Waldbrand
(Schluß.) Die junge Dame, die Haiti e über die Treppe hinunter gefolgt war, hörte, zu, als sie die Nachricht an die Männer weitergab! ihre weißen Hände zuckten nervös. Der junge Mann zupfte an feinem dünnen Schnurrbärtchen. Beide schauten voll Unbehagen auf die winzigen Aschenslöckchen, die wie Staub überall herumflogen. Es waren ganz leichte Flöckchen: nicht mehr als ein Strich Ruß, wenn man sie zwischen Daumen und einem Finger zerrieb. Jetzt kamen auch noch andere Leute in das Zimmer: der Bank- beamte, der Postmeister, der Aufseher der Garage, der Doktor, die Wochenendgäste, die pfeifend mit den Händen in der Tasche vor der Tür gestanden hatten. Sie alle blickten auf Hattie. „Ihr müßt dem Feuer den Weg abschneiden", sagte sie. „Hoffentlich bleibt uns Zeit dazu", meinte der Bankbeamte und räuspert« sich.„Kommt! Macht los, Kameraden! Wir wollen es ver- suchen. Auf Carlssons Hof scheint alles in Ordnung zu fein. Aber Peterfon ist in der Stadt, und feine Frau ist ganz allein, just die mit ihren vier Küken. Wo ist denn der Stiegler, der Kerl? Es soll ihn jemand aufwecken gehen." Hattie donnerte gegen Stieglers Tür, bis er ihr Antwort gab. Sie beorderte ihn und feine zwei Freunde die Trepp« hinunter zu den andern. Alvin schrie nach Hattie. Er fand seinen Rock und die Art nicht. Hattie lief hinter dem jungen Fremden her, der sich widerstrebend mit den andern auf den Weg gemacht hatte.„Geben Sie mir die Schlüssel zu Ihrem Auto", rief sie hinter ihm her. „So, und Sie bleiben jetzt bei mir, kommen Sie in die Küche". sagte Hattie zu der jungen Dame. Sie gingen zusammen in die Küche. Zum Teil mutzten sie ihren Weg ertasten, weil der Rauch ganz dick geworden war. Er ver- finsterte nicht nur das Sonnenlicht, sondern er brachte auch ihr« Augen zum Tränen, daß sie nichts sehen konnten. Hattie wunderte sich durchaus nicht, daß das junge Mädchen ängstlich und rotlos war. Ab und zu vernahmen sie— es schien aus ziemlicher Eni- fernung zu kommen—, zischendes Heulen, röchelndes Prasseln und das Krachen von Bäumen. „Ich glaube, es würde ganz gut sein, die Kartoffeln für das Mittagessen herauszuholen", meinte Hattie und tappte blindlings in dem Schrank herum, in dem sie ihre Lebensmitteloorröte aufbewahrte. Es schien ihr, als hätte sie das Mädchen einmal leise auf, schluchzen gehört, aber sie war sich dessen nicht sicher. Hattie begann an olle die andern Katastrophen zu denken, die sich zugetragen hatten: Eisstürme, Orkane, die das Dach abdeckten, Wolkenbrüche, die die Tapeten an den Wänden verdarben, man mußte Hypotheken aufnehmen, die Bank sagte Konkurs an... „Hier hinten brennt etwas", schrie das Mädchen entsetzt. Hattie ging in die Lichtung und trat die Flamme aus, die ein brennender Zweig entfachte, den der Wind hergetragen hatte. Sie sah noch ander« Brände in der Luft herumwirbeln. Einige waren schon erloschen, ehe sie niederfielen, andere brannten weiter. Hattie machte einen Besen am Brunnen naß und schlug die Feuer damit aus. „Wissen Sie, wa? Sie jetzt tun werden", sagte Hattie zu der jungen Dome,„Sie steigen in Ihr Auto und lassen den Motor an- laufen. Ich gehe dieweil hinauf und hole Ihre Koffer. Es hat gar keinen Zweck, daß Sie Ihre hübschen Sachen verbrennen lassen. In einem Moment bin ich wieder unten." Hattie hatte ziemliche Mühe, ihren Weg durch den Rauch zu finden, aber sie kam ganz richtig mit den Koffern, einer Blech- schachte!, die ihr selbst gehör� und mit der Photographie ihres Elternhauses in Minneapolis zurück. „Sie steuern jetzt zum Seeufer hinunter. Sie können ein kleines Stückchen in das Wasser hineinfahren, nur geben Sie acht, daß Ihr Motor nicht naß wird, sonst haben Sie dann die Plage damit. Es sieht mir nicht danach aus, als ob der Wind bald wechseln würde. Es werden auch noch andere Leute am See sein. Tun Sie dort genau das gleiche, was Sie die andern tun sehen. Machen Sie sich Ihre Haare naß und halten Sie ihr Taschentuch vor das Gesicht. Und kommen Sie ja nicht hierher zurück, bevor jedermann sagt, daß alles sicher ist. Sie werden es vielleicht recht heiß bekommen, aber im See, da können Sie nicht verbrennen. Ich werde auch hinunter- kommen, sobald ich kann, und die Männer werden auch hinkommen. Hastig und nervös fuhr das Mädchen davon. Eine zierliche, rote Gestalt, die sich weit aus dem Auto herausbeugts, um die Straße zu sehen. III. Hattie fand einen Iutesack und tränkte ihn mit Wasser: damit bewehrt, rannte sie hierhin und dorthin und erstickte die Brände, wenn sie zu Flammen aufschlugen. Ihr war ganz übel von dem Rauch, ihre Augen brannten. Sie lehnte die Leiter an die Veranda und stieg auf das Dach hinauf, wo sich an der Firstseite ein Brand festgenistet hatte. Während sie da oben, mit schwerer Brust mühsam Atem holend, festklammerte, sah sie Petersons Weib vorbeilaufen. Die alte Frau hielt die Schürze über ihr Baby, und drei kleine Kinder, die alle jämmerlich schrien und heulten, kamen hinter ihr hergestolpert, zogen und zerrten einander, taumelten und liesen. Hattie sah auch, durch den Rauch verschwommen, daß Alpin zurückkam. Sein Hut war weg, seine Wang« blutete, er keuchte mit offenem Mund und stöhnte, daß es zum Erbarmen war. Hattie kletterte vom Dach herunter. Che sie an Alvin herantrat, zer- stampft« sie zwei kleine Feuerbrärtde.>> „Wo ist die Axt?" Alvin zeigte hinter sich.„Ach, du lieber Gott, ein Baum hat mich getroffen. Hattie", röchelte er. Hattie tastete ihn schnell ab: seine Schultern, seine Hüften. „Nichts gebrochen! Kehr' um und hol' die Axt!" Die Funken fielen rund um sie herum, so wie sie in alten Zeiten in der Nacht vom 4. Juli in Minneapolis aus oen Freuden- Raketen um sie herumgewirbelt waren. Ein Stück brennendes Holz, nicht größer als Hatties Daumen, fiel auf einen dicken Ast von einer Schwarztanne hinter dem Haus. Sofort begannen die Nadeln zu zischen, aufzuflammen, zu schrumpfen. Dann fing der nächste Ast Feuer und wieder der nächst« Alwin saß auf der hölzernen Brunneneinfassung. Hattie lief in das Gehölz, um nach der Axt zu suchen. Sie trat fehl, stolperte über eine Wurzel, sie sie nicht gesehen hotte, und fiel über einen Haufen Reisig her schwer aus den Bauch. Während'sie ganze blöde. wie vor den Kopf geschlagen, dalag und fast im Rauch erstickte, sah sie kaum zehn Fuß weit von sich entfernt die Axtschneide aufblinken. Sie fand— wie, wußte sie selber nicht genau— ihren Weg zurück und begann gegen den Stamm einer Weißtanne einzuhacken, die zwischen dem brennenden Baum und der Küchenveranda stand. Die Weißtanne siel nach einiger Zeit um und zerbrach im Fallen eines der Küchenfenster.
Hattie stand schwer nach Atem ringend und taumelnd beim Brunnen, als sie etwas Wichtiges bemerkte... Es vollzog sich ganz lautlos, als ob es von gar keiner Bedeutung wäre. Es war nichts anderes, als daß die Funken nach Norden zu fliegen be- gannen, statt wie bisher nach Osten. Hattie beobachtete die Rauch- wölken, die ein« Sekunde stillstanden, sich drehten und ineinander- schraubten und dann in schmutzigen Streifen über die Gipfel der Tannen sich langstreckten. Nordwärts, wo ihr Anteil lag! Wer hätte das geglaubt, daß es sich gegen Norden wenden würde! Dort war nichts als Wald. Nur Wald— Nutzholz! Dort würde niemanid das Feuer bekämpfen. Es würde sich selbst ausbrennen. Bald kamen auch die andern Männer zurück: schmutzig, oersengt, zerrissen, zerkratzt, voller Beulen, schwitzend schwer atmend... Dos Feuer hatte das Haar des jungen Fremden erwischt! er hotte auch seine Augenbrauen und die«ine Hälfte seines kleinen Schnurrbartes
verloren. Seins Hände hielt er weit und steif von sich abgestreckt und betrachtete sie, als o.> es ihn sehr erstaunt«, daß sie so schmutzig waren. Hattie unterrichtete ihn, wo er die>unge Dame finden würde, dann ging sie in die Küche. Das Feuer auf dem Rost im Küchen- Herd mußt« sie ganz neu anlegen. Sie stellte den Kessel zum Kochen darüber, und so traf es sich, daß, während dos Wasser heiß wurde, Hattie gerade Zeit hatte, Stiegle-s Zimmer sauber zu machen. Die Wirtschaft, die sie darin vorfand, war noch viel toller, als sie ver- mutet hatte. Während sie den Boden scheuerte, sah sie von Zeit zu Zeit durch das Fenster hinaus gegen Norden. Unter dem Himmel. der noch glühender brannte als das Feuer selbst, wogte und quirlte, wirbelte und drehte der schwarze, dicke Rauch. Drei Baumwipfel flammten plötzlich auf und verschwanden. Brände fielen wie Stern- schnuppen. Undeutlich damit oermengt tauchte in Hatties Erinne- rung die weiße Hand der jungen Dame auf, die wie eine Blüte aus dem Aermel wuchs. Die Edelsteine des Ringes hatten im Lampen- licht rot und blau und orange gefunkelt. Mit einem Spülichteimer voll Schmutzwasser in jeder Hand kam Haiti « die Treppe herunter. „Nun, wie ist's mit dem Mittagbrot?" rief ihr Alvin entgegen. „Bekommen wir denn heute gar nichts zu essen?" Autorisierte Uebersetzung vou Mira v. Hollander-Mu%kh.
3)as£äckeln Begegnung auf der Siraße/ Ton 3nge Stramm
Die Welt ist schön! Auch heute noch! Es stehen noch dieselben Berge wie ehedem, es rauschen die Wälder wie einst, brausen die Flüsse. Die Felder branden noch gegen die Stadt, lehnen sich an die Gärten an, die sich zwischen die Mauern, die lauten Straßen und düsteren Höfe drängen mit dem lichten Grün ihrer Rasen- flächen, ihren stillen Bänken unter Iasminbüschen und einem gnädi- den Mond, der im schwarzen Wasser eines Teiches spiegelt, über den im Frühling die duftschweren Blüten des Faulbaumes hängen und auf dem im Herbst die goldenen Birkenblätter treiben. Ja die Welt ist noch schön, aber dos Leben?... Nun, dar- über kann man geteilter Meinung sein. Wer aber glaubt, es gäbe überhaupt nur noch eine einzige, natürlich negative Meinung dar- über, der irrt sehr. Auch ich zweifelte oft bis zu jenem Abend, von dem ich erzählen will. Die Einsamkeit meines Zimmers drückte mich. Lähmend brach die Stille eines Hauses, das zwischen dem Gewirr der Straßen und Höfe viele Menschenleben hinter seinen Türen barg, über mich her- ein. In jener Stunde hatte der Alltag sich in einen Winkel ver- krochen. Kein Zeichen von ihm«ar da, nicht das Rattern einer Nähmaschine über mir, noch da? Rücken von Stühlen, Schlurfen von Füßen in Pantoffeln, Schreien von Kindern, nicht dünnes Klavier- spiel noch dos Klappen der Müllkastendsckel im Hof. Nur die bunten Strahlen einer Lichtreklome fielen in kurzen Abständen in die Däm- merung meines Zimmers wie bunte Bälle, die die Weltstadt vor dem Fenster lockend nach mir warf. In meinem Herzen wollte traurig eine Sehnsucht aufstehen nach Dingen, die ich nicht nennen konnte und die ich meint«, nirgends mehr zu finden, weil die leeren Blicke vieler Menschen an vielen Arbeitstagen und die getünchten Gesichter anderer im grellen Licht musikdurchlärmter Abende meinen Glauben daran längst hatten welken lassen. In diesem Augenblick aber fiel«in Lachen in die unkrucht- bare Stille des entschlafenen Hauses, oder vielmehr ein Ton, wie das Knistern von Perlgehängen oder das Klingen einer Glocke, die der Wind zum Tönen bringt, die nur einmal selig aufzittert und wieder schweigt. Ich lauschte lange diesem Klingen nach und ahnte ein Glück, dessen Ausdruck dies Lachen war. Es erhob sich purpurn in meiner Seele, offenbarte Säzönheit des Lebens, schwankte zwar noch ein wenig, weil nur ich es mit meinen Händen hielt. Und um es zu stützen, riß ich mich aus der Leere des Zimmers, draußen ein wenig mehr vom Lachen der Menschen einzusammeln, um damit das Bild des Lebens zu schmücken für mich und für andere. Funkenhell warf sich mir die Straße entgegen. Die Schaufenster glänzten voll bunten Zierates. Ueber dem Huxenton der Autos und dem Kreischen der Straßenbahnen zitterte manchmal ein ver- irrter Geigenklang aus einer offenen Cafehaustür. In den Händen der Straßenverkäufer blühten Blumen, die die Frauen an ihren Mantel steckten, dabei lächelten sie w-e Madonnen auf alten Bildern. Ein Stroßenhändler ließ eine klein« Mauz auf seinem Aermel immer rauf und runter lausen, sein dickes, roles Gesicht'lachte dabei, die Kinder, die ihn umstanden, lachten hell wie Fanfarenstoß, ein junger Mann mit einer Aktenmappe drückte den Arm seiner Freundin neben sich fester:„Selber Maus, was?".. und beide lachten. Die gemalten Frauen an den Ecken lachten schrill. Aus offenen Kneipen scholl dröhnendes Gelächter... O, ich konnte die Last des Lachens kaum noch tragen! Wer sagt, das Leben wäre nicht schön, weil es keine Freude mehr gäbe?... Hinter hell erleuchteten Fenstern wiegten sich tanzende Paare mit lachenden Augen. Neii�! Nur der Mund lachte. Das Lachen faß wie eine Maske auf allen Gesichtern, darunter blickten die Augen wie aus Abgründen. Mein Herz zitterte. Da gellte ein vielstimmiger Schrei. Plötzlich stand die glitzernde Schlange der Elektrischen still, die Autos bremsten knirschend. Men- schen ballten sich schwarz zu einem Knäuel, aus dessen Mitte ein Kindervxinen ertönte. Bis alles sich auflöste im Stimmengewirr: „Was war'n los"..... N' Kind überfahren"..Nee doch, es ist ihm ja gar nischt passiert!"...„Warum heult denn die Göre noch?"... Und dann stand plötzlich der dicke Mann mit den Mäusen�>or den? Kinde: „Wat is denn, mein Süßekinn? Nu lache doch mal wieder. Ick schenk dir ooch ne Maus. Das Leben ist doch so schön. Und zum Geburtstag darfst« dir auch ganz was Feines wünschen!" 'Nen Roller?" fragt da das Kind mit einem unter Tränen hell aufklingendem Stimmchen. Und da lachen plötzlich alle Menschen vor diesem rührend schlichten Wunsch des Kindes, den es an das gewaltige Leben, das es noch einmal gnädig wieder aufgenommen, hat. Dies Lachen aber quillt wirklich befreit unmittelbar aus dem Herzen, da» eine jähe Angst minutenlang umklammert hielt. In diesem Augenblick dünkt jedem da» Leben schön und lebenswert. Der Schatten des Todes, der flüchtig die grelle Straße streifte, hatte plötzlich dem Alltag Glanz gegeben. Ich sah das Lachen auf den Lippen der Menschen zerspringen. aber sah ein Leuchten aufgehen in vielen Augen. Und ein Mädchen sah ich, das suchte in seiner Aktenmappe und schenkte dem Kind eine Tafel Schokolade. Eine einfache Frau nahm lächelnd zwei Aepfel aus ihrem Marktnetz. Eine Dame löste hastig den. frischen Parma - veilchenstrauß von ihrem Pelz:„Hier, den bringst du deiner Mutti zu Hause mit, wo wohnst du denn eigentlich?"... Ein Herr beugte
sich sorgsam zu dem piepsenden Sümmchen und schrieb etwa» in sein Notizbuch. Ein alter Mann sörderte einen Hustenbonbon aus seiner Manteltasche. Es waren kleine Gaben, mit denen sie plötzlich das Glück ihres gesicherten Lebens erkaufen zu müssen meinten. Der dicke Mann mit dem roten Gesicht, der jeden Tag in Wind und Wetter mit seinen laufenden Mäusen an der Straßenecke stand, hatte es ausgesprochen.„Das Leben ist doch so schön!" hatte er gesogt, und keiner hatte protestiert. Nein, jeder wollt« nur noch dazu bei- tragen, dem Kind zu zeigen, daß das Leben wirNich so war. Ich ging sehr langsam durch die abendlichen Straßen bis dahin, wo die Häuser nicht mehr so hoch den Himmel zudeckten, wo die Lichtreklamen nicht mehr die Sterne auslöschten. Ich sah in viele helle Fenster, sah Mütter sich zu ihren Kindern neigen. Freunde bei- einander sitzen, Liebende lächeln und Einsame Erinnerungen nach- träumen. Und irgendwo in einer ganz engen Gosse, wo nur die Aermsten wohnen, sah ich ein Fenster offen stehen. Der Schein einer flackernden Petroleumlampe umgab die schattendunkle Gestalt«ine» jungen Mannes, dessen Gesicht zum Nachthimmel aufgehoben war. Seine Hände aber führten den Bogen über die Saiten einer Geige und entlockten ihr Töne, die wie silbern klingendes Lochen über die Gasse schwebten, die über die dunklen Schluchten schmutziger Höf«, über Bretterzäune und unbarmherzige Fabrikschlote ein« Brück« zu den Sternen bauten, auf denen die Schönheit schreiten konnte... Und das Glück, zu leben, schlug Wurzel in meinem Herzen. Skalpell: Mleiner 3>iaiog Herr A. geht ohne Deckung den sommerlichen Kurfurstendamm entlang. Die Luft duftet— wie stets im deutschen Sommer— nach Benzin, Wahlsieber und Zeitungsblüten. Mitten beim Lustwandeln stößt Herr A. auf den immer noch auf freiem Fuße lebenden Bankier F. Herr F. trägt eine Gasmaske(nach Maß), einen eleganten Gummiknüppel und zieht an einer Hundeleine ein kleines Maschinengewehr hinter sich her. Herr A.:„Mensch, sind Sie plem-plem? Was soll dieser Auszug auf dem Kurfürstendamm ? Was sind das für Sachen?" Bankier F.:„Das sind keine Sachen, das sind: Vorsicht«- maßregeln. Haben Sie nicht die Amnestiedebatten verfolgt? Die lassen doch Mörder und Bombenleger los! Und die SA. läuft doch auch ohne Leine rum! Ich bin vorsichtig, mein Lieber! Abend- spaziergänge in Deutschland -kommen nach den legten Ereignissen nur noch mit Maschinengewehr in Frage..." Herr A.:„Aber wo haben Sie das blos so schnell aufgegabelt? Oder stammt das Ding noch aus dem Krieg?" Bankier F.:„Im Gegenteil. Ich habe es gestern bei Wertheim erbeutet. Wertheim bringt feit 14 Tagen zeitgemäße Bedarfsartikel für unpolitische Passanten. Ich habe mir da auch ein Unterseeboot fürs Wochenende gekauft. Meine Familie liebt das Wasser und a u f dem Wasier zu fahren, ist mir denn doch zu herausfordernd." Herr A.:„Na, hören Sie mal, Sie rüsten sich auf, als ob wir im Krieg wären!" Bankier F.(lüftet die Gasmaske, um den ahnungslosen Herrn näher zu betrachten):„Daß es tatsächlich noch Leute gibt, die diesen Zustand für Frieden halten! Glauben Sie, der Krieg im Frieden hat dem Krieg im Kriege nur eine Sache voraus: man hat weniger Läuse... Aber seines Lebens ist man so und so nicht sicher! Menschenleben sind doch heut beinah schon wieder so billig wie in der großen Zeit! Ich habe— wie damals— dauernd rote Nebel vor den Augen... Finden Sie nicht, daß die Luft nach Blut stinkt? Wie gesagt— ich trefse Vorsichtsmaßregeln. Mein« Wohnung werde ich gegen einen Unterstand tauschen. In unserer Gegend sind jeden Tag Schlachten. Im Tiergartenviertel werden jetzt 5-Zimm«r- Unterstände mit Bad gebaut. Siedlungsplan der überlebenden Berliner Bankiers... Herr A.:„Ich finde, die Regierung sollte lieber Vorsichtsmaß- regeln treffen. Und nicht für die Bankiers, sondern für die Arbeits- losen! Wie kann eine Regierung in soner vorsichtigen Zeit so unvorsichtig sein! Die scheinen ihre Notoerordnung sür Valdriantee zu halten. Dabei sind sie Zündstoff..." Bankier F.:„Was ihr immer mit den Erwerbslosen wolll! Die merken die kleinen Einschränkungen gar nicht mehr! Die Regie- rung hat doch Vorsichtsmaßregeln getrosten! Di« Erwerbslosen hängen sich doch samt und sonders an dem Strick auf, den die Regie- rung ihnen gratis und frei Haus gedreht hat... Der Strick ist heut die wirksamste Vorsichtsmaßregel gegen die Ueberfälle der Stroh«. der Zeit und der Machthaber. Früher hieß es: Wohlfahrt! Und jetzt heißt es: Fahrt wohl!-- Ra, guten Abend und überfallen Sie mich nicht aus Versehen!" Und Herr F. lüftete sein« Gasmaske zum Gruß, pfist seinem Maschinengewehr und oerschwand um die Ecke in einer enge- brochenen Straßenschlachr.