthielt einen etwa 5 Liter fassenden Delkanister, Größe Kiste enthielt einen etwa 5 Liter fassenden Delkanister, Größe 30 mai 14 mal 12 Sentimeter. Die Sprengladung setzte sich aus 4 Kilogramm Ammon Nitrat und einer Masse zusammen, die permutlich Trinitro- Toluol ift. Mit dieser waren Tannen sägespäne durchtränkt. Eine Knallquecksilber- Sprengfapfel mar in den Korken des Kanisters eingeführt und durch Drähte mit einem Uhrmert verbunden. Als die Höllenmaschine aufgefunden wurde, lief das 11 hr wert, das auf einen bestimmten Zeitpunkt ein gestellt war. Einem Zufall war es zu danken, daß die Entzündung verhindert murde. Zwischengeschaltet zwischen die Sprenglabung und das Uhrwerk waren hintereinander drei Batterien von Berwiesen hatte. trig- Taschenlampen. Für die Ermittlung der Täter ist die Beantwortung einiger Fragen von größter Wichtigkeit.
1. Woher fammen der Sprengstoff und die Sprengtapfel? 2. Woher flammen der anister und die Margarinetiste? 3. Wo find in letzter Zeit von einer Privatperson drei Bertrig- Taschenlampenbatterien auf einmal gekauft worden?
4. Wer kann über die Herkunft des Uhrwerts, das teine Firmenbezeichnung frug. Auskunft geben?
5. Wer hat am Vortage des Aftentats in der Eisenbahn oder sonstwo Personen beobachtet, die non Attentafsplänen entweder offen oder in Andeutungen sprachen?
Für zweckdienliche Mitteilungen aus dem Publikum, die streng vertraulich behandelt werden, hat der Regierungspräsident von Lüne. burg eine Belohnung von 5000 Morf ausgesetzt.
mögliche Kompromis sei vielleicht in einer anderen Verteilung der Insgesamt 22000 Mark Belohnung!
Sachlieferungen zu suchen.
Englands Eisenbahner fündigen.
Sie wollen wieder vollen Lohn.
Durch das Lohnabkommen erklärten sich die Eisenbahner mit ciner Cohnkürzung von 2½ Proz. einverstanden. Nunmehr haben die drei Eisenbahnergewerkschaften gemäß ihren einzeln gefaßten Befchlüffen gemeinsam den Eisenbahngesellschaften das Lohnablommen zum 12. November gefündigt. Die Gesellschaften haben sich bereits zu Berhandlungen bereit erklärt. Die drei Gewerkschaften haben sich crischlossen, die bevorstehenden Lohnverhandlungen nur gemeinsam zu führen.
Für die Ermittlung der Bombenleger in Schleswig- Holstein . Kiel . 9. Auguft. Nach einer Zusammenstellung des Kieler Polizeipräsidiums find für Angaben, durch die die Urheber der Sprengstoffanfchläge in Schleswig- Holstein und Lüneburg ermittelt werden können, von amtlichen Stellen insgesamt 22 000 m. Belohnung ausgelegt.
Nachwahl in England. Durch die Erhebung von Jonnjon Hicks zum Beer mar eine Unterhausnachwahl in Iwidenham erforderlich geworden, die Donnerstag norgenommen wurde. Bon den drei aufgestellten Standidaten erhielt Berguson( fonservativ) 14705, Majan ( rbeiterpartei) 14 202, Baterion( liberal) 1920 Stimmen. Berguson ist somit gewählt und es tritt teine Aenderung in dem Stande der Barteien ein.
Das alles, leider, spielte bereits in den Tagen, als das Material gegen den Herrn Stadtpfarrer, der Mein und Dein nicht zu unterscheiden vermochte, schon zu Bergen fich gehäuft hatte, und die vorgesezte geistliche Behörde den Defraudanten längst feines Amtes enthoben und einer Priester Rorrettionsanstalt über
Der Bombenanschlag gegen den Terror. Ein Racheaft gegen die Gendarmeriefajerne.
Belgrad , 9. Auguft.( Eigenbericht.) In der Nacht vom 5. und 6. Auguft wurde in 3 agre bein offizielle Bericht der Regierung hat sich bemüht, den Anschlag als Bombenanschlag gegen die Gendarmerie- Kajerne verübt. Der ungefährlich hinzustellen. Es fei ein Explosivförper gegen die Kaferne geworfen worden. Außer einem herausgeschleuderten Mauerfiüd und zerbrochenen Fensterscheiben fei fein Materiaisdaden entstanden. Ein Polizist foll leicht verwundet worden sein. Wie wir erfahren, hat die Explosion weit größeren Schaden angerichtet. Sie entstand durch eine im Keller der Kaserne niedergelegte Höllenmaschine, die fich mit einem in der ganzen Stadt vernehmlichen donnerähnlichen Krachen gegen% 1 Uhr nachts enflud. Die Deden zweier Stodmerke wurden durchschlagen und ein Gendarm schwer, fieben andere leicht verlegt. Als der Wachtposten vor dem Kasernentor eine vor der Kaserne stehende verdächtige
Person festnehmen wollte, warf der Verdächtige eine Handgranate
gegen den Polizisten und entfam.
Das Attentat wird den Zagreber Rommunisten zugeschrieben. Ohne Zweifel fommt es aber auf das Konto der Opposition gegen die Diftatur. In der vergangenen Woche sind in Zagreb nicht weniger als 102 Berfonen wegen angeblicher fommunistischer Umtriebe verhaftet worden. Es sind größtenteils Arbeiter und Studenten. Ihre Behandlung in den Polizeigefängnissen foll mit schlimmen mißhandlungen verbunden sein, wobei sich besonders die Gendarmen auszeichnen sollen. Das Bombenattentat gegen die Gendarmeriefaserne dürfte daher einen Racheatt gegen die Gendarmerie darstellen, um so mehr, als den Gendarmen die Erschießung der drei jungen Kommunisten in Semowar bei Zagreb zugeschrieben wird, die vor einigen Tagen bei einem Feuergefect gefallen sein sollen.