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Dorurtheilen darf da nicht abschrecken. Die unabhängige Justiz hat das Recht und die Pflicht, dieMajestät des Gesetzes* unter allen Umständenohne Ansehen der Person" zu wahren, auch wenn sie mit den Vorurtheilen bestimmter Kasten in Konflikt kommt. Der jetzige Zustand ist unerträglich und unhaltbar. Mit Interpellationen ist's nicht gelhan. Von dem ein- fachsten Ausweg: daß von derselben Stelle, von der die Kabinetsordre von 1874 ausgegangen ist, durch einenMacht- spruch- dem Konflikt ein Ende gemacht werde, reden wir nicht; denn zwischen dieser Stelle und uns liegt der für ein freies Wort uniibersteigliche Majestätsbeleidigungs- Paragraph. Hier giebt es nur eine Abhilfe von unten. Durch Druck der öffentlichen Meinung, durch Agitation, durch Erwecken deS öffentlichen Rechtsgesühls, durch Mobil- machung der im Volt lebenden sittlichen Kraft. poltktschv«ebcrUchk. Berlin , 20. April. Der Reichstag hat heute keine Wahlprüsungen be- handelt und hatte sie auch nicht auf der Tagesordnung, wie uns ein Jrrtbum am Schlüsse der vorigen Reichstagsnotiz sagen ließ; der Jrrthum ist im Hause und in der Presse - ziemlich überall getheilt worden, er erklärt sich durch die undeutliche Aussprache des Präsidenten. Zuerst wurde die zweite Lesung des Gesetzes über die Wirthschafts- Genossenschaften beendet und die übrigen Paragraphen nach längerer Diskussion, deren Kosten hauptsächlich Dr. Schneider, Wurm und v. Stumm bestritten, gemäß den Kommissions» Vorschlägen angenommen. Sodann wurde unter großer Spannung die Duell- Interpellation des Zentrums verhandelt, die heute auch zahlreiche Offiziere auf die Zuhörertribünen gelockt hatte. Nachdem der Minister von Bötticher die Be- antwortung der Interpellation zugesagt hatte, erhielt zu ihrer Begründung Abg. Dr. Bachem(Z.) das Wort Der Zentrumsredner mißbilligte das Duell selbst unzweideutig, aber gegen seine gesellschaftlichen Grunde lagen verhielt er sich äußerst schonend oder viel mehr er stellte sich naiver Weise an. als ob er sie nicht kennte. Den Schwerpunkt legte er auf den religiösen Glauben, der das Duell als Verbrechen be- zeichnen und seine Ueberwindung herbeiführen müsse. Die Begnadigungen der Duellanten erwähnte er mit keinem Worte. Der Minister v. Bötticher verlas die Beanl Wartung der Interpellation durch den abwesenden, weil unwohlen Reichskanzler. Die dem Reichskanzler bekannten und von ihm bedauerten Duelle hätten nicht verhindert werden können, da man vorher nichts davon gewußt habe. (Herzhaftes Gelächter links.) Auch würden diejenigen, welche ein Duell planten, wohl doch den Weg zur Ausführung ihrer Ab- ficht finden.(Znruf: Wäre aus denselben Gründen nicht auch jeder Versuch, eine sozialdemokratische Versammlung zu verhindern, überflüssig?) Selbstverständlich wünsche der Reichskanzler, daß den Duellen mehr als bisher durch die berufenen Or- gane entgegengewirkt werde. Nun ist bei uns die Praxis die, daß von demSelbstverständlichen" allzuoft das Gegen- theil geschieht. Der Erklärung folgte am Schluß erneute t eiterkeit und kein einziges Bravo! Nach einer Rede ickert's, der das Duell bekämpft und deshalb den Liberalismus als konservativ und staatserhaltend pries, nahm der Pastor Schall zu einer Schaukelrede das Wort. Das christliche Sittengesetz verbiete das Duell. Aber das natürliche Bewußtsein, das natürliche Rechtsgefühl spreche oft anders, wenn die Ehre, das höchste Gut, in Frage komme, zumal die Ehre jetzt nicht genügend gesetzlich ge- schützt sei. Herr Schall entschied sich zwar am Schlüsse dahin, daß das christliche Gesetz dem menschlichen vorangehen müsse. Warum er dann aber seine Argumente zu gunsten seines sogenannten natürlichen Rechtsgesühls vor- getragen hat, wird er wohl selbst nicht angeben können. Bebel hielt dem konservativen Herrn seine Widersprüche vor, nagelte ihn an seine famose Duellrede an und erklärte diese Widersprüche auS den Rücksichten, die Herr Schall theils auf seine jetzige geistliche Stellung und theils auf folgte, stand er ganz hinten am Fenster, um die ganze Schule überblicken zu können; von Zeit zu Zeit nannte er einen Namen und schrieb ihn dann aus die Tafel, die er vor die Brust gestemmt batte. Aus einmal sagte er ganz laut, daß es einigen die Köpfe emporriß: Die Steinerin schwätzt!" Stei ner?" mahnte der Lehrer, nahm'sden Federhalter zwischen die Lippen und schlug ein Blatt um. Lene hatte ganz ruhig in ihrerBiblischen Geschichte" gelesen an der Stelle, wo erzählt wird, wie Simson die Thore einer Stadt aushebt und auf den Schultern davon- trägt; die Gestalt ihres Vaters war vor ihren Augen auf- getaucht und sie sah ihn, wie er einen vollen Getreidesack, der doppelt so lang war, wie sie, mit spielender Leichtigkeit aus den Rücken warf. Und da sollte sie geschwätzt haben? Die unwahre Beschuldigung trieb ihr das Blut zum Kopfe und voller Zorn stieß sie durch die Zähne:Ich Hab' nicht geschwätzt!" Allsogleich ertönte wieder die Stimme des Aufpassers: Die Steinerin schwätzt!" del, willst Du gar nicht hören?" Ich Hab' nicht geschwätzt!" Die Steinerin schwätzt!" Da fing im Lehrer der Zorn:Her aus! Her auS! .. Da!..Da!.. Du!.. Du!. schrie er und schlug ihr aus die Hände und als er ihre Augen erblickte, die aus Trotz über das ihr widerfahrene Unrecht funkelten, über- mannte ihn die Wnth derart, daß er nach dem schweren Lineal griff und ihr über den Rücken hieb, daß eS klatschte. Dieser eine Schlag war die Ursache, daß Lene ihrem Onkel, solange sie in seinem Hause lebte, und später noch, ja bis ans Ende seines Lebens, nicht einmal mehr im reinen, vollen Vertrauen entgegenkam. Sie ehrte und schätzte ihn, und that nach seinen Befehlen und Wünschen, aber ein Bedürfuiß, in seiner Nähe zu sein, ihm ihre kleinen Leiden und Freuden anzuvertrauen, fühlte sie nicht. Als sie dann erwachsen war, sparte sie sich manchen Groschen vom Munde, um ihm ein Viertelpfund Schnupftaback kaufen zu können; aber den Taback nahm die Botenfrau mit, und nach dem Tode der Lehrerin kam nach dem Mühlcssener Echnlhans statt der Lene nur von Zeit zu Zeit ein land- läufiger Gruß. (Fortsetzung folgt.) »sein Amt als Militärprediger zu nehmen habe. Genosse I Bebel legte sodann in äußerst wirksamer Rede die Wurzeln des Dnellunfugs bloß und hielt der bürger- lichen Gesellschaft im Duell und in den Duellanten- Typen ein getreues Spiegelbild ihrer selbst vor. Ten religiösen Phrasen derselben Kreise, die das Duell pflegen, stellte er das irreligiöse des Duells entgegen, zeigte, wie das Duell nicht durch die Religion überwunden werden kann und führte aus, daß das Uebel von oben komme aus der obersten Gesellschaft. Die Rede muß selbst verständlich in unserem Bericht nachgelesen werden Hier sei nur noch ein charakterischer Umstand erwähnt Am meisten Eindruck machte Bebel auf die Gegner, als er daraus hinwies, daß höchstens 5 pCt. der Bevölkerung satisfaktionsfähig" seien, daß also gerade die höchsten Kreise durch die Duelle die Zahl der Kämpfer gegen die Sozialdemokratie vermindere, was der letzteren ja nur recht sein könne. Das überzeugte die Leutchen, hier waren sie aus ihr eigenes Interesse aufmerksam gemacht worden. Nach Bebel's Rede wurde die Vertagung der weiteren Be sprechung auf morgen beschlossen und, diesmal mit Zm stimmung des Zentrums, der Antrag der Freisinnigen mit der Besprechung verbunden. TaS preußische Abgeordnetenhaus trat am Montag in die erste Beralhung der K r e d i t v o r l a g e. Die Hoffnung. daß es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen de» Agrariern und den Anti-Agrariern komme» wurde, sollte sich nicht erfüllen da zunächst nur über die Forderung für Eiienbahnzwecke debattirt wurde, während die Forderung von 3 Millionen zur Errichtung landwirthschaftlicher Getreide- Lagerhäuser vor- läufig noch nicht zur Erörterung stand. Nach der Begründung der Vorlage durch den Eisenbahnminister beschwerte sich der Abgeordnete v. Eynern(natl.) darüber, daß der Westen viel weniger berücksichtigt sei als der Osten und daß die Regierung den Kreisen für den Grunderwerb zum Bahnbau zu große Opfer zumuthe. Diese Aeußerungen gaben dem Finanzminifier Dr. M i q u e l Veranlassung zu einer längeren Rede, in der er die Gedanken darlegte, von denen sich die Regierung bei dem Bau neuer Eisenbahnlinien leiten lasse Auffallend an seiner Rede war die Schärfe, mit der er seinem ehemaligen Parteifreunde erwiderte. Es scheint, als wolle Dr. Miquel ganz mit der Vergangenheit brechen und nur noch den Agrariern sein Haupt zuwenden, die sich ja auch bisher schon nicht über ihn zu beklagen haben. Sein heutiges Klagelied über die Roth der Landwirthschaft, das er in seine Rede einflocht und das ihm den warmen Dank des Abg. G a m p zuzog, war absolut unangebracht und ist nur aus diesem Gesichtspunkte zu erklären. Im übrigen trug die Sitzung den gewöbnlichen Charakter der Verhandlungen über eine Sekundärbahnvorlage; wie stets, so kamen auch heule nur lokale Wünsche zur Sprache. Erwähnenswerth ist höchstens, daß der Eisenbahnminister auf eine Anfrage des Abg. Möller(natl.) erklärte, daß der Staat demnächst einige Bauten von Nebenbahnen in Generalentreprise über- geben werde. Die Debatte wird am Dienstag fortgesetzt. Aus der Praxis des preußischen Vereinsrechts. In der am letzten Donnerstag in Kassel abgehaltenen Sitzung der Landwtrthschaftskammer für den Regierung� bezirk Kassel erstaltete der stellvertretende Vorsitzende Herr Rittergutsbesitzer v. Strekhausen Bericht über das Verhälluiß zu landwirthschaftlichen Kreis-, Orts- und SpezialVereinen. Hierbei führte der Herr u. a. nach dem Bericht des amtliche n Organs des Landrathsamts in Hanau wörtlich folgendes aus: .... daß, wie bisher das landwirthschastliche Vereinsleben seitens der Regierung eine milde wohlwollende Behandlung erfahren habe, obwohl doch eigentlich auch politische Fragen, nämlich wirthschaftlich-politische, genug in den Kreisvereinen behandelt worden seien und bei derartigen Vereinen streng genommen die Politik ausgeschlossen sein sollte. Hoffentlich werde man auch in Zukunft derartige wirthschaftlich- p o li t i s ch e Fragen --- berathen können." Gegen das Gewerkschaftskartell in Hanau aber ist seitens der Regierung eine somilde, wohlwollende Behandlung" nicht beliebt worden. Vielmehr haben die Mitglieder des Kartells eine Anklage wegen Vergehens gegen das Vereinsgesetz erhalten, weil sie das Kartell nicht als einen politischen Verein angemeldet uud trotzdem Politik getrieben haben sollen, indem sie über Angelegen- heiten, wie die Regelung der Arbeitszeit in einzelnen Be- trieben verhandelt haben. Freilich hier sind Arbeiter, dort die Herren Rittergutsbesitzer betheiligt. Und wenn zwei dasselbe thun, ist es ja nach dem Herrn Justizminister für die preußische Gerechtigkeit nicht dasselbe." Die Stumm'sche Maihatz geht durch die ganze kapitalistische Presse. Die Unternehmer sollenscharf gemacht" werden gegen die Arbeiter, daß sie ja keine Arbeitsruhe am 1. Maidulden". Die Sozialdemokraten hätten zu einerKraftprobe" aufgefordert lügt das Preßvolk, und stützt sich auf die Bekanntmachung des Parteivorstandes, weil darin von einer für die Erlangung der Mai-Arbeitsruhe günstigeren Konjunktur die Rede ist. Aber ist diesegünstigere Konjunktur" etwa nicht vorhanden? Haben nicht gerade die Stumm- Organe uns triumphirend von ihr gesprochen? Und ist in der Be- kanntmachung des Vorstandes von einemErzwingen", von einerKraftprobe" die Rede? Ist es für den Arbeitgeber ein größeres Opfer am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen, als an einem anderen Feiertag? Nein wer dieKraftprobe" machen will, das ist Herr von Stumm mit seinen Leuten. Bleibt abzuwarten, ob das Gros der deutschen Arbeitgeber unter der Fuchtel dieses liebenswürdigen Mustermenschen steht, oder ob es ihn nebst seiner.Kraftprobe" ebenso heiter auslacht, wie w i r Sozialdemokraten es thun. Buluwayo, die Hauptstadt des Gebietes der Chartered Company in Südafrika , ist in arg bedrohter Lage. Die an- fänglich günstigen Nachrichten verschlimmern sich von Tag zu Tag. Aus Pretoria wird gemeldet, der Kriegsrath in Buluwayo habe dahin entschieden, daß die Streitkräfte nicht stark genug seien, um weitere Angriffe zu unternehmen. Die Stadl ist von etwa 12 000 Matabili nahezu umzingelt, während die Ver- theidiger nur 800 Mann stark sind. Frauen und Kinder sind in Sicherheit gebracht; 14 Wagenladungen Proviant sind angekommen, aber die Matabili sind bestrebt, die südliche Ronte, die einzige noch offen gebliebene, zu schließen. In den Straßen sind Dynamilminen gelegt und Bomben für den Fall vor- bereitet, daß die Matabili eindringen sollten. Die Besatzung wird binnen Wocheusrist wahrscheinlich keine Fleischvorräthe mehr haben. Eine Patrouille von 42 Mann griff am 17. April morgens die Vorposten der Matabili an und trieb sie zurück. Am Nachmittag hatte» die Vorposten dicht bei der Stadt wieder einen Zusammenstoß mit dem Feind. Zlngesichts aller dieser Mittheilungen wirkt es nur wenig beruhigend, wenn in London die Chqrlered Company erklären läßt, die Behörden von Buluwayo hätten das Vertrauen, die Stadt gegen die Matabili behaupten zu können. Chronik der M ajestätsbelcidigungS- Prozesse. Wegen einer im angetrunkenen Zustande verübten Majestätsbeleidigung wurde der 21 Jahre alte Hausbursche Joh. Bartz von Neustadt i. d. Pfalz von der Strafkammer zu F r a n k e n t h a l zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. Ein Monat davon gilt als durch die Untersuchungshaft� verbüßt. Deutsches Reich. Die Rei ch sk omm i ssion für Arbeiter- statistik vernahm gestern Auskunstspersonen über die Ver- bältnisse der Damenkonfektion in Breslau und Erfurt . Aus Breslau waren erschienen: Konfektionär Fuchs-Henel, General- konsul; die Zwischenmeister Sarner und Schink; die Näherinnen Frau Hahn, Fräulein Kittner, Fräulein Gellner und Fräulein Hahn. Aus Erfuri waren ersckuenen: Die Konfektionäre Lamm i.nd Heß; die Zwischenmeister Wachsmann und Dahriuger; die Näherinnen Frau Thaldorf und Fräulein Gerstenberger; der Werksührer Straßner und der Bügler Wehner. Wahrhaft erschütternde Bilder sozialen Elends wurden aus beiden Konsektionsvlätzen berichtet. In Breslau drängt sich die Saison auf jährlich 12 Wochen zusammen; 8 bis 10 Wochen ist gar keine Arbeit und die übrige Zeit nur mäßige Beschäftigung. Ei» Zwischenmeister, der in der Saison 26 bis 30 Arbeiter und Arbeiterinnen in seiner Werkstclle beschäftigt, giebt an, daß eine tüchtige Näherin in der Hochsaison bei einer Arbeitszeit bis tief in die Nach: hinein wöchentlich IS M. ver- dient; eine niitllere 9 bis 10 M. und eine Anfängerin in der gleichen Arbeitszeit 4 bis 5 M. Lehrmädchen müssen 1I* bis '/e Jahr umsonst lernen, sie werden aber meistentheils nur schlecht ausgebildet. Nach der Lehrzeit bis zu einem Jahre verdienen solche Arbeiterinnen täglich nicht mehr als 50 Pf. Lebhafte Klage wurde darüber geführt, daß Prostiluirte. die bis zu 3 bis 4 Arbeiterinnen beschäftigen, die Preise uuge» mein drücken. Konstatirt wurde, daß die Löhne in den letzten Jahren bedeutend heruntergegangen sind. Achnliche Zustände wurden aus Erfurt berichtet. Die Arbeitszeit ist in der Saison ungemein lang. Gute Arbeiterinnen bringen es nicht höher als bis zu einem durchschnittlichen Wochenverdienst von 7 bis 8 M. Bon Erfurt wurde berichtet, daß die Zwischenmeister im allgemeinen die durch den Streik erzielten Lohnerhöhungen nicht auszahlten. Die Zwischenmeister, Verden allerdings von den Konsektionären gedrückt, sie wälzen aber den Druck nach unten ab. Zum Gesetzentwurf über die Organ i- sation des Handwerks schreiben die hochoffiziösen Verl . Pol. Nachr.'; ... Der neue, im preußischen Staatsministerium vorliegende Entwurf ist bestimmt, ihn(den Bötlicher'schen Entwurf) ab- zulösen. Indessen hat es den Anschein, als ob die Ablösung in der laufenden Tagung noch nicht vor sich gehen sollte. So er- wünscht es auch ist, die Handwerksorganisation zu beschleunigen, so kann man sich doch darüber nicht täuschen, daß, selbst wenn nun in den Stadien, die der neue Entwurf noch zu durchlaufe» hat, die Arbeit sehr beschleunigt würde, der Reichstag noch so viele Vorlagen zu erledigen hat, daß die Einbringung größerer neuer Entwürfe Aussichten aus positive Ergebnisse nicht erwecken kann. Man wird veshalb gut thun, in den vorbereitenden Stadien»ingehend zu berathen und vielleicht während der parla- menislosen Zeit der Oeffentlichkeit Gelegenheit zur Kritik an dem neuen Entwürfe zu geben. Gegen Herrn v. Stumm erläßt der Superintendent Z i l l e s s e n in Saarbrücken eine Erklärung, weil der General- gewaltige ihn in der Neunkirchener Versammlung persönlich an» gegriffen halle. Die Erklärung schließt mit den kräftigen Worten: Ich bin kein persönlicher Feind des Freiherrn v. Stumm, aber allerdings ein Feind seines Systems, das sich mir je länger je mehr als das System der brutalen Gewalt unter völliger Nichtachtung des unveräußerliche» Rechts jeder anderen Persönlichkeit enthüllt hat." Der Wortlaut der Stelle in König Stumm's Neunkirchener Rede, in der er sich mit dem Einverständniß des Kaisers hin- sichtlich seiner Bekämpfung der Christlich- Sozialen brüstete, lautet nach einem Slenogramm wörtlich: Die Cbristlich-Sozialen wissen ganz genau, daß auch der oberste Schirmherr der evangelischen Kirche, der suivmus episcopus, auf keinem anderen Standpunkt steht und ebenfalls die christlich-soziale Agitation aus das schärfste verurtheilt. Ich habe deshalb, als ich an meinem Geburtstag eine Deputation des hiesigen Presbyteriums empfing, keinen Anstand genommen, zu erklären, was ich eben wiederholt habe, daß Se. Majestät der Kaiser die christlich-soziale Agitation aus das schärfste miß- billige. Diese meine Aeußerung war nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Ich nehme es aber den Herren gar nicht übel, daß sie sie veröffentlicht haben, ich habe nichts dagegen, nur ist der Wortlaut nicht genau so. wie ich gesagt hatte, wieder- gegeben; aber die Sache an sich ist richtig.... Wenn ich diese Aeußerung gethan habe, so habe ich sie mit allerhöchster Er- mächtigung gelhan. Und ich kann noch mehr sagen: Ich habe hier die Abschrist eines Telegramms vor mir liegen, die mir gleichfalls durch allerhöchste Ermächtigung zugegangen ist. und zwar nickt unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daS sich noch viel deutlicher über diese Dinge ausspricht. Ich trage Bedenken. dieses Telegramm im Wortlaut zu veröffentlichen, bi» aber bereit. es jeden königstreuen evangelischen Geistlichen ich habe es hier vor mir liegen lesen zu lassen, Zum sich davon zu über- zeugen, daß über die Elellung Cr. Majestät absolut kein Zweifel bestehen kann." Noch ein erledigtes ReichstagSmandat Der Berliner Volks-Ztg.', der wir für die Meldung die Ver- antworlung überlassen müssen, wird aus Gießen geschrieben: Dem Reichslags-Abgeordneten Köbler-Bellenhausen ist die Postagentur Langsdorf übertragen. Infolge dessen ist sein Mandat zum Reichstage erloschen, so daß sich unser Wahlkreis einer neuen Wahl zu unterziehen hat.' Für den antisemitischen Abgeordneten Köhler, der in der Stichwahl mit 8163 gegen 6987 nationalliberale Stimmen ge- wählt wurde, sind bei der Hauptwahl 5606 Stimmen abgegeben worden, sein nationalliberaler Gegenkandidat erhielt 4300, der ozialdemokratische Kandidat 28ö2 und ein freisinniger 1833 Stinimen. Der Wahlkampf in Osnabrück hat aus den nationalliberalen Mannesseelen folgende herrliche.Poesie- blüthe hervorgezaubert: Wie zur Zeit als Benedettig Anno siebzig ganz un- nöthig Wollt den Kaiser Wilhelm schmäh'n Wie es durch die deutschen Lande Damals brauste: Haut die Bande, Wie man so was nie gesehen. Also braust's jetzt: Auf ins Treffen! Haut sie, die Bismarck be» kläffen, Haut die Wichte kurz und klein! Auf Ihr Krieger, Patrioten. Werst die Rotte der Zeloten KöpslingS in den Pfuhl hinein!" Dieses schöne Lied wurde mit Begeisterung von den Leuten vonBildung und Besitz' angestimmt, als sie in den Wahl- kämpf hineinzogen. Ein echtes Beweisstück der Bismarck- Kultur! Herrn v. Stephan wurde am 18. April in Emden ein Denkmal gesetzt. Es ist bekanntlich nicht das erste, das dem Generalpoftmeister ernchtet wurde. Ließe sich nicht gesetzlich fest- legen, daß jeder Minister zu Lebzeiten sein Denkmal erhält. Dies würde der Loyalitätsdnselei unserer besseren Gesellschaftskreise voll- räudig entsprechen. Wir sinken tiefer als das zu gründe gegangen�. römssche Kaiserreich jemals gesunken war; dieses setzte nur seine a