Stadt der tCumpenf ammler
Ein« der sonderbarsten Stadtgründungen, die wohl jemals durchgeführt worden sind, ist jetzt dem Untergang anheimgefallen, nämlich die Stadt der Lumpensammler in N e w a r k. Sie e»t- stand noch in den Tagen der wirtschaftlichen Hochblüte in den Ver» einigten Staaten und war ein Beweis dafür, daß eine ganze®e- meinde von Abfällen zu leben vermag, die ihre Mitbürger achtlos fortwerfen. Daß diese Gemeinschaft zu einem richtigen Stadtwesen wurde, verdankte sie der Energie einer einzigen Persönlichkeit, eines Mannes, der sich John Connoly nannte und den Titel„Bürgermeister der Connoly-Stadr annahm. Bewarf ist eine lebhaste Industrie- stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner im Staate New Jersey und kann mit der Untergrundbahn von New Jork aus er- reicht werden. Im Laufe der Jahre war auf den Wiesen in der Nähe des Lufthafens von Newark eine riesige Abfallstätte entstanden, deren Ausbeutung sich herumlungernde Nichtstuer und verarmte Un- glückliche angelegen sein ließen. Nicht nur alte Konservenbüchsen und ausgediente Regenschirme fand man hier, sondern auch man- cherlei Nahrungsmittel und gelegentlich einen ganzen Kraftwagen, der nicht mehr brauchbar und daher auf die Müllhoufcn geworfen worden war., Die Lumpensammler von Newark lebten sorglos und frei in den Tag hinein, bis vor drei Jahren ein Fremder unter ihnen er- schien. Dieser Mann in mittleren Jähren, dem eine üppige braune Haarkrone und ein reicher Bart schon ein gewisses Ansehen verliehen, machte sich binnen wenigen Tagen zum Herren der Lumpensammler- gemeinde. Er zeigte die Stärke eines Herkules und die Weisheit eines Nestors und imponierte den Kameraden besonders durch groß- artige Aussprüche, bei denen er den Namen eines gewissen William Shakespeare zitierte. Keiner aus dem kleinen Staat wußte etwas von der Existenz dieses großen Dichters, und so verbreitete sich die Meinung, dieser Shakespeare sei irgendein Beherrscher der Unter- weit in New Vork, ein„zweiter Capone", als dessen Abgesandter Eonnoly unter ihnen aufgetaucht sei, um in Newark eine neue Or- ganisation der Unterwelt durchzuführen. Doch nicht nur durch sein« Shakespeare-Zitote imponierte der neue Mann, sondern auch durch seine Fäuste, und einige Zeit ging er mit dick vcrschwollenen Augen und einer schwer beschädigten Nase herum, die er aus Box- kämpfen mit widerspenstigen Bürgern der Lumpensammlerschaft davongetragen hatte. Aber er blieb Sieger, und nachdem er die gefährlichsten Gesellen zur Vernunft gebracht hatte, herrschte er un-
beschränkt und erwies sich als ein ebenso guter und tatkräftiger Freund wie ein gestrenger Herr. Die Polizei hatte bald in ihm einen Verbündeten erkannt und ließ ihm freie Hand in der Einrichtung seiner Gemeinde und im Aufbau seiner Stadt. Connoly brachte Ordnung und Sicherheit in das bis dahin so regellose Leben auf der Abfallstätte. Er ver- anlaßt« die Errichtung einer Stadt, der er seinen Namen gab. Er mochte wohl im Weltkrieg das Aufwerfen von Gräben gelernt hoben, denn die Technik, die er anwendete, war die, die in den Unterständen und Schützengräben der Schlachtfelder ausgebildet worden war. Er ließ Tunnel graben, die sich in kleine Räume öffneten, und so entstand eine unterirdische Ansiedlung, die ganz aus Abfällen angelegt wurde. Holz für die Türen war genügend vor- handen, alte Bettstellen und Matratzen dienten als Ruhelager, und sogar genug Farbe fand man unter dem Müll, um die Heime der Höhlenbewohner in bunten Tönen auszuschmücken. Wie ein un- geheurer Ameisenhausen stellte sich die Lumpensammlerstadt den verwunderten Blicken der Besucher dar, und schon von fern war die Siedlung erkennbar an den dünnen Rauchwirbeln, die aus den kaum die Erde überragenden Schornsteinen hervorströmten. Der„Bürgermeister" gab Gesetze und Verordnungen. Diebstahl war verboten, jeder Bürger erhielt einen bestimmten Teil der Ab- sallhaufen zuerkannt, um sich aus ihm zu ernähren. Eine Steuer von 20 Proz. von allem Geld, das erworben wurde, diente zur Unterhaltung der Stadt. Der Wohnsitz Connolys unterschied sich von dem der andern durch Bilder an den Wänden und eine Bücherei. Besonders stolz war er auf die Ansichten von Rhein- schlösiern, mit denen er seinen Unterstand ausgefüllt hatte, und seine Bibiothek enthielt die Werke verschiedener Klassiker, in erster Linie ein zerlesenes Stück der Dichtungen seines Lieblingsautors Shake- speare. So herrschte er wie«in feudaler Baron über seine Lehns- mannen: er hatte seinen eigenen Barbier, und zwei Schneider, die einst bessere Tage gesehen hatten, sorgten für die tadellose Instand- Haltung seiner sieben Anzüge, die aus dem Abfall stammten. Auch ein„guter Tropfen" fehlte nicht bei festlichen Gelegenheiten. Connoly ließ sich sogar«inen Sommersitz auf der Erdoberfläche anlegen, dessen viel bewunderten Stolz ein dem Müll entrissener Schaukel- stuhl bildete. Die Polizei hatte gegen diese seltsame Siedlung nichts einzuwenden, wohl aber die Gesundheitsbehörde, und diese setzte die Entfernung des Mülls von den Wiesen und damit auch die Ver- nichtung der Lumpensammlerstadt durch.
„£eb wohl, lllnria. dich am!" Ton Gideon Göffele
Das seltsamste Erlebnis meiner letzten Jahre überfiel mich im vergangenen Sommer. Es ist zwar eine mehr traurige als lustige Geschichte, was»leine Leserinnen und Leser hoffentlich nicht ver- stimmen wird. Aber sie ist nun einmal so vorgefallen, wie ich sie hier erzähle. Das Leben Ist ja häufig mehr zum Weinen als zum Lachen! Ich befand mich gerade auf einer Nordlandreise irgendwo in einem weltabgeschiedenen Norweger Tal, als mich dos Telegramm meine» Berliner Pressebüros erreichte:„fahret für uns ratstagung Genf , drahtet durchreise berlin ." Ich wurde ärgerlich. Konnte man nirgend, für ein paar Tage Ruhe haben? Aber natürlich fuhr ich sofyrt ab. Solche Aufträge sind bekanntlich dünn gesät. Während der Nacht de» nächsten Tages traf ich in Berlin ein. Den Weg vom Stettiner Bahnhof bis zu meiner ständigen Berliner Wohnung in einer ruhigen Gegend Westends legte ich per Auto zurück. C? ging ziemlich schnell. Di« vier Treppen Fahrstuhl hatte ich ebenfalls rasch überstanden. Nun kam noch die fünfte Treppe zu Fuß. Ganz hinauf reichte nämlich der Fahrstuhl nicht. Meine Behausung war ein stilles Atelier im oberen Stock, das ich einem Maler-Freund abgemietet hatte, der sich irgendwo in der Süd- s«» herumtrieb. An meiner kleinen Wohnung, bestehend aus dem eigentlichen Atelierraum mit westlicher Glaswand und zwei geräumigen .Kammern, von denen die eine als Küche, die andere als Schlaf- gemach diente, hatte- ich stets viel Freude. Von der Straße herauf drang kein Laut, so daß ich gut arbeiten konnte. Und auch vom Treppenflur kamen keine störenden Geräusche. Meine Behausung «or durch eine festschließcndc, eiserne Bodentür sowie noch durch die eigentliche Wohnungstür schalldicht abgeschlossen. So sehr ich jedoch meist diese Ruhe schätzte, mitunter verwünschte ich sie. Wenn zum Beispiel Einbrecher kämen, dachte ich ost. Man würde mich nicht einmal hören, wenn ich um Hilse schrie. Solche Anwandlungen schob ich aber immer wieder rasch beiseite. Wer sollte auch auf den aus- gefollencn Gedanken kommen, bei mir Kostbarkeiten zu suchen? So ähnlich dachte ich auch, als ich in jener Nacht die letzte Treppe emporstieg und unterwegs die automatische Treppenhaus- beleuchtung ausging. Ganz oben war kein Lichtschalter. Und da ich unglücklicherweise auch keine Streichhölzer bei mir hatte, mußte ich im Finstern die eiserne und die Wohnungstür aufschließen. Alz ich dann das Licht im'Atelierraum anknipsen konnte, fiel alle Furcht sogleich von mir ab. Es war ja olles in bester Ordnung. Jedes Möbelstück stand unverrückt an seinem Platze. Ich sagte zu mir selbst: Du bist müde und überreizt, mein Lieber! Im Atelier, das mir als Wohn- und Arbeitszimmer diente, setzte .ich mich nieder, um einen vom Bahnhossbüsfet mitgebrachten Imbiß zu verzehren. Wahrend ich aß, kam mir zum Bewußtsein, daß die Lust im Raum schlecht sei, weshalb ich nach den Atelierfenftern sah. Es machte mich stutzig, daß beide in die Glaswand eingelassenen Flügel geschlossen waren. Ich entsann mich genau, daß ich sie vor meiner Abreise geöffnet hatte in der Ueberlegung, daß es ja bei schlechtem Wetter nicht hereinregnen könne, weil die Fenster beim Oeffnen an der unteren Kante nach außen gestützt werden mußten. Ob wohl der Hauswirt in meiner Abwesenheit in die alleinstehende Wohnung gegangen war? Aber ich hatte ihm ja gar keine Schlüssel gegeben! Oder täuschte ich mich mit den Fenstern am Ende doch? Ich war zu müde, um über dieses Rätsels Lösung nachzu- grübeln und darum schlurfte ich gähnend nach meinem Schlafraum, den ich bis dahin noch nicht betreten hatte. Das Bett ist doch eine herrliche Einrichtung dachte ich. Ich würde mich ausschlafen können bis 3 Uhr in der Früh. Und dann würde ich zum Büro gehen und ein möglichst hohes Honorar für Genf herausholen. Nanu, fiel mir auf, roch es hie� nicht nach Blumen, nach Maiglöckchen und nach... Rosen? Und war dieser Blumendust nicht durchsetzt mit einem anderen Geruch, beengend und atemraubend? Wie schon oft hatte ich zum Auskleiden kein Licht gemacht. Jetzt beeilte ich mich, nach dem Lichtscholtek zu tasten. Die Deckenbeleuchtung flammte aus. Aber da war ja doch alles richtig. Der Kleiderschrank stand in seiner Ecke und der Waschtischspiegel blitzte wie immer. Auf dem Nacht-
schränkchen lagen noch die paar Bücher, in denen ich vor meiner Abreise des Nachts im Bett gelesen hatte. Doch um Gattes willen. was war dos? Da lag ja jemand in meinem Bett und schlieft Es war eine Frau. Nein, nein, diese Frau schlief nicht. So sah kein schlafender Mensch aus, so wächsern, so reglos und fahl. Die Frau war... tot!! Im ersten Schrecken und voll Entsetzen war ich in den Atelier- räum gelaufen, hatte mir dos dort abgelegte Jackett übergeworfen und wollte hinuntereilen aus. die Straße, ufn Hilfe Htrsteizurusen. Doch dann schämt«-ch mich' nb Mistes ToMosetz Benehmest'?.„In deinem Bett liegt ein Mensch, der tat ist", redete ich auf mich selber «in.„Hast du jemals erlebt, daß dir ein toter Mensch etwas getan hat? Nein. Also sieh zuerst zu, was eigentlich los ist. Das bist du dir und der Sache schuldig!" Ich überwand mich und ging wieder hinein in da? Schlaf- Zimmer. Und bald begriss ich meine erste panikartige Furcht selbst nicht mehr. In meinem Bett log ein tote? Mädchen, das etwa? über 20 Jahre alt sein mochte. Da? Gesicht hotte jenen steinernen Ausdruck vollkommenster und unnahbarster Ruhe, wie ihn nur der Tod in ein Menschenantlitz meißeln kann. Aber an diesem toten Mädchen war kein Verbrechen geschehen. Auf die schwarzen, in der Mitte gescheitelten Haare saß ein ungeschickt zusammengebundener Kranz von Maiglöckchen gedrückt. Die Augen mußte eine fürsorgliche Hand geschlossen haben. Der Körper war mit einem weißen Nacht- Hemd als Sterbekleid umhüllt, das meinem Wäschespind entstammte. Und bis zur Brust war das tote Mädchen mit einem frischen Leintuch zugedeckt. Di« mü!>en Hände waren über einem kleinen Strauß roter Rosen gefallet, die noch nicht verwelkt worein Und zwischen den Rosen ragte ein Zettel hervor, auf dem ich mit Bleistift hinge kritzelte Schriftzeichen entdeckte. Behutsam nahm ich das Papier an mich. Und ich las die Warte:„Leb wohl, Mario. Schlastdlch aus!" Nein, nein, der Mensch, der diese erschütternden Worte ge- schrieben hatte, war eines Verbrechens nicht fähig. Vielleicht war das Mädchen auf den Tod krank gewesen. Vielleicht hatte e? obdachlos auf der Straße gelegen. Vielleicht hatte ihr Liebster einen Ort gesucht, wo ste in Ruhe hatte sterben können. Die Ge. danken arbeiteten in meinem Hirn als Vermutungen, die wie schwarze Vögel über einen dunklen Himmel flatterten. Bielleicht... Vielleicht... Gewiß war nur jener gewaltige Friede, der ans dem Antlitz des toten Mädchens starrte. Was nunmehr folgte, ist in Kürze erzählt. Ich begab mich zur nächsten Polizeiwache, wo der wachhabende Beamte die Mord- kommifsion alarmierte. Am Totenlager in meinem Schlafzimmer stellte dann der Gerichisarzt fest, daß das Mädchen an galoppierender Schwindsucht vor knapp 2ä Stunden gestorben sei.?lnhaltspunttc, wer die Tote und der Mensch der sie so liebevoll auf meinem Bett aufgebahrt hatte, waren, konnten nicht ermittelt werden. Ich selbst wie? ohne Schwierigkeiten nach, daß ich erst vor einer Stunde In Berlin angekommen war. Der Leichnam wurde am anderen Tage zur Beerdigung freigegeben. Ich schlief die Nacht über in einem Hotel. Das Begräbnis fand zwei Tage später von der Leichenhalle des Park-Friedhoses aus statt, wohin man den Leichnam gebracht hatte. Leider habe ich nicht mehr daran teilnehmen können, weil ich mich zu dieser Zeit bereits unterwegs nach Genf befand. Als ich nach mehrwöchiger Abwesenheit wieder zurückgekehrt war, erzählte mir der Kriminalkommissar meines Reviers, bei dem ich mich erkundigte, folgendes: Am Grabe des toten Mädchens fei«in gänzlich ausgehungerter Mensch im Alter von 2S Iahren festgenommen worden. Dieser habe angegeben, daß er aus Süddeutschland stamme und mit feiner Braut nach Berlin gekommen sei, um Arbeit zu suchen. Als ihnen da» Geld ausgegangen sei, hätten sse viel gehungert und meist an der Peripherie der Stadt in Parks und in Wäldern geschlafen. Der Gesundheitszustand der lungenleidenden Maria habe In dieser Zeit rapid nachgelassen. In ein Krankenhaus habe das Mädchen nicht «ollen. Sie habe immer gesagt:„Wenn ich da hineingerate, komme ich lebend nicht wieder heraus." Schließlich habe sse kaum mehr
gehen kSnnen. Da hätte er fich in seiner Rot entschlossen, ein geeignetes Quartier ausfindig zu machen. Zunächst habe er von Tür zu Tür gebettelt. An meiner Tür sei ihm nie geöffnet worden. obwohl«? zu verschiedenen Tageszeiten vorgesprochen Hobe. Einem Dienstmädchen im Hau« habe er gesagt, er habe eine Bestellung für mich und so hätte er erfahren, daß ich verreist sei. Ms gelernte? Schlosser fei es ihm ein leichtes gewesen, die verschlossenen Türen zu öffnen. Gestohlen habe er nichts. Nur Lebensmittel aus dem Küchenschrank habe er ssch angeeignet. Am zweiten Tag seines Aufenthalts in der Wohnung sei ihm dann sein Mädchen weg- gestorben. Er habe nicht gewagt, jemand etwas davon zu sagen, weil er ja eingebrochen und sich vor der Strafe gefürchtet habe. Da all« Angaben stimmten und irgendwelche weiteren Anzeigen nicht vorgelegen hätten, habe der Schnellrichter ein Einsehen gehabt und den armen Kerl mit ein paar Wochen Gefängnis und Bewährungs- frist durchrutschen lassen. Dies ist ein« jener traurigen Geschichten, eigentlich ohne rechten Anfang und ohne rechtes End«, wie sie kein Dichter, sondern das Leben selbst dichtet. g>aul 3SeMau: �>1® fl'llll Tumla lag auf dem Bauch und stützte den Kops in beide Hände. Dem Südwestwin» sah er entgegen, nach dem Walde am jenseitigen Ufer der Wiljui, wo Eichhörnchen in den Kronen herumhuschten, sich neckten und die Nester erneuerten. O, dieser Südwestwind! Wenn er während des kurzen Sommers von den Kirgisischen Steppen her über die Tundren strich, war ein Leben darin, das einfach die Todes- starre des Polarwinters wegblies. Fast über Nacht war das horte Steppengras hochgekommen. Tumla spürte die Wcrdekraft de? Windes in seinen Knochen. Er sprang auf und schnüsfelt« ihm wie «in Hund entgegen. Dann legte er sich wieder hin und lag stunden- lang. Westwärts über die Steppen, über den Ural ging sein Träumen, nach einem Lande, da» so fern war, daß es nur noch als «in Märchen in ihm lebte.. Ein Wort sonnt« sich ihm zuweilen. Da-, kam schwer und fremdklingend über sein« Lippen:„Deutsch- land". Der Krieg lag schon bis zur Unwirklichteü hinter ihm. Ab-r die Erinnerung an warm« Sommernächte, an helle, freundliche Mädchen war lebendiger als je. Er stöhnte, wenn die Erinnerung übermächtig wurde, und sah mit starren Zlugen in den Horizont. alz sähe er dort Zauberbilder. Aus Hans Wiedemann war Tumla geworden. Seit zehn Jahren, als er aus dem Strafgesangenenlager von Tururhanst nach der Mandschurei hatte fliehen wollen und todkrank den Jakuten in die Hände gefallen war, lebte er bei ihnen und war selbst Jakute Ihm gefiel das freie, wild« Leben der Petzjäger. An ihre Sitten hatte er sich bald gewöhnt. Und wenn er auch in der ersten Zeit nach Gelegenheit gesucht hatte, zu entkommen, so hatte er e? doch bald ausgegeben. Die unendlichen Weiten schreckten ihn. Aber nun: Schisse sollten kommen, Schisse aus Europa . Ianka, das Jakutenweib, weckte ihn aus seinen Träumen. Sk' hatte sich gewaschen und das schwarze Haar frisch geölt, daß es in der Sonne olänzte. Sie legte sich neben ihn und preßte ihren Kör- per an den'seinen. Tumla drehte nur den Kops und sah wiedcr in die Weite.„Du denkst nicht mehr an mich. Tumla!" sagte sie b?- trübt. Tumla schwieg lange.„Denn die Sonne am höchsten steht. werden Schiff« in der Mündung des großen Flusses sein. Der Stamm rüstet schon. Richte auch mein Boot," sagte er endlich. Do? Weib sprang auf.„Wo, willft du?" Sie zitterte am ganzen Kör- per. Tumla antwortet« nicht.„Du sollst nicht nach den Schiffen. hörst du! Ich werde Solu bitten, unsere Felle einzutauschen" lftun erhob sich auch Tumla. Er war blaß. In seinen Augen war etwas von der Weit« der Steppen.„Geh, Ianka, hole mir>d�chnr Büchse! Ach werde einen Bock für die Fahrt schießen." Sie gin-�. gehorsam, das Gewehr zu holen. Uns während Tumla im Wolde herumstrich, machte sie da» Boot fertig für die groß- Reise. Kein Wort sprach Tumla mehr. Wie Eisenschwere drückte ihn die Trennung von seiner wackeren Gefährtin. Für beide kam ein- schlaflose Nacht. Ties im Norden ging die trübe Mitternachtssonne ihren Weg. Als sie sich-ms dem Dunst des Horizonts erhob, war, sich da, Weib plötzlich über Tumla.„Nimm mich mit. nur bi» zu den Schiffen!" .Das geht nicht: es sind tausend Meilen." „Du kommst nicht wiedcr: ich weiß das nun." Sie weinte laut. Tumla entzog sich ihren starten Armen. Gewaltsam mußte er niederzwingen, was ihn mit dem Weibe verkettete. Nein, er mußt.' fort.„Schweig, Ianka! Es ist kein Geschäft für Weiber!" Ianka belud das Boot. Aber auch das schwache Beiboot richtete sie her.„Was soll da,?" fragte Tumla barsch.„Für mich!" ant- wartete das Weib. Tumla preßte die Lippen zusammen. Er nahm sie mit in sein Boot und hofft dabei, sie weiter unterhalb an der Lena bei ihrem Stamme absetzen zu können. In wenigen Tagen trug die schnell« Wijui das Boot nach dem großen Strome. Die Ufer waren still. Es erwies sich, daß die Iatutenstämme schon nach Norden gezogen waren, um Balun zu Lande zu erreichen. Mehr und mehr wichen die flachen Ufer des mächtigen Flusses zurück. Der Strom dehnte sich stellenweise zn nnüberblickbaren Seen. Träge wälzten sich die lehmgelben Fluten meerwärts. Da, Treibeis sang und knirschte. Tumla und Ianka lösten sich ab, aber Ianka schlief kaum, wenn ste ruht«. Sie kauerie dann am Ruder und sah stumpf vor sich hin.„Sieh die blanken Möwen. Ianka! Das Meer ist nicht mehr weit." sagte Tumla, als vor ihnen zur linken Hand Balun auftauchte. Ianka seufzte.„Ich werde dir ein schönes Kopftuch taufen," sprach er weiter. Da sah Ianka den Möwen nach, die landeinwärts flogen, und weinte still in sich' hinein. Zwei Tagereisen unterhalb von Balun zeigte sie plötzlich aui- geregt nach Norden. Mächt« Rauchwolken stiegen fern in die un- bewegte Luft. Tumla wurde bloß. Wie, um den Absland zwi- schen fich und den Rauchfahnen zu verringern, beugte er sich weit über den Bootsrond hinaus. Dann sank er zitternd aus ein Fell- bündel. Ianka ergriff die Riemen. Aber Tumla entriß sie ihr und stemmt« sich selbst hinein, daß sie zu zerbrechen drohten. De? Bug sprang auf. Schneller glitt dos Boot zwischen den Eisschollen him Da schrie Ianka gellend auf:„Dos Ei», das Eis!" Es war schon zu spät. Ein Krachen geschah unter ihnen. Das Boot war ersaßt von den Zackenrändern zweier Eisfelder, die wie Zahnräder alle, fraßen, war in ihren Bereich kam. Zur Hais:.- bäumte sich das Boot auf. sank zerbrochen zurück und wurde zer- rieben..Während Ianka Zeit gefunden hatte, auf das Eis zu springen, siel Tumla rücklings neben die Rinne. Er wäre hinein- geglitten, wenn Ianka ihn nicht gehalten hätte. Er sprang aus und lief wie ein Unsinniger um da» Eisfeld herum. Kein Weg übers Wasser. Er schrie, winkte, riß die Felljacke vom Körper und schwenkte sie. Ianka trat zu ihm. Siehst du nicht, Tumla die Schiffe sind sort" Er suchte verstört den Horizont ab Hoch im Norden, wo der rötlich? Abendhimmel sich in kaum sichtbaren Linien mit den Eisfeldern vereinte, wurden die Schiffe klein wie Punkte. Todeseipsamkeit war wieder ringsumher. Da sank Tumla zusam- men. Ianka setzte sich aus einen Packeissockel und zog den Kops Tumlas auf ihren Schcß. Und langsam trug der Fluh seine Eis- selber ins Meer.