Mario Mohr: Die Wunderblutkirche
Man hat so piele Reforde des Absonderlichen und Außergewöhn| munizierte sich gegenseitig, aber die Wilsnader blieben Sieger und lichen festgestellt. Man hat die schönste Frau und den längsten Mann nugten ihren Sieg weidlich aus. etuiert, das größte und das kleinste Ding, das höchste und tiefste; man hat alles Einzigartige alles aus dem Rahmen des Gewohnten Fallende, alles vom Mittelwege des Durchschnitts Abweichende gesucht. Die Flucht aus dem Alltag gipfelt in Superlativen. Haben Sie aber auch schon gewußt, wo Deutschlands größtes Fenster ist? Nein? Nun, auch das gibt es.
Diesen Reford findet man in einer Stadt, die beinahe noch einen anderen Rekord hält: den, die kleinste Stadt Deutschlands zu sein. Denn das größte Fenster Deutschlands ist nicht in Berlin , menn auch nicht allzu weit davon entfernt, sondern in Wilsnad.
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Was das nun schon wieder ist? Wilsnack liegt unweit Witten berge an der Berlin- Hamburger Bahn, hat nur rund zweitausend dreihundert Einwohner und ist doch eine Stadt und ein Badeort obendrein. Ein bligblante, wohlhabendes Dörfchen, möchte man sagen, wenn darüber die Wilsnader nicht tödlich beleidigt wären. Außer Moor und Schlamm, der zu Gesundheitszwecken dort reflamiert wird, außer ein paar Miniaturstraßen, die in ewigem Sonntag liegen und deren Häuser wie aus einer Spielzeugschachtel stammend aussehen, hat es eine Kirche von mächtigen Dimensionen: die Wunderbluttirche; und eines ihrer Fenster, das zweiundzwanzig Meter hoch und ganz hübsch breit, heischt den Anspruch, das größte in Deutschland zu sein. Der Führer berichtet es mit Stolz, und man hat weder einen Zollstod bei sich, noch einen Grund, an seiner Behauptung zu zweifeln, auch wenn man alle Fenster, durch die man in seinem Leben schon einmal sah, in Gedanken nachmißt.
Wie kommt aber ein so großes Fenster in eine so fleine Stadt, noch dazu in einer Gegend, die weder mit übermäßiger Fruchtbarkeit gesegnet ist, noch sich durch Handel oder Industrie auszeichnet?
Um dieses Fenster und um diese Kirche, die nicht als einzige Deutschlands nie fertig geworden ist, rankt sich eine sonderbare
Geschichte.
Wilsnad war ein ärmliches, unbedeutsames Nest, bis im Jahre 1383 ein Unglück geschah, das sich bald zum größten Segen wandelte. Da tam ein Ritter, der mit dem Bischof von Havelberg in Fehde lag, raubte und plünderte das Dorf Wilsnad aus, steckte es an allen vier Eden an und brannte auch die kleine, aus Felofteinen erbaute Kirche nieder. Und wußte nicht, daß er damit das Glück Wilsnads machte.
Denn außer dem Glockenturm blieb auch der Altar einigermaßen vom Brande verschont. Und auf dem Altar standen in einem Schrein drei geweihte Hoftien. Die blieben ebenfalls unversehrt. Aber jede von ihnen zeigte drei rote Flecken. Die moderne Wissenschaft meint, das sei sehr wohl möglich, und erklärt das auf verschiedene Weisen. Damals aber fümmerte man sich nicht um solche fpigfindigen Erklärungen. Es war eben ein Wunder. Das heilige Blut hatte sich auf den Hoftien neu gebildet.
Schnell drang der Ruf dieses Wunderblutes in die Welt. Der Bischof tam; Wallfahrer tamen, erst zu Dutzenden, dann zu Hunderten, Tausenden und Zehntausenden. Die armen Bauern wurden schnell zu vermögenden Herbergswirten. Jedes Haus wurde ein Gasthof. Geld tam ins Land. Eine neue große Kirche begann man zu bauen. Und die Wilsnacker wußten das Glück zu nutzen und das Geld richtig zu scheffeln. Bleierne Hoftien wurden als Wallfahrts. zeichen hergestellt. So tam der fleine Ort zu der großen Kirche mit dem mächtigen Fenster. 3war tobte die Konkurrenz; man erfom
સાત વાગ
Gerdland:
Der Anblick des Wunderblutes tat es nicht allein. Die Pilger mußten, wie das in damaliger Zeit so üblich war, für ihre Sünden mit Geld und Geldeswert zahlen. Und das machte man auf eine recht einfache, einträgliche und raffinierte Weise. Jeder arme Sünder wurde nach Gemicht abgeschätzt. Man machte das vorsichtig und befand jeden recht leicht. Dann wurde er auf die Sünderwaage gesegt, und siehe da, er war viel schwerer. Das machten die Sünden, Die mit ins Gewicht fielen. Um sie wettzumachen, mußte der Wallfahrer alle mitgebrachten Opfergaben in die andere Wagschale werfen, bis das menschliche und geistliche Gleichgewicht wiederher gestellt war. Kam ein besonders vermögender Sünder, so sorgte man dafür, daß dieses Gleichgewicht nicht allzu schnell hergestellt wurde, und wußte sich dazu guten Rat. An der einen Wagschale, in die der Sünder fam, war, wie ein Chronist berichtet, ein Strick
angebracht, der durch ein Loch in den Keller ging. Dort unten zog dann immer jemand mehr oder weniger start, je nach dem Vermögen des zu wiegenden Sünders. Eine der beiden Wagschalen wird heute noch in der Wunderblutkirche gezeigt.
Das ging so bis in die Zeit der Reformation. Luther forderte in seiner Schrift" An den christlichen Adel deutscher Nation" dazu auf, die Kirche von Wilsnad niederzureißen. Das geschah nun zwar nicht, aber 1552 verbrannte ein evangelischer Geistlicher diz Wunderbluthoftien.
Doch die guten Wilsnader hatten zulange am Gastwirtsgewerb Gefallen gefunden. Sie sind auch heute noch Gastwirte geblieben, und in Wilsnack steht nach wie vor ein kleines Hotel neben dem anderen. Statt des Wunderblutes loden heute Moor und Schlamm die Fremden an, die in diesen Bädern ihr Rheuma verlieren wollen. Und wenn sie aus dem heilkräftigen Morast gestiegen sind, dan't schauen sie sich die Wunderblutkirche an, die zu den schönsten und interessantesten norddeutschen Backsteinkirchen gehört. Ein freiherrlicher Führer geleitet sie an Deutschlands größtes Fenster, und während sie es von innen und von außen gebührend bestaunen, erzählt er ihnen die sonderbare Geschichte dieses Fenſters.
Heinrich Heining: Erzieher Knigge
Knigge ist ein volkstümlicher Mann. Sein Name ist verbunden| Buch ist ein Wegweiser zu einem innerlich glüdlichen und äußerlich den pädagogischen Bestrebungen in Kinderstuben, Salons, Straßen nüßlichen Leben bahnen, politischen Situationen. Erscheint irgendwo und irgendwie die Form des Umgangs mit Menschen gestört, richtet man einen Appell an den Namen und an das Hauptwert Knigges. Freilich: der täglische Sprachgebrauch verkennt die Bedeutung von Knigges Umgang mit Menschen" und hat den Sinn des Buches verschoben. Die Kraft eines überlieferten Irrtums bewährte sich kaum beffer. zeit: seine Werke spiegeln den geistigen Aufruhr dieser Epoche: ein Knigge( geb. 1752 bet Hannover ) ist ein Kind der AufklärungsDutzend breitſpuriger Romane sind, wie sein Hauptwert, nichts als der litarirische Niederschlag der Gedanken, die der Geisteserhaltung der litarirische Niederschlag der Gedanken, die der Geisteserhaltung des westlichen Europa ein neues Gesicht geben.
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Ein Bericht über das Leben Knigges würde sich in fortlaufenden Beschreibungen furzfristiger Aufenthalte und langfristiger Reisen erschöpfen. Als der 43jährige starb, hatte er sich noch nicht von den Schulden erholt, die ihm der Vater als unfreundliches Erbe hinter laffen hatte. Sein Leben war eine Wanderung durch die Städte, immer verfolgt von ökonomischer Ungunst, immer angegriffen von den wenig geordneten Triebfräften hemmungsloser Gedanken. den Plagen selbstverschuldeter Verfeindungen, immer gehegt von Immer wieder verbitterte der agitatorisch lärmende Ton, der dem sicherlich herzlichen Willen zum Menschenpriestertum eine schlechte Musit machte, nach kurzen Perioden harmonischer Gläubigkeit seine Umwelt. Den vielen Stationen seiner Wanderung hinterließ er stets nichts als Schulden und einen ewig ungünstigen Eindruck. Die Anwürfe des Schicksals trafen ihn bis zulegt. Als er sich durch eine feste Beamtenstelle in Bremen endlich der Sorgen, Enttäuschungen und Entbehrungen enthoben glaubte, wurde er frant und starb. ( Bremen 1796.)
Knigges ,, Umgang mit Menschen ist originell. Das Wert hat feine eigentlichen Vorläufer. Richteten sich die bisher üblichen Erziehungsbücher an die äußere Erziehung zur Höflichkeit, so wandte sich Knigge an die innere Gestaltung des Menschen. Das wandte sich Knigge an die innere Gestaltung des Menschen. Das
is admoins
Querschnitt durch eine arme Straße
Der Platz, an dem die Ackerstraße die Invalidenstraße treuzt,! heißt Pappelplatz, und ist fast täglich und allnächtlich der Schauplay politischer Schlägereien. Hier haben Not, Elend und Verzweif lung ihre Höchstgrenze erreicht! Hier geben sich verschämte Armut proletarisierten Mittelstandes und brüllende Hungersqual ausgemerzter Maschinenmenschen Stelldichein mit politischer Haßverzerrung beider Extreme! Hier brodelt es unter ungeöfneten Ventilen.
Nur am Wedding , in der Gegend der Wiesen- und Kösliner Straße, im Läufepart" an der Müllerstraße, auf der Schwindfuchtsbrücke", in der Umgebung des Blutigen Knochens" an der Fennstraße trifft man noch hoffnungslosere Abgeftumpftheit in den
Gesichtern!
Die Ackerstraße aber ist erfüllt von einer grauenerregenden 3wiespältigkeit: Hier trampfhaftes Bemühen, den bürgerlichen Habitus zu wahren, dort ein Sichgehenlaffen im Dred, im Unrat, hier zersorgte Frauen, die ihre färglichen Einkäufe aus der Martthalle heimtragen, dort grell verschminkte Leinenläuferinnen, die, besoffen aus den Destillen torfelnd, den hellen Tag mit ihren johlenden Singsang durchgrölen, hier junge, strebsame Mädchen und Männer, die mit ihrem kleinen Lohn ihre Familien erhalten und sich in Hochschulkursen bilden, dort gemeinstes Zuhältertum, lezte Liebesbereitschaft!! Auch diese Straße bietet äußerlich, wie alle Berliner Straßen, ein sauberes Bild, schöne, gefachelte Läden befinden sich hier in den Erdgeschossen zerbröckelnder Elendsbauten! Die Straße läßt nichts von Kinder- und Schwangerenprostitution ahnen, die hinter ihren Mauern vor sich gehen...
Nackter Mann zählt Geld.
Auf dem Pappelplatz befindet sich eine symbolische Steinplastik. Ein überlebensgroßer, nackter Jüngling zählt kniend mit der linken Hand in die geöffnete Fläche der rechten Hand Geldmünzen.
Hier, auf diesem Blaz, in dieser traurigen Zeit, wirkt die schöne Statue so unfagbar fehl am Blaze, daß man unwillkürlich erschauert. Die meisten Menschen, die den Pappelplatz bevölkern, haben sich an den Anblick gewöhnt. Und nur zu humorigen, beißend- ironischen Aussprüchen gibt die fniende Figur Anlaß.
Der nackte Mann mit dem herrlichen, muskulösen, fraftgeschwellten Körper, der hier Geld zählt, muß sich so manche Anzapfung gefallen lassen, denn gegenüber befinden sich ein Wettbüro, drei riefige Destillen, ein Tageskino, Roßschlächtereien, Männerheime und ein Kaffeepott" benanntes Lokal, in dem man für einen Groschen sich stärken kann!.
Der Steinerne mit der ,, dicken Marie", der blechende Aujuſt", ,, Aute mit die Pinfepinte", der masochistische Freier", der Gelb zähler kniet über den Streit und seinen Ausartungen. Immerfort zählt er Geld. Und die Menschen, die mit leeren, hoffnungslosen Augen an ihm vorbeiſtarren, haben meist nicht ein Stück Brot.
Hier gibt es einen harmlosen Jrren, der jeden Morgen vor der Arbeitssuche hier niederkniet, um ein Gebet zu verrichten. Aber da er das jeden Morgen tut, so ist anzunehmen, daß ihm der gute Geist des Geldzählers" noch nicht beigestanden hat. Tatsächlich ist der tiefere Sinn dieser Symbolik ja wohl der: ein Arbeitsmann zählt am Feierabend den Ertrag seiner Arbeit und kniet nieder, um Gott zu danken!
Derselbe harmlose Irre, dessen Taten ja, laut Psychoanalyse, lediglich eine übersteigerte Tätigkeit der Gedankenwelt der Normalen bedeutet, kniet des Abends, wenn wieder einmal alles erfolglos war, vor dem seltsamsten Grab nieder, das in Groß- Berlin aufzufinden ist, und spricht sein Abendgebet...
Das Grab unter dem Asphalt.
Dies Grabmal ist eingebaut in ein Haus der Ackerstraße am Koppenplay. In diesem Haus befindet sich eine Homöopathische Heilanstalt, direkt daneben ist das große Gebäude der Gasanſtalt. Hier liegen unter dem Bürgersteig die Gebeine eines Menschen begraben, den seine Mitbürger einst verehrt haben, es ist der Berliner Stadtamtmann Kopp, nach dem dieser Platz benannt ist, und der laut Inschrift in der 1855 gesetzten Tafel hinter den vier forinthischen Säulen seinen Mitbürgern diesen Platz zur Ruhe und Erholung vermachte und nur den Wunsch hatte, an dieser Stelle begraben zu sein. Jahrzehnte sind über diesen Plaß hinweggegangen und ganz zum Unterschied vom Pappelplatz bietet der Koppenplatz wirklich Ruhe und Erholung.
Vor diesem Grab auf offener Straße also verrichtet der Arbeitslose, dem die Not die Gedanken verwirrt hat, seine Abendandacht. Bielleicht möchte er sich hinlegen, um nie wieder aufzustehen. Viel leicht möchte auch er an diesem Plaz begraben sein...?
Schlächter und Kirche im Hause.
Ueber das Haus Ackerstraße 132 ist schon viel geschrieben worden. Unzählige Anekdoten über dies Menschenarsenal schwirren in den Proletariervierteln. Niemand, aber ist es bisher eingefallen, den Mayers- Hof", dies Haus mit den sechs Höfen auf jene Kontraste hin zu untersuchen, die für diese Gegend so charakteristisch und aufschlußreich find...
Der Mayers- Hof, eine Stadt für sich, die bis vor kurzem ihren eigenen Armenarzt gehabt hat, birgt hinter seinen graufig von jeglichem Stuck und Tünche entblößten Hoffronten so ziemlich alles, was lichem Stuck und Tünche entblößten Hoffronten so ziemlich alles, was eine Kleinstadt braucht.
Zwischen diesen einige Tausend zählenden Bewohnern des Hauses findet man zahlreiche Berufsgattungen, vom Hypnotiseur und Heilmagnetiseur bis zum Kohlenfeller, von der Hebamme bis zum Gemüseladen...
Ja, dies Haus hat eine eigene Kirche. Apostel- Gemeinde Johannis" steht an einem der unzähligen Aufgänge.
Wenige Schritte entfernt ein Schlächterladen, der vollkommen aus dem verwahrlosten, verkommenden Nahmen dieses Hauses, dieser Hausstadt, fällt. Ein freundliches, helles Geschäft.
Die Kirche in dem zerbröckelnden Seitenaufgang ist leer. Und der Fleischerladen ist leer. Für Glauben ist keine Zeit, für Fleisch fein Geld. Die, die Zeit im Ueberfluß haben, die Stempelbrüder, sind Verzweifelnde. Es sind darunter solche Resignierte, die seit Monaten die Hausstadt verlassen haben. Die, die Geld haben, bringen es in die Kneipen, um die Angst vor dem Morgen, vor dem Zuhause zu betäuben!
Die Kinder, die diese Höfe durchtollen, die hier mit lautem Gebrüll ,, Eisenbahnattentat" ,,, Mörberjagd“ und„ Bankraub" spielen... Wie werden sie sich entwickeln?!
Der Literaturhistoriker Wolfgang Menggel nannte vor 70 Jahren einmal Knigge einen adeligen Proletarier. Wie sehr Knigge einer wirklich proletarischen Geisteshaltung nahe tam, mögen einige Stellen seines Buches belegen. Er sagt in dem Kapitel über den Umgang mit den Großen dieser Erde:„ Die Mächtigen sehen sich häufiger als Wesen besserer Art an, von der Natur bestimmt, zu und ihren Neigungen zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß herrschen und zu regieren, die niederen Klaffen hingegen, ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen die meisten Großen diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen
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im Umgange mit ihnen gründen." Einen prachtvollen Beleg für sein Klaffenbewußtsein bietet folgende, sich oft wiederholende Stelle: Berleugne nie deinen Stand, deine Geburt und werde nie der Menschen Knecht." Noch zwei weitere Hinweise Knigges auf das Verhältnis der Klassen zueinander haben aktuelle Bedeutung:„ Es gibt keine unglückseligere Leichtgläubigkeit, als wenn man dem freundlichen Gesicht eines Großen traut und Hoffnungen darauf gründet, wenn der gnädige Herr uns anlächelt oder die Hand schüttelt." Man darf auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und Reichen nicht bauen. Man opfere ihnen also nichts auf. Sie fühlen den Wert davon nicht."
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Recht zeitgemäß wirkt ein Urteil Knigges über den Antijemitismus: Trotz aller fortgeschrittenen Entwicklung der neueren Zeit, troß der veränderten und politischen und bürgerlichen Stellung der Juden zum Staate und zur Gesellschaft, trotz der Bildung, die man bei ihnen findet, herrschen doch noch eine Menge von Vorurteilen gegen sie und den Verkehr mit ihnen, die nicht gerechtfertigt sind. Da ich nicht gesonnen bin, dergleichen zu befördern, kann ich die Juden nicht als eine besondere Klasse von Menschen aufstellen, und kann nur anheimgeben, sie wie andere Menschen zu betrachten." Diefe Worte des denkwürdigen Mannes find hundertvierzig Jahre alt. Hundertvierzig Jahre vermochten nicht, wie Ton und Tat der Straße beweisen, ihrem gesunden Sinn ein gesundes Ziel zu geben. Knigge war ein überaus vielseitiger Mann. Er war Komponist für Streichinftrumente, er trieb mathematische Studien, er mar Theaterkritiker und das Textbuch eines der bedeutendsten Werke der deutschen Opernliteratur ist heute noch seinem Namen verbunden: Mozarts Hochzeit des Figaro". Knigge übersetzte die Komödie des Franzosen Beaumarchais ins Deutsche und bearbeitete dann den Tegt für die Opernbühne. Er lebte in lebendigfter Beziehung zu seinen größten Zeitgenoffen. Wir besigen einen herzlich betonten Brief Schillers an ihn, wir finden ihn in dauernder Korrespondenz mit Lavater , Nikolai, Bürger und Klopstod, mit dem er in fröhlicher Gemeinschaft in Hamburg den Ausbruch der französischen Revolution feierte.
Troß vieler Mängel seines Charakters erfennt man in Knigge Seine wesentliche Umrisse des Typus eines guten Europäers. Gedanken begrüßten alle Völker der Erde, seine Vernunft forderte ein sittlich und politisch reformiertes Europa , seine Liebe galt den Armen und Bedrängten seines Baterlandes.
Vergiftung der Pflanzen durch Großstadtluft
Die Ausdünstungen der Großstadt, die einmal in großen Staubmassen verschiedener Art, worunter der Kohlenruß eine große Rolle spielt, und ferner in mancherlei Gasen bestehen, sind nicht nur für die menschliche Gesundheit schädlich, sondern auch für die Pflanzenwelt. In Ortschaften, die durch eine besonders lebhafte Fabrittätigteit ausgezeichnet sind, schwemmt der Regen ziemlich beträchtliche Mengen von mineralischen Salzen und teerigen Stoffen herab, unter denen sich auch Gäuren in verhältnismäßig großen Mengen zeigen. Der Regen in Städten, wo wenig Fabriken sind, ist viel reiner, aber Doch noch längst nicht so frei von derartigen Beimischungen wie ein Regen auf dem Lande. In diesen Unterschieden prägt sich deutlich die Beschaffenheit der Luft aus, da sie vom Regen gleichsam gewaschen wird. In einer wissenschaftlichen Vereinigung für Landwirtschaft in England sind Untersuchungen beschrieben worden, die sich auf die Behinderung des Pflanzenwudyses durch die Verunreinigungen der Großstadtluft beziehen. Die Studien bestanden teils in Versuchen mit der Bucht von Pflanzen in Töpfen, teils in Beobachtungen in Gärten und Parts. Es stellte sich heraus, daß die Wirkungen der Luftverunreinigungen von mannigfacher Art sind. Vor allem werden die Poren der Pflanzen dadurch verstopft, namentlich wenn sie in Bertiefungen liegen wie bei den Koniferen. Außerdem leidet aber auch die Zusammensetzung des Bodens. Die Folgen tönnen verschieden sein und bis zum völligen Absterben der Gemächse gehen. Auch die überlebenden werden zum mindesten schwer geschädigt, wenn die Verunreinigung der Luft einen erheblichen Grad erreicht. Besonders bemerkenswert ist noch die Ermittlung, daß der durch die Luft verunreinigte Regen sowohl den Entrag wie den Eiweiß: gehalt des Grafes herabsetzt, dagegen seinen Fasergehalt vermehrt, so Daß sein Wert als Futter sehr vermindert wird.
Geschlechtsumwandlung bei Wirbeltieren. Daß bei so hoch organisierten Tieren wie den Wirbeltieren eine völlige Umwandlung des Geschlechts möglich ist, muß als überraschende Tatsache angesehen werden; und doch ist schon seit längerer Zeit bekannt, daß bei manchen tropischen Zierfischen, zumal bei gewiffen Labyrinthfischen, die Weibchen sich in jedem Alter in Männchen verwandeln fönnen. Die neu entstandenen Männchen erlangen dann genau die gleiche Fortpflanzungsfähigkeit wie die übrigen Männchen und gleichen sich auch in allen sonstigen Gewohnheiten und Instinkten durchaus dem neuen Geschlechte an. Von besonderem Interesse ist es, daß bei dieser Geschlechtsumwandlung nicht selten auch eigenartige Zwischenformen vorkommen, bei denen die Umwandlung in das neue Geschlecht unvollständig bleibt, so daß dann Tiere entstehen, die gleichsam ein Mittelding zwischen den beiden Geschlechtern bilden.