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Beilage

Mittwoch, 21. September 1932

Max Weber und die Gegenwart

Von J. P. Mayer

,, Bielen von uns ist Max Weber als Philosoph erschienen. Wenn er aber ein Philosoph war, so war er es vielleicht als einziger in unserer Zeit und in einem anderen Sinne, als irgend jemand sonst heute Philosoph sein mag Seine Gegenwart gab uns das Bewußtsein, daß auch heute der Geist in Gestalten höchsten

Maßes existieren kann."

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( Aus K. Jaspers , Gedenkrede über Max Weber .) Man hat Mag Webers Lebenswerk gelegentlich mit dem Wert von Karl Marg verglichen sicherlich nicht ohne tiefe Berechtigung. Wie Mary ging auch Weber von juristischen und philosophischen Studien aus, die dann in ökonomischen Forschungen mündeten. Aber auch die ökonomische Fragestellung war keine be= liebige Problematik eines wissenschaftlichen Fachgebietes, vielmehr stand sie bei Weber von vornherein unter einem universalen Gesichtspunkt, der sich in der Frage formulieren läßt: Warum haben wir im Abendland Kapitalismus ? May Weber sah sich diese Frage in keiner anderen Ansicht gestellt als Mary im ,, Kapital" Struktur und Richtung der kapitalistischen Entwicklung untersucht hatte. Daß sich Max Weber dieses inneren Zusammenhanges mit Marg durch­aus bewußt war, geht rein äußerlich schon daraus hervor, daß er den Vorlesungen, die er 1917 als Professor für Soziologie in Wien hielt, den Titel gab: Positive Kritik der materialistischen Geschichts­auffassung. Der Nachdruck liegt hierbei durchaus auf dem Bei­wort positiv". Schon die 1905 entstandene bahnbrechende Ab­handlung über Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus " ist an dem Prinzip des historischen Materialismus orientiert; vielleicht hat seitdem fein ,, Marrist" eine so überlegene ( allerdings rein historisch ausgerichtete) Arbeit verfaßt als der bürgerliche Soziologe Max Weber . Denn ein Bürger ist Max Weber immer gewesen, aufrecht und repräsentativ für eine Klasse, die heute politisch und ökonomisch völlig aufgerieben ist. Man könnte versucht sein, Max Weber den letzten großen, repräsentativen Bürger zu nennen, vor allem deshalb, weil er das bürgerliche Bewußtsein in einer Epoche vertrat, die, wie wir heute zwölf Jahre nach seinem Tode mit völliger Klarheit sehen, das Ende des Bürgertums bereits einleitete.

Max Weber , 1864 als Sohn des wohlhabenden national­liberalen Reichstagsabgeordneten und besoldeten Berliner Stadtrats Weber geboren, erlebte in seiner Jugend in unmittelbarer Nähe und mit frühreifer Aufgeschlossenheit die ganze Gefährlichkeit der Bismarckschen Reichsführung, deren Ergebnis für den politischen Reisegrad des Deutschen er später in folgenden Säßen zusammen­faßte: Bismarcs politisches Erbe? Er hinterließ eine Nation ohne alle und jede politische Erziehung, tief unter dem Niveau, welches sie in dieser Hinsicht 20 Jahre vorher bereits erreicht hatte. Und vor allem eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewohnt, daß der große Staatsmann an ihrer Spize für sie die Politik schon besorgen werde. Und ferner, als Folge der mißbräuchlichen Benutzung des monarchischen Gefühls als Deckschild eigener Machtinteressen im politischen Parteikampf, eine Nation, daran gewöhnt, unter der Firma der monarchistischen Regierung" fatalistisch über sich ergehen zu lassen, was man über sie beschloß, ohne Kritik an der politischen Qualifikation derjenigen, welche sich nunmehr auf Bismarcks leergelassenen Sessel niederließen und mit erstaunlicher Unbefangenheit die Zügel der Regierung in die Hand nahmen." Bis in die heutige politische Situation Deutschlands mirten sich die Berhältnisse aus, die Weber in diesen Säzen beschrieben hat!

Beim Ausbruch des Weltkrieges richtet der Reserveoffizier Mar Weber Lazarette ein: Es laftet schwer auf mir", so schreibt er damals ,,, daß ich nicht fähig bin, an der Front militärisch ver­wendet zu werden." Auch Max Weber hätte das Schicksal Ludwig Francs bereitwillig auf sich genommen. Dennoch gehörte Weber zu den wenigen Bürgerlichen, die schon während des Krieges die Annegionspolitik scharf ablehnten: Es widerstreitet den deutschen Interessen, einen Frieden zu erzwingen, dessen haupt­sächliches Ergebnis wäre, daß Deutschlands Stiefelabsatz in Europa auf jedermanns Zehen stände." Mit großer Leidenschaft wandte Weber sich gegen den verschärften U- Bootkrieg, der den Anschluß Amerikas an die Entente nach sich ziehen mußte. Schon am 5. März 1916 bemerkt Weber in einem Brief: Inzwischen ist die Gefahr mit Amerika auf dem Höhepunkt, und mir ist, als ob eine Horde Irrsinniger uns regierte." In einem anderen Brief heißt es: ,, Unglaublich der Optimismus der Militärs und Politiker bezüglich eines Krieges mit Amerika ." Freilich gehörte Max Weber auch schon vor dem Kriege nicht zu dem Typus der deutschen Pro­fessoren, die ihre beamtliche Zuverlässigkeit in Kaiser- Geburtstags­reden dokumentierten. Während der berühmten Daily- Telegraph Affäre schrieb Weber an Naumann am 12. November 1908: ,, Alles kommt ja jetzt darauf an, in größter Fraktur vor dem Lande festzunageln, daß die Konservative Partei die Ver­antwortung für die Fortdauer des persönlichen Regiments" trägt... Entscheidend ist: Ein Dilettant hat die Fäden der Politik in der Hand. Jeder legitime Herrscher, der nicht Friedrich II. ist, i st ein Dilettant, und das will die Konservative Partei. Das gilt für den Oberbefehl des Krieges wie für die Leitung der Politik im Frieden. Konsequenz: solange das dauert, Unmöglichkeit

einer Weltpolitit".

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Zielbewußt arbeitete Mag Weber in den Jahren 1917 bis 1918 an der Neuordnung Deutschlands . Seine Arbeiten über Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland"( Sommer 1917) und über ,, Deutschlands künftige Staatsform"( November 1918) gehören zu den bedeutendsten politischen Schriften, welche die deutsche Literatur überhaupt aufzuweisen hat. Von diesen beiden Arbeiten wie auch von weniger umfangreichen Schriften, die zuerst als politische Tagesauffäße in der Frankfurter Zeitung " erschienen, gingen bedeutende Anregungen in das Weimarer Verfassungswerk über. Die direkte Volkswahl des Reichspräsidenten geht auf sie hat Deutschland im Jahre 1932 Webers Initiative zurück vor dem 100prozentigen Faschismus bewahrt. Entscheidende Probleme werden in diesen Aufsätzen margistisch gesehen. Man durchdenke nur folgende Zeilen: Diese entscheidende ökonomische Grundlage: die ,, Trennung" des Arbeiters von den sachlichen Be­triebsmitteln, den Produktionsmitteln in der Wirtschaft, den Kriegs­mitteln im Heer, den sachlichen Verwaltungsmitteln in der öffent­lichen Verwaltung, den Geldmitteln bei ihnen allen, den Forschungs­mitteln in Universitätsinstitut und Laboratorium, ist dem modernen macht und fulturpolitischen und militärischen Staatsbetrieb und der fapitalistischen Privatwirtschaft als entscheidende Grundlage ge meinsam. Beide Male liegt die Verfügung über diese Mittel in den Händen derjenigen Gewalt, welcher jener Apparat der

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Der Abend

Spalausgabe des Vorwärks

sich die Führung die konzentrierten Produktionsmittel wirklich aneignen. Hier hat die Weimarer Demokratie schwere Fehler be­gangen. Weber selbst ist von der Bürokratisierung der deutschen politischen Verhältnisse betroffen worden. Eine Frankfurter Mit­gliederversammlung der Demokratischen Partei setzte Max Weber als Kandidaten zur Nationalversammlung an erster Stelle. Weber war ein leidenschaftlicher Redner, der seine Stoffülle frei von jeder Demagogie konstruktiv beherrschte. Ein hinter den Kulissen tagendes Parteigremium schob Weber an eine aussichtslose Stelle...

Max Weber nahm seine akademischen Vorlesungen als Pro­fessor für Soziologie an der Universität München wieder auf. Im Wir wissen nicht, ob sich der große politische Jahre 1920 starb er.

Bürokratie( Richter, Beamte, Offiziere, Werkmeister, Kommis, Unteroffiziere) direkt gehorcht oder auf Anrufen zur Verfügung steht, der allen jenen Gebilden gleichmäßig charakteristisch und dessen Existenz und Funktion als Ursache wie als Wirkung und jener ,, Konzentration der fachlichen Betriebsmittel" untrennbar verknüpft, vielmehr: deren Form ist. Zunehmende Sozialisierung" bedeutet heute unvermeidlich zugleich zunehmende Bürokratisierung." Der letzte Satz enthält zugleich im Kern Webers Abgrenzung gegen den Sozialismus, obwohl er 1918 bekannte, der Sozialdemokratie bis zur Ununterscheidbarkeit nahezustehen. Weber hielt die Verbindung von Verbeamtung und Eigenverantwortlichkeit für prinzipiell unmöglich. Daß er die Gefahren der Bürokratisierung im modernen lassenstaat richtig eingeschätzt hat, bestätigen ja die jüngsten Er­fahrungen. In dieser Hinsicht können wir heute mehr denn e von Weber lernen. Aber die verantwortliche Führung ist mit fortschreitender Sozialisierung durchaus vereinbar, nur muß| aufgedeckt hat.

Publizist auch als praktischer Politiker bewährt hätte. Wie Marg ist sich Max Weber über die schicksalhaften Form­kräfte des modernen Kapitalismus klar gewesen. Ihrer Ergründung hat er die Arbeit eines überreichen Lebens gewidmet. Aber Weber konnte sich nicht in die moderne sozialistische Massenbewegung ein fügen; er wollte und konnte die Unabhängigkeit" seiner Per­sönlichkeit nicht aufgeben, er blieb der Sohn eines Bürgertums, dessen geistige Wurzeln er tiefer als irgend jemand vor ihm

Tragödie vom Reißverschluß

Yorick: Balladen der Zeit

Frischer Sportbursch im Trainingsanzug, Kleiner Backfisch mit der großen Handtasche, Eleganter Snob mit dem modernen Portemonnaie: Wenn ihr den blinkenden Reißverschluß benutzt am Trainings­anzug, an der Handtasche, am Portemonnaie

Habt ihr einmal daran gedacht, daß es ja einen Mann geben muß, der dies praktische Spielzeug erst mal erfinden mußte?

Ich weiß etwas von diesem Mann, ich will es euch sagen, es ist nicht sein Name und nicht sein Stand, es ist nur diese Tatsache: Der Mann sitzt...

Wenn ihr den Reißverschluß öffnet, das dauert zwei Sekunden. Aber bis sich seinem Erfinder die Tore von Plögensee wieder öffnen, das dauert zwei Jahre.

Er sizt nicht von wegen dem Reißverschluß, nun nein. Und er sitzt doch wieder von wegen dem Reißverschluß, nun ja.

Er erfand den Reißverschluß, um Geld damit zu machen. Aber weil er arm war, fonnte er nur wenig Geld damit machen. Das ist so eingerichtet. Er verkaufte seine Erfindung für wenig Silber nach Amerika . Und andere machen seither viel Gold damit.

Das ärgerte den Mann, als das Silber alle war, und er wollte auch Gold machen. Und er baute ein Modell für eine Gold­machemaschine, und er fand ein paar Leute, die streckten ihm ein paar Tausender vor auf das Modell hin

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Ja, und nun sitt er also. Für zwei Jahre. Denn es hilft ihm nichts, daß er an seine Maschine noch glaubt. Seine Finanziers glauben nicht mehr daran, und das Gericht glaubte ihm von vorn­herein nicht. Die gütige Justiz hat ihm erlaubt, sein Modell mit nach Plößensee zu nehmen. Aber das ist Gnade vor Recht. Zu Recht figt er, nicht wahr?

Aber wenn er nun, nur mal gesetzt den Fall, wenn er nun

schon Geld gehabt hätte, als er den Reißverschluß ersand? Dann hätte er selbst seine Erfindung engros produzieren und selbst Gold machen können, indirekt mit dem totsicheren Reißverschluß, und nicht direkt mit der unsicheren Maschine

Aber das ist eine müßige Ueberlegung. Denn er hatte nun mal fein Geld. Geschah ihm Recht. Das ist so eingerichtet. Aber dennoch: wenn du den Trainingsanzug anziehst, frischer Sportbursch,

wenn du die Handtasche schlenkerst, kleiner Backfisch, wenn du das hochmoderne Portemonnaie öffnest, eleganter Snob:

weiht die zwei Sekunden, die seine Bedienung erfordert, dem Erfinder, den das zwei Jahre gekostet hat,

denkt daran, wenn ihr in die Sonne blinzelt oder mit Männern fofettiert oder blinkendes Silbergeld zählt, daß euer Wohltäter indessen die Gitterquadrate seines Zellenfensters zählt-

denkt daran, daß alle Welt zufrieden ist mit dem Reißverschluß, zu Recht, und daß aber der Reißverschlußmann nicht zufrieden ist mit der Welt, auch zu Recht,-

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und daß dieser kleine Umstand eigentlich ein ganz klein bißchen merkwürdig ist, und daß vielleicht diese ganze große Welt ein bißchen merkwürdig ist.

Denkt daran, denkt ein bißchen an den Mann mit der Gold­maschine, der in Plößensee sigt. Es muß keine Träne sein Nur so ein ganz kleiner, flüchtiger Gedanke, genau so lang wie das Deffnen des Reißverschlusses

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3mei Sefunden nur. Ich glaube, es lohnt sich.

Walter Scott

Zu seinem hundertsten Todestage am 21. September

Ueber der westfälischen Ebene lag eine stille, dustschwere Hoch­sommernacht. Auch in dem kleinen Rüschhaus, dem bescheidenen Wohnsiz der Dichterin Annette von Droste- Hülshoff , war längst jeder Laut verstummt. Nur Annette selbst saß noch wachend über einem Buche, das sie völlig gefangen hielt. Ihre furzsichtigen Augen schmerzten; das Lichtstümpfchen, das vor ihr stand, war bedenklich heruntergebrannt und flacerte; aber was bedeutete das im Vergleich zu dem Hochgenuß, den das stille, ungestörte Lesen Niemand störte sie jetzt, weder die strenge, haushälterische Mutter, die sie mitten aus schönsten Gedanken und Dichtungen in die Küche hinabbefahl, noch das laute Treiben der ländlichen Wirtschaft.

bot!

Mit bebenden Fingern wandte das Fräulein Blatt um Blatt. Ihre Augen verschlangen die Buchstaben, und ihr Herz klopfte laut und stürmisch. Es war ein herrliches Werk, dieser Roman Ivan hoe" des schottischen Dichters Walter Scott . Sie konnte es nicht aus der Hand legen, bevor sie es zu Ende gelesen hatte. Alles um sie her war versunken. Sie lebte selbst in diesen mittelalterlichen Gestalten; sie ritt mit Richard Löwenherz aus dem Heiligen Lande zurück und fämpfte auf den Turnieren; sie durchschweifte das sagen ummobene, in Blut getränkte Grenzgebiet Schottlands und rastete in efeuumsponnenen, zinnengekränzten Schlössern. Die Gegensätze zwischen Sachsen und Normannen, die Kämpfe um Macht und Besitz, Pilger durch das Land zieht und die Jüdin Rebekka, die ihn liebt, die Abenteuer Ivanhoes, des verbannten Cedriksohnes, der als befreit das alles stand als unmittelbare Wirklichkeit aus diesen Blättern auf. Annette trank jedes Wort begierig in sich hinein, und selbst die lang ausgesponnenen Schilderungen der schottischen Land­schaft, der Kleidung seiner Bewohner, der Einzelheiten ihres Lebens zwangen fie in den Bann einer dichterischen Kraft, die sie beglückt und hingegeben wie ein Echo alles dessen empfand, was in ihr selbst nach Ausdruck drängte. Mit jedem Buche Walter Scotts erging es ihr so. Als Levin Schücking , ihr Herzensfreund, ihr an einem Herbsttage das Lied des legten Minstrels" und das Fräulein vom See" aus Münster mitgebracht hatte, da war sie nicht eher zur Ruhe gegangen, als bis beide Bücher ausgelesen waren. Und nach der Lektüre von ,, Kenilworth" hatte die gestrenge Frau Mutter ihre Fragen in immer schärferem Tone wiederholen müssen, weil Annette in Gedanken noch völlig am Hofe des Grafen Leicester und seiner getreuen Gattin Amy, die auf ver­ruchte Weise aus dem Wege geräumt wurde, weilte und an das großartige, prunkvolle Hoffest dachte, das Scott so spannend mit allen Einzelheiten dargestellt hatte.

Draußen dämmerte schon leise der Morgen, als Annette endlich das Buch aus der Hand legte. Es rauschte und brauste in ihr. Alles, was die strenge Erziehung, die Einsamkeit, das gewaltsame Unterdrücken aller starken Triebkräfte in ihr zum Schweigen gebracht hatte, wachte wieder auf, wenn dieser geniale Schotte zu ihr sprach.

Das Fräulein hatte den Kopf auf das geschlossene Buch gelegt. Bild um Bild zog an ihr vorüber. Sie sah einen kleinen, zarten Jungen vor sich, bei dem eine Kinderkrankheit die Lahmheit seines Fußes hinterlassen hatte, und den man zur Kräftigung zu seinen Großeltern nach Sandy- Knowe sandte. Es war eine herrliche Land­schaft, in der das Kind aufwuchs. Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach erzählte von großen Geschehnissen, und was die Landschaft verschwieg, das ergänzten die Erzählungen der Großmutter, die dem wißbegierigen Enkel Hunderte von Sagen und Märchen mitteilte. Und wenn es in den Pausen der Schulstunden des Gymnasiums zu Edinburgh besonders steif und langweilig zuging, dann brauchten die Kameraden ihren Mitschüler nicht lange zu bitten, daß er ihnen Geschichten erzählen solle. Walter Scott war gern jederzeit dazu bereit, denn das Herz des künftigen Dichters und Romanschrift­stellers war übervoll, und das Erzählen war ihm Lebensbedürfnis. So blieb es, bis der Sheriff von Selkirkshire, zu dem sich Scott emporgearbeitet hatte, an Stelle der mündlichen Erzählungen den schriftlichen Weg wählte und sich damit bewußt als Romanschrift­steller und Dichter bekannte. Er brauchte ja nur die Hand aus= zustrecken, um Romanstoffe in reicher Fülle einzuheimsen. Die Lieder und Balladen seines Heimatlandes, die er sorgsam gesammelt hatte, die Sagen und leberlieferungen, die hier seit Jahrhunderten lebten, boten ihm reiche Anregungen. Aber noch viel mehr strömte auf ihn ein. Lebte nicht, viele Hunderte von Kilometern von ihm getrennt, aber ihm innerlichst verbunden, in einer deutschen Kleinstadt ein stürmisch Vorwärtsdrängender, ein genialer Brausekopf, der Dichter des" Göz von Berlichingen"? Begierig griff Walter Scott nach diesem Drama, dem Ausdruck alle Grenzen überflutender roman­tischer Weltanschauung und genialer Dichterkraft. Was lag ihm näher, als den" Göz" ins Englische zu übertragen, wie er die Bürgerlichen Balladen Leonore" und Der wilde Jäger" bereits übersetzt hatte?

um.

Ein lauter Schwalbenruf ließ Annette von Droste erwachen. Draußen schimmerte helles Frührot. Im Hofe öffnete der Knecht die Ställe. Annette erhob und sich trat ans Fenster. Dann aber wandte sie sich entschlossen Ihr Blick umfaßte ihr kleines Reich, ihr Schneckenhäuschen", wie sie es nannte, ihre Bücher und Handschriften, ihre Steine und Mineralien, ihre Briefe und Manuskripte. Langsam schlug sie das Buch auf, das sie in dieser Nacht sich selbst hatte völlig vergessen lassen. Ein Bildnis des Dichters schmückte die erste Seite. Walter Scotts edel geschnittenes, durchgeistigtes Gesicht sah sie an, ein seltsam ver­trautes, längst bekanntes Antlitz, obwohl sie es jetzt zum ersten Male genau betrachtete. Nein, sie war nicht allein, die einsame, unbekannte, in ihrem westfälischen Winkel vergrabene deutsche Dichterin. Sie alle, die vor ihr gefämpft und gelitten hatten, ihre Geistesverwandten, die Dichter und Künstler aller Völker der Erde, Elke.: hatten sie aufgenommen als eine der Ihrigen.