Nr. 248 47. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Donnerstag, 29. Diai 1930
Hundertjährige abbruchreife Häuser in der Jüdenstraße
Tarmbauten auf dem Reichskanzlerplatz
In den kürzlich fertiggestellten Witzlebener Ausstellungshallen, die sich um den Funkturm, dem Wahrzeichen des neuen Berlin , gruppieren, ist eine der einzigartigsten Ausstellungen erstanden, die dem alten Berlin gewidmet ist. Wir lächeln, wenn wir unsere heute mit Verkehrsgedröhn erfüllten Straßen als geruhsame Wege sehen, auf denen die Bürger, den neuesten Stadtklatsch beredend, als friedliche Kleinstadtbürger einherwandeln. All diese Straßen, Häuser und Menschen gehören einer längst vergangenen Zeit an- so glauben mir. Und doch sind einzelne dieser Häuser auch in der heutigen Riesenstadt noch nicht ausgestorben. Viele fristen noch in Winkeln und Gassen ein meist menig schönes Dasein. Unser Bild zeigt Häuser in der Jüdenstraße, geradeüber dem Stadthaus, die, längst abbruchreif, schon über hundert Jahre an ihrem Platz stehen. Neben diesem Bild haben wir eine Aufnahme der neuen Bauten am Reichskanzlerplatz gestellt, die deutlich das unaufhaltsame Emporstreben der deutschen Reichshauptstadt zur anerkannten Weltstadt vor Augen führt.
Kürtens Mordgeständnisse.
3hm gefielen die Zeitungsberichte über seine Taten.
Düsseldorf , 28. Mai. ( Eigenbericht.)
In einigen Blättern murde unter anderen zahlreichen, nicht den Tatsachen entsprechenden Mitteilungen auch die Behauptung aufgestellt, daß der unter dem Verdacht der Täterschaft an den Düssel Dorfer Morden festgenommene Beter Rürten pöllig zusammen. gebrochen sei. Das entspricht feineswegs den Tatsachen. Sürten ift bis jetzt bei den Bernehmungen ruhig gemefen, geistig außer ordentlich rege und hat seine Aussagen ohne Anzeichen von Ermüdung gemacht. Auf alle an ihn gestellten Fragen erstattet er bereitmilligst erschöpfende Auskunft. Er hält auch nicht mit Angaben zurück, die ihn außerordentlich schwer belasten und die bisher völlig unbekannt waren. Er betont immer wieder, welche große Befriedigung er dadurch gefunden habe, daß jedes einzelne Bresse organ durch aussehenerregende Darstellungen seiner Taten die öffentliche Meinung in hohem Maße aufgepeitscht habe.
Die inzwischen meiter geförderte Bernehmung hat folgendes ergeben: Behandelt wurden zunächst die Kindermorde in Flehe ( Lenzen und Hammacher), dann die Fälle Ida Reuter, Elisabeth Dirrier und Frau Heinrich Wanders. Diese Fälle schildert Kürten in eingehender Weise. Als besonders bemerkenswerte Eigen
FREDRIK
PARELIUS
11].
CHWARZE EGENDE
Bermundert muß ich bemerken, daß Vera in ihrer Ede fauern bleibt. Die Arme läßt sie gerade herunterhängen, den Kopf hält sie gesenkt. Aus ihrem ganzen Gebaren spricht eine Bitte um Schonung.
,, Willst du dich nicht hinlegen?" frage ich. Dera möchte nicht gern!" jagt sie ganz leise, in ruhigem Ton, aber ich höre ihren Atem gehen und sehe, daß ihr Blid fich starr auf den Fußboden heftet.
,, Was? Warum denn nicht?" frage ich verwundert und seze mich wieder auf.
,, Auf der Matte will Dera schon liegen, aber fie möchte allein bleiben, und sie will auch später in der Nacht nicht in dein Bett hinauf!"
Nun, ich hätte auf solches Auftreten in der Brautnacht vieles entgegnen fönnen. Aber dieses eigensinnige Ber langen, allein auf der Matte bleiben zu wollen, brachte mich fast zum Lachen. Und schließlich erniedrigt man sich gegenüber einem fleinen Negermädel nicht zu einem bettelnden Hund! Also jage ich nur: Ja, meinetwegen, das ist mir ganz recht. Ich bin müde. Denn die Frauen in diesem Lande find zu nett und gastfrei!"
Wir schlafen ein. Der Regen rieselt, und der ferne Donner gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Der. dünne, Flor des Moskitoneges ist wie ein blantes Schwert, das zwischen uns liegt.
Im Halbschlummer glaube ich, gedämpftes Schluchzen zu hören. Ich werde mach, bleibe still liegen und lausche. Aber als ich Licht mache, schläft Vera mit ruhigen Atemzügen, und feine Spuren von Tränen sind auf ihren Wangen zu sehen. Also ist es mohl nur der gleichmäßige, feine Regen gewesen, der mir im Schlaf wie leises, mehes, eintöniges Weinen erschien.
Als ich aufstehe, finde ich die Matte non meinem Bett leer. Aber ich habe den Kopf jo voll von all dem, was zu tun ist, daß ich nicht viel an Dera dente, Mit Geduld und
schaft ergibt sich, daß Kürten völlig unbekannt nach Flehe gefahren ist in der Absicht, sich dort ein Opfer zu suchen. Er wußte, daß an diesem Abend in Flche ein Schützenfest stattfand. Er traf beide Mädchen auf dem Feldweg, schickte die größere reg um 3igaretten zu holen, während er das fleinere tötete und verbarg, die Lenzen erwartete er an der Stelle, mo sie ihn verlassen hatte, um sie dann zu töten. Der damals am Tatort gesicherte Fußabdrud fonnte als zu einem Paar Schuhen, die dem Kürten gehörten, identifiziert merden. Ida Reuter hat er auf dem Düsseldorfer Bahnhof am 30. September 1929 fennen gelernt; fie verabredeten nach dem Bappelwäldchen zu gehen. Inzwischen mar es pollständig dunkel geworden, so daß die Reuter Bedenten äußerte weiter zu gehen. Da alles Zureden des Kürten nichts half, lehrte sie um. An der bekannten Stelle zwischen Pappelwäldchen und Tennisplätzen versetzte er der Reuter mit einem mitgeführten Hammer einen Schlag gegen die rechte Schläfe, die Reuter brach zusammen. Da in demselben Augenblid sich Spaziergänger näherten, zog er die Bewußtlose vam Damm herunter in die Wiesen am Rhein , wo er sie vergewaltigte. Dann erst versetzte er ihr den letzten tödlichen Hammerschlag auf den Kopf. Kürten gibt an, daß er das Stadtköfferchen der Reuter nach der Tat in der Leostraße über eine Mauer in einen Hausgarten geworfen habe. Dieses Köfferchen ist auch vor längerer Zeit in dem Garten gefunden und von Hausbewohnern der Polizei übergeben worden. Es wurde als das Eigentum der Reuter wiedererkannt.
Abwarten wird schon alles in Ordnung kommen mit der jungen Bazandefrau!
Die Dirrier hatte Kürten am 1. Oftober 1929 gegen 12% 1hr in der Graf- Adolf- Straße angesprochen. Nach Besuch eines Lotals fuhren sie zusammen nach Grafenberg und gingen hinunter zum Dorffrug. Tötung und Mißbrauch erfolgte in der gleichen Weise mie im Falle Reuter. Im Falle Dirrier ist die Beweisführung im Louse des heutigen Tages dadurch völlig unabhängig von dem Geständnis des Rürten geworden, daß ein Stück Pelz besah mit Stoff des Mantels der Dirrier gefunden worden ist. Kürten hatte unmittel bar nach seiner Festnahme mehrere Stellen bezeichnet, mo er Kleidungsstücke der Dirrier verborgen hatte. Den Mantel hatte er in mehrere Teile zerrissen und diese Teile an verschiedenen Stellen antergebracht. Die Zerreißung des Mantels will er im Gefühl der Nachwirkung seines Zustandes ausgeführt haben.
„ Raubüberfall."
Geschäftsfrou niedergeschlagen, der Täter verhaftet.
Ein Neunzehnjähriger, Anwärter auf den frügerischen Lorbeer eines Operettentenors, früherer Real schüler, überfällt die alte Schreibwarenhändlerin, die ihm früher als Schüler Heste und Federn verkauft hat. Schlägt fie nieder, wird ergriffen. Eine Tat der Not. Er lebte von der Unterstützung seiner Mutter und suchte auf diese ver3weifelfe Weife fich„ Mittel zu verschaffen.
Im Hause Begas str. 1 in Schöneberg , in der Nähe der Helmholtz- Realschule, betreibt schon seit vielen Jahren eine 55 Jahre alte Frau Bach ein Papierwarengeschäft, in dem sie auch anderen Schulbedarf verkauft. Die Schüler des Realgymnafiums gehören fast alle zu ihren regelmäßigen Kunden. Während Frau Bach am Mittwoch nachmittag in ihrer Küche beschäftigt war, betrat e junger Mann ihren Laden. Als fie hinzufam, sah sie gerade, daß er die Ladenfasse geöffnet hatte und das Geld herausnehmen wollte. Sie lief auf ihn zu. Der Bursche holte einen Hammer hervor und schlug auf die Frau ein. Passanten sahen den Räuber die Straße entlangrennen und setzten ihm nach, bis er in die Hände eines Schupobeamten lief. Er wurde dann nach der Wache des 171. Reviers gebracht, wo er als ein 19 Jahre alter Wolfgang 5. festgestellt wurde, der bei seiner Mutter in der Kauschftraße wohnt. Die Ueberfallene hatte zwei Hammerschläge auf den Kopf erhalten. Lebensgefahr besteht nicht.
Auf der Reviermache verweigerte der Festgenommene zunächst jede Angabe und behauptete, er habe einen Nervenschot erlitten. Später gab er hann folgende Schilderung: Er selbst hat das Helmholtz- Realgymnasium bis zur Unterfefunda besucht. Daher war ihm auch das Papiergeschäft wohlbekannt. Nach dem Abgang von der Schule fam er auf eine Presse. Weil er glaubte, daß seine Stimme für die Bühnenlaufbahn ausreiche, nahm er Gesangunterricht und betam auch im Oktober v. J. Engagement am Stadttheater in Brandenburg a. d. Havel . Seit dieser Zeit nennt sich H. Ope= rettentenor. Anfang dieses Jahres fehrte er nach Berlin zurück und lebte pon der Unterstügung seiner Mutter. Um sich in Mann gestern den Ueberfall. Er erwartete bei der kleinen Schreihden Besitz einer größeren Summe zu setzen, unternahm der junge marenhändlerin offenbar größere Summen.
In der Friedrichstraße murde gestern nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr, in der Zeit des lebhaftesten Straßenverkehrs, von einem Mann die Schaufensterscheibe des Juweliersgeschäfts Reimann durch einen Steinwurf zertrümmert. Der Täter wurde in dem Augenblick verhaftet, als er versuchte, die im Schaufenster ausgelegten Schmuckstücke zu rauben.
Nach den polizeilichen Ermittlungen handelt es sich um den 25jährigen Schneider Bela Papp aus der Weserstraße in Neufölln. Wie sich nach der Festnahme des P. herausstellte, hatten es die Beamten mit einem Geistes gestörten zu tun. In der Tasche des jungen Mannes wurden mehrere handgroße Steine gefunden, mit denen er offenbar noch weitere Fensterscheiben zertrümmern wollte. Ein Raubversuch kommt jedenfalls nicht in Frage. Papp wurde in Polizeigewahrsam genommen.
scheint. 3aloni erzählt, daß der Künstler sich zwölf Jahre lang mit der Schaffung dieser naiven, oft höchst pornoBor Sonnenaufgang schon find meine Träger aufge graphischen Szenen beschäftigt hat. Und trotzdem er es brochen, nach dem Dorf der Bazandehäuptlings Gazu . Er heftig ableugnet, sehe ich doch ganz genau, daß fie die Aufist ein Bruder Zalonis, dessen Hauptdorf ich auf dem Marschenahmezeremonien in den Geheimbund Nemele darstellen. berühren werde. Der Postmeister verabschiedet sich schweigsam und formell von mir, will das gestrige vertrauliche Gespräch damit ungeschehen machen.
In dem Augenblid, wo ich zu Pferde steigen mill, fommen meine beiden Frauen zu mir, Yera und die ältere. Sie wünschen mir einen guten Tag, und die ältere spricht: Dera bittet den großen Weißen, 3aloni zu berichten, wie die Nacht verlaufen ist. Dann will sie selbst mit ihm reden. Denn sie will nicht deine Frau sein!"
Ich erwidere, ich hätte schon beinahe vergessen, daß ein stummes Weib mit dem Namen Vera überhaupt lebt. Aergerlich schwinge ich mich in den Sattel Da reißt die Frau ihr rotes Tuch vom Leibe und schwingt es mit aus geftredten Armen wie eine Fahne. Die welten Gärten ihrer Brust, die Glockenflöppeln gleichen, fommen dabei in heftig läutende Bewegung, und frech singt sie mir nach:
Mich hättest du nehmen sollen! Mich hättest du haben können! Weshalb hast du mich nicht gewählt?
Erst wenn die Brüste fallen, Gärt der Wein der Frauen!
Du aber weißt das nicht! Du weißt das nicht!"
Und Vera steht gebeugt neben ihr, als wäre die Last ihrer jungen Brüste den zarten Gliedern zu schwer.
Die Sonne steigt, und sie zieht, die Nebelballen aus den Wäldern zu sich. Sie sehen aus wie große Fabeltiere. Ein heißer Tag steht bevor. Und die Träger ellen, um den nächsten Lagerplatz zu erreichen, ehe die schlimmste Hize einjeßt Der Schlamm umsprigt sie, denn der Weg ist zu dieser Jahreszeit ein Bachmanchmal ist das Wasser so tief, daß das Pferd sich schwimmend fortbewegen muß. Bo das Land, das zu seinem Dorfe gehört, beginnt, tommt Baloni mir entgegen. Ich werde zu seinem Hause geführt. Aus hohen Elfenbeinpofalen trinten wir falten, perlenden Balmenwein, der erst in dieser Nacht aus den Kronen junger, auserlesener Palmen gezapft worden ist. Die Berzierungen auf den Riesenpofalen sie sind aus sie sind aus den Stoßzähnen eines mittelgroßen Elefantenbullen gemacht find so tief eingeschnitten, daß der feurige Wein hindurch
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Ich zeige auf eine der Kinderfiguren: ,, Hier hat der Bildfchniger wohl era als Modell benutzt?"
Ja!" erwiderte Zaloni. Du hast dich wohl für sie entschieden? Oder doch für eine andere? Ich schickte dir ja eine ganze Auswahl."
Ich weiß eigentlich nicht recht, ob Vera das richtige für mich ist. Vielleicht möchte sie auch gar nicht von dir fort. Aber lassen wir das für später!"
Ich will dir aber gerade era schenken! Keine von den andern Frauen läßt sich mit ihr vergleichen. Du wirst schon mit ihr zufrieden sein; sie ist die passende Frau für dich. Und wenn du Baloni einmal vergessen solltest, wird Vera dich immer an die Azandeer erinnern!"
Wir sprechen nicht mehr über die Angelegenheit, doch übergebe ich Baloni Geschenke als Gegengabe, und damit ist der Ehekontrakt formell in Ordnung. Denn ich will ihn nicht mit einem Abschlag seiner großen Gabe beleidigen. Wenn aber Vera von selber zu ihm zurückkehrt, wird sich alles mieder ungeschehen machen Laffen.
Meine Träger sind schon meit poraus. Ich sage Zaloni Lebewohl und auf Wiedersehen in Batu.
Im Wegreiten sehe ich, wie sich Vera in eine der Frauenhütten hinter Zalonis Lehmhaus hineinschleicht.
Am Abend ist Tanz in Gazus Dorf, das die gleiche AnLage zeigt, wie fast alle Dörfer der Azandeerhäuptlinge: fleine, fonische Hütten aus Lehm und Holzmert gebedt stehen im Kreise um einen offenen Blaz.
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Gegorenes Banqnenbier wird in großen Holzgefäßen herumgereicht. Elefantenfleisch und Maniofluchen schmaust das niedere Bolt, lebende Ameisen und gerösteten Mais speisen die Feineren. Dazu trinken sie Palmenwein. Der Tanz geht um das Feuer auf dem Dorfplatz herum. Langsam gleitend schreiten die Männer, fingen Gesänge, die dem Brausen des Windes im Walde verwandt find. Stets tehren fie das Geficht dem Feuer zu. Körper und Glieder bewegen sich tattmäßig nach dem Dröhnen der Fell- und Holztrommeln, deren dumpfen Laut selbst die Eingeborenen in Zalonis Dorf noch vernehmen können, wenn sie das Dhr jetzt lauschend zwischen Baumwurzeln an die Erde drücken. ( Fortsetzung folgt.)