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Berlin - Paris - Genf - Berlin

Autoreiseeindrücke von Victor Schiff

Präsidentenwahl in Versailles , Zollunionskampf in Genf : zwei| der wichtigsten Ereignisse der internationalen Politik innerhalb weni­ger Tage. Natürlich kann man diese 3000- Kilometer- Reise mit der Bahn absolvieren, bequemer, schneller, vielleicht sogar ein klein wenig billiger. Auf die Gefahr hin, für verrückt erklärt zu werden, was auch allenthalben geschah, beschloß ich, die Landstraße zu be­mugen. Ich brauche es nicht zu bereuen, denn ich bin um eine Fülle von Eindrüden reicher geworden, die die physischen An­strengungen einer solchen Fahrt durchaus lohnen. Einige dieser Eindrücke dem Leser zu vermitteln, fühle ich mich deshalb veranlaßt, weil ich seinerzeit nicht ohne Beschämung erfahren mußte, daß meine Schilderung der Fahrt Berlin - Prag - Wien - Regensburg - Berlin Im vergangenen November weit mehr Anklang gefunden hat, als meine sonstige politische Berichterstattung. Auch ich wünschte freilich, die Außenpolitik wäre stets so unterhaltsam, wie eine Autoreise in den Frühling durch schöne Landschaften, alte Städtchen und histo­rische Gefilde.

Märkische Langeweile.

Es ist sehr schade, daß Berlin so weit nördlich und östlich liegt. Diese Bemerkung soll teine Herabſegung seiner zum Teil sehr schönen Umgebung bedeuten. Aber von der Perspektive des Autofahrers, der den bunten, abwechslungsreichen Gebieten zu­strebt, läßt sich dieses Bedauern nicht unterdrücken. Dreißig Kilo­meter hinter der Reichshauptstadt, gleich nach Potsdam , beginnt die märkische Langeweile. Sie setzt sich dann gut 150 Kilometer lang fort: Kornfelder, Rüben- und Kartoffeläder, ab und zu ein Wäld­chen, meist tahle Kiefern, das ist Deutschland bis weit westlich der Elbe, ob in Richtung Dresden oder Leipzig - Halle oder Magdeburg oder Stendal oder Naumburg . Gewiß, es gibt auch Ausnahmen, aber der Gesamteindruck ist eintönig. Manche lieben diese ruhige Ebene, anderen ist sie ein Greuel. Dabei verleiten diese langen, ferzengeraden Strecken, eben wegen ihrer landschaft­lichen Armut, Vollgas zu geben, nur rasch und bald diesen Teil hinter sich haben! Und der Nachteil: Das krampfhafte umflammern des Steuerrades während der rasenden Fahrt auf der glatten Chauffee oder während des langsameren Hopsens über die un­wahrscheinlichen Kopfpflaster und Querrinnen in den märkischen Dörfern ermüdet vorzeitig. Nach Wittenberg und Bitter­ feld gelangt man nach etwa drei Stunden mit recht strapazierten Armmuskeln in Halle, bald danach in Merseburg , vorbei an den Mammut- Werken von Leuna . Ein imponierender An­blic, den man zwar auch von der Bahn genießt, die dicht an den filometerlangen Anlagen vorbeifährt, aber von der Landstraße aus, in einigen hundert Metern Entfernung, ist die Uebersicht über den Gesamtkomplex der Fabriken noch viel gewaltiger.

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Uebrigens: Leuna - Werte! Hier ein Beitrag zur Kennzeich mung der Kartellpolitit, ihrer Willfür und Sinnlosigkeit. Seit einiger Zeit stellten die JG.- Farben ebenfalls Benzin her, deut sches Benzin, wie sie es stolz nennen. Tausende von rot- weiß­angestrichenen Tankstellen mit Leuna "-Schild sind neuerdings in allen Stadtteilen und fast in jedem Dorf wie aus der Erde ge­stampit worden. Am Tage, an dem ich Berlin verließ, fostete das Benzin hier überall noch 26 Pf. pro Liter( drei Tage vorher 25 Pf.). Auch das Leuna- Benzin. Aber zur selben Stunde ver­langte man in Halle und Merseburg 31 Bf. Wegen der Transport fosten, nicht wahr? Aber auch das Leuna- Benzin foftete am Ort der Herstellung 31 Pf., also 5 Pf. pro Liter mehr als in · Berlin , wohin es erst befördert werden muß!

,, An der Saale ...."

Erst hinter Merseburg , bei Weißenfels , beginnt die Land­schaft sehenswert zu werden. An der Saale grünem Strande" mit ihren Krümmungen, ihren dicht bewaldeten, teilweise felsigen Hügeln beginnt man die Mark zu vergessen. Bad Kösen Gasthäuser flaggen unentwegt schwarzweißrot und tragen vorwiegend furchtbar heldische Namen. Das liebliche, gepflegte Naumburg , die Refi­denzstadt reaktionärer Richterflüngel, attiver und pensionierter, ver­diente eine bessere Bestimmung.

Durch Thüringen .

Endlich ist man in Weimar zur Mittagszeit und frischt durch flüchtige Blicke auf die historischen und klassischen Gebäude, die be­fannten Gaststätten und in die engen Seitengassen Erinnerungen und die Zeit der Nationalversammlung vor zwölf Jahren auf. Seit dem es sich von dem Pirmasenser gereinigt hat, beginnt man wieder, an Thüringen mit Liebe und ohne Schamgefühl zu denken. Bald danach ist Erfurt erreicht. Aber die Landstraße ist hier gerade polizeilich gesperrt, weil in der nächsten Biertelstunde die Ankunft der Straßenrennfahrer Rund um Deutschland " erwartet wird. Ich benutze die Gelegenheit, um in einer Seitengasse zu parfen und mich im hinteren Teil des Wagens auszustrecken. Nur ein Biertelstündchen." Als ich jedoch aufwache, ist eine geschlagene Stunde vorüber- aber die Giganten der Landstraße" lassen immer noch auf sich warten. Endlich rasen sie durch die Ziellinie, umbraust von den erregten Rufen Tausender von Radfahrern und sonstigen, meist jugendlich- begeisterten Zuschauern. Ehe ich meine Fahrt wieder antreten tann, ist der Nachmittag bereits größtenteils vorbei. Die ursprüngliche Hoffnung, noch in der Dämmerung in Frankfurt einzutreffen, ist geschwunden.

Immerhin fann ich jetzt mit frischen Kräften durch das schöne Thüringen weiterfahren, wo zu dieser Jahreszeit die Laub- und Nadelwälder eine nuancenreiche" Symphonie in Grün" darbieten. Ueber Gotha gelangt man bald nach Eisenach , in dessen enger Hauptstraße ein gefährliches Menschengewimmel hin und her mogt und Jünglinge sich demonstrativ mit dem Faschistensalut begrüßen.

Bei Fulda wird es dunkel. Kruzifire am Straßenrand haben bereits verkündet, daß man bald nach der Wartburgftabt in eine katholische Gegend gekommen ist. Man wird sie erſt furz vor Frank­ furt verlassen. Mehrere Reifenpannen in den letzten 40 Kilometern bewirken es, daß es bereits zwölf am Römer schlägt, als ich in Frankfurt lande.

Durch Rheinhessen , Pfalz und Saar . Als zweite Tagesetappe habe ich mir vorgenommen, nur bis Berdun zu gelangen, so daß ich mich von den Strapazen des ersten Tages zunächst gründlich ausschlafen tann. Bis die beiden be­schädigten Reifen ordentlich geflict" find, wie man in Frankfurt auch für Autoschläuche fagt, und ich die Geburtsstadt Goethes ver. Tassen tann, ist es elf geworden. Gestern noch in Berlin alles grau und regnerisch, heute schon füdländischer Frühling. Es ist Sonntag. Ungeheurer Autoverfehr auf den tadellosen, breiten Straßen, die an Den Rhein führen. Endlich lerne ich, wenn auch leider nur zu flüchtig, Mainz und seinen uralten, zum Teil noch vorgotischen Dom fennen. Sodann auf der rheinhessischen Hochebene nach dem malerisch- träumerischen Städtchen Algen, dessen mittelalterliche

Burg als Finanzamt eingerichtet ist; etwa im Hinblick auf den von Goebbels angekündigten Sturm auf die Finanzämter"? Freilich ist dort auch gleich das Gefängnis untergebracht...

Weiß- blaue Pfähle künden bayerisches Gebiet: wir sind in der Pfalz . Ueber Kaiserslautern , das sich in einem Talfeffel weit ausstreckt, gelangt man bald an die derzeitige Reichsgrenze: Hom burg. Es ist dort vor allem eine 3ollgrenze, von französischen Beamten bewacht. Diese zeigen nur Interesse für das Wagentryptif und den Kofferinhalt. Den vorgezeigten Paß wollen sie fich gar nicht ansehen, interessiert sie nicht. Und da unmittelbar hinter Saarbrücken die eigentliche französische Grenze läuft und dort überhaupt feine Kontrolle vorgenommen wird, da endlich Bässe in den französischen Hotels, soweit ich beobachten konnte, neuer­dings überhaupt nicht verlangt werden, ergibt sich daraus, daß die illegale" Einwanderung von Deutschland nach Frankreich über die Saar zumindest auf der Landstraße finderleicht sein muß. Wenn das das Mördertrio Reins gewußt hätte, das so plump in Genua in die Falle ging...

Lothringische Schlachtfelder.

An jenem Sonntag ist die alljährliche staatlich- nationalistisch flerikale Jeanne- d'Arc - Feier. Da Lothringen sehr fromm ist und die heilige Johanna selber aus Lothringen stammt, find auch die meisten Privathäuser in den Städtchen und Dörfern reich mit Trifoloren beflaggt. Der andere stärkste Eindruck, den man in Lothringen gewinnt: Soldaten, überall Soldaten. Die kleinste Stadt hat ihre Garnison. Dort, nahe an der Grenze, erweckt das sonntagnachmittagliche Straßenbild, zum Beispiel in Forbach , den Eindrud, als wäre dieses Städtchen eine einzige Raferne, in die sich Straßen- und Geschäftsschilder sind französisch. Aber das Deutsche

ein paar Zivilisten verirrt hätten.

tommt noch häufig vor, und man hört es noch viel sprechen, wenig= stens von den Zivilisten. Auch in Mez, das man durch die mittel­alterliche ,, Porte des Allemands", das ,, Tor der Deutschen ", einfährt.

Die fornreiche, gewölbte lothringische Landschaft weist oft weit und breit feinen Baum auf. Nicht einmal an der Landstraße, die senst in Frankreich meist durch riesenhafte Pappeln umfäumt ist. Immer wieder Erinnerungsdenkmäler an Schlachten des Krieges von 1870-71: Gravelotte, Bionville, Mars- la- Tour, Namen, die man einst in der Schule gelernt hat, die aber bei der heutigen Jugend durch neue Schlachtennnamen etwas verdrängt sein dürften.

Es dämmert. Und in der Dämmerung praffelt ein wahrer Hagel von Maikäfern und anderen Insekten gegen die Windschutzscheibe des faufenden Wagens. Bald bietet der Blick geradeaus durch die Scheibe einen efelhaften Anblick. Innerhalb von wenigen Minuten hat sich ein wahres Massater vorn abgespielt. Als ich in Verdun den Wagen in der Garage unterstelle und den Kühler betrachte, ist der Anblick der Hunderte von festgeklemmten, zerplatten, verdörrten Tieren noch grauenhafter.

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Aber hier in Verdun weilen die Gedanken bei einem anderen Massaker. Hier sind es Menschen, Hunderttausende von Menschen, die wie die Fliegen" vernichtet wurden. Schon sah ich in dem Zwielicht der untergehenden Sonne, nah und fern, ungeheure Soldatenfriedhöfe.

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Hoch über der Stadt, von mächtigen Scheinwerfern weiß um­strahlt, leuchtet das ungeheure Siegerdenkmal von Verdun , zu dem eine breite Treppe von fünf Stufen führt. Die Frauen­gestalt der Republit, geftüßt auf ein Schwert, blickt starr in die weite, tahle Landschaft gegen Often. Und irgendwo oben auf einem Hügel flackert ein rotes Licht in regelmäßigen Abständen auf: dort liegt das Ossuaire ", das Beinhaus von Douaumont.

Berlin sendet:

Morgenveranstaltungen.

die jugendliche Gelentigkeit fehlt. Das ließe sich ohne große Schwierig­feit und sicherlich ohne Sonderveranstaltung erreichen. Es wäre nur Funnötig, zu schwierigeren Uebungen eine Parallelübung zu geben, die weniger kompliziert ist und sich im gleichen Taft ausführen läßt. Natürlich könnte sich jeder Gymnastikteilnehmer solche Uebungen selber ausdenken; aber er wird es gewöhnlich nicht tun, sondern sich viel­mehr von der für ihm zu schwierigen" Funkgymnastik abschrecken

Eine der erfreulichsten Einrichtungen des Berliner Funt programms sind die Morgenveranstaltungen. Es ist schön, den Tag, der oft soviel Unerfreuliches bereit hält, erfrischend und an genehm zu beginnen. Zu den Gymnastitübungen wird mancher gern aus dem Bett springen, de mbas Klingeln des Weders um 6 Uhr 30 sonst eine recht unliebsame Störung bedeutete. Und das anschließende Frühkonzert sorgt dafür, daß das Ankleiden figer, das Frühstüden mit größerer Ruhe vor sich geht. Grundsäßlich trifft Berlin für dieses Konzert eine recht gute Auswahl. Den Morgendhoral follte man sich endlich schenken.

Diese Frömmelei war vor dem Kriege in Erziehungsanstalten üb: lich, wo vor Beginn der Tagesarbeit Gebete gesprochen und fromme Lieder gesungen wurden, obwohl weber Lehrer noch Schüler dabei die geringste Erbauung empfanden, sondern diesen Auftakt höchstens darum gern in Rauf nahmen, weil er die unangenehmen Unterrichts stunden etwas herauszögerte. Der Rundfunk hat aber bessere Vers wendung für diese Zeit. Er ist in Berlin schon ohnehin überreich mit firchlichen Darbietungen überlastet. Es wäre interessant zu erfahren, wem zu Liebe oder auf messen Veranlassung man in der Funkstunde so fromm ist. Das Berliner Publikum hat bestimmt kein Bedürfnis danach.

Die Dauer des Schallplattenkonzerts ist gut gewählt. Die Zeit von 6 Uhr 45 bis 8 Uhr 15 tommt wohl für alle Berufs­tätigen hauptsächlich in Frage. Allerdings wäre ein verhältnis mäßig großer Teil der in taufmännischen Berufen Tätigen für eine Berlängerung der musikalischen Darbietungen bis 8 Uhr 30 sicherlich sehr dankbar. Wichtig ist für diese Schallplattentonzerte allerdings eins, das noch zu geringe Berücksichtigung findet: die Klang stärte. Beim Frühkonzert muß der Empfang, um die Nachbarn nicht zu stören, natürlich ziemlich leise gestellt werden. Die Schall­platten sollten so gewählt werden, daß die Klangstärke der ersten maßgebend für die folgenden ist; denn kaum jemand, der sich morgens auf seine Berufsarbeit vorbereitet, hat die Muße, für jede Schall­plattendarbietung den Empfang neu zu regulieren. Das ist aber nötig, wenn Streich- und Blasmufit willkürlich wechseln. Der auf Streichmufit, womöglich auf ein Geigensoli abgestimmte Empfang schreit bei Blasmufit natürlich überlaut, während umgekehrt noch gut hörbare, aber nicht überlaute Bläserkonzerte eine Einstellung bedingen, die Streichmufit völlig verhallen läßt.

Die Auswahl der Platten entspricht im allgemeinen dem Zwed. Sie bietet keine zu gewichtige Musit, hält sich aber auch von aus­gesprochenem Kitsch meist fern. Eher wäre zu beklagen, daß bis­weilen wertvolle Musik durch diese Frühkonzerte entwertet wird. Der Hörer hat in diesen Stunden gar nicht die Zeit, andächtig be beu= tenden Kompositionen zu lauschen. Werden sie ihm trotzdem geboten, so gewöhnt er sich daran, sie an seinem Ohr vorbei plätschern zu lassen eine Gefahr, die durch die Rundfunkkonzerte ohnehin ziemlich groß geworden ist. Der Rundfunkteilnehmer muß das richtige Musikhören häufig erst lernen; nur dann fann ihm be­deutende Musik zum Erlebnis werden. Die Frühkonzerte sollten dieser Mufiterziehung in keinem Falle entgegenarbeiten. Ungefähr alle Viertelstunden wird die Zeit angesagt. Diese Ein­richtung ist von besonderem Nußen; denn gar mancher würde sonst bei den angenehmen morgendlichen Klängen den richtigen Augen­blick verpassen, um zur Berufsarbeit aufzubrechen. Die Zeitanfagen sollten sich aber immer der langstärke der musikalischen Darbietungen anpassen. Bei einer Empfangseinstellung, die auf lauttönende Konzerte berechnet ist, sind sie bisweilen über­haupt nicht zu verstehen und verfinten wie die Programmanfagen.

Die Sender Mühlader, Frankfurt , Freiburg und Kaffel bringen eine doppelte Morgengymnast it, einmal gegen 6 Uhr, das zweitemal um 6,30 Uhr. Diese Einrichtung dürfte auch für Berlin sehr zweckmäßig sein. Bielleicht würde sich ein noch größerer Ab­stand empfehlen, vor allem

eine frühzeitige erste Morgengymnaftit, damit auch den in einer Fabrit Beschäftigten die Teilnahme baran möglich ist. Gerade die sich heute immer weiter ausbreitende Arbeit am laufenden Band, die stets nur einen ganz bestimmten Griff, eine ganz bestimmte einseitige Muskelbelastung mit sich bringt, macht für den Fabrik­arbeiter und die Fabritarbeiterin solche gymnastischen Morgen übungen besonders notwendig. Noch etwas anderes wäre zu be­achten: die Uebungen müßten auch auf jene Rücksicht nehmen, denen

lassen.

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Ein etwas schmerzliches Kapitel bilden nicht nur in Berlin die Rundfunkveranstaltungen für die Jugend.

Der Hörer fragt sich oft ratlos, weshalb und warum gerade diese Darbietungen für die Jugend besonders geeignet sein solle. Auch von den Jugendlichen hört man häufig Klage darüber. Besonders die literarischen Jugenddarbietungen von Berlin und Königswuster­hausen entsprechen oft einer langweiligen Schul- Literaturstunde, oder aber sie berücksichtigen die Interessen und die Kenntnisse der jugend. zu wenig. Kürzlich brachte lichen Hörer und nicht nur dieser

Eine Dame

Berlin ein Interview mit Jean Paul ". hatte aus Werken des Dichters einiges zusammengetragen, was von seiner Welt- und Menschenanschauung erzählte und recht kurzweilig für den zu hören war, der einigermaßen mit Jean Paul , seine.u Lebenstreis und seiner Zeit vertraut war. Bem diese Borkenntnisse fehlten, der erhielt, wie das ja auch sonst bei den meisten Inter­views der Fall ist, ein ziemlich verschobenes und für ihn wenig charakteristisches Bild von dem Dichter. Das Interview" wollte aber vor allem die Jugend anregen, zu den Werten von Jean Bau! zu greifen. Tatsächlich war mancher Sah darin, der dem jugend­lichen Hörer Lust auf eine ausgedehntere Bekanntschaft mit dem Dichter machen konnte. Nun weiß aber jeder, der Jean Pauls Werka wirklich kennt, daß sehr viel literarische Feinschmeckerei dazu gehört, um ihnen Geschmack abzugewinnen. Die allermeisten Menschen, wenn sie schon die Zeit für diese verschnörkelte Lektüre haben, müssen sich jedenfalls erst langsam in sie hineinlesen. Der Jugend vor allem hätte man nur Anregung für ganz bestimmte Werte geben dürfen, wenn sie nicht gleich verärgert den Dichter ganz beiseite legen

sollte.

Es hätte natürlich feinen Sinn, über diese eine verunglückte Jugendveranstaltung so ausführlich zu sprechen, wenn sie nicht charaf­teristisch für viele dieser Art wäre, die man auf Grund eines wirkungsvollen Titels statt nach ihrem Gehalt auswählt. Ganz gewiß ist ein geschickter Titel für Jugendveranstaltungen besonders wichtig; aber er hat doch nur dann Sinn, wenn dahinter auch ein für die Jugend geeigneter Inhalt steht. Tes.

Anno 2138

Man merke sich diese, von einem Londoner Professor sorgsam errechnete Zahl. Nämlich die Sache ist die, daß die Geisteskrank­heiten zunehmen. Ganz beträchtlich fogar. Seit 1870 haben sie sich verdreifacht, seit 1900 verdoppelt. Um feststellen zu können, wie weit auch das rapide Anschwellen gewiffer politischer Parteien in jüngster Zeit mit diesem Umstand zusammenhängt, will der Profeffor fich ftudienhalber einige Zeit in Deutschland aufhalten. Abgesehen da­von aber hat der Rechner schon jetzt ermittelt, daß, falls die Geistes­frankheiten im gleichen Ausmaß weiter zunehmen werden, im Jahre 2138 die ganze Menschheit definitiv verrückt sein wird. Die he= dauerlichsten Geschöpfe werden alsdann die legten anormalerweise noch Normalen sein. Sie werden als gemeingefährlich in malenhäuser gesperrt werden...

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Nor­

Martin Rikli: Am Rande der Sahara"*) Der Berfasser hat hier 77 Bilder von einer Reise nach Tunis veröffentlicht, dazu einen recht orientierenden Tert, der ein lebendiges Bild auf nur 60 Seiten vermittelt. Ritti leitete eine Expedition der Ufa , die zur Herstellung zweier Kulturfilme führte: ,, Am Rande der Sahara " und Band ohne Schatten". Rifli berichtet auch über das italienische Tripolis , über die ausgegrabene römische Stadt Leptis Magna . Dort ist heut öde Steppe, während zur Zeit der Römer das Land noch fruchtbar, die Wüste weit weg und die Stadt von Hunderttausenden bevölkert war. Mancherlei Gedanken regt das lebhaft geschriebene Buch an. Bilder: gut und sehr gut

R. Laemmel.

*) Berlag von Reimer Hobbing in Berlin S. 61.