3*r. 19 ♦ 47. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Sonnisg, 12. Lmmar 1930
Ssll«bi«r knappen Stunde ist die Sonne hinter den Hügeln des Varntiner Höhenzuges versunken. Von den Wolkengebirgen, die sie mitzunehmen pslegt. sind zwei seine Schleier zurückgeblieben. die rosafarben und langsam am eintönig-schinutziggrauen Abend- himme! verglühen Der letzte schwache Windhauch versucht einen Nebelschwaden aus dem Talkessel zu entführen, aber kraftlos fallen beide ins Dunkel zurück, lieber dem pechschwarzen Tannenwald im Süden blinken vorsichtig die vier Ecksternc des Orion auf. Die Straße nach Glienicke hm rollt ein Wagen und aus der Richtung von Hennsdorf körnt das Gebell eines Hundes: beides klingt hohl in die schweigende Nacht. Das Tal der Mysterien. Das Tal» in das«in Mann und eine Frau nicht ohne Mühe hinabgestiegen sind, ist seltsam genug. Im Umkreis eines preußischen Morgens bildet eine hohe Hügelkette einen riesigen Trichter. Di« mit dichtem, nie geschnittenem Gras bestandenen Wände fallen terrassenförmig ab. Zwischen hellerem Geröll bisweilen ein Wachol- derstrouch, düster, reglos und-gespenstisch. An einer Stell« ist das Erdreich abgerutscht, nun liegt die Grasnarbe unten und das Wurz.-l- werk oben, aber es scheint nicht viel zu schaden, denn das Gras ist fo frisch rni« je zuvor. Inmitten der unregelmäßigen Talsohle stehen vier, dicke, gedrungene Steinsäulen, die et» flaches. Dach tragen. Man denkt cm heidnische Dpjertempel,. ober da wir uns.auf. einer buddhistischen Siedlung befinden, kann das nicht ftdinnen. Denn als ums Jahr 500 v. Chr. in einem Dar? Nordindiens.der Siddha» tha aus dem Geschlecht der Ghakays aufstand und den Orden der Buddhisten gründete, wandle er sich ja gerade gegen die über- kommenen Opferriten und gegen den Gotzenglauben. So wenig man also heut« in Tibet oder China , in der Mongole: oder Sibirien opfert, so wenig auch in der Garten st adt Frohnau, von der die Buddhistengemeinde Berlins sich den schönsten Fleck ausgesucht hat. Neben den Stcinsäulen liegt ein kleiner Teich mit fauligem Wasser, das ölig schillert.„Plumps* springt«in« Unk« in den Tümpel. Unheimlich ist es hier unicn. Im Westen führt ein Weg auf den Berg. Dicke, roh be-
hauen« Steinquadern bilden die Stufen, in deren Spalten sich Moos und Gros genistet hat. Auf dem Hos eines Tempels endet der Weg. An die letzte holprige Stufe schließen sich schöne, ebenso Meitze wie glatte Fliesen an, mit denen der Hof ausgelegt ist. Eine niedrige Kupserschale ist alles, was auf diesem einsamen Hof steht, nicht ein- mal ein Brunnen. Dafür trogen die mit gelbem Putz kantig und zackig getünchten Wände des Tempels nicht e i n Dach, sonder» zwei. Eins über dem anderen. Beide aus roien Ziegeln, aber nicht steil zu einem Kegel aussteigend, sondern leicht gebogen, die Schlußsteine der Traufe wieder noch oben weisend. Irgendwo in der Mongolei könnte dieses buddhistische Gotteshaus stehen, und mit seiner Zentral- Heizung und der elektrischen Lichtanlage neben anderen Attributen abendländischer Zivilisation würde es selbst den Dogdo Khan von Urga, der die Inkarnation des niemals sterbenden Buddhas ist, in den, der Geist Buddhas und das Vermächtnis Dlchingis Khans mahnen oder auch das Haupt der buddhistischen Religionsgemein- jchoft, den Dalai-Lama im tibetanischen Lassa, mit großer Freude erfüllen. Aber dafür fehlen wieder die Fenster In diesem Tempel, der durch einen schmalen Gang mit dem Wohnhaus verbunden ist, wo clne kleine Gemeinde noch den Gesetzen Buddhas lebi. Im 20. Verwaltungsbezirk der Reichshauptstadt, zehn Minuten vom Bahnhof Frohnau . Straße am Kaiserpark, Chaussee nach Glienicke . Das Innere des Tempels ist von spartanischer Cinsachheik. Die gleiche Wand wie außen, gelb und roh. oben zeigt der Dachstuhl sein Gebälk. An der vorderen Wand ein Reliefbild des Buddha, in Marmor gemeißelt, zu beiden Seiten Leitverse aus dem Dhammapoda und dem Suttanipala, in hindustanischer Sprache mit deutscher Uebersetzung. Bar dem Bildnis und den Tafeln brennt Kerze neben Kerze, ihr Licht ist so mild wie der Duft der vielen, vielen Rosen, der den Tempel erfüllt. Heute feiern die Jünger Buddhas ihr Ball- inondfest und andächtig erwarten einhunvertundzwonzig Menschen, Christen, Juden, Herden, Reichswehr - saldoten, Schneidermeister, Versiche- rungsagenten, Bcm'direktoren und Frauen mehr als Männer das Tom- men des Mönchs. Die Kerzen he- sonders haben ein verspätetes Nacht- Pfauenauge angelockt, müde taumelt es zwischen den Lichtern umher, bis eine Flamme die zarten Flügel ver- sengt und sich der schön« Schmettere ling vor den letzten vergoldeten Zeilen des Dhammppada:. Dos Unter« lasten olles Uebeltuns/ Beständiges Sich-mül?en um gutes Werk/ Des eigenen Denkens Nenügiing/ Das ist's, was jeder Buddha lehrt, zum Sterben hinlegt. Feierlich Ichlägt dreimal ein Gong an. Aber nicht zum Zeichen besten, daß nunmehr das Bollmondfest der Froh- nauer Buddhistengemeinde beginnt. sondern der ferne Buddha möge auf- merken und die Worte der Gläubigen hören.
Oer Weg ins Nirvana . Der Mönch, europäisch gekreidet, ist groß und hager, sein Kopf kahlgeschoren, die Vaogen eingefallen, in seinen Augen flackert etwas von religiösem Fanatismus, in den Händen hält er das Manuskript seiner Predigt, mit Maschine geschrieben un£> handschriftlich korrigiert. Mit tonloser Stimme beginnt«r mit dem Gleichnis von der Kröte aus der mittleren Sammlung der Werke Buddhas. Also sprach der Buddhas „Was meint ihr, o Mönche, wenn all« hundert Jahre aus dem weiten Ozean eine einäugige Schildkröte aufsteigen würde, und auf dem großen Ozean wäre eine einkehlig« Reuse ausgelegt, meint ihr. o Mönche , diese einäugig« Kröte gerät« in die einkehlige Reuse? Aber ich sage euch, eher gerat diese Kröte in die Reuse, ehe ein Mensch aus der Hölle in die Tierwelt wiedererstehen kann!" Und der Mönch fuhr fort, den einhunderwndzwanzig Achtzehn- bis Sechzigjährigen, mit Pelzen behängten und in einfachen Wander- kitteln Gekvrmncne» den Sinn des Buddhismus zu erläutern: Der M-e n s ch sucht das Glück. Aber Glück ist nur eine Kette von Vergänglichem. Und olles Vergängliche ist eine Illusion. Deshalb ist Glück für den Buddhisten dos Dasein ohne Illusion. Der gläubige Christ ergibt sein Schicksal in die Gnade Gottes und erwartet von ihr alles: hier trennen sich die Wege des Christentums und des Budidhisnius. Der Buddhist sagt, wie die Wirkung, so die Folge: „Wenn einer mit beschmutztem Sinn in Worten oder Taten wirkt. so folgt daraus das Leiden ihm. gleich wie das Rad des Zugtiers Fuß." Zder Mensch, der gänzlich jedes Trieblebcn irberwunden hat, zieht sin ins Nirvano , was das Verlöschen alles Daseins bedeutet. Wer nur einmal an Buddha zweifelte, aber sonst der Lust, den« Haß und dem Wal :»« entsagt hatte, also ein guter Mensch war, wird im Himmel wiedergeboren. Die Seele des Sündigen jedoch wird entweder als Mensch, als Tier oder auch in der Hölle wiedergeboren, wenn«r nicht die Forderungen der Rechtschaffenheit erfüllte, sondern nur alz Egoist sich selbst lebte. GadbKsni eke upapajjanti, Nirayatn papakamrniuo, Saggam rugatino yajrti, ParLnibbanti anasava, heißt es darüber im Dhammapada, was in deutscher Uebersetzung heißen soll:„Im Menschenschoß taucht mancher auf, im Höllenschoß der Bösewicht, der gute Mensch zum Himmel geht: gänzlich per- löschen Triebsreie." So sprach der Mönch. Rollte das Manuskript zusammen, senkte den Blick— hinter ihm lag der tote Schmetterling— und fügte
H,'/äfS."/'" C*- Das Buddbistental mit Tempel und„Opferstätte".
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Jeder Händler hatte seine besondere Weise, um seine Ankunft zu verkünden und sich den Kunden schon vor seinem Erscheinen zu melden. So versammelte sich, lange ehe der Fischhöker(mit seiner Stange, die er quer über der Schulter trug, und an deren Enden seine beiden Körbe baumelten) mit seinem heiseren und gutturalen Ruf:„Fische, Garnelen— Fische, Garnelen!" in den Hof einzog, ein Heer von Katzen, bereit, ihn zu umspringen, sich an seinen Beinen zu reiben und wie der einfältige Simon einen Kosthappen von ihm zu erbetteln. Während er von Tür zu Tür ging, deckte er seine Körbe jedesmal wieder sorgfällig zu. und wenn die miauen- den Quälgeister ihn allzusehr belästigten, verschaffte er sich «inen Augenblick Ruhe, indem er seine kleinste Sardine so well als möglich hinter sich warf, was sofort einen kurzen, aber hartnäckigen Kampf zur Folge halle. Die erste, die zu waschen anfing, war Leandra, die bei ihren Freunden Machona hieß, eine Portugiesin, die reichlich viel schrie, d'cke behaarte Arme halle und gebant war wie ein Lastpferd. Sie halle zwei Töchter und einen Sohn, einen jungen Teufel mll lauter Unfug im Kopf, dessen Stimm» umfang dem seiner Muller beinahe gleichkam. Er und die jüngere Tochter Nenem� lebten bei Liandra. aber die ältere Tochter Anna wohnte für sich. Anna war verheiratet, hatte sich aber von ihrem Mann getrennt und erfreute sich des malerischen Beinamens„Das Dores de Rascimento". was überletzt lautet:..Geburtswehen". Da dieser Titel für den häufigen Gebrauch eiliger Leute zu lang war, so wurde Anna gewöhnlich„Das Dores" gerufen. Riema-d war sich eindeutig klar darüber, ob Mutter Machona e'ne echte Witwe� oder nur eine Strohwitwe war. aber alle stimmten darin überein. daß die drei Kinder e'n» ander wenig ähnlich sahen. Das Dores' gesellschaftliche Po- sition war leichter zu definieren: sie war verheiratet gewesen, hatte jedoch chren Mann verlassen, um ihre Liebe und Zart- kichkell einem Kaufmann zu schenken, und letzterer, der sie bei seiner Abreise nach Portugal nicht der Glcichgülligkell einer lallen und herzlosen Well ausliefern wollte, hatte sie gleich»
zellig mit dem Geschäft seinem Sozius übcrlosien. Das Dores stand in voller Blüte ihrer fünfundzwanzig Lenze. Renem war siebzehn. Groß und schlank, aber Kräftig und außerordenllich stolz auf ihre Jungfräulichkeit. Sie bügelte ausgezeichnet und war ungewöhnlich geschickt mit der Nadel. Bald gesellte sich Augusta Carne Molle zu Leandra. Sie war Brasilianerin, weiß, und die Gattin Alexandres, eines vierzigjährigen Mulatten, der bei der Polizei diente. In seiner Uniform mit gestärkten Hosen und Ledergamaschen. den polierten Messingknöpsen, dem mächtigen gewichsten Schnurrbart und dem glattrasierten Kinn, strahlle Alexandre Würde aus, und seine gestrenge Miene verbat sich jede Der- lraulichkell. Aber wenn er sein offizielles Gewand einmal abgelegt hatte, so war Alexandre entspannt: im offenen Hemd. mit schäbigen Hosen bekleidet und Pantoffeln an den Füßen, lief er auf dem Hof herum und war gesprächig und leutselig. Rur in solchen Augenblicken wagte es Augusta, ihren Herrn und Gebieter anzusprechen, denn vor dem Felsen eines offi- ziellen Amtes sühlle sie sich klein und schüchtern. Ihre An- ständigkell war im ganzen Hause sprichwörtlich, aber es war kein großes Verdienst dabei, denn diese Anständigkell ent- stammte mehr dem Mangel an Temperament als unbeug- samer Tugendhaftigkeit. Bald erschien eine drllte Wäscherin. Leoradia, die Frau eines Schmiede:« namens Bruno. Das war ein« kurze, stämmige Portugiesin, deren Schwatzhaftigksll von allen Nach- barn beanstandet wurde. Ihr folgte Paula, eine ältliche Negerin. Halbldiotin, ober dennoch wegen ihrer übernatürlichen Kräfte geachtet. Ein paar leise gestammelt- Worte genügten, um ein Fieber zu vertreiben oder eine Wundrose zu heilen. Häßlich und ge- wohnlich, mit hartem schwärzen Haar, wild stierenden Augen und scharfen, spitzen Zähnen wie die eines Hundes, hieß sie gewöhnlich»chie Hexe" und hafte gegen den Namen nichts ein» zuwenden. Dan" kam Marcianna und ihre Tochter Florknda. Erstere war eins Mulattin mittleren Alters mll herbem Gebaren und übertriebener Re'nNchkell deren Haus vor lauter Scheuern ewig feucht war. Wenn sie sich ärgerte, nahm sie regelmäßig ihrell Besen und kehrte unausgesetzt; wenn sie aber wütend war, holte sie einen Eimer Wasser, goß ihn auf den Boden aus und schrubbte wie rasend. Die Tochter war fünfzehn und hafte einen warmen, braunen Teint, einen sinnlichen, roten Mund, gleichmäßige, weiße Zähne und leuchtende, schwim» mende Äugen. Dann erschien die alte Isabel, vielmehr Dona Isabel,
denn der Tllel wurde ihr zugesproäzen, weil sie einmal besser« Tage gekannt hatte— eine arme, vom Unglück verfolgte Frau. Sie war die Witwe eines Kaufmanns, der ein Putzgeschäft gehabt, aber Bankrott gemacht und sich das Leben genommen hafte, und sie war mit einem zarten Töchterchen zurückge- blieben, für deren Erziehung Isabel kein Opfer scheute: sogar fraixzösischen Unterricht hatte sie dem Kind geben lassen. Früh- zeitig geallert, hingen in ihrem Gesicht schlaffe Säcke her- unter, die von einem einstmals fetten und jetzt mager gewor- denen Körper zeugten. Die Augenlider fielen über farblose. braune Augen, die aussahen, als ob sie immer weinten, und ihr spärliches graues Haar war hoch oben auf dem Kopf zu einem festen, kleinen Knoten gesteckt. Auf der Straße trug sie immer ein alles, schwarzseidenes Kleid, dessen wellsr Faltenrock mit der engen Taille und dem alten chinesischen Schal, der sich fest um die mageren Schullern legte, ihr das Aussehen einer wandernden Pyramide gab. Von ihrer frühe- ren Herrlichkeit war ihr nur ein einziger Schatz geblieben— eine goldene Schnupftabaksdose, aus der sie in Äugenblicken der Ruhe eine bescheidene Prise nahm, und diese Aktion begleitete sie innner mit einem tiefen Seufzer. Ihre Tochter war die Blume des ganzen Hauses. Sie hieß Pombinha oder„Täubchen". Trotz ihrer zarten Konstitution und ihrer außerordentlichen Nervosität flößten ihr blonder Liebreiz und ihr feines Benehmen ollen eine Art Ehrfurcht ein, und das ganze Haus war stolz auf sie. Isabel erlaubte nicht, daß sie wusch oder bügelle, denn solche Arbellen waren ihr vom Arzt streng verboten worden. Pombinha hatte einen Verehrer, einen gewissen Ioao da Costa, einen unternehmenden, fleißigen Jüngling, der von seinem Chef und seinen Kollegen hoch geachtet wurde. Er hafte entschieden eine Zukunft vor sich und liebte Isabels Tochter sell sie ein Kind war. Wer die Hochzeit konnte wegen der zarten Gelunkchell des Mädchens noch nicht stattfinden. Die Herzen der ganzen Nachbarschaft schmolzen vor Mitleid. Was für ein Jammer, dachten sie alle, wo doch so viel von dieser Heirat abhing. Da Costa würde bald der Sozms seines Onkels werden und konnte die Zeit nicht erwarten, wo er Pombinha und ihrer Mutter wieder das sorglose Leben würde verschaffen können, das sie einmal gekannt hatten. Die arme Witwe betete jede Nacht inbrünstig zum Himmel, daß ihrer Tochter die Gnade der Gesundheit gewährt würde wie an- deren jungen Mädchen. Aber so köstlich die Aussicht auf Ruhe und Wohlstand war, sie konnte doch die Heirat nicht beschleunigen. (Fortsetzung folgt.)