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Morgenausgabe

Nr. 397

A 200

46.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Sonntag

25. August 1929

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Kabinette in Bewegung.

Ministerrat in Paris.- Englische Kabinettssitzung im Haag?

V. Sch. Haag, 24. Auguft.( Eigenbericht.)

Der Gejamfeindrud der Lage läßt sich am Sonnabendabend wie folgt zusammenfaffen:

Die Finanzfrage ist nach wie vor ungeflärt. Das neue Angebot, das Snowden erwartet und über das heute abend mit Deutschland gesprochen wurde, wird erst morgen fertiggestellt werden. Einstweilen ist noch kein nennenswerter Fortschritt festzu ftellen. Man hat angesichts der letzten Ablehnung Snowdens heute abend nochmals versucht,

Deutschland zu einer Erhöhung seiner Gesamt­Lasten zu pressen.

Insgesamt handelt es sich um 7% millionen Mark jährlich. Dies wurde von Deutschland abermals entschieden abgelehnt. Die Gläubiger wollen nun weiter beraten und hoffen, daß Italien fich in letzter Stunde zu einem wirklichen Opfer hergeben wird, so daß schließlich 75 Prozent der englischen Hauptforderung erfüllt werden können.

Ueber die Sachlieferungen ist die Einigung so gut wie sicher. Ebenso steht die Frage einer leichten Berschiebung zwischen dem ungeschützten und geschützten Teil der deutschen Annuitäten nicht ungünstig, aber alles hängt nach wie vor von der Einigung über die englische Hauptforderung ab.

Was das Räumungsproblem betrifft, fa hat der heutige Tag nicht unwesentliche Fortschriffe gebracht. Ueber die neue

Vergleichskommission ist man sich einig,

da heute nachmittag eine Korrektur im Sinne des deutschen Stand­punftes erreicht worden ist.( Boraussehung für diese Kommiffion, wie überhaupt für das Gelingen der gesamten Haager Konferenz bleibt natürlich eine Einigung über die Räumungstermine. Diese Termine find wiederum nach franzöfifcher, unveränderter Auffaffung abhängig von dem Gelingen des finanziellen Teils der Konferenz, alfo von der grundfählichen Annahme des Young- Plans.) Was die Räumungstermine selbst betrifft, so scheint

Briand schrittweise nachzugeben,

zumal man ihm inzwischen beweisen konnte, daß die technischen Bor­wände, mit denen die Rheingenerale bisher operiert haben, un­haltbar sind. Außerdem ist er sich allmählich deffen bewußt ge­worden, daß die ganze Verständigungspolitif mit Deutschland , von der sein eigenes politisches Schidjal abhängt, auf dem Spiele steht, wenn die ganze deutsche öffentliche Meinung die von ihm genannten Termine als una nehmbar zurückweist. Briand ist heute von Paris aufgefordert worden, an einer Kabinettssitzung am Montag teilzunehmen. Er selbst scheint diese Reise nach Paris nur fehr ungern anzutreten, da er offenbar neue Schwierigkeiten von feinen zumeist start rechts eingestellten Ministerkollegen befürchtet. Die Entscheidung, ob er sich nach Paris begibt, dürfte erst morgen früh fallen. Jedenfalls hat er versprochen, am Dienstagim Haag zu sein, um die Besprechungen über die Rheinlandräumung mit den übrigen Außenministern zu Ende zu führen.

Das letzte Angebot an Snowden. Deutschland beteiligt-Räumungstermine noch nicht genannt

V. Sch. Haag, 24. Auguft.( Eigenbericht.) Die Entscheidung rüdt näher: Snowden hatte in seiner Antwort an Jaspar um ein neues schriftliches Angebot für späte­ftens Sonnabendabend ersucht. Infolgedessen ist die Zu­fammenkunft der sechs Mächte, die zunächst für Sonnabendnachmittag vereinbart war, auf Montag verschoben worden. Vorher hat um

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48 Uhr eine Sihung der Gläubigermächte mit Ausnahme Eng­lands, aber unter Hinzuziehung Deutschlands begonnen. Daß die Sache ernft ist, geht schon aus der Tatsache hervor, daß an dieser Beratung der Finanzjachverständigen diesmal auch Briand , Symans und Stresemann teilnehmen, die vordem bei einer Konferenz über die Rheinlandräumung zusammen gewesen waren. Nur Henderson und Dr. Wirth verließen diese Beratungen gegen ¼ nach 7 Uhr, dagegen tamen wenige Minuten später Hilferding und Curfius an. Daraus tann man schließen, daß Deutschland an diesem neuen, diesmal wohl endgülfigen, Angebot an England beteiligt sein soll.

Um% 9 Uhr verließen die Teilnehmer die Beratung und teilten mit, daß sie am Sonntag wieder zufammentreten würden. Die Grundlage des neuen Angebots an England foll bereits verein bart sein, anscheinend find aber noch verschiedene Ein etheiten ftrittig. Man wird also Snowden bitten, sich noch bis Sonnfag zu geldulden. In den politischen Diskussionen find Einigungsaus| fichten über eine Bergleichstommiffion gut fortgeschritten,

vorausgesetzt, daß Briand Räumungstermine nennt. Er will aber Räumungstermine nach wie vor erst nennen, wenn die Unnahme des Young- Plans gesichert

ift. Wiederum ist die Annahme des Young- Plans durch Deutschland nur dann möglich, wenn die Räumungstermine, die Briand vor einigen Tagen hat durchbliden laffen, ganz erheblich im Sinne der berechtigten deutschen Forderungen verbessert werden.

Londoner Kabinett nach dem Haag?

Paris , 24. Auguft.( Eigenbericht.)

In politisch gut unterrichteten Kreisen will man wissen, daß sich zu Anfang der Woche das gesamte englische kabinett nach dem Haag begeben wird. Man schließt daraus, daß die condoner Regierung alle Anstrengungen unternehmen will, um die Konferenz doch noch zu einem guten Ende zu führen.

Briand in Paris .

Bon amtlicher französischer Seite wird am Sonnabend abend befanntgegeben, daß am Montag um 9 Uhr ein Ministerratim Elysee unter dem Borsiz des Präsidenten der Republit stattfinden werde. An diesem Ministerrat werde Ministerpräsident Briand. der am Sonntag abend aus dem Haag eintreffe, teilnehmen und über die Lage im Haag berichten. Um 10,50 Uhr vormittags, also sofort nach Beendigung des Ministerrats, werde Briand nach dem Haag

Alle gehen heute

nach Treptow

zum Gewerkschaftsfest

zurüdfehren. Es sei zu erwarten, daß Briand bis zum Beginn der Genfer Ratstagung im Haag bleiben merde und sich von dort aus, ohne Paris zu berühren, direkt nach Genf begeben werde.

Die Militärs unterwegs.

Paris , 24. Auguft.

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Wie Havas aus dem Haag meldet, werden die Erörterungen über die eventuellen Modalitäten der Räumung der dritten 3one fortgefeßt. Sie haben die Entfendung militärischer Sach verständiger nach dem Haag notwendig gemacht. So ist gestern auch General Guitry, stellvertretender französischer Generalstabschef, dort eingetroffen.

Auf dem Wege zur Einigung.

Haag. 24. Auguft. Die Sigung der vier an der Rheinlandfrage intereffierten Mächte am heutigen Nachmittag wurde nach eineinviertelstündiger Dauer beendet. Wie verlautet, haben die Berhandlungen einen günstigen Berlauf genommen. Ueber den Räumungstermin fonnte zwar noch teine Klarheit erzielt werden, es steht jedoch zu erwarten, daß die Besatzungsmächte zu Beginn der kommenden Woche Deutschland bestimmte Borschläge in dieser Frage unterbreiten werden, so daß, vorausgesetzt, daß auch in den finanziellen Fragen eine Einigung erzielt wird, die Aussicht besteht, daß sowohl über die Räumung selbst, wie über alle damit zusammenhängenden Fragen eine Regelung zustande kommt. Die Delegierten der Be­fehungsmächte werden am Sonntag und Montag zu diesem 3wed interne Besprechungen mit ihren militärischen Sachverständi gen führen. Eine erneute Sigung der vier an der Rheinlandfrage intereffierten Mächte ist für den kommenden Dienstag in Aussicht genommen.

Gleichheit in zehn Jahren.

Washington, 24. Auguff.

Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65. Diskonto- Gesellschaft, Depositenkasse Lindenstr. 3.

Die Hauptsache vom Haag

Der Young Plan wird in Kraft treten, das besetzte Gebiet wird geräumt werden.

Gowenig wie eine vorüberziehende Wolke den Sonne aufgang aufhalten fann, ebensowenig fann der unbefrie digende Berlauf der Haager Ronferenz etwas daran ändern, daß der Young Plan in Kraft treten und das bejezte Gebiet geräumt werden wird. Es wäre schöner gewesen, die Diplomaten vom Haag hätten den Bölkern den feilsche um Monate, Millionen und Modalitäten, deffen Lärm ungestörten Genuß dieses Schauspiels gegönnt. Das Ge­zu uns herüberflingt, wirft gerade deshalb so unerfreulich, meil es ja nur noch um Nebenfragen geht, während die Hauptfrage schon längst entschieden ist. Der Young- Plan wird in Kraft treten und das besetzte Gebiet wird geräumt werden.

Die Geschicklichkeit, mit der die Rechtspresse aus diesem politi?" zu machen verstand, ist bewunderungswürdig. Im Tatbestand einen Zusammenbruch der deutschen Außen großen ganzen hat sie sich dabei freilich an das bewährte Rezept gehalten, durch erhöhten Stimmenaufwand zu ersetzen, was an Kraft der Argumente fehlt. Es war geradezu amüsant, zu sehen, wie einige naive Seelen auf den Schwindel hineinfielen und mit bekümmerter Miene erklärten, nun sei alles aus und taputt, nun müsse Stresemann weg und müsse der Kurs der Außenpolitik geändert werden. Das würde den Banifmachern freilich passen, deren treudeutsches Gemüt alles erträgt, bloß feine deutschen Erfolge. Ihre legte Hoff­nung ist jetzt, daß es ihnen gelingen tönnte, das deutsche Bolf zu einer ganz großen Dummheit zu verleiten, nämlich zu einer Alenderung der deutschen Außenpolitik in dem Augenblick, in dem ihr Erfolg schon mit Händen zu greifen ist.

Ja

Jawohl, wenn sich Deutschland durch eine Riesendumm heit um den Erfolg seiner bisherigen Außenpolitit brächte, nur dann fönnten ugenberg u. Co. der Blamage ent gehen, die sie sich durch die Einleitung ihres ,, Boltsbegehrens" eingebrockt haben. Am nächsten Donnerstag vollenden sich fünf Jahre, seit die Partei Hugenbergs im Reichstag den Dames Plan zur Annahme verholfen hat, der automa­tisch wieder in Kraft tritt, wenn der Young- Blan nicht zur Ausführung gelangt. Im Kampfe um das Boltsbegehren wird also eine Front der Dames Deutsch nationalen gegen eine Young Linte anmarschieren; unter den Rufen Hie Dames- Plan!" Hie Young- Plan!" wird die Schlacht geschlagen werden. Das deutsche Volk wird zu entscheiden haben, ob es sich mit der Zahlung von 2 Milliarden jährlich begnügen oder ob es Herrn Hugenberg zuliebe 500 bis 700 Millionen mehr bezahlen will.

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nalen täglich daran zu erinnern, daß der Dawes- Plan Dieser Kampf wird Gelegenheit geben, die Deutschnatio­niemals hätte Gefeß werden fönnen ohne bie verantwortungsvolle Mitarbeit der Hälfte ihrer Reichstagsfraftion. Wenn also eine Situation entstanden ist, in der die Verpflichtung zur Zahlung von zwei Milliarden jährlich schon als eine ge waltige Erleichterung erscheint, so können die Deutschnationalen die Mitverantwortung dafür nicht ab­lehnen; fie haben ja diese Situation mit schaffen geholfen. Wenn fie, die den Dames- Plan fünfzigprozentig bejaht haben, den Young- Plan hundertprozentig verneinen, so werden sie dem deutschen Bolt zu beweisen haben, daß in einem solchen Berfahren etwas wie Logit und Konsequenz stedt. Wer wird ihnen glauben? Kein Purzelbaum fann die deutschnationale Demagogie mehr aus den Widersprüchen befreien. in die sie fich selbst verstrickt hat.

Dies alles muß man vorausschiden, wenn man als deutscher Sozialdemokrat zu den Dingen im Haag Stellung nehmen will. Die Konferenz war in ihrem bisherigen Ber lauf geeignet, die Methoden der modernen Diplomaten zu tompromittieren, weil man teine großen Linien sah, da­für aber viel fleinen Streit. Der Inrische Brolog, den ihr Briand gehalten hat, als er von den Bereinigten Staaten Europas sprach, wirkt heute wie Hohn, denn auf teiner Ron­ferenz hat es weniger Gemeinschaftsgeist und mehr Partitu­larismus gegeben als auf dieser. Hinter den rechnerischen Eraktheiten eines Snowden fann man immer noch die politische Absicht sehen, England wieder auf seine eige­Die hiesigen unterrichteten Kreise sind der Meinung, daß die nen Beine zu stellen, nachdem es von Chamberlain einfach Parität in der Flottenstärke zwischen den Bereinigten Staaten zum Hörigen Frankreichs gemacht worden war. Aber hinter und Großbritannien zwischen 1934 und 1940 erreicht werden wird. bem seltsamen Gehaben des Herrn Briand sucht man ver­Die Meldungen, nach welchen eine Lösung des Problems gegebens Sinn und Berstand. Das ist so scheint es wenig­funden oder ein Einvernehmen erzielt worden wäre, werden jedoch ftens uns Deutschen überhaupt nicht mehr Bolitit, sondern für verfrüht gehalten. Wie die Flottenpolitik des Präsidenten nur noch Angstmeierei. Hoover von der amerikanischen öffentlichen Meinung unterstützt wird, zeigen deutlich die im Weißen Hause oder im Staatsdepartement eintreffenden Schreiben, die sich bis jetzt ungefähr auf 1500 be­laufen. Der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Ange­legenheiten, Borah, betrachtet den Besuch Macdonalds im Ottober als ein Zeichen dafür, daß Fortschritte gemacht worden seien.

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Der Gedante der deutsch - französischen Berständigung wird sich trotz alledem durchsetzen- aber der Schaden, den ihm Briand in den letzten Tagen zugefügt hat, ist einfach unberechenbar. Kein Mensch auf der Welt wird verstehen fönnen. was die Franzosen davon haben, wenn sie noch ein paar Monate länger im Rheinland bleiben! Der simpelste