Beilage
Mittwoch, 1. April 1931
Shalausgabe des coroane
Die Welt ist in Aufregung über den Plan einer deutsch | österreichischen Zollunion. Was ist geschehen, daß sich die Kabinette so ereifern? Zwei Staaten in dem verkapselten Europa chicken fich an, die hochgetürmte Mauer zwischen sich niedriger zu machen, damit mehr Luft und Bewegungsfreiheit für die Völker fommt, die in engen Fesseln zu ersticken drohen. Denn das ist der Zustand Europas , des Nährbodens der abendländischen Kultur und des Ausgangs der Weltherrschaft, daß seine Bewohner in staatlicher Ueberspigung einander den Lebensraum verbaut haben.
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Vor dem Kriege gab es in Europa 19 Staaten, die als souveräne und politisch wirksame Mächte anerkannt wurden. Heute ist diese Zahl auf 28 Staaten angewachsen. Die Gesamtlänge der Staatsgrenzen hat sich dadurch um 7000 Kilometer vermehrt! Wenn man die Zwergftaaten europäischer Großmachtspolitik( Danzig , Luremburg, Liechtenstein , Monako usw.) mitzählt, die dech auch cigene Barlamente, Grenzwachen und Höfe haben oft gegen ihren eigenen Willen, so fommt Europa auf die stattliche Zahl von 39 selbständigen Staaten und 2 englischen Kronfolonien( Gibraltar und Malta ). In dieser Aufstellung sind die mit weitgehender Selbständigkeit ausgerüsteten Staaten des Deutschen Reiches, Desterreichs und der Sowjetunion natürlich nicht enthalten, zählf doch Deutschland allein schon 17 Länder.
man bedenkt, daß diese vielen Zollgrenzen fortgesetzt den Waren- Es ist eine krankhafte Ueberspigung des Natioverkehr erschweren und das Wirtschaftsleben verteuern, wenn man nalitätenprinzips, das uns in dieser Bielstaaterei entgegenferner die oft erheblichen Unkosten der politischen Selbstvertritt. Mit Recht schreibt Hendrik de Man ( in Sozialismus und waltung der kleinen Staaten berechnet, so erscheint es nicht mehr Nationalfaschismus"): erstaunlich, daß Europa die schwere Krisis der Weltwirtschaft besonders hart empfindet. Denn alle diese unproduktiven Kosten müssen ja als Steuern oder Mehrausgaben vom Volke aufgebracht werden.
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Man braucht bei dieser Ueberlegung nicht gerade an die kleinsten der Zwergstaaten zu denken, die die Laune der großen Politik hinstellte, die aber zugleich zu klein sind, um an den Nöten der großen Politik zu leiden. Denn immer wieder sagen uns Berichte, daß beispielsweise die Bewohner des Fürstentums Liechtenstein , des Freien Staates San Marino oder des Fürstentums Monato mit ihrem Schicksal durchaus zufrieden sind, wenig Steuern zahlen und ein ruhiges Wirtschaftsleben führen. Problematisch ist das Gnadengeschent" der Souveränität schon bei einem Staat wie Danzig , der als Stadtstaat auf regen Handel angewiesen ist und jetzt, von seinem Hinterland getrennt, die ganze Schwere des politischen und wirtschaftlichen Druckes feines polnischen Nachbarn zu ertragen hot. Der ganze Irrfinn nationalistischer Staatenbildnerei zeigt sich aber besonders deutlich bei den neuen Donaustaaten. den sogenannten Nachfolgestaaten der früheren österreichisch - ungarischen Doppelmonarchie. Die deutschösterreichische Republik wurde gezwungen, selbständig zu werden, ja, man hatte sogar an den Börsen Westeuropas beträchtliche Summen für Anleihen übrig, um die Wirtschaft des zusammenbrechenden Staates wieder aufzupumpen, damit nur nicht die Grenze verschwände. Mit ähnlichen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten haben die unglüd: 10( mit Grönland ) lichen Gebilde der Tschechoslowakei ( man betrachte nur diese entsetzlich lange Grenze), das zerstücelte Ungarn und Jugoslawien zu fämpfen, von den Belastungen und Reibereien mit den nationalen Minderheiten ganz abgesehen.
Wenn wir weltwirtschaftlich in Erdteilen oder in Weltwirtschaftsprovinzen denken, so ergibt sich im Vergleich mit ande ren kontinenten für Europa eine geradezu erschreckende Bilanz: Größe, Einwohnerzahl und Anzahl der Staaten
qkm
9 700 000
24 500 000
Einwohner 460 000 000 158 000 000
Staaten 39
18 100 000
9
30 300 000
72 000 000
137 000 000
43 900 000 1 057 000 000
J
10
Diese Statistik ist in mehr als einer Hinsicht aufschlußreich. Nordamerita hat bei 2,5mal so großer Fläche wie Europa . nur ein Viertel der Staaten, Südamerika hat bei doppelter Größe nur ein Viertel der Staaten von Europa . Zählt man bei dieser Gegenüberstellung das europäische Rußland mit seinen 4 350 000 Quadratkilometern und 105 260 000 Einwohnern vom übrigen Europa ab wie es weitgehend den gegenwärtigen politischen Ver. hältnissen entspricht, so hat Rordamerita bei etwa fünfmal
Afrika
U. d.
S. S.
R.
Die Regierungsformen der europäischen Staaten. punktiert Bundesfreistaaten gestrichelt Freistaaten
Wellenstrich Rönigreiche( England mit besonderer Signatur) Das Schwert deutet faschistische oder halbjaschistische Diktatur an. so großer Fläche wie Europa nur ein Biertel der Staaten und Südamerika bei 3,5facher Fläche ebenfalls ein Biertel der Staaten. Bürde man in entsprechendem Verhältnis Amerika in Staaten aufteilen wie Europa ohne Rußland , so würde Nord amerita es auf 190 Staaten bringen und Süd: amerita immerhin noch auf 133. In Wirklichkeit haben aber beide Amerika nur je 10 Staaten und bemühen sich, auch diese 3ahl noch zu verfleinern.
Die selbständigen Staaten Nord- und Südamerikas werden im Laufe der Zeit bewußt zu einheitlichen Wirtschaftskomplexen zu sammenwachsen. Erinnert sei an die Panamerika Beme= gung in den Bereinigten Staaten und in Mexiko , die die vielen Kieinstaaten der mittelamerikanischen Brücke vereinheitlichen wird ( siehe Abend" vom 7. März 1931). Ebenso ballen sich die latein= amerikanischen Staaten um die großen Stromgebiete 3 einheitlichen Wirtschaftsprovinzen zusammen, wie es Hermann Lufft in seinem Wert ,, Lateinamnerifa" so treffend schilderte( siehe ,, Abend" vom 12. Juli 1930). Das weiträumige Wirtschaftsgebiet, unter einen einheitlichen politischen Willen gestellt, ist heute die Auf gabe und morgen schon das Aufteilungsprinzip der Welt.
Aber fehren wir nach diesem Ueberblick in unsere engen euro päischen Verhältnisse zurück. Während also alle Welt daran geht, die engen Grenzen zu sprengen, haben wir Europäer es fertig gebracht, uns nach dem Kriege mit über 10 neuen Staaten mehr als 7000 Kilometer weitere Grenzlaften aufzubürden. Das bedeutet, daß beispielsweise ein Waren transport von Berlin nach Triest , der vor dem Kriege nur durch zwei Staaten ging, heute fünf Steaten berührt und dementsprechend an vier Grenzen Zollfchmierigkeiten begegnet. Ein Transport von Berlin nach Leningrad , der früher ebenfalls nur eine Grenze zu überschreiten hatte, begegnet heute fieben Grenzen zwischen acht Staaten. Wenn
In dieser Spaltung der europäischen Persönlichkeit liegt dasselbe Element der Schizophrenie wie in der Spaltung der individuellen Persönlichkeit, die aus subjektiver Selbstübersteigerung entsteht. Darum ist es nicht bloß eine literarische Formel, wenn man vom Wahnsinn des Nationalismus spricht. Und damit in bezug auf die Tragweite, die ich diesem Begriff gebe, tein Mißverständnis bestehen kann, füge ich hinzu, daß ich damit den Wahnsinn der Souveränität der Staaten, der milttärischen Machtpolitit, der Rüstungen, des Zollwesens überht meine, den Wahnsinn, der in jeder Militäruniform, in je m Schilderhäuschen, in jeder Grenz- und Paßkontrollstation, turzum in der Tatsache der politischen und wirtschaftlichen Grenze liegt."
Es ist die Natur dieses Nationalismus, daß jede Souveränität der anderen aggressiv gegenübersteht und daß sie, je enger diese Selbstherrlichkeiten aufeinander ſizen, um so unduldsamer und diktatorischer werden. Wenn man die Staaten Europas auf die Art ihrer Regierungsform hin betrachtet, so ergibt sich das überraschende Bild, daß die faschistischen oder halbfaschistischen Staaten im Süden und Osten Europas anzutreffen sind, während der Besten und der Norden mehr oder weniger demokratisch regierte Republiken und Königreiche hat. Die beigefügte Skizze zeigt diese Verteilung der Regierungsformen. Wie ein Saum umfassen die faschistischen und halbfaschistischen Staaten den Süden und Südosten. Spanien , Italien , Jugoslawien , Albanien , Bulgarien , Rumänien , Ungarn , Polen . Es sind auch überwiegend agrarwirtschaftlich ge mußte Länder, die nahezu noch ganz frei von Gebieten der Großindustrie sind. Infolgedessen sind auch diese Länder abgesehen von Italien die dünnbesiedeltsten Europas , in denen der Faschismus zur Herrschaft gelangen fonnte.
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In einer kleinen Stadt
Stimmungsbilder von Otto Benzin
1. Gang durch die Stadt
Ist es wirklich dasselbe Städtchen, in dem ich früher Erholung nach wochenlanger Großstadthaft suchte, ir dessen Mauern damals frohes, gemütliches Leben wallte? Still find die Gassen heute, mein Schritt findet widerhall an den Häusern. Einsam schreite ich hindurch. Ein nebeliges Grau scheint über allem zu lagern: die Sorge. Auch sie ist in diese sauberen Häuser gezogen. Hohle Augen bliden hinter blassen Gesichtern die faum belebte Straße entlang. Tagaus, tagein das gleiche Bild. Nichts Neues geschieht vor ihren Fenstern. Ich gehe langsam weiter, mich fröftelt. Oder ist der fühle Märzwind, der um die Ecke pfeift, schuld
daran?
Fast ausgestorben sind die Straßen. Nur zum Marktplatz hin bewegen sich einzelne Gestalten, mehr Schatten als Körper. Träge die Schritte, gebeugt die Rüden. Es ist das Heer der Arbeitslosen, die zum Rathaus gehen. Nicht die Arbeit allein hat die Körper gebeugt, Sorgenlaft ruht auf ihnen. Täglich dasselbe Gespräch: feine Arbeit und das graue Elend zu Hause. Man versteht ihre Unterhaltung, man fann jedes Wort aus den abgehärmten Minen lesen. Was sollten sie sich schon erzählen in dem weltvergessenen Städtchen! Der Winter war nicht zu streng, aber zu lang, und zu schmal war die Kost.
Die Märzjonne bricht durch die Wolfen . Freundlicher wirft die fleine Stadt. Neues Leben schien sich in dem Menschenhäuflein zu regen. Aber es war nur eine fleine, winzige Hoffnung, die fich auf den fahlen Gefichtern prägte. Die Hoffnung, daß der Früh Ting ein wenig Arbeit bringt. Doch wieder huschte eine Wolfe vorbei und verscheuchte das grünende Hoffen. Grau sollte es wieder um die Armen werden, und stumm gehen sie, ihr Schicksal schwer tragend, in ihr Heim, in ihre enge Welt, zurück.
Vor den Mauern, an den Gräben der Wiesen, sprießen die ersten Weidenfäßchen. Es gibt doch noch ein Erwachen aus dem langen Winterschlaf, wenigstens in der Natur. Wie ein Silberstrom schlängelt sich die Havel durch die Niederung. Wasserhühner rumoren im Röhricht. Leise schaukeln sich die gelben Bommeln des Haselstrauches im Winde. Ueberall bricht neues Leben hervor, aber hinter mir liegt das stille, fast tote Städtchen. Kein Fabrit schlot schleudert Rauch in die Luft. Sie stehen wie mahnende Finger, als wollten sie die Stätten weisen, in denen einst die pulsende Arbeit vieler geschäftiger Hände wuchs.
Ein altes Mütterchen mit einem Wagen voll gesammelten Holzes begegnet mir. Schwer mahlen sich die Räder in den losen Sand ein. Mit allen Kräften schleppt sie das bißchen Reifig für Stube und Küche heimwärts. Ich helfe ihr den Wagen durch diese Streusandbüchse" schieben. Ein eigenartiges Lächeln flieht über ihr faltendurchfurchtes Geficht, es liegt Dant in ihren mütterlichen 3ügen. Sie erzählt, daß sie das Holz weit, filometerweit her holt, denn faufen kann sie feines.
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zurücklegt, um das wenige zu sammeln. Auch hier gibt's doch Ich wundere mich über den langen Weg, den die alte Frau Holz genug", sage ich.„ Warum wandern Sie erst folche Streden?"
Stumm zeigt sie auf eine Tafel, die an einer Kiefer hängt: ,, Sammeln von Raffholz verboten. Der Rat der Stadt." Ich verstehe, was sie mit dieser wortlosen Antwort sagen will. Bir ziehen schweigend das Wägelchen weiter.
,, Schön' Dant oof, id bünn to Hus", höre ich aus dem Munde des Mütterchens, und hinter dem Tore des stillen Städtchens trennen wir uns.
2. Jn der Dämmerstunde
Bieber size ich wie im Borjahre auf dem alten Stubben an der jungen Kiefernpflanzung. Ruhe liegt über der Welt. Keine Fabritpfeife dringt an mein Ohr, feine Sirene eines Dampfers.
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Stille herrscht in dem fleinen Städtchen im Tal. Auch wird die pfeifen der Abend ein, heute ist drunten das Leben fast erstorben; abendliche Ruhe bald in den Wald ziehen. Sonst- pfiffen die Fabrit dort weilt eine trost boje Stitle. Nichts vermag mich zu stören. Nur in der Ferne höre ich das Rollen eines Eisenbahnzuges und im Dorfe das Brüllen einer hungrigen Kuh.
Im Westen verschwindet der Sonnenball hinter den schwarzen Riefern. Die letzten Strahlen umstreichein die bortigen Stämme, die wie frisch getriebenes Kupfer leuchten. Es kommt die Stunde, die ich so sehr liebe die Schummerstunde die blaẞgraue, in der die Einzelheiten verschwinden, die Umrisse sich vermischen. nichtigkeiten können nicht mehr die Augen stören, die Blicke ab lenten. Es geht alles ineinander über, und das Herz ist offent für den Eindruck des Ganzen.
Feurig und sonnig war es vor einer Stunde um mich. Rundherum trillerten und pfiffen hundert Vogelfehlen. Jetzt ist das laute Leben und Treiben verstummt. Der Bogel mit der abendrot. farbenen Brust singt sein Rady tlied. Und er singt es noch einmal und abermals. Es wird ruhig um mich wie ein stilles Wasser. Rottehlchen singt noch einmal ganz leise sein Abendlied. Es singt sich in den Schlaf, mich in den Traum.
In dem Fallaube der Eichenschonung pfeifen dünn die Mäuse und rascheln durch die toten Blätter. Ein graues Reh tritt an den Saum, setzt über den Weg und verschwindet hinter den dunklen Schatten der jungen Kiefern. Wie im Traum zieht alles vorbei. Gin Bottern reißt mich aus dem Berjunlenjein: Me i ster 2 ampe hoppelt durch das abgestorbene Buchenlaub dem Felde zu.
Ein langgezogener, schriller Ruf durchfährt mich, ein fast hämisches Gelächter reiht sich daran. Ein schwarzer Bogel fliegt im harten Fluge heran und bleibt an dem nebelgrauen Stamme der alten Eiche fleben. In gleichmäßigen Unterbrechungen rutscht er den Stamm herunter und flopft hämmernd dagegen. Dann läßt schwindet mit seinem Hohngelächter in dem dunklen Wald. der Schwarzipecht seinen Ruf noch einmal erschallen und ver=
In der Sente heben sich Rebel, bleiche Schatten ziehen dahin. Im Holze poltert es, etwas Masse, Totes, fiel in das modernde Laub, vielleicht ein morscher Ast. Gellend ruft das Käuz che n sein dumpfes Lied.
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Ich fasse den Kolben fester die Flinte ruht auf den Knien und fpähe über die schwarzen Kiefern hinweg, ob eine Schnepfe fommt. Ihr galt mein Weg in den abendlichen Forst. Im Besten über Denn ihretwegen hat mich die Jagdlust hinausgetrieben. den Kronen der Kiefern strahlt ein silbernes Licht, der Abendstern. mit hohler Stimme schreit ihn die Eule an.
In meiner Nähe ist jetzt der Kauz. Ich höre ihn mit den Flügeln schlagen, um die schlafenden Bögel aus ihrer Ruhe zu scheuchen. Gierig stürzt er sich auf die schlaftrunkene Beute und stößt ihr die spißen Krallen in den weichbefiederten Leib.
Er tommt immer näher, fast glaube ich, sein schauriges Lied als einen Blutstrom hinter ihm fließen zu sehen. Ein Grauen will sich langsam auf mich legen, es schleicht auf mich zu durch die Stille des finsteren. Waldes. Gräßlich heult der Kauz. Und ich das blutgierige Lachen des Todes. Ein ungeheurer, schwarzer mitten im Erwachen des fnospensprengenden Frühlings vernehme Bogel schwebt über mir, schon glaube ich seine scharfen Fänge über meinem Naden zu fühlen.
Da plötzlich ein dünnes Pfeifen und ein dumpfes Quarren über mir. Vor dem Abendstern streichen im Zickzac zwei Schatten über die Kiefern hinweg. Ein fast mechanischer Rud. Ein Feuera strahl zerriß den abendlichen Himmel, ein rollender Donner das tiefe Schmeigen im Walde. Laut atmend nehme ich aus dem verblaßten Wafdgrafe die erste Schnepfe..