Morgenausgabe
Nr. 463
A 233
48.Jahrgang
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Der Vorwärts" erscheint wochentäglich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgabe für Berlin und im Handel mit dem Titel Der Abend", Jllustrierte Sonntagsbeilage Bolt und Zeit".
Vorwärts
Berliner Bolksblatt
Sonnabend
3. Oftober 1931
Groß- Berlin 10 Pf.
Auswärts 15 Pf.
Die einspalt. Nonpareillezeile 80 Pt. Reflamezeile 5,- R. ,, Kleine Anzeigen" das fettgedruckte Wort 25 Bi. ( zulässig zwei fettgedruckte Worte), iedes weitere Wort 12 Pf. Rabatt It. Tarif. Stellengesuche das erste Wort 15 Pf. jebes weitere Wort 10 Pf. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Borte. Arbeitsmarkt Zeile 60 Pf. Familien. anzeigen Zeile 40 Pf. Anzeigenannahme im Hauptgeschäft Lindenstraße 3, wochen. täglich von 8 bis 17 Uhr. Der Berlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor!
Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Redaktion und Verlag: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Vorwärts Verlag G. m. b. H.
Fernspr.: Dönhoff( A 7) 292-297. Telegramm- Adr.: Sozialdemokrat Berlin .
An die Partei!
Es geht um große Dinge! Die tapitalistische Welt ist bis in ihre Grundfesten erschüttert, fie erzittert unter der weltweiten Auswirkung der englischen Währungskrise. Die bürgerlichen Begriffe von der Stabilität und der Ewigkeit des Kapitalismus stürzen zusammen.
Soll die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung den finnlosen fapitalistischen Experimenten geopfert werden oder soll die Welt zum Wohle der arbeitenden Menschheit umgebaut werden!
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Die kapitaliſtiſchen Mächte aller Länder kennen nur ein Ziel: mit Hilfe der aus der Krise geborenen Not die Macht der Arbeiterschaft zu brechen, damit die geschichtliche Stunde der Neugestaltung der Gesellschaft ungenuht vorübergehe. Im Bunde mit der Not die Arbeiterschaft zu verwirren, zu spalten, niederzudrücken das ist die letzte Hoffnung der Kapitaliften in Deutschland , in England, in der ganzen Welt! Genossen, Genoffinnen! Kampf dem internationalen Kapitalismus, dem deutschen Kapitalismus! Wir stellen unsere nächsten sozialistischen Kampfziele vor das ganze Bolf: Staatsherrschaft über die Banken!
Bolfsherrschaft über die Volkswirtschaft!
Wir fordern Bekenntnis und Treue zum Sozialismus. Wir fordern Treue zur Partei.
Wir fordern Disziplin vorm Feind Wir werben und fämpfen uns hemmt weder der Feind, noch die politische Selbstmordtaktik von politische Selbstmordtaktit von Abtrünnigen, deren Glaube die Feuerprobe nicht bestanden haf.
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Postscheckonto: Berlin 37 536.- Bankkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Lindenstr. 3. Dt. B. u. Disc.- Ges., Depositent., Jerusalemer Str. 65/66.
Politik und Bildung.
Zur Jubiläumstagung des Reichsausschusses für fozialistische Bildungsarbeit.
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Von Alexander Stein.
Heute tritt in Berlin die alljährlich stattfindende Reichskonferenz der Bezirksbildungsausschüsse der Partei zu einer Arbeitstagung zusammen. Diese Konferenz bildet den Auftakt zu der heute abend im ehemaligen Herrenhause stattfindenden Jubiläumsfeier des Reichsausschusses, die dem Thema Politik und Bildung" gewidmet ist. Den Abschluß bildet am Sonntag vormittag eine künstlerische Feierstunde in der Volksbühne, in der u. a. das Chorwerk von Heinz Tiessen Der Aufmarsch" zur Uraufführung gelangt. Zwischendurch finden am Sonnabend noch Be= sprechungen mit Vertretern ausländischer Parteibildungsorganisationen statt, die einen engeren Zusammenschluß der Die Arbeiter haben weder Zeit noch Luft für seftiererische sozialistischen Bildungsarbeit auf internationaler Grundlage Eigenbröteleien. zur Aufgabe haben.
In dieser Zeit, wo wir vor Entscheidungen und Aktionen von geschichtlicher Bedeutung stehen, wo wir mehr denn je einer eijernen Geschlossenheit und Entschlossenheit bedürfen, glaubten einige Verblendete, in der Sozialdemokratie eine Sonderorganisation für ihre eigenen Bestrebungen errichten zu tönnen.
Die Partei hat sie abgeschüttelt.
Wer seine Besserwisserei und Recht haberei höher stellt als die Notwendigkeit einer einigen Front der Arbeiter gegen den Kapitalismus, der ist nicht berufen, mit den Arbeitern zu kämpfen oder gar sie zu führen.
Genoffen, Genoffinnen!
Fort mit allen, die sich gegen unsere Einheit und Ge
Schutz der Arbeiter und der Krisenopfer vor Not, Hunger fchloffenheit erheben wollen, die uns schwächen wollen in der Stunde fonferenz der Bildungsausschüsse steht die Frage der Er
und Kälte!
Rieder mit der polifischen und der wirtschaftlichen Macht der Herrscher über die Schwerindustrie! Nieder mit der Macht der Finanzkapitalisten! Nieder mit der Macht der Großagrarier! Bahn frei für den wahren Willen des Boltes! Werbt alle für unsere Ziele. Tragt sie ins Bolt.
Reißt die Zögernden und die Jrrenden an uns heran. Gegen uns steht die verbündete Reaktion, stehen die Wirtschaftsverbände der Unternehmer. Sie wollen die Arbeiterschaft zurüd werfen in das Zeifaller des Frühfapitalismus. Gegen uns stehen die Söldlinge des kapitalismus mit dem Hakenkreuz, stehen die bolichewistischen Spalter und Verbrecher an der Arbeiterbewegung. Die Feinde berennen uns von allen Seiten. Stärkt unfere Macht!
Werbt für die Partei!
Ein Wille eine Partei
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- eine Macht!
noch die Miffion der Sozialdemokratie begriffen. der Not und Gefahr. Sie haben weder die Größe der Stunde
Fort mit allen Spaltern! Antwortet ihnen durch verstärkte Hingabe an den Werbefeldzug für die Partei, an die Mobilisierung der arbeifenden Maffen für den Sozialismus.
Wir sind eine Million Parteimitglieder, eine Million Werber. Ruft es millionenfach ins Bolt:
Es ist keine Feier im üblichen Sinne, die jetzt abgehalten wird. Die Zeiten sind zu ernst, um jetzt Feste zu feiern, möge ihr Anlaß noch so wichtig für die Arbeiterbewegung sein. Auch die jetzt in Berlin abgehaltene Tagung ist von Anfang bis zu Ende der praktischen Arbeit, dem großen Kampf der Arbeiterklasse gewidmet. Im Mittelpunkte der Reichswerbslosenschulung: die brennendste, dringendste Frage der Parteibildungsarbeit in der gegenwärtigen Notzeit. Gegenstand der Jubiläumstagung am Abend ist wiederum die Erörterung des Problems, wie die sozialistische Bildungsarbeit für den politischen Kampf der Arbeiterklasse nußbar gemacht werden kann. Berbunden mit einem Rückblick auf die Parteibildungsarbeit der letzten fünfundzwanzig Jahre bietet diese Aussprache Gelegenheit, nicht nur den gewaltigen Fortschritt der deutschen Arbeiterbewegung in dem letzten Jahrzehnt aufzuzeigen, sondern gleichzeitig auch Richtlinien für die praktische Gegenwartsarbeit und Ausblicke in die Zukunft zu geben.
Gebt der Sozialdemokratie Macht zur Ueberwindung des kapitalistischen Systems! Es sind genau 25 Jahre vergangen, seit auf dem MannVorwärts mit verdoppelter kraft! Jede Kampf- heimer Parteitag 1906 nach Referaten von Klara Zetkin anfage unserer Gegner, jeder Versuch, uns zu hemmen, ffärkt und Heinrich Schulz der Zentralbildungsausschuß der unsere Energie. Vor uns steht die weltgeschichtliche Aufgabe Partei gegründet und die programmatische Grundlage für der sozialistischen Neuordnung der Wirtschaft. die Parteibildungsarbeit geschaffen wurde. Die Leitung dieser Arbeit übernahm Heinrich Schulz , der heute als Kulturbundes auf ein Vierteljahrhundert fruchtbringender Die Arbeit, die in diesen Jahren, anschließend an die schon
Der Kapitalismus ist zum Fluch für die Menschen geworden! Borfiender des Reichsausschusses und des Sozialistischen Der Sozialismus wird der Menschheit zum Gegen werden! Tätigkeit im Dienſte der Arbeiterbildung zurückblicken kann.
Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands früher in der deutschen Arbeiterbewegung geleistete Bildungs
Die Resolution des Bezirksvorstandes wurde ein stim
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arbeit von tausenden Bildungsfunktionären in Stadt und Land vollbracht wurde, kann in Zahlen nicht ausgedrückt werden. Es ist aber, feine Uebertreibung, wenn wir sagen, daß diese intensive, planmäßig durchgeführte sozia
Berlin fein Boden für Spalter! mig angenommen; auf ausdrückliche Aufforderung meldete liftische Bildungsarbeit einer der wichtigsten Faktoren war,
Einmütiger Beschluß der Vorständefonferenz.
An die. 400 Berliner Abteilungsvorsitzende und Frauen leiterinnen waren gestern abend dem Rufe des Bezirksvor standes gefolgt, um zu den Spaltungsvorgängen Stellung zu nehmen. Sie hörten zunächst ein Referat des Genossen Franz Künstler, in dem die Vorgeschichte der Absplitte rung dokumentarisch und eingehend dargelegt wurde. Die Stimmung der überwältigenden Mehrheit der Versammelten fam schon während des Referats durch Beifallskundgebungen und Zwischenrufe eindeutig zum Ausdruck: so bedauerlich diese Vorkommnisse vom Standpunkt der gesamten Arbeiterbewegung auch sind, zumal in der gegenwärtigen kritischen Zeit, es kann den Parteinstanzen höchsten der Vorwurf gemacht werden, daß sie so lange der zersetzenden Tätigkeit der Sonderbündler zugesehen haben, ehe sie eingegriffen haben. Noch länger fie Glau
gewähren zu lassen und ihren Loyalitätsversicherungen Bau ben zu schenken, deren Unaufrichtigkeit inzwischen nachgewiesen worden ist, hätte sich nur zum Schaden der Partei ausgewirkt.
In der Diskussion bemühten sich einzelne Redner, die nur bei einem fleinen Teil der Versammlung Anflang fanden, die Absplitterung durch wachsende Mißftimmung über die Tolerierung des Kabinetts Brüning und durch ungenügende Bewegungsfreiheit für die Opposition zu erklären; aber auch diese Genossen rückten deutlich von dem Spaltungsschritt der Rosen feld und Seydewitz ab. Die Ausführungen anderer Redner, namentlich der Genossen Harnisch und Crispien, die das Vorgehen der Spalter vorbehaltlos verurteilten, fanden hingegen stürmischen Beifall.
sich nur ein einziger Genosse, um seine Stimmenthaltung be= fanntzugeben; fein einziger, auch nicht unter den bisherigen Freunden Seydewitz' und Rosenfelds, stimmte gegen deren Berurteilung.
Es kann nach dem Verlauf dieser Tagung kein 3meifel daran sein, daß die Berliner Mitgliedschaft unbedingt treu zur Partei steht: die Abteilungsvorsitzenden, von den Mitgliedern alljährlich gewählt, widerspiegeln die Stimmung der Masse der Organisierten, die bekanntlich in Berlin der Parteitaktik vielfach fritisch gegenüberstehen. Wenn die Sonderbündler daraus schließen zu fönnen glaubten, daß sie in Berlin Anklang finden würden, haben sie sich gründlich getäuscht: an die Einheit der Partei, an das Werk von Nürnberg lassen die Berliner Parteigenoffen nicht rütteln!
Die deutsch - französische Zusammenarbeit Tarnow und Eggert vom ADGB. werden in den Ausschuß berufen.
Die Regierung hat befchloffen, 6 Arbeitnehmervertreter in den Ausschuß für die deutsch - franzöfifche Zusammenarbeit zu berufen. Die 6 Delegierten der Arbeitnehmerschaft sollen Mitglieder des Plenums sein, das sich vermutlich aufteilen wird in eine Reihe einzelner Arbeitskommiffionen, zu deren Arbeiten wiederum Sachverständige hinzugezogen werden. Bon den 6 Bertretern der Arbeit nehmerschaft hat der ADGB . 2 zu benennen. Einem Vorschlag des Bundesvorstandes folgend werden willi Eggert und Friz Tarnow dazu bestimmt.
die der deutschen Arbeiterbewegung nicht nur zur starken inneren Geschlossenheit, sondern auch zur geistigen Führung in der Internationale verhalfen..
Krieg und Nachkriegswirren sind über diese aufbauende Arbeit hinweggebraust, ohne ihre Fundamente erschüttern zu fönnen. Im Gegenteil: je stärker die Widerstände waren, die man überwinden mußte, je größer die Opfer, die Krieg und Inflation, Spaltung und politische Berrohung der schöpferischen geistigen Arbeit auferlegten, desto intensiver wurde der Wille, der kämpfenden Arbeiterklasse jenes geistige Rüstzeug zu liefern, dessen sie im übermenschlichen Ringen mit einer Welt von Feineden bedurfte. Hier galt es in erster Linie, nicht nur das geistige Erbe der Vergangenheit, die Lehren von Marg und Engels zu verwalten, sondern dieses geistige But sinngemäß anzuwenden, um die Probleme der Gegenwart meistern zu können. Es galt, neben der Festi
gung der sozialistischen Erkenntnis den Blick zu schärfen für die großen Wandlungen in Politik und Wirtschaft, die sich in rasendem Tempo vor unseren Augen abspielen. Das Ziel blieb dasselbe wie in den Jahren ruhigeren Wachstumes vor dem Kriege: Ausrüstung für Die Gegenwart, Aufrüstung für die Zukunft! Bloß die Formen und Methoden wandelten sich in der Nachfriegszeit, entsprechend den Wandlungen, die Staat, Wirtschaft und Arbeiterbewegung in diesen Jahren durchgemacht haben.
Um den neuen Aufgaben gerecht zu werden, mußte die Arbeiterbildung, unter sorgfältiger Konzentration auf das praktisch Notwendige und Durchführbare, politische Wirklich