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Rr. 249 49. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Sonntag, 29. Mai 1932

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LEHNERT

BERLIN  

IN

ZWEI STUNDEN

So schmer die Zeiten in aller Welt sind, etwa 100 000 Fremde kommen dennoch jeden Monat in die Hauptstadt der deutschen Republik. Was sie dabei jeweils von Berlin   sehen, hängt neben anderem vor allem davon ab, wieviel Zeit sie mitbringen. Zum anderen: wessen Obhut sich die Fremden anvertrauen. Das ist nicht minder wichtig. So kamen im vorigen Jahr zwei kleine Kontoristinnen aus Sachsen   während ihres Urlaubs nach Berlin  . Sie wohnten bei Verwandten in Neukölln, und obwohl die beiden vierzehn Tage Zeit hatten, kamen sie kaum über den Hermannplatz hinaus. Ein anderes Beispiel: Zu Pfingsten waren rund 400 Arbeitersänger aus Amsterdam   in Berlin  . Leider nur einen einzigen Tag lang, und wenn sie etwas sehen wollten, mußten sie sich beeilen. Um die Eile war allerdings meniger Sorge; denn die Amsterdamer hatten ihre Automobile. Es kam nur darauf an, rohin die Automobile fuhren. Und sie fuhren am Vormittag: Stettiner Bahnhof Reichstag   Tiergarten   Schloß Charlottenburg   Messegelände. Da sagten die Amsterdamer: Wir fahren wohl sehr weite Strecken, aber außer hin und wieder einen Steinbaukasten sehen wir ja gar nichts von Berlin  . Wo sind denn eigentlich die Berliner  ?" fragten die Holländer. Ja, wo sollen die am zweiten Pfingstfeiertag sein, draußen! Flugs klettern etwa zwanzig Mann auf die Bahn, und hinaus ging's zum Strandbad Wannsee  . Die Holländer waren begeistert, nun hatten sie trotz Pfingsten wenigstens einen Zipfel Berliner   Lebens erwischt.

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Potemkinsche Dörfer.

Bon nicht minderer Bedeutung wie die Fahrtroute bei einer eiligen Besichtigung ist der Erklärer. Es ist nicht wesentlich und feiner Messe wert, woher die Erklärer famen, die den Amster­damern Berlin   schildern sollten. Man mußte während der ganzen Fahrt nur immer an einen Aufsatz eines Berliner   Blattes denken, der eine Aufnahmeprüfung zur Reichswehr   schilderte. Bekanntlich melden sich jährlich weit über 100 000 junge Männer zur Reichs­mehr, von denen aber nur 8000 angenommen werden können. Wer überhaupt in die engere Wahl kommt, wird auch in Geschichte ge­prüft. Eine Frage lautet: Wer war Friedrich der Große  ? Da steht ein biederer Bauernbursch auf und antwortet: ein Italiener! So ungefähr wurde den Holländern Berlin   erklärt. Es war zum auf die Bäume klettern! Der Erklärer vom Wagen Nr. 11 zum Beispiel sagte: Berlin   ist eine sehr große Stadt mit 5 Millionen Einwohnern." Daß Berlin   größer ist als Amsterdam  , sahen die Holländer selbst und brachten ihr Erstaunen darüber auch lebhaft zum Ausdruck. Aber mit den 5 Millionen Einwohnern sind sie schmählich angelogen worden. Berlin   das ganze Groß- Berlin hat niemals 5 Millionen Einwohner gehabt; es waren mal an 4,5 Millionen. Diese richtige Zahl vorausgesetzt, hätte ein Gaz des Erklärers genügt, etwa so: Durch die Krise sinkt die Ein­wohnerzahl von Berlin  . Sie beträgt jetzt nur noch 4 200 000. Der Rückstrom aufs Land ist in vollem Gange; auf dem Lande wütet die Krise nicht so start wie in den großen Städten." Dann hätten sich die Ausländer ein Bild machen können, aber wenn die Erklärer selber Berlin   nicht kennen, können sie natürlich anderen auch nichts über die Stadt erzählen.

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Nun waren die Amsterdamer   Sänger fast alle Mitglieder der niederländischen Sozialdemokratie, und nichts war natürlicher, als daß sie den Erklärer fragten: Wo wohnen die Arbeiter in Berlin  ?" Da sagt dieser Mann: Am Schlesischen Bahnhof!" Wenn vielleicht wieder einmal die Immertreu- Leute eine Schlacht am Schlesischen Bahnhof liefern und die Auslandspresse berichtet darüber, werden unsere Amsterdamer sagen: Aha, das kennen wir, da wohnen die Arbeiter." Dann erzählte der Mann weiter, reihte ein paar Daten aus der Hohenzollerngeschichte aneinander was die wohl die Amsterdamer interessiert haben mögen und dann wuchs der Erklärer zum Propheten: Berlin   ist aus Neukölln entstanden. Früher war hier alles Sumpf, der Spreewald reichte bis Berlin  , daß Berlin   überhaupt in Schmung fam, verdankt es der Tatkraft des Großen Kurfürsten." So sieht er aus. Ja, was soll man dazu noch jagen: Berlin   wäre aus Neukölln entstanden! Dann hätte man ebenso gut am Liegensee aufstehen und sagen können: ,, Das ist der Liezensee. Hier stand einst das Luftschloß Nebukadnezars, des ersten Königs von Preußen. Heute wohnt dort die Oberpoft

direktion."

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besteigen. Eine Fahrt dauert, zwei Stunden. Vor nicht allzu langer Zeit waren diese Rundfahrten kaum etwas anderes als die Pilgerfahrten zu den übrig gebliebenen Stätten der Monarchie. Wiederholt hat dagegen die republikanische Presse Stellung ge­nommen. Jetzt haben die Rundfahrtgesellschaften gewissermaßen ein Kompromiß geschlossen: der Fremde sieht auch das neue Berlin  , wenn auch die Erinnerung an die monarchistischen Baulichkeiten immer noch stark betont bleibt. Damit sich jeder selbst ein Bild machen tann, sei hier die Fahrtroute ungefähr wiedergegeben: Unter den Linden  , Schloß, Dom und alles, was dazu gehört mie Zeughaus, Kronprinzenpalais  , Reiterdenkmal Friedrichs II.; ein Abstecher zur Museumsinsel, dann hinüber zum Bankenviertel. Dabei geht es natürlich Hohenzollern   hin, Hohenzollern   her, aber man ist immer­hin objektiv, etwa so: Hier sehen Sie den ehemals Kgl. Marstall, heute befindet sich hier die Berliner   Stadtbibliothek." Es kommt nur darauf an, wie der Erklärer das alles sagt. Ob er es be= dauert, daß im ehemaligen Marstall jetzt die Berliner   Erwerbs= lofen fizen und die Stadt Berlin   ihnen beste Lektüre zur Verfügung stellt oder ob er schon von sich aus bejahend auf die Errungenschaften des Volksstaates hinweist. Hier macht der Ton wirklich die Musik. Ueber die Erklärer noch weiter unten ein Wort.

Bom Bantenpiertel geht's am Gendarmenmarkt mit dem Staatstheater, Deutschen   und Französischen Dom porbei nach Alt Berlin  . Wenn die Fremden auf den Krögel hingewiesen werden, ruft zum ersten Male der ganze Wagen Ah", dann geht's über die Fischerbrücke, von der aus man den weiten Blick über die male­rischen alten Häuser an der Spree hat, zur Barochialkirche. Hier wird ein wenig halt gemacht, bis der Glockenschlag heran ist, und die Fremden freuen sich, wenn die Glocken ihr ewiges Spiel be­ginnen: Ueb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab." Am besten Bescheid über die Haltepunkte der Rundfahrt wissen übrigens

Dem Meere abgerungen.

Zuidersee geschlossen. Jetzt 3iffelmeer.

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Amsterdam  , 28. Mai.

Die Zuidersee hat am Sonnabend mittag um 12,42 Uhr aufgehört zu bestehen. Zu diesem Zeitpunkt war der 29,6 km lange Absperrdamm geschlossen. Der holländische Verkehrsminister und mehrere andere Ver­jönlichkeiten würdigten in Ansprachen an Ort und Stelle die Bedeutung dieses geschichtlichen Augenblicks.

Um die Mittagszeit versammelten sich an der Abschlußstelle die Aber Spaß beiseite: jeder Tarichauffeur wird erst, ehe er Fahr- Behördenvertreter, die Direktoren der Zuidersee- Werke, zahlreiche gäfte befördern darf, auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch die Pressevertreter usw. Auch aus Belgien   war ein Dampfer mit Be­fleinsten Straßen und Pläge von Berlin   fennt. Eine Instanz hördenvertretern eingetroffen. Noch arbeiteten die mächtigen Greifer, der Magistrat, die Polizei oder sonst wer- sollte das auch mit den die aus den Frachtkähnen Gestein holten, um den Damm aufzufüllen. Erklärern machen. Nur wer ein Patent hat, daß er Berlin   wirklich fennt und auch auf Fragen Auskunft geben kann, darf auf die Fremden losgelassen werden.

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Nun besteht für den Fremden die Möglichkeit, an verschiedenen Plägen der Innenstadt eins der großen Rundfahrtautos zu

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die Berliner   Bettelmänner. Nun geht's ein wenig in die Kreuz und Quer: Reichsehrenmal für die gefallenen deutschen   Soldaten, Brandenburger Tor   hier wieder halt zum Photogra phieren und dann in die Wilhelmstraße. Wer von den Fremden nach einer Fünfminutenfahrt durchs Berliner   Diplomatenviertel zu behalten vermag, mer da und dort wohnt, kann darüber ja in Birmingham   oder Rotterdam   berichten. Jetzt folgt ein bißchen Potsdamer Plaz, der Tiergarten, Schloß Bellevue  , die Selten, Großer Stern, Knie, 300 und Kurfürstendamm  . Und sehr interessant: am Kurfürstendamm   sezt erstmalig das große Fragen der Fremden ein( zum Erklärer gewandt): ,, Mit welchem Autobus kommen wir zum Kurfürstendamm  ?" Diese Straße muß ihnen doch Spaß machen.

" Bitte langsam fahren!"

Weiter geht's: Tauenzienstraße, Wittenberg  - und Nollendorff­platz, hinauf zum Kreuzberg  , Mietfasernen, barfüßige Kinder, und plötzlich ruft wieder der ganze Wagen: ,, Oh, very interesting!" Und was erregt das Staunen der Fremden? Neu- Tempelhof  , die Reihenhäuser, der Kinderspielplatz; der Fahrer wird gebeten, langsam zu fahren. Dann geht's hinüber zum Flug­hafen, hier werden 15 Minuten Pause eingelegt zur Besichtigung des Flughafens. Man überlegt: Wohin wird der schwere Wagen jezt fahren, einfach durch die Friedrichstraße zurück zum Linden­Eck oder wohin sonst? Schließlich wird wieder eingestiegen, und in sausender Fahrt geht es nach Neukölln. ,, Meine Herrschaften, Sie fahren jezt durch Neukölln, einem Vorort, in dem die Arbeiter wohnen." Rechts liegt das Neuköllner   Barrikadenviertel, der Wagen biegt in die Hermannstraße ein, hinunter zum Herrmann platz mit seinem flutenden Leben um die Feierabendstunde: melch finnfälliger Kontrast für die Fremden, die eben noch am Kurfürsten­ damm   waren. Dann Hasenheide, Blücherstraße, stop, Bossener Straße, stop, über den Landwehrkanal, wo mag der Fahrer hin mollen, hinein in die Alte Jakobstraße, und der Erklärer ruft: ,, Hier sehen Sie den Neubau des Deutschen Metallarbeiter. verbandes." Ein Teil der Freiden hat nicht recht verstanden, sie sehen aber das Haus und fragen:" What building is that?" ,, Der Deutsche Metallarbeiterverband." Und wieder: ,, Oh, very interesting!" Mittlerweile sind die zwei Stunden um.

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Erflärer aus aller Welt...

Wenn die Fremden auftauten, war es immer etwas Neues, mas es zu sehen gab. In der Siegesallee   sagten sie feinen Ton; in der Wilhelmstraße merkten sie bei Hindenburg   und bei Brüning auf, aber das Reichsfinanz vom Reichsverkehrsministerium unter­scheiden zu können, danach stand nicht ihr Ehrgeiz. Am Schloß machten ihnen die Maschinengewehreinschläge aus den Revolutions tagen Spaß, aber nicht das Fenster, hinter dem Wilhelm schlief. Und zum anderen: was sollen denn auch Londoner   zu diesem Dom sagen mit seiner Zuckerbäderarchitektur, Menschen, in deren Heimat die Westminster- Abtei steht und der Tower dazu. Wobei Berlin  insoweit entschuldigt sei, als London   schon längst steinreiche Hanse­stadt mit seinem Stahlhof war, während über Berlin   noch die Raben frächzten. Und wenn Straßburg   und Freiburg  , Ulm   und Köln   ihre Münster   haben, dann schien auf diese Städte eben der Segen des katholischen Klerus in beiderlei Gestalt, der himmlische wie der irdische, und Berlin  , das mögen die Ratsherren von Mainz  und Konstanz nicht einmal dem Namen nach gekannt haben. Aber es ist und bleibt dennoch peinlich, wenn immer diese Siegesallee hergezeigt wird. Und die Erklärer geben ihr gerütteit Maß Byzan­tinismus dazu, verstehen nicht das Neue lebendig zu machen, und wie haben die Fremden nur in Neu- Tempelhof   die Hälse gereckt! Auf der ganzen Fahrt durch Neukölln sagte der Erklärer nur den einen Saz: ,, Sie fahren jetzt durch Neukölln, einem Vorort, in dem die Arbeiter wohnen." Das ist wahrhaftig etwas dürftig, trozdem auf einer zweistündigen Fahrt genug Zeit und Gelegenheit da ist, menigstens ein paar Daten zur Soziologie Berlins   zu geben.

Aber Erklärer sind seltsame Leute: der Mann, der im Kaiser= saal des Frankfurter Römer   steht, ist derselbe mie jener, der die Fremden durch die Keller des Heidelberger   Schlosses führt, und die Rundfahrtonfels von Berlin   geben ihren Kollegen in aller Welt nichts nach.

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