Nr. 23949. Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Das Sackwunder in Pichelswerder
Auf der Heerstraße, zwischen Reichskanzlerplatz und Spandau , spannt sich eine gewaltige Brücke auf hohem Damm in die Havelinsel Pichelswerder, wo es unter dem alten Urwald sputt. Ueberall springen muntere halbnackte Jungens und Mädels auf dem grünen Waldboden der alten Fischergegend, und in der Mitte der Insel tanzen die Havelgeister um einen alten Runenstein, den niemand finden fann. Schutzpatron der Insel und oberster Herenmeister ist der„ eiserne Karl", das ist ein blauer 77jähriger Heiliger mit einem weißen Schnurrbart, der gegenüber den Charlottenburger Wasserwerken und der toten Span dauer Geschützfabrik ein Bootshaus betreibt der hat einen 38 Meter tiefen Brunnen in die Insel gegraben, nur 2 Meter weniger als die Wasserwerke, und fennt sich unter den alten Bootsmannsfagen aus.
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Auch auf der anderen Seite dieser Inselwelt, nach der Schildhorner Bucht zu, wo die traurigen Reste der Esbu- und CobuMargarinefabrik, vordem eine Brauerei und heute stillgelegt, im Winde hängen, spuft es noch gewaltig. Kaum eine hundertjährige Eiche, die nicht ihren Zettel Paddelboot zu verkaufen" auf der trotzigen Borke trägt, und auch zu seiten der feudalen Segelschiffhäfen und Bootsvillen gehen heute die Waldgespenster um. Mit den hohen Preisen ist es nämlich dieses Jahr Essig, auch„ Stößensee in Flammen" hat dieses Jahr ausgezischt und buntes Leben steckt heute nur unter den blühenden Bäumen in den alten Volkstaffeegärten oder wo es sonst urwüchsig ist. Ein billiges Konditoreischiff mit Groschenbrause, das unter den Badenden anlegt, ein Mädel im blauen Badeanzug mit einem Stand von Gurken, und Nidelmänner, die Drops und den„ kalten Kuß ein Hochgenuß" unter die Zeltstadt tragen, das sind heute die richtigen Melodien im Berliner Ausflugsverkehr.
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verlaufener Theolog, der wegen Mangel an Pinke und Befür wortung nicht Zupperndent" werden konnte, aber als preußischer General- Lotterie- Direktor doch noch ganz gut auf des Lebens Rutsch bahn heraufkam und dereinst als Bornemänneken" dem vor dem forsischen Ungewitter geflohenen„ König Infinitiv" geheime Papiere nach Memel bringen mußte, später auch für die Majestät einen
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Bootstande
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Dienstag, 24. Mai 1932
Seeausrüstungsgegenständen. Weiter sind hier die Betriebsstoff= behälter untergebracht.
Die ersten Flugversuche des Luftriesen auf dem Bodensee vor etwa 2% Jahren erregten gewaltiges Aufsehen. Für die große Reise, die das Flugzeug über Portugal und die Azoren nach Südamerika und Nordamerika und dann wieder nach Europa zurückführen sollte, war es Anfang 1931 startbereit. Die Fahrt selbst aber war nicht immer vom Glück begünstigt. Schon in Lissabon gab es einen Unglücksfall, die Fahrt nach den 23 oren vollzog sich unter ernsten Schwierigkeiten, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika richtete ein Brand großen Schaden an. Mit Mut und Zähigkeit hat die Besatzung unter ihrem Führer Christiansen alle Widrigkeiten über
wunden.
Die Flugroute von der englischen Südküste dürfte voraussicht. lich an der deutschen Nordseeküste entlang bis Hamburg führen, von wo aus dann Do. X, dem Laufe der Elbe und Havel folgend, Berlin erreichen will.
Die Absperrungsmaßnahmen der Polizei. leber die Absperrungsmaßnahmen der Polizei auf dem Müggelsee erfahren wir noch folgende Einzelheiten:
Der gesamte südliche Teil des Sees, der für die Landung vorgesehen ist, ist bereits gestern durch eine Markierungslinie gekennzeichnet worden. Vom Restaurant Müggelschlößchen geht die Absperrungslinie quer über den See. In großen Abständen sind drei weißgestrichene hohe Pyramidenburgen errichtet und im Wasser verankert worden. Das abgesperrte Seegebiet ist so groß, daß eine gefahrloje Landung des Lufiriesen gewährleistet ist. Wie die Polizei mitteilt, gilt der Teil des Sees für sämtliche Fahrzeuge von dem Augenblick an gesperrt, in dem die Boote der Wasserpolizei innerhalb der Markierungslinie erscheinen.
Do. X heute gegen 16 Uhr in Berlin . Tas Flugzeug Do. X traf am Montag gegen 19.15 Uhr in Southampton ein, wird heute seine Reise fortseken und gegen 16 Uhr über Berlin eintreffen.
An einem lehrte im Kreiſe von Zelter, dem früheren Maurer und angesehenen Neuer Millionenbetrug entdeckt?
Einstmals waren die Preiswunder von Pichelswerder freilich noch größer die längst verklungene Anekdote von dem ,, Sad= wunder" ist sogar literaturfähig geworden. Bevor die großen Brücken über die Havel gebaut wurden, führten nämlich nur ,, lebersetzer" auf das fast unbewohnte Eiland und außerdem gab es noch einen hölzernen Flußübergang, der an einer Stelle, dem sogenannten Sad", eine breite Lücke aufmies. schönen Maitage Anno 1807 nun, als die Franzosen in Berlin und nicht zum wenigsten auch auf der Festung Spandau waren und allerlei unkontrollierbare Abenteuer der Geschichte umliefen, füllte sich dieser„ Sack" urplöglich mit Erdreich, was als ein großes Mirakulum und schreckliches Vorzeichen bestaunt wurde. Tausende neugierige und wundergläubige Hauptstädter und Spandauer 30gen hinaus und sperrten, wenn sie das Teufelswerk sahen, Mund und Nase auf, ja, geheimnisvolle Gerüchte, daß unter dem Wasser ein unterirdisches Feuer brenne, oder daß ein geheimnisvoller Schiffer den Sad umgestülpt habe, wurden geglaubt und führten sogar zu Der gelehrten Auseinandersetzungen und vielen Weissagungen. Pichelsdorfsche Krüger hingegen, gegenüber der Havel , wählte den besseren Teil des Wunders, das Geschäft, erhöhte die Flasche Bier auf 4 Groschen und machte sich an den Schaulustigen ,, gesund".
Diese wenig bekannte Wundermär hat ein damals in Berlin lebender plattdeutscher Volkspoet, Wilhelm Bornemann , aus Gardelegen 1766 gebürtig, und Vorläufer der klassischen plattdeut schen Muse, launisch beschrieben. Der fröhliche Chronist war ein
Das alte Havelufer bei Pichelsdorf. großen Pump bei den Londoner Rothschildts aufnahm. Er verGoethe- Freund an der Singakademie, auch turnte er mit, als ,, Turnpater" Jahn 1811 seinen ersten Turnplay" in der Hasenheide anlegte, der später, 1816, als der Korse nicht mehr zu fürchten war, mitsamt den leinenen Anzügen der Turner als höchst staatsgefähr lich verboten wurde. Bornemänneken bedichtete das Pichelswerdersche Sadwunder" u. a. folgendermaßen:
Dor hätt de Insel Geld mitbracht, De Pichelsdörpsche Kröger lacht Recht fobboldmäßig in de Fuust, Dät he oft wy sön Koater pruuſt.
Beer Groschen gult de Bulle Beer! Un doch, wenn äm de Hoavel meer To Hand nich mest mit gooden Roath, Berdörst' weer alles oahne Gnoad.
2005ieraus erkennt man, daß der Berliner schon vordem in Zweifelsfällen auf Frühlingsausflügen mehr an Nepp und Pansch und das von Rechts wegen! als an Wunder glaubte
Die Heimkehr des Do. X.
Eintreffen in Berlin heute unwahrscheinlich.
Auf dem Müggelsee sind gestern durch die zuständigen Be-| flüglige Luftschraube an. Je zwei Motoren sind jeweils in einer hörden, vor allem die Wasser polizei, und die Berliner Bertretung der Dornier- Metallbauten G. m. b. H. alle Vorbereitungen für den Empfang des Do. X getroffen. Entgegen anderslautenden Meldungen wird aber das Flugschiff auf keinen Fall schon heute Vormittag auf dem Müggelsee ankommen. Die endgültige Entscheidung über den Zeitpunkt der Ankunft wird erst nach Rücksprache in Calshot in England, dem Flughafen bei Southampton , getroffen werden.
Nach einer Reise, die länger als ein Jahr dauerte," kehrt der Do. X nach Deutschland zurück. Es wird von Interesse sein, sich einige Zahlen über Ausmaße und Kräfte des Fahrzeugs ins Gedächtnis zu rufen. Do. X besitzt eine Motorenanlage von 12 lufteiner gefühlten Jupiter- Siemens Motoren mit Leistungskraft von rund 6300 PS. Jeder Motor hat 9 sternförmig angeordnete Zylinder, ist 2 zu 1 untersetzt und treibt eine vier
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Gondel zusammengefaßt, die Gondeln selbst sind mit dem Hauptfragded durch einen Steigschacht verbunden. Weiterhin besteht der größeren Sicherheit megen zwischen sämtlichen Motorengondeln untereinander eine Verbindung durch einen Hilfsflügel von 30 Quadratmeter Fläche. Der Bootsrumpf faßt 420 Rubikmeter. Besonders große Anforderungen an den Konstrukteur stellte technisch das 490 Quadratmeter Flächeninhalt befizende Haupttragdeck. Unterhalb des Oberdecks befindet sich in ungefähr mittlerer Höhe des Rumpfes das 25 meter lange Hauptdeck zur Aufnahme von Passagieren oder Fracht. Bei einer Mindest nutzlast von 10 Tonnen können auch bei längeren Flügen 100 Passagiere bequem unter gebracht werden. Jeder Fluggast fann sogar noch bis zu 25 Kilogramm Gepäck mitnehmen. Das Unterdeck dient zur Aufbewahrung von Gepäck, Vorräten, Ersatzteilen, Werkzeugen und
Anschuldigungen gegen eine Krankenversicherungs- A.- G.
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Auf Grund einer Anzeige, die beim Betrugsdezernat der Berliner Kriminalpolizei eingegangen ist, sind gestern mittag der Generaldirektor der Vereinigten Krankenversicherungs A. G. vormals Gedevag, Kosmos und Selbsthilfe, Dr. Julius Apelbaum, aus der Kaiserallee, und der Bankier Heinz Borchardt, Mitinhaber einer Bankfirma in der Mittelstraße, vorläufig festgenommen und zur Vernehmung ins Polizeipräsidium gebracht worden. Die gegen sie erstattete Anzeige enthält die schwere Beschuldigung, daß sie Untreue zum Schaden der Versicherten begangen haben, und zwar, sollen sich die Betrügereien auf mehrere Millionen Mark erstreden.
Der Bankier Borchardt gehörte bis zum Jahre 1930 als Aktionär und Aufsichtsrat der Gedevag an, die später mit der Vereinigten. Krankenversicherungs A.-G. fufioniert wurde. U. a. wird ihm zum Vorwurf gemacht, daß er die Gedevag und andere Versicherungsgesellschaften gegründet habe, ohne die Mindest einzahlung von 25 Proz. des Aktienkapitals vorzunehmen. Die Hauptoorwürfe gehen dahin, daß den Versicherten, die während des Jahres die Ver= sicherung nicht in Anspruch genommen hatten, nicht, wie es statutenmäßig geschehen sollte, bis zu 80 Proz. Prämie als Rückvergütung ausgezahlt worden sein soll. Dr. Borchardt, der jegt dem Bankhaus Hansmann& v. Zimmermann in der Mittelstraße als Teilhaber angehört, soll zusammen mit Generaldirektor Apelbaum durch verschiedene geschäftliche Manipulationen die tatsächlichen Reingewinne in der Bilanz, viel niedriger angegeben haben, um auf diese Weise die Rückvergütung an die Versicherten zu verringern und die Gelder in zweckwidriger Weise verwenden zu können. Man wirst ihm vor, daß er in etwa vier Jahren über 3 Millionen Mark aus der Gedevag beiseitegebracht habe.
Von der Vereinigten Krankenversicherungs A.-G. wird dem gegenüber erklärt, daß die Beschuldigungen auf die Anzeige von zwei entlassenen Angestellten der Bankfirma Borchardt zurückzuführen seien und einen Rache akt darstellten. Die Vernehmung der beiden Beschuldigten hat bisher angesichts des umfangreichen und schwierigen Komplexes der Beschuldigungen noch zu keinen positiven Feststellungen in irgendeiner Richtung geführt, so daß das Ergebnis der weiteren Ermittlungen abgewartet werden muß.
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