Rr. 495 47. Jahrgang
2. Beilage des Vorwärts
Mittwoch, 22. Oftober 1930
Morgen Verhandlungen.
Die Obleute zur Streiflage.- Erklärungen Urichs.
Der Reichsarbeitsminister hat die Parteien im Lohn- 1500 gegen 100 Stimmen wurde beschloffen, daß er nicht tampf in der Berliner Metallindustrie zu morgen, meiterreden dürfe. Von diesen 100 waren aber noch vier Fünftel Donnerstag, in das Reichsarbeitsministerium geladen Betriebsfremde. zu den Nachverhandlungen über den Antrag auf Ver
bindlichkeitserklärung.
Die Obleute aus den BBMJ.- Betrieben, auf deren Schultern neben der Zentralftreitleitung und den Gemerfschaften die Verant mortung für die Streifführung lastet, tamen gestern nachmittag zu einer furzen informatorischen Konferenz im Verbandshaus der Metallarbeiter in der Linienstraße zusammen.
Genosse Urich teilte den Obleuten zunächst mit, daß sich nach den Berichten der Funktionäre aus den Betrieben seit der letzten Obleutefonferenz die Streiflage nicht geändert habe. Die. Front der Streifenden steht unerschüttert fest. 21lles, mas in der Presse über ein Geheim abfommen des Metallarbeiter verbandes mit dem Reichskanzler Brüning , der bevorstehenden Berfündung eines neuen Lohnabbauschiedsspruches und ähnlichen ,, Enthüllungen" veröffentlicht wurde, ist purer Schwindel, der nur in die Welt posaunt wird,
um in die Reihen der Streifenden Verwirrung zu fragen. Gegenüber den Streifenden, die durch die Organisationsleitungen, die Zentralstreifleitung und die Vertrauensleute der Gewerkschaften über alle wichtigen Ereignisse u mgehend unterrichtet werden, haben diese Meldungen den 3med nicht erreicht, der mit ihnen beabsichtigt war.
Am Donnerstag sollen nunmehr neue Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium über die Beilegung des Streifs in der Berliner Metallindustrie stattfinden. Bon verschiedenen Seiten ist das Metallfartell befragt morden, ob es nicht schon vor Donnerstag zu Verhandlungen bereit sei. Diese Frage ist, dahin beantwortet worden, daß den Gewerkschaften nicht das Feuer auf den Nägeln brennt. In den kommenden Berhandlungen sollen die Forde= rungen, die vom Metallfartell erhoben und begründet worden find, vertreten werden. Die Situation tönnte sich nur insofern ändern, als die Unternehmer bereit wären,
das alte Lohnabkommen um mehrere Monate zu verlängern. Sollte es möglich sein, eine solche Lösung zu finden, dann werden auch damit die Gewerkschaften vor ihren Mitgliedern bestehen tönnen. Auf etwas anderes aber werden sich die Gewerkschaften
nicht einlassen.
Die Unternehmer scheinen offenbar darauf zu spekulieren, daß Die Unternehmer scheinen offenbar darauf zu spekulieren, daß den gewerkschaftlichen Schafslöpfen der RGD. es gelingt, die Front der Streifenden zu zerschlagen. Daß dies nicht gelingen mird, dafür werden die Gewerkschaften und ihre Mitglieder Sorge tragen. Das Metallfartell hat es auch nicht nötig, täglich in die Welt zu schreien, daß es die Streifführung in der Hand habe. Das überläßt es der RGO., deren Schwindelmeldungen doch kein ernsthafter Mensch Glauben schenkt. Bezeichnend für die kommunistischen Draht zieher ist es, daß Ende voriger Woche ein kommunistisches Abend blatt von Geheimverhandlungen des Metallarbeiterverban des mit Brüning schrieb,
in dem Augenblid, als die RGO.- Ceute eine Delegation zum Reichstanzler schickten, die mit ihm über die Beilegung des
Streifs in der Berliner Metallindustrie verhandeln sollte. Anscheinend ist der RGO. nicht ganz wohl, daß sie jetzt ihre Bersprechungen auf Unterstützung der Unorganisierten einlösen soll, dazu aber nicht in der Lage ist.
Für die organisierten Metallarbeiter ist ein Grund vorhanden, einer längeren Dauer des Kampfes mit Besorgnis entgegenzusehen. Die Gewerkschaften find finanziell start genug, um ihre Mitglieder in diesem Kampfe, wie lange er auch dauern möge, bis zum Schuß unterstützen zu können. Ganz deutlich muß aber den Unorganisierten gesagt werden, daß die Gelder der Organisation nur für deren Mitglieder da sind. Sollte der Ramps länger als sechs Wochen dauern, dann werden vielleicht die Gewerkschaften auch zu der Frage der
Unterstützung der Unorganisierten
Stellung nehmen. Mit dem Appell an die Obleute, fish ab Donners tagabend bereit zu halten, um je nach dem Stand der Verhandlungen mit der Organisationsleitung sofort in Besprechungen treten zu fannen, schloß Genosse Urich unter dem Beifall seine Ausführungen, benen sich im Hinblid auf die bevorstehenden Berhandlungen feine Debatte anschloß.
Hierauf fand die Versammlung im Saal ihren Fortgang, wo nahezu 500 der bei Lorenz Beschäftigten teilnahmen. Genosse Schulz gab feinen Bericht und die Versammlung beschloß sodann einmütig, daß in Zukunft jeder Zersegungsarbeit innerhalb der Reihen der Streifenden mit aller Energie entgegengetreten werden müsse.
Die nächste Streifversammlung findet am Freitagnachmittag 3 Uhr im selben Lokal statt. Alle Kollegen sind verpflichtet, zu erscheinen. Betriebsausweis legitimiert.
Achtung, Maschinisten und Heizer!
Die am Streit in der Metallindustrie in Berlin und in den Orten Hennigsdorf , Wildau mit Hoherlehme, Teltom, Lokomotivfobrif Dremiz, Faltensee beteiligten Kollegen erhalten ihre Unterstützung am Donnerstag, dem 23. Oftober, ab 10 1hr vormittags bis 1 1hr nachmittags in Büro, Engelufer 24/25, Aufgang A, 2. Etage, Zimmer 27. Die Auszahlung erfolgt nach dem Alphabet. Wir bitten die betrieblichen Streif leitungen und Streiffontrollftellen, unsere Kollegen von Borstehendem in Kenntnis zu setzen.
Zentralverband der Maschiniften und Heizer, Ortsverwaltung Berlin .
Achtung, Siemens- Arbeiter!
Die Lohnzahlung der Siemens u. Halste M.-G., Wernerwert, ist am Donnerstag an demselben Ort und zur gleichen Zeit wie in der vorigen Boche. Der Arbeitertat.
Reichstag und Verbindlichkeit.
Der Deutsche beschäftigt sich noch einmal mit dem Beschluß des Reichstags, in dem diefer die Regierung ersucht, den Schiedsspruch für die Metallindustriee nicht für verbindlich zu erklären.
Wenn der Deutsche " sagt:„ Jeder Lohnerfolg basiert auf den wirtschaftlichen Gegebenheiten" so tommt er der Wahrheit recht nahe. Die„ mirtschaftliche Gegebenheit" der gegen märtigen Zeit ist charakterisiert durch die große Arbeitslosig teit, die die Unternehmer benutzen wollen, um die Löhne zu drücken. Die Reichsregierung hat am Schluß ihres Regierungsprogramms angefündigt, daß fie die Preise und die Löhne senteu mill. Es ist nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reichstags, 31 diesem Programm der Lohnfentung Stellung zu nehmen.
Im übrigen zitieren mir, mas die Frankfurter Zeitung " in ihrer Nr. 783/85 vom 21. Oftober dazu schreibt: Da indessen die Schlichtungsordnung vorschreibt, daß die Berbindlichkeitserklärung aud in Würdigung des öffentlichen Interesses ant der Angelegenheit zu geschehen habe, so wird der Reichstagsbeschluß immer mindestens insofern von Bedeutung sein, als hier eine Willensmeinung der Bolfsvertretung erkennbar geworden ist, die zu berücksichtigen zweifellos im Sinne der erwähnten Gesetzesbestim mung liegt."
Im übrigen ist es ganz falsch, wenn der Deutsche " den Gea noffen Wissell für sich reklamiert. Genoffe Wissell war und ist der Meinung, daß der Reichstag im vorliegenden Falle berechtigt mar, Stellung zu nehmen.
Arbeitsbeschaffung und Anleihen.
Wieder Kampf um die Beratungsstelle.
suchungen den die Bolkswirtschaft fördernden Charakter der Lommu nalen Neuverschuldung fest. Es gibt also gar keinerlei Grund, die öffentliche Anleihewirtschaft weiter in ein Korsett zu spannen.
Das formelle Zugeständnis der Vertretung der Kommunen in der Beratungsstelle fann deshalb unter feinen Umständen den vore liegenden Notwendigkeiten genügen. Nach wie vor
Die Frage der öffentlichen Anleihebeschaffung beson- Ische Reichsamt stellt ausdrücklich auf Grund seiner tiefgehenden Unterders im Ausland und für die Kommunen ist durch die riesenhafte Arbeitslosigkeit in hohem Maße dringlich geworden, da Anleihen die wichtigste Form für zufäßliche öffentliche Arbeitsbeschaffung darstellen. Die Bewegungsfreiheit der Kommunen auf dem Kapitalmarkt ist aus kredit und marktpolitischen Gründen eine unentbehrliche Voraussetzung zu einer erfolgreichen Ausnutzung des fich jetzt allmählich wieder bessernden in und ausländischen Anleihe. marftes. Von diesen Notwendigkeiten merkt man leider in den nach der Sommerkonferenz der Länder verbesserten" Richt linien für die Tätigkeit der Beratungsstelle nicht viel, die in der nächsten Woche in dem von der Sommerkonferenz der Länder bestellten Ausschuß beraten werden sollen.
Diese verbesserten" Richtlinien ändern nichts daran, daß die Beratungsstelle bei den von den Staatsregierungen ohnehin zu genehmigenden Inlandsanleihen noch ein besonderes Kontrollrecht ausübt, daß für alle Auslandsanleihen die ausdrückliche Genehmigung der Beratungselle vorbehalten bleibt und daß schließlich im ganzen die alten Hemmungen in der Bewegungsfreiheit der öffentlichen Körperschaften aufrechterhalten werden, statt endlich die den Verhältnissen nicht mehr angemessene Zwangswirtschaft beim öffentlichen Kredit zu beseitigen. Das einzige 3ugeständnis ist formeller Natur und betrifft den Sachverständigen, der von den Kommunen jetzt der Beratungsstelle beigegeben werden soll. In diesen Tagen erft hat die Berschuldungsstatistit des Statistischen Reichsamtes ergeben, daß gar teine Rede von einer Mißwirtschaft in der fommunalen BerTrotz der enormen Erweiterung der schuldung seit 1924 sein fann. öffentlichen Aufgaben übersteigt die jährliche Schuldenzunahme toum die des Durchschnitts der Borkriegszeit, und überdies sind fast drei Biertel der gesamten tommunalen Schuldenvermehrung seit 1924 dem Ausbau produttiver Betriebe zugute gekommen. Das Statisti
bleibt die Existenz einer Beratungsstelle mit Genehmigungsund Kontrollrechten in irgendeiner Form neben den staatlichen Ueberwachungspflichten ein Widerspruch im fapitalistischen Syſtem, der um so größer ist, als er fich nur einseitig, und zwar zum Schaden der öffentlichen Wirtschaft auswirkt. Gegenwärtig beruht der größte Teil der Anfurbelungsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft auf der Bewegungsfreiheit und Enffchloffenheit der Kommunen,
jede Chance des Kapitalmarktes zur Anleiheaufnahme für produk tive Wirtschaftszmede auszunuzen.
Es ist einfach unerträglich, daß die öffentlichen Bera forgungsbetriebe auch in der Zukunft schlechter behandelt werden. follen, als die Privatmirtschaft und daß man immer noch den Ge danken nicht aufgibt, selbst die inländische Anleihewirtschaft der öffentlichen Körperschaften rationieren zu wollen. An einen ers fahrungsgemäß so schlechten und in der Auswirkung die Bolfsmirtschaft schädigenden Instrument wie der Beratungsstelle soll man nicht mehr reparieren wollen, denn mit Repa raturen ist nichts zu helfen. Man sollte ein derartiges Instrument
entschlossen über Bord werfen und den selbstverständlichen Versuch endlich wagen, ob die Kommunen die Probe der Selbst. verantwortung schlechter bestehen als die Privatwirtschaft. Die ErIfahrung hat bisher nur das Gegenteil bemiesen.
Kartellpolitik gegen Preissenfung.
Die Gabotage der Preissenfung verstärkt sich noch.
Diese Auffassung der Schwerindustrie wird nachgerade zu einer volts mirtschaftlichen Gefahr. Noch immer toftet Stab. eisen im Inland rund 65 Proz mehr als dasselbe deutsche Stabs, eifen im Ausland, Bandeisen und Bleche sogar 70 Broz. mehr. Die durch die Ausbeutung des Inlandsmarktes mit monopolistisch hohen Listenpreisen die Arbeitslosigkeit immer mehr verschärft wird.
Die Antündigung einer Rohlenpreissenfung zum 1 Dezember durch den Reichskanzler foll selbst dann nicht zu Eine von etwa 2500 Personen besuchte Versammlung der Beleg- einer Sentung der Eisenpreise führen, menn die Kohlenpreise ermäßigt werden. Im Konjunkturbericht der Abteilung Westen des schaft Osram , Fabrik D, nahm gegen menige Stimmen folgende Instituts für Konjuntturforschung wird für Mitte Eiſenindustriellen kümmern sich einfach nicht darum, daß in der Tat Oftober eine neue Verschlechterung der Wirtschaftslage im rheinischwestfälischen Industriegebiet festgestellt. Preissenkungen zur Verbesserung der Martilage und der Beschäftigung der Werke find also noch dringender geworden.
Entschließung an:
Die am 20. Oftober 1930 bei Schonert tagende Betriebsversammlung von Osram , Fabrik D, Rotherstraße, stellt fest, daß der Berliner Metallarbeiterstreit nur vom Metallfartell geführt werden kann.
Auch bei Lorenz- Tempelhof RGO. unten durch Der Metallarbeiterstreit, bewunderungswürdig in seiner Größe und Einmütigkeit, ist gerade hierdurch nicht nur den Metall
industriellen und allen Reaktionären ein Dorn im Auge, sondern
ganz besonders den Kommunisten.
Dennoch enthält die Tagesordnung der auf den 23. Oftober ein
berufenen Sigung der Deutschen Rohstahlgemein schaft teinen Punkt, der die Beratung einer Eisenpreissentung per muten lassen tönnte. In der Deutschen Algemeinen Zeitung", dem von der Schwerindustrie beherrschten Organ, wird gejagt, daß eine
Senkung der Ruhrfohlenpreise für die Großeisenindustrie deshalb teine Entlastung bedeuten würde, weil diese Werte ja SelbstverAm Dienstag fand eine Betriebsversammlung von C. Lorenz, braucher seien. Es entstünde.sogar eine Mehrbelastung für die kom. Tempelhof statt, einer alten tommunistischen Hochbinierten Hüttenwerte, weil die Erlöse der Berkaufsbeteiligung durch burg . Bevor noch die Streifelitung und die Funktionäre des eine Preisfentung geschmälert mürden. Eine Kohlenpreissenfung Werkes erschienen waren, eröffnete der kommunistische Betriebsrats fönne infolgedessen zu einer Eisenpreissenkung gar nicht führen. vorsigende Höpfner die Bersammlung und erteilte einem tom Erst wenn die Löhne im Kohlenbergbau, das heißt In demselben die Kosten der Kohlenselbstversorgung abgebaut würden, erst dann munistischen Reichstagsabgeordneten das Wort. fönnten auch die Eisenpreise herunter. Augenblid betrat die Streitleitung, die die Einberuferin der Bersammlung war, den Garten. Auf die Frage des Genossen Die Eisenindustrie stellt sich also auf den Standpunkt, daß die Schulz, mas das bedeute, erhob sich aus der Versammlung ein Martilage und die Notwendigkeit der Anturbelung der stürmischer Protest gegen den kommunistischen Eindringling. Sein Wirtschaft durch Berbilligung der Eisenpreise fie gar nichts Beschützer Höpfner außte min aber abftimmen nen und mit langeht
Die organisierte Sabotage der Preissenkung durch die Kartelle hat sich also noch verstärkt. Wenn die Reichsregierung fich nicht zum Schrittmacher ihrer Sabotage machen will, dann muß sie er
flären, daß sie diese Sabotage der Preissenkung durch die Kartell politit aufs schärfste verurteilt.
Verfackt die Genfung der Aluminiumpreise?
Breisfentungen für Rohstoffe haben nur dann volkswirtschaft lichen Wert, wenn sie auch dem letzten Verbraucher zu gute tommen.
Das Aluminiumfartell hat die Preise für Roh aluminium um mehr als 10 Bro3. von 1900 auf 1700 Mart je Tonne gesen ft. Denentsprechend find auch die Preise für Baiz und Drahtbarren, das Rohmaterial für die Balzmerfe, von 194 auf 174 Mart jc 100 Stilo ver billigt worden. Man sollte meinen, daß numunehr auch die Presse der Aluminium- Balzwerte an die Berarbeitungsindustrie, mie die Aluminium- Geschirrfabriken, ent Sprechend gesenkt werden. Was aber zeigt sich? Die Preise für