Georg Brilling: Ambros im Wald
Ambros war Holzfäller, und während des Sommers fam er nur selten himunter ins Tal und ins Dorf. Jeden zweiten oder dritten Sonntag vielleicht, mochte der Pfarrer auch schimpfen über den messeversäumenden Heiden. Die Hütte lag eine Stunde über dem Dorf, und der Weg zu ihr, der durch dicke, feuchte Wälder lief, war steil und voll Geröll. In der Hütte schlief Ambros mit noch zwei Kameraden. Nach der Arbeit fochten sie sich selber das Essen, Mehlschmarren zumeist, mit viel Fett, und tranfen mitunter ein Glas Enzianschnaps. Aber das war das Seltenere. Auf dem Laubiager schnarchten sie, dröhnend wie ein Holzfuhrwert.
An einem Sonntag saß Ambros auf der Bank vor der Hütte. Er hatte sich den Wochenbart megrasiert, die bessere Joppe an= gezogen, lehnte den Kopf gegen die warme Holzwand, die tochte wie ein Suppentopf. Ihm gegenüber stieg das Kuhhorn in das heiße Blau des Nachmittags. Der graue Stein glänzte und die Wälder jahen aus wie Schorf. Es war zwei Uhr und um vier Uhr erwartete ihn Maria unten am Kreuzed. Das war eine Waldwiese, eine kleine halbe Stunde über dem Dorf. Ambros verschloß sorgfältig die Hüttentür und rüttelte an Schloß und Riegel. Den Revolver hatte er in der Tasche. Es war eine lumpige Zeit, immer wieder hörte man von Hütteneinbrüchen. Er war im Krieg gewesen, wußte mit Waffen umzugehen, und den Revolver hatte er sich aus dem Felde mitgebracht. Er schoß nicht schlecht, er schoß sogar gut. Aber die Munition war zu teuer, so knallte er nur hier und da nach einem Eichhörnchen, nur hier und da nach einem Raben.
Er stieg bergab. Der Wald nahm ihn auf, es wurde falt wie im Keller, das Grün umschauerte ihn, ein Häherruf scholl. Löfte sich ein Stein unter seinen genagelten Stiefeln und follerte vor ihm, dachte er: Spräng er einem Reh an den Kopf, leicht wärs tot! Der Wald wurde lichter, gleich kam das Kreuzed. Das war der Platz, wo die Bauernmädchen mit den Burschen sich trafen. Es war nicht weit herauf vom Dorf, weit genug, daß die Alten die Mühe scheuten. Manches Paar wäre an schönen Sommertagen aus dem heißen Gras aufzuscheuchen gewesen. Maria war noch nicht da. Sie kam schon noch. Er war zu früh daran. Er sah ein paar Erdbeeren rot aus dem Grün funkeln. Er aß, ging den roten Kugeln nach, es wuchsen mehr. Er hörte Stimmen, lugte um einen Strauch, und sah nichts als vier Füße. Zwei steckten in festen, genagelten Männerschuhen, zwei in neuen, hochschäftigen Damenstiefeln, wie sie selten ein Bauernmädchen trägt. Die Mädchenstiefel sollte Ambros fennen. Er hatte sie in der Stadt gekauft und seiner Braut geschenkt. Ambros vernahm, wie die beiden Küsse tauschten, und es überlief ihn eiskalt. Gebückt wie er war, blieb er stehen, rührte sich nicht, sah den Ansatz der Strümpfe, das runde Bein, und das Girren flang ihm ins Ohr. Er zog seinen Revolver. Die Mündung suchte nach dem Platz, wo die Köpfe des Paares liegen mußten, schwankte, schwankte irr. Dann senkte Ambros den Lauf, er zielte, zielte gut auf die rotbestrümpfte Mädchenwade, zauderte nicht mehr und schoß. Eine Stimme freischte, es rauschte im Gebüsch, und wie ein Narr floh Ambros in den Wald. Niemand verfolgte ihn. Der hatte genug zu tun, die verwundete Magd ins Dorf zu schaffen. Ambros schoß noch ein paarmal, blindlings, auf die Bäume, bis er feinen Schuß mehr in der Waffe hatte. Dieses Frauenzimmer! Ihr Leben lang sollte sie auf Krüden laufen! Und wenn sie runzlich und verdorrt als altes Bettelweib durchs Dorf humpelte, sollten ihr Kinder die Krücke stehlen, daß sie greinend im Straßengraben zappelte, wie ein Frosch, dem man ein Bein ausgerissen hat! Dieses Frauenzimmer! Ließ sich vom Nebenbuhler zum Stelldichein begleiten und fürzte sich die Zeit des
Wartens mit Berrat.
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Im Bogen stieg Ambros zur Hütte empor. Er reinigte den Revolver, lud ihn von neuem. Er war allein, die beiden Kameraden schon seit dem frühen Morgen im Dorf. Wer sollte wissen, daß er der Täter war? Dieses Frauenzimmer, sagte er wieder. Er klopfte mit der Faust auf die Bant, schnell, immer schneller, einen Wirbel, pfiff dazu, grell, immer greller, und Pfiff und Wirbel dröhnten in seinem Ohr zusammen höllisch wie Trommelfeuer, und mun fielen ihm ein paar Tränen aus den Augen. Er hörte jemand rufen, hörte deutlich seinen Namen Ambros. Kam man schon? Aber es war Maria. Er starrte sie an. War es ihr Gespenst? Aber es war Maria, erhitzt vom Steigen. Er sah auf ihre Füße. Sie trug ihre Arbeitsschuhe. Warum bist du nicht gekommen?" fragte sie vorwurfsvoll. ,, Da hochst du auf der Bank und ich warte auf dich." Sie stampfte mit dem Fuß auf, in dem doch eine Kugel sitzen mußte, stampfte auf und sagte:„ Warum bist du nicht gekommen?" Sie tüßte ihn, drückte ihn an sich: Lieber Ambros! Er sah nur immer auf ihre Füße. Sie errötete. Ich muß es dir erzählen. Die schönen Stiefel, die du mir geschenkt hast! Sei nicht bös." ,, Wo sind die Stiefel?" fragte er.„ Anna bat mich so drum. Sie wollte sich mit einem Burschen treffen, zum erstenmal, und wollte ihm gefallen, und bat mich, ihr die Stiefel zu leihen. Nur dieses eine Mal. Und sie wollte sehr achtgeben darauf. Nun liegt sie drunten und der Stiefel hat zwei große Löcher im Schaft. Zum Glück ging der Schuß nur durchs Fleisch." Ambros hielt den Atem an. Er legte den Arm um Maria, fühlte ihre volle Brust, drückte den Kopf gegen ihre Schulter, nun sah sie sein Gesicht nicht, und er fragte:„ Schüsse? Ist auf sie geschossen worden?" Von weit her hörte er: ,, Man trug sie an mir vorbei, als ich zu dir ging. Der junge Doktor, der Sommerfrischler, sagte, es sei gut ausgegangen. Der Knochen sei nicht getroffen." Maria sagte noch leise:„ Und das mit meinen schönen Stiefeln an den Füßen!" Ambros fragte: ,, Man weiß nicht, wer geschossen hat, und warum?" Sie antwortete: „ Es treibt sich jetzt viel Gesindel herum. Der Gendarm wird's schon herausbringen." Meinst du?" murmelte Ambros. Aber die Stiefel schenkst du der Anna. Ich will dir ein Paar neue taufen. Bis der Herbst kommt, hab' ich mir so viel erspart. Es war dämmerig geworden und Ambros begleitete Maria noch ein Stück des Heimwegs.
Als er wieder aufwärts stieg, saß die Freude in seiner Brust so schwer, daß er oft stehen blieb, an einen Baum gelehnt, um tiefer zu atmen. Es saß die Freude in seiner Brust so schwer, daß es ihm fast die Rippen sprengte. Er war wie der heilige Christophorus, der das Knäblein trug, das schwer wurde wie ein Klumpen Gold und noch schwerer. Wie der Heilige schleppte er teuchend sein Glück durch den Mondwald, und als er vor seiner Holzhütte stand, war es, daß er das Beil nehmen mußte, das unter der Bank lag, und es im Mond mußte spiegeln lassen. Drunten im Dorf lag die Anna, das Bein zerschossen, und ihn zermalmte jaft das Glück. Er konnte nicht traurig sein. Ein Lachen gluckste und gluderte in seinem Hals, er schluckte es schnell hinunter, bei dem Gedanken, daß er traurig sein sollte, weil die Anna unten, die wildfremde Person, ein zerschossenes Bein in Binden hatte. Aber, o ja, Blut um Blut, Aug' um Aug', Zahn um Zahn, er trällerte es wie ein Lied, vergnügt wie ein junger Star, aber, o ja, er konnte sich den kleinen Finger abhacken. Oder nicht den ganzen kleinen Finger, so vorn nur die Kappe, daß der Anna genug geschehe, denn mit dem schweren Glück, das er trug, geschah ihr nicht genug. Er nahm das blinkende Beil, legte die linke Hand auf die Bant, aber da brach das verschluckte Lachen zu tiefft aus ihm
heraus. Lachend warf er das Beil fort, lachend froch er auf seine Pritsche, und als seine beiden Schlaffameraden bald darauf eintraten, sahen sie im Mondlicht Ambros liegen, der mit beiden Fäusten das Glück von seiner Brust wegstemmte, hochstemmte, das ihn fast erdrücken wollte.
Am anderen Morgen, sie hatten schon zwei bis drei Arbeitsstunden hinter sich, blinzelten in einer Bause träg und genießerisch in die Sonne, die auf dem Wipfel einer hohen Föhre schaufelte, am anderen Morgen gegen acht Uhr früh war es, daß Michael, des Ambros Kamerad, ansetzte zu einer Erzählung, die ihn bedrückte, um die er sich erleichtern mußte. Und er erzählte auch, während der dritte fünfzig Meter tiefer schallend werkte, er erzählte etwas, was Ambros nicht fremd war. Stockend erzählte er, fluchte da zwischen, und hoffte, daß Ambros ein Einsehen hätte und das Nichtzuerklärende, das Sonderbare des gestrigen Sonntagnachmittags ihm aufhellen werde. Davon wußte Michael nichts, daß das Mädchen, das in seinen Armen erdbeerumblüht gelegen war, die Stiefel an den rotbestrümpften Beinen trug, die Ambros in der Stadt getauft hatte. Damit hatte doch das füsterne Ding als mit ihren eigenen geprahlt. Fluchend sagte er und mit einem Lachen voll Scham:„ Ich lag bei Arras in Feuerüberfällen, aber so überraschend ist mir noch kein Schuß gekommen, als der gestern. Er hätte uns beide auf einmal totschießen können, mit einem Schuß." Er erblaßte. In diesem Augenblick", sagte er, bedent, in diesem Augenblic, da erwartet man feinen Schuß. Der Strolch, Hafen gibt's und Rehböcke, darauf zu schießen, aber ein Liebespaar in den Erdbeeren!" Ambros gab zu bedenken: ,, Ein Närrischer viel leicht." ,, Närrisch oder nicht," schrie Michael verstört, und schlug mit der Art auf den Stamm los, von dem sie die Rinde lösten. ,, So möchte ich ihn daliegen haben, so schlüg ich drauf!" Er schlug so mächtig zu, daß ein handgroßes Stüd lossprang, ferzengerade Ambros an die Stirn, so scharf, daß es ihm eine Wunde riß und Blut floß. ,, Immer trifft man den Falschen", sagte Michael, als sich Ambros das Blut abwischte, und sah wild um sich, als suche er den Richtigen. Ambros band sich das Taschentuch um die Stirn und war froh, daß er sich gestern nicht die Kleinfingertuppe abgehackt hatte, und lachte, weil ihm Blut von der Stirn träufelte, und fühlte es als einen Ausgleich, und fand sich nun ganz und gar von Schuld gereinigt, und weil nun die Sonne wieder höher gestiegen war und der Tag vorrückte, schlugen sie schallend auf den Stamm los-, der zur Hälfte rindenlos und blank im Licht glänzte.
In manchen Gegenden glaubte man auch, die Fäden stammten vom Gewand einer Göttin. In den christlichen Zeiten übernahm dann die Himmelskönigin Maria die Rolle dieser heidnischen Göttinnen Daher stammen Bezeichnungen wie: Marienfäden, Mariensommer Mariengarn, Liebfrauenseide usw.
Das Wort ,, Altweibersommer" ist dagegen noch sehr jung. Der deutsche Sprachforscher Campe gebraucht es 1807 zum erstenmal Der Begriff ist wohl eine vergleichende Anspielung auf das silberne Haar alternder Frauen. Diese Deutung ist typisch für eine späte Zeit, in der es keine Mythologie mehr gibt, sondern nur Parallelen, Beziehungen zwischen Natur und Menschenleben. Fast möchte man behaupten, daß auch das Melancholische des Begriffes Altmeiber sommer", seine Anspielung auf die Bergänglichkeit, typisch sei für die Geisteshaltung einer späten Zeit. Es gibt noch viele andere Deus tungen dieser Herbsterscheinung, das Volt ist ja in solchen Dingen unerschöpflich. Zeitlich gemeint sind die Benennungen: Sommer fäden, Herbstfäden, Spätsommer, auf den Vorgang beziehen sich: Flugsommer oder auch fliegender Sommer, auf das Stoffliche: Herbstgarn, Sommerfeide, Spinnwubbele( Schweiz ). Auch mancher Aberglaube hat sich an das Produkt der unschuldigen Spinnchen geknüpft. Die harmlosen Fädchen haben schon drei Doktorarbeiten hervorgerufen, ganz abgesehen von der ausgedehnten Literatur, die fich mit ihnen wissenschaftlich oder volkskundlich befaßt.
Der Kampf gegen die malaria
Bei uns und in den andern nördlichen Ländern Europas ist die Malaria, die früher schwere Opfer forderte, heute faft gänzlich verschwunden. Das ist weniger ein Verdienst der Hygiene, als der Kulturgeschichte. Die Verschlechterung der klimatischen Verhältnisse in den Gebieten nördlich der Alpen , die Nutzbarmachung der fumpfigen Aecker und Wiesen, die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse haben das meiste dazu beigetragen. Anders ist es in Italien , wo es noch immer nicht gelungen ist, diese schleichende Fieberkrankheit zu besiegen, trotzdem seit Jahren viele Millionen für die Malariabekämpfung ausgegeben werden. Im Jahre 1929 wurden den italienischen Gesundheitsämtern 2153 Malariafälle gemeldet. Nun aber holt man, wie Dr. Ferrari in der Deutsch : n Medizinischen Wochenschrift berichtet, zu einem Vernichtungsschlag gegen die Krankheit aus. Ein Anti- Malaria Komitee" wurde geschaffen und ihm die Aufgabe übertragen, sämtliche großer Malaria- Brutstätten, die sich hauptsächlich in den fumpfigen Wiesenpagna und in der Umgebung Benedigs befinden, völlig zu vernichten. und Wasserflächen der lombardischen Tiefebene, der römischen Cam
Anfangs dachte man daran, alle malariagefährlichen Stellen mit Betroleum zu tränken, aber dazu wären eigene technische Anlagen
Der Altveibersommer notendig geworden und bedeutende Untoften entſtanden; außer
dem hätten die sämtlichen dadurch entstandenen Flurschäden verhütet werden müssen. Man hat sich daher zu einer viel billigeren und ebenso wirksamen Methode entschlossen, die biologische und chemische Maßnahmen enthielt. Die biologische Methode besteht darin, daß in die Gewässer, in denen sich die Larven der Malariastechmücke entwickeln, eine Wasserpflanze eingesetzt wird, die sich äußerst schnell ausbreitet und den Larven sehr schädlich ist. Damit aber, falls etwa die Pflanzen absterben sollten, die Schädlinge trotzdem beseitigt werden, setzt man mit der Pflanze zugleich eine äußerst gefräßige Fischart, die Gambusia, ein, die ihren Heißhunger an den zahlreichen Larven stillt.
In der klaren, goldenen Herbstlust fliegen die schimmernden Fäden des sogenannten Altweibersommers. Sie stammen von ganz winzigen jungen Spinnen. Das Volf, das diese Herkunft nicht tennt, hat die Erscheinung auf seine Art gedeutet. Es gibt verschiedene solcher Erklärungen; sie gehen im Grunde immer auf das selbe Bedürfnis zurück, für etwas, dessen natürliche Ursache rätselhaft ist, eine übernatürliche Ursache zu suchen. Es sind MythoLegien im fleinen, die, je nach der Zeit, in der sie entstanden sind, die verschiedenen Weltanschauungen widerspiegeln Man fann an natürlich nur in großen Zügen die Geschichte des menschlichen Geistes verfolgen. Die ältesten Erklärungen, die noch Diejenigen Larven, die trotz alledem noch das Frühjahr erleben, aus heidnischen Zeiten stammen, schreiben die silbernen Fäden fallen der chemischen Methode zum Opfer. Diese beruht auf der Naturmächten, Göttern und Fabelwesen zu. Einer ,, Mondspinnerin" vollkommenen Berschüttung der gefährlichen Sümpfe und Tümpel in der Oberpfalz , in Schweden der Frau Holle; die fpinnend übers durch Straßenstaub, der mit einem Arfenpräparat, dem Land zieht und die Mädchen auf Fleiß und Kunstfertigkeit prüft, inBarisergrün" vermengt ist. Bei fleinen Flächen wird die Mischung Niederdeutschland den ,, Metten ", sagenhaften Frauen, die im Wasser durch Maschinen ins Wasser gestreut; bei größeren Gebieten aber fitzen und auch die kleinen Kinder in das nasse Verderben locken. bedient man sich des Flugzeuges, das in niedriger Höhe freist.
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Zwischen Packeis und„ Wasserhimmel"
Die Literatur der Erforschung des Nordens berichtet von zahlreichen Reisen ins ewige Eis, die Monate, oft Jahre dauerten, die unaufhörlichen Kampf mit dem Eis bedeuteten. Heute zieht der Polarforscher nicht, mehr mit Schlitten oder an Bord des Schiffes nordwärts, er überfliegt in kürzester Frist unbekannte Eisregionen. Sind die Bücher, die von Entdeckungen und Abenteuern berichten, darum trocken geworden? Entbehren sie der Spannung, wie sie den Werken Nansens und anderer innewohnt? Keineswegs. In seinem demnächst bei Brockhaus erscheinenden Buch„ Eis meerflug" erzählt George H. Wilkins , der zur Zeit seinen Unterseeboot Vorstoß nach dem Nordpool vorbereitet, von einem mit Eielson unternommenen Flug in den hohen Norden. Höher und höher stiegen wir empor; wir wußten, 1700 Meter mußten wir schaffen, um sicher über den ersten Höhenzug zu kommen. Ueber 2000 Meter glaubten wir auf dem ganzen Flug nicht gehen zu müssen, denn die höchsten Erhebungen des Endicottgebirges, das uns den Weg sperrte, waren auf den neuesten Karten mit 1700 Meter angegeben. 80 Kilometer hinter Fairbanks stießen wir auf eine flache NebelSchicht, die das Dutontal 250 Kilometer weit bedeckte. Weiter ging es auf das Endicottgebirge zu, und die Welt unter uns wurde wieder deutlich. Hohe Bergspizen reckten sich drohend vor uns auf, doch ein Blick auf unseren Höhenmesser beruhigte: wir mußten höher sein als die Gipfel, wenn wir das Gebirge erreichten. Folglich gab sich Eielson feine Mühe, noch viel zu steigen. Bald war jedoch kein Zweifel mehr, daß die Berge viel höher maren als mir. Eielson ließ die Maschine steigen. Wir famen auch wesentlich höher, aber bei 3000 Meter schien die Grenze erreicht zu sein, über die das Flugzeug bei der starken Belastung nicht hinaustam. Die Höhe des Gebirges versetzte uns in schwere Unruhe: 1700 Meter sagte die Karte, jetzt waren wir 3000 Meter hoch, und die Gipfel überragten uns immer noch. Wir überlegten, ob etwa unser Stompaß und Höhenmesser in Unordnung wären, so daß wir längst vom richtigen Kurs abgekommen waren und nun nach Kanada hineinflogen, wo die Gebirge höher sein mochten. Doch nein, der Stand der Sonne bewies, daß wir unseren Kurs annähernd genau hielten. und auf unseren ganz modernen Kompaß war auch Verlaß. Es gab feine Wahl, wir mußten durch und hoffen, daß alles gut ging
Höchstwahrscheinlich war die eintönige Schicht Grau vor uns eine hohe Wolkenmauer, die die hinteren Bergtetten unseren Bliden entzog. Mit voller Geschwindigkeit ging es vorwärts. In ein paar Minuten stellte sich das dunkle Grau tatsächlich als eine riesige Wolfenschicht heraus, weiche, fließende Gebilde mit rosafarbenen Spitzen, die vollkommen mit dem Himmel verschmolzen, wenn die Sonne darauf schien. Vom Boden unter uns war nichts zu er tennen. Es war ein graufiges, unheimliches Bild. Wir, der einzige Punkt in einer Welt ohne Grenzen. In der ganzen Runde nichts, das als Richtpunkt hätte dienen können, um uns das Bewußtsein des Raumes oder der Entfernung zu geben; nichts vor uns als die.
selbe eintönige graue Masse. Auf der Reise nach dem Mond durch den Weltenraum kann einem nicht unheimlicher zumute fein. Solche Eintönigkeit und Ungewißheit muß auf die Dauer jeden Menschen irrfinnig machen.
Unser einziger Troft war die Sonne, die, fast in einer Höhe mit unseren Tragflächen, schwache Strahlen ausfandte. Geisterhafte Schatten fielen auf unsere Windschutzscheibe und gaben uns die Möglichkeit, festzustellen, daß wir unseren Kurs nach dem Kompaß genau einhielten. Plötzlich erschienen zwei volle Regenbogen- Halbtreise am Himmel, und mitten darin ein schemenhaftes Bild unserer Maschine. Das Phantom schien unser zu spotten. Schon seine bloße Form wirfte beängstigend. Ich muß gestehen, mich hat es selten im Leben so unheimlich überlaufen. Wir hätten ja umdrehen fönnen und würden jetzt selbst die zackigen Berggipfel freudig begrüßt haben, doch eine innere Stimme trieb uns vorwärts. Es war, als zöge uns die große Leere vor uns unwiderstehlich zu sich, um uns zu verschlingen, als wären wir verdammt, auf ewig durch endlose graue Nebel zu fliegen, zur Strafe für die Vermessenheit, uns auf hölzernen Schwingen über die arktischen Wüsten zu wagen. In weniger als zwei Stunden nach unserer Uhr nach unserem Gefühl hatten es ebensogut zwei Wochen oder zwei Jahre gewesen sein fönnen famen wir plöglich an das Ende der Wolkenmauer. zur Rechten erregte ein Stück ,, Wasserhimmel" meine Aufmerkſamteit, eine Himmelsfärbung, wie sie meiner Erfahrung nach mir über offenem Wasser vorkommt. Ich schaute nach unten wir flogen jetzt 1300 Meter hoch und fonnte ganz deutlich Eisflächen erkennen, hier und da mit kleinen Fleden Geröll oder Schneewehen. Ich hatte zmar das arktische Backeis noch nie aus der Vogelschau gesehen, dennoch stand für mich fest, daß das hier etwas anderes sein müßte.
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Nach einigen weiteren Minuten wurde das Eis unter uns immer rauher. Da gab es für mich keinen Zweifel mehr; wir waren über dem Eismeer! Wir hatten unseren Kurs richtig eingehalten und die Tundra und die Lagunen überflogen, ohne etwas davon zu merken. Weit voraus in der Ferne wurde ein neues Stüd ,, Wasserhimmel" sichtbar. Wir flogen unentwegt weiter; die vertrauten Kennzeichen des arktischen Packeises wurden mir immer deutlicher. Es war nun über eine Stunde her, fett wir das erste Eis gesehen, mir mußten also gut 150 Kilometer von der Küste entfernt sein. Meines Wissens war noch nie ein Mensch so weit in dieser Richtung vorgedrungen. Ein Gefühl freudigen Stolzes überfam mich: Unsere Forscherarbeit hatte begonnen! Zunächst allerdings ohne unser 3 tun; aber icht, wo wir einmal untermeas waren, fonnten wir eigentlich noch etwas weiter vordringen. Ich bengte mich hinüber zu Eielson: Was Sie da vor sich sehen, hat noch kein Menschenauge erblickt, wir sind über dem Polarmeer, 150 Kilometer weiter nördlich, als Forscher je vorgedrungen. Hätten Sie etwas dagegen, daß wir noch eine halbe Stunde weiterfliegen, mur damit es eine nette runde Zahl wird?"
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