Einzelbild herunterladen
 

7lr. 180 48. Iabrgang

1. Beilage des Vorwärts

Sonnabend, 18 April 1931

Vom Gefängnis zum Pflegeheim

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln umschmieden." In der D i r t s e n st r a ß e 13, an der Stadtbahn, stehen dunkle, schwarzrote Gefängnistrakts. Außen: dicke Mauern, kleine, hohe Fenster, starke Gitter vier Stock um einen dreieckigen Hof. Innen: durchbrochene Korridore, Laufstege, Treppen. Geländer, Riegel, Schlösser von jeder Stelle sieht man durch alle vier Stockwerke, von der Kanzel " über beide Seitenflügel nach oben und unten. Ein verwirrender Anblick, kein Halt für die Augen, die Zellen so eng, daß die Gegenwände einen zu erdrücken scheinen. Diese Ge- bäude, die Stadt- vögtei, stehen leer Einen in sich ge- schlosienen Komplex hat das Berliner Jugendamt für fein Pflegeamt gepachtet. Desien alte Räum« am Alexanderplatz reißt die Nordsüdbahn A.-G. ein. Als Ersatz hat sie in acht Wochen für rund 130 000 M. durch den Umbau des Gefängnisgebäudes Heim- und Büroräume ge- schaffen. Außer zwei normalen Treppen hat man alles Treppen- ähnlich« beseitigt, den Korridoren durchgehende Fußböden gegeben. die Gitter vor den Fenstern abgenommen, die Fenster zu normaler Länge nach unten gezogen. Hunderte von Mauern zwischen den einzelnen Zellen niedergerisien und große Zimmer und Säle ge- schassen Tapeten, bunt gestrichene Wände, Vorhänge, Blumen, aus einem der trostlosesten Gebäude wurde von der BVG. gemein- sam mit denen vom Landesjugendamt Berlin ein helles, freund- licheL Heim gefchasfen. Obdach und Asyl Dieses Heim, dieses Pflegeamt Ist Obdach und Asyl für die Gefährdet st en unter der gefährdeten Jugend. Ordnungsstreifen, weibliche Polizei und Schnellgericht, die Gesund- heitsbehörden und das Publikum bringen Tag und Nacht Minder-

jährige, diesittlich gefährdet" sind. Da wird eine Dreizehn- jährige aus dem Bordell geholt, eine Sechzehnjährige vom Lumpenlager der Kuppelmutter, die Juwelendiebin aus dem Luxus- Hotel. Alle Minderjährigen, die Tag und Nacht in der Stadt auf- gelesen werden 10 074 im Jahre 1930 werden im Pflegeamt abgeliefert, diesem Fundbüro gefährdeter Jugend. Man läßt sie so- fort zu Bett gehen. 27 Betten in vier S ch l a f s ä l e n und ein paar Einzelräume stehen zur Verfügung. Am Morgen wird gebadet, dann folgt die Aussprache mit der Fürsorgerin. Irgend- eine polizeiliche Vernehmung, wie sie früher üblich war, findet nicht statt. In der Unterhaltung läßt man die Mädchen die Maßnahmen für ihre körper- liche und seelische Gesundung sozusagen selbst er-

Einer der neuen Schlafsäle

und vor dem Umbau finden. Sie selbst bitten um die ärztliche Untersuchung, die dann ebenso wie die psychiatrische sofort vorgenommen wird. Die Kranken es gibt Sechzehnjährige, die an drei verschiedenen Geschlechts- krankheiten leiden kommen ins Krankenhaus. Die Gesunden bleiben bis zu vier Tagen imJugendheimdesPflegeamte. Entweder holen die Eltern sie ab oder Transporteurinnen bringen sie zu Ujnen(im Monat finden 230 Transporte statt). Vor allem aber vermittelt das Pflegeamt den Mädchen eine Arbeits- oder Um- fchulungsmöglichkeit. Es trifft sich gut. daß gerade die vom Arbeits- amt als aussichtsreich empfohlenen Berufs der Plätterin und der Friseurin von dem Mädchen gern angenommen werden. Die kräftigen, die sich ausarbeiten wollen und im Heim z. B- mit Be­geisterung bohnern, werden Plätterinnen, während die zarteren, vornehmen", Friseurtn und Manikür in werden FVührslfs und Kindlichkeit Etwa 45 Prvz. der Mädchen sind gesund. 55 Proz. sind krank, zum großen Teil auch schwachsinnig, etwa 8 Proz. aus- gesprochen geisteskrank, so daß sie geschlossenen Anstalten überwiesen werden müssen. Nur wenige sind Rauschgiften verfallen, diese kommen in Kuranstalten. Es ist merkwürdig, daß all diese Mädchen bei aller Frühreise sich viel Kindlichkeit er- halten haben, so daß sie bald ihre Erlebnisse vergesien. So wurde man aus eine Dreizehnjährige aufmerksam, die morgens die Eltern mit der Schultasche verließ und nach Schulschluh ordentlich wieder nach Hause kam in der Schule hals ein gefälschter Ent- schuldigungszettel. die Vormittage war das Mädel im Bordell. Diese Kinder wollen aus ihrer Not heraus und gehen auf die Straße. Wer sie da mitnimmt und ihnen ein neues Erlebnis vermittelt, hat ihnen einen Weg aus ihrer Not gezeigt. Dies« Dreizehnjährige, die

.man in die geordneten Verhältnisse der Kindergeschlechtskranten- i'iation eines Krankenhauses brachte, spielt dort Schule und alle anderen Kinderspiele mit den anderen und hat alles Frühere wie einen Traum vergesien. Das Pflegeamt und sein Jugendheim ver- sorgen fast ausschließlich Mädchen, die von der Polizei aufgegriffen und statt dr? früheren Schutzhaft hier wirklich in Schutz genommen werden. Die Selbstmelder und die Jungen versorgt die zweite Fürsorgeftelle des Berliner Jugendamts, dieWohlfahrtsstelle im Polizeipräsidium". Dorthin kommen die Wanderlustigen und Abenteurer, entlaufene Zöglinge und Lehrlinge, aufgegriffene Burschen, Arbeitsscheue und Lebensmüde, Schutzhäftlinge, die(wie die Mädchen im Pflegeamt) nach Möglichkeit keine Sekunde lang mit erwachsenen Inhaftierten zusammen getan, fondern ins Burschen- jugendheim der Wohlfahrtsstelle gebracht werden. Aus der Provinz Da sind ein paar Mädel aus der Propinz. Sie haben in ihrem Leihbibliotheksroman gelesen, daß in Berlin das Paradies ist und haben's nicht gesunden. Eine andere hat ein bißchen herum- poussiert. Do haben die Eltern sie mit der schlimmen Drohung der kleinen Städte hinausgeworfen:Du gehörst in Berlin auf die F r i e d r i ch st r a ß e." Eine andere hat einvornehmer" Herr romantisch entsührt. Dann ist er verschwunden, nachdem ihr Taschengeld oerbraucht war. Telephonisch und brieflich werden da Unterredungen mit den Eltern eingeleitet. Sie bekommen schon Tobsuchtsanfälle, wenn ihre Töchter bloß die Prooinzzöpfe abge» schnitten haben. Wenn aber ein Mädchengefallen" ist, dann rücken die Eltern mit grausamer Strenge und Kälte ab, gebrauchen dem Kinde gegenüber die gemeinsten Schimpfworte. Lieber«inen Sohn. der betrogen oder gestohlen hat, als einegefallene" Tochter! Mlt diesen wildgewordenen Eltern verhandeln die Fürsorgerinnen, bis sie einsehen, daß sie dankbar sein müssen, wenn sie ihre Tochter überhaupt wieder bekommen, da sie in vielen Fällen an der Ber- führung und dem Unglück ihrer Tochter selbst schuld sind. Die Burschen sind meist wandernde Arbeiter, die keine Arbeit und kein Obdach haben. Sie sind mehr durch Zufall nach Berlin verschlagen. Man beschafft Papiere oder Arbeits- kleidung oder löst das Gepäck aus oder besorgt Fahrkarten nach der Heimat oder Arbeitsstelle. Man gibt Eßmarken und Unterkunsts- scheine für das Obdach oder andere Heime. Und man oersucht, Arbeit zu vermitteln, ein heute oft aussichtsloses Beginnen. Wohl- fahrtsftelle und Pflegeamt der Stadt Berlin Fundbüros ab­gleitender Jugend, helle, freundliche Heime mit vorsichtigen, takt- vollen, aber oerstehenden Frauen als Fürsorgerinnen der ge­glückte Versuch, aus Gefängnisien Genesungsanstalten zu machen.

Offene treppen, durcnbrucnene Korriuore

«f

3)

Roman an» dem Dnganadien Ton Alexander tob Sacher Maaoeh. Die kleine Künstlergesellschast tauchte, bescheiden wartend. in der Tür des Honoratiorenraumes auf. Fräulein Palma schwebte als erste herein. Ihr folgte auf dem Fuß der Affen- mister. Zuletzt Mister Fred mit einer, durch den schmerzenden K Ver und den Mißerfolg hervorgerufenen lebensüberdrüssigen Miene Der Lehrer und sein Freund saßen mit dem Rücken gegen die Tür Durch eine Handbewegung eines der Bauern auf- merksam gemacht, wandt m sie sich um und erblickten die Ein- tretenden Der eine Ge ojter war schon etwas benebelt und zog ein« lustige Gesellsch;« den ernsten, wirtschaftlichen Ge- sprächen vor.«J*; P M Ho, ho, ho!" rief er die Künstler an,hierher, hierher kommN Komm nur her. du trauriger Gaukler!" Sie setzten sich so, daß Fräulein Palma neben dem alten Bauern Platz erhielt, der Gaukler neben ihr und Mister Fred am Ende der Holzbank. Hinter dem Lächeln, mit dem sie die Freihaltung quittierten, sah man deutlich den Zwang. Lieber wäre ihnen etwas Nahrung gewesen, und der Hungertaumel spiegelte ihnen die Bereitwilligkeit der Gastgeber vor. Ein Schnaps folgte nun dem anderen, und die Unter- haltring wurde immer lauter und ungezügelter. Man be- wunderte Miß Palmas falsches Gebiß, nachdem sie ihr Alter mit einigen Abzügen errötend gestanden hatte. Sie bekam mehrere Heiratsanträge, indem sie immer der eine Bauer dem andern empfahl. Schließlich wurde sie von beiden Bewunderern dem Hilfsnotar angepriesen. Dieser beteiligte sich an der Unterhaltung, indem er gelegentlich mitlachte. Die Feier erreichte ihren Höhepunkt, als der Affenmister aus seiner Westentasche eine Mundharmonika hervorholt«. Einer der Gevatter verlangte sein Leiblied, der Mister begann be- rellwilligst«inen schlesischen Marsch zu spielen. Zum Glück!

spielte er nur die Begleitung, und der Bauer brüllte so, daß er nur seine eigene Stimme hörte. Der Bauer sang nämlich ein ungarisches Volkslied. Die Unterhaltung gedieh soweit, daß die beiden Asten mit Fräulein Palma nach einem vom Affenmister gespielten Tiroler Malzer Tschardasch zu tanzen begannen. Mister Fred hielt sich im Hintergrund. Solange er beobachtet wurde, mußte er trinken also trank er. Er saß und schwieg. Wenn sie ihn ansahen, zwang er ein Lächeln auf sein Gesicht, und wenn er sich allein glaubte, glotzte er stumpf und verloren vor sich hin. Die zwei Tänzer, die ihre Partnerin herumwirbelten, stießen ibn manchmal an, auch hatte er schon mit der durch die Trunkenheit verstärkten Schläfrigkeit zu kämpfen. Auf leeren Magen wirkt der Alkohol schneller, besonders, wenn er mit Unlust genossen wird. Während einer Pause sah sich der Lehrer Mister Fred genauer an, beobachtete ihn dann schärfer, und es schien ihm, als wären ihm diese Züge alt- vertraut aus der Erinnerung. Mister Fred sprach gerade mit dem Gaukler. Auf einmal sprang der Lehrer auf:Herrgott! Er ist es", stammelte er im Selbstgespräch und dann rief er den Komödianten an:Freddy, bist du es? Freddy, erinnerst du dich meiner nicht?" Mister Freds Gesicht blieb gleichgültig, kein freudiges Wiedererkennen spiegelte sich darauf, aber der Lehrer war seiner Sache sicher. Cr wandte sich mit ganzer Herzlichkeit dem Komödianten zu. Er schlug ihm auf die Schulter und oertiefte sich in seine Züge. Mister Fred erhob sich ergeben und etwas unsicher. Der Lehrer umarmte ibn mit heftiger Liebe:Freddy. erkennst du mich nicht? Ich bin doch Ioska, Ioska Bako! Entsinnst du dich nicht? Ich bin es ja! Aber, aber! Du er- innerst dich wirtlich nicht?" Ioska-- Ioska?" murmelte Mister Fred, während er mehr durch äußerliches Stirnrunzeln, als durch ernstes Nachdenken seiner Erinnerung zu Hilfe kommen wollte. Er rettete sich aus seiner Verlegenheit durch das gewohnte er- zwungene Lächeln, zog die Brauen hoch und deutete durch ein unsicheres Kopfnicken an, daß er sich zu erinnern beginn«. Dem Lehrer entging dies nickt. Aber er war nicht ge- kränkt, sondern bemühte sich, in Mister Freds stumpfem Ge- Hirn längst vergangene, gemeinsame Erinnerungen zu er- wecken. Er erzahlte vom Dromedar, vom Hippodrom, von den Luftakrobaten und besonders von einem Affen, der Mista

eheißen hatte. Inzwischen drückte er Fred wieder auf semen siatz zurück und setzte sich zu ihm auf die Holzbank. Dieses merkwürdige Ereignis veranlaßte den Hllfsnotar und einen der Bauern, vom andern Ende des langen Tisches herbeizu- kommen und sich dazuzusetzen. Der Lehrer erklärte seinen Zuhörern jetzt lebhaft dieses eigenartige Zusammentreffen mit dem heruntergekommenen Komödianten, dem Genossen seiner Kindheit. Mister Fred grübelte noch immer m der Vergangen- heit. Erst nach längerer Zeit schien ein Schimmer der Er- innerung seine Züge zu erhellen. Aha-- aha!" stammelte er in gebrochenem Un- garisch,Hippodrom Vater er krumm ja, ja, armer, armer! Mutter kleines Schwester richtig, richtig -- Tauf--. Wie heißt? Ja, ja Taufpate, armer, armer, auch er alle gestorben, alle, alle... Freds Antlitz verdüsterte sich. Man sah, daß er mit seinen Erinnerungen kämpfte und ihn nur die Scham daran hinderte, in Tränen auszubrechen. Der Lehrer hatte inzwischen Mister Freds elendes Aeußere in Augenschein genommen. Seine Beine, an denen noch die bei der Vorfühnmg benutzten, zerschlisienen Samt- Pantoffeln hingen, seine kahle Stirn, sein eingefallenes Gesicht, das über dem muskulösen Hals und den breiten Schultern emporragte, in welchen selbst der Hunger das Ergebnis jähre- langer Muskelarbeit nicht ganz zerstören konnte. Dem Lebrer gelang es allmählich dahinter zu kommen,. wie Mister Fred so tief gesunken war. Und er wunderte sich auch im stillen darüber, wie es kam, daß Fred die ungarische Sprache so verlernen konnte. Er neckte ihn mit seinem be- wiesenen Durst nur, um chm Wein anbieten zu können-- oder ..Solltest du etwa hungrig sein?-- Kann ich dir etwas .IT...:___ t-.f-__ l

wollte ihm irgend was geben. Ihn von seiner Freundschaft, seinen brüderlichen Gefühlen überzeugen. Ihn irgendwie aus dieser schrecklichen Apathie reißen. Sein Mit-

zu ef�n anbieten?" fragte er ihn besorgt. ii irge....... gefühl wuchs in gleichem Maße als feine eigenen Crinne- rungen immer stärker und stärker auf ihn einstürmten. Inzwischen unterhielten sich die Gevatter ungestört mit dem Affengaukler und mit Miß Palma . Sie waren der Mei- nung. daß zwischen dem Lehrer und dem traurigen Deutschen eine ebenso spontane Augenblicksfreundschaft entstanden sei wie zwischen der Künstlerin und ihnen. (Fortsetzung folgt.)