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BEILAGE

Vorwärts

Kirchenwahlen und Sozialismus

Ein offenes Wort/ Von Pastor i. R. H. Francke

Für das Gros unserer Parteigenossen ist mit der Erfüllung der Wahlpflicht am letzten Sonntag eine Atempause eingetreten. Nicht für alle. Die­jenigen, die als Mitglieder der evange= lischen Kirche eine Mitverantwortung für deren Zukunftsentwicklung haben, dürfen sich noch feiner Entspannung hingeben. Bis nächsten Sonntag, den 13. November, wird ihre Kraft, ihr Propagandawille und ihre Bereitschaft noch ge­braucht zu einem Nachhutgefecht! Als solches kann man die diesjährige evangelische Kirchenwahl bezeichnen, die in ganz Preußen am nächsten Sonntag die Körperschaften der evangelischen Gemeinden erneuern soll. Sie wird überwiegend in den Mittagsstunden, in den Großstädten zumeist in der Zeit von 11 Uhr bis nachmittags 17 oder 18 Uhr stattfinden, größten­teils in den Kirchengebäuden selbst, vereinzelt auch

kommen, wenn jedem Deutschen der legte Straßen­feger des eigenen Landes näher steht, als der König einer anderen Nation!" Auch dann, Herr Goebbels , wenn der Straßenfeger ein Lump iſt, vielleicht ein Verräter am Klasseninteresse des Proletariats? Der König aber etwa ein Gandhi, der für die Parias seines Volkes sein Leben aufs Spiel segt?! Erbärmliches Geschwäß, das sich weder seiner Unlogif bewußt ist, noch seiner him­melweiten Ferne vom leisesten Verständnis wahren Christentums. Und diese Art Politiker gibt die Parole aus, daß bei der diesjährigen Kirchenmahl die Parteien des Nationalismus und Militarismus

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das Uebergewicht in der evangelischen Kirche er­ringen müßten, damit, christliche Ehrbarkeit, Zucht und Sitte" am Wiederaufbau des deutschen Reiches hervorragend mitwirken können. Eine feine christliche Ehrbarkeit", die unter den Völkern den Haß schürt, auf die Gefahr hin, daß uns ein neuer Krieg beglückt, und die zugleich im eigenen Volk die Roheit und Gewalttätigkeit zur Forde­rung des Tages erhebt gegen jeden, der die Ver­blendung dieser Christen" nicht mitmacht.

Parteigenossen, wenn ihr noch eine Spur Ehr­furcht vor dem Christus des Evangeliums habt, wenn ihr um deswillen der evangelischen Kirche

Emil Fuchs : Die Rettung der Moral

Ja!

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- durch die Oberflächlichkeit

Durch die Oberflächlichkeit! Wenn ein für ein Volk verantwortungsvoll handelnder Mann an ein so schweres Problem geht, so darf er es nicht tun ohne eingehende Kenntnis der auf diesem Gebiet vorliegenden Probleme.

in Gemeindehäusern oder gemieteten Lokalen. Prof. Freilich sind nur diejenigen Parteigenossen wahl­berechtigt, die sich bis zum 17. September d. I. in die kirchliche Wählerliste hatten eintragen lassen. Die Bestimmung, die das Kirchenwahl­gesetz in dieser Hinsicht getroffen hat, ist direkt von der Absicht geleitet, die Beteiligung an der Wahl auf ,, tirchlich Interessierte" einzu schränken. Man rechnete damit, daß sich städtische oder ländliche Arbeitermassen zu den kirchlich Interessierten" nie hinzufinden würden. Diesmal ist es nun aber doch gelungen, in einer ganzen Anzahl preußischer Gemeinden die Arbeiter­massen mobil zu machen. Wir haben Zehntausende von Eintragungen in Berlin , in der Mark, in Schlesien , Sachsen , Westfalen und der Rheinproving erzielt, Eintragungen aus den Reihen der SPD . Es wird alles darauf ankom= men, daß diese eingetragenen Genossen ihr Kirchenwahlrecht ausüben, daß sie am Sonntag sich der kleinen Mühe unterziehen, zur Wahl zu gehen und ihre Stimme für den Wahlvor­schlag der Religiösen Sozialisten" abzugeben, der entweder durch diese Bezeichnung( resp. durch die Bezeichnung Volksbund evangelischer Sozia­listen") oder durch den Namen eines sozialdemo= fratischen Spitzenkandidaten kenntlich gemacht ist.

Werden sie sich dadurch als ,, firchlich inter­effierte Leute offenbaren? Jawohl, sie werden es. Sie werden aber die Scheu, daß ihnen das den Vorwurf des Rückwärtsertums ein­tragen könnte, zu überwinden wissen. Es ist ja doch Verdrehung der Tatsachen, daß sich ein Mensch, der an religiösen und kirchlichen Dingen Anteil nimmt, damit der Reaktion ver­schreibt. Er hat vielleicht umgekehrt einen klareren Blick als andere dafür, daß die Emanzipa= tion der Kirche von ihrer bisherigen Tradition das dringendste Gebot der Stunde iſt, und daß es ein Verrat an sozialistischen und demokratischen Idealen ebenso wie an christlichen wäre, die machtvolle Institution der Kirche als Instrument der Volksbeeinflussung in den Händen konservativ gerichteter Autoritäten zu belassen. Im Wesen der Kirche liegt es nämlich nicht begründet, daß sie eine Verkörperung reaktionärer Tendenzen wurde. Die Kirche ist ihrem Wesen nach eine Organisation zur Verwirklichung des neutestamentlichen Christentums. Und dieses neutestamentliche Christentum steht geradezu im Gegensatz zur Autoritätsgläubigkeit. Es wendet sich an die freie persönliche Ueberzeugung des einzelnen. Das neutestamentliche Christentum ist nicht konservativ, sondern revolutionär; es predigt eine Umwertung in der Menschenbeurteilung mit so grundstürzender Gewalt, daß weiteste Kreise dies bis heute nicht begriffen haben. Das ursprüngliche Christentum hat von den Enterbten und Bedrückten das Minderwertigkeitsgefühl ge= nommen, das nach dem Wunsch und Willen von Priestern und Baronen auf ihnen lastete. Es hat dieses Minderwertigkeitsgefühl geradezu verlagert auf die Schicht der Dünkelhaften und Selbst­gerechten, die aus ihrer Mitte die Herrschenden, die Führernaturen" zu wählen sich berufen wähnten. Ihr seid das Salz der Erde nicht. ihr nicht die Leuchten der Welt!" ruft Christi Wort und Schicksal den Mächtigen dieser Erde zu, den Hohenpriestern und Herrschern seiner Zeit. Das muß man wissen, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben und zu erkennen, welchen Forderungen die Kirche eigentlich zu dienen hätte. Dann wird man sich klar darüber werden, wie ungeheuerlich der Anspruch unserer politischen Rechtsparteien ist, in der Kirche ausschlaggebend zu bleiben und wie klein­mütig der Verzicht sozialdemokratischer Pro­testanten wäre, die Kirche kampflos den Kreisen traditioneller menschlicher Ueberheblichkeit zu Ist denn der Monarchismus, überlassen. der gegenwärtig wieder sein gekröntes Haupt zu erheben magt, fein Widerspruch gegen die Bruder= schaftslehre des Evangeliums? Ist der Natio= nalismus unserer Völkischen und Deutsch­bewußten" teine Berleugnung der Einheit unter den Völkern, die die Voraussetzung des Reiches Gottes auf Erden bildet. Es flingt sehr christlich, nicht wahr, wenn der Nationalsozialist Goeb bels in seiner Rede im Sportpalast zu Berlin am 24. Oftober sich bis zu dem Wahnwitz ver steigt: Erst dann ist der Nationalismus voll­

Es darf ihm nicht passieren, daß er Dinge ver= bietet, die längst vom Volke selbst abgelehnt und abgeschafft worden sind, wie die Nacktdarstellungen in Kabaretts usw. Es darf ihm nicht passieren, daß er zwei so entscheidend einander entgegen­gesetzte Dinge miteinander vermischt, wie es die Frivolität solcher Nacktdarstellungen ist, die Pro­ſtitution iſt, die er gar nicht erwähnt, und wie es im Gegensay dazu jenes gesunde, reine Streben ist, der Prüderie Herr zu werden, die der körperlichen und noch mehr der seelischen Gesundheit des deutschen Volkes so unendlichen Schaden tat. Und es darf ihm schließlich nicht passieren, daß er im begeisterten Eifer, des deut­schen Volkes Sittlichkeit" zu schützen und bauen, tatsächlich nur seine eigenen po= litischen 3 mede verfolgt und meint, wie es in dem Erlaß selbst schon bedenklich hervor­leuchtet und noch deutlicher mwird, wenn man den Erlaß des Herrn Dr. Bracht mit dem Vorgehen unserer Regierung auf dem Gebiet des Rund= funks und der Kunst vergleicht.

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Warum wohl werden Nacktheit in Kabaretts, Schantstätten usw., Nacktheit in den Bädern und Nacktheit in Freikörperschulen usw. in dieser un= glaublichen Weise zusammengespannt und zu­sammen verboten? Ist es nicht dieselbe Methode, die man übt, wenn man alle, die ernsthaft über die Frage der Erneuerung der sexuellen Sittlich keit, der Ehe und Scheidungsgesetzgebung, der Eugenik nachdenken, zusammenwirft mit denen, die eine Lösung aller Verantwortung auf dem Gebiet des Sexuellen zugunsten wilder Hingabe an persönliche Lust erstreben? Mit dieser Methode hat man bis jetzt jeden vernünftigen und not­wendigen Fortschritt auf dem Gebiet der seruellen Ethik sehr zu erschweren vermocht. Nun werden wir alle, die wir es als einen ungeheuren sitt­lichen Fortschritt empfinden, daß man dem Körper gegenüber unbefangen geworden ist, daß nicht nur die Verheirateten, sondern auch die Jungen zusammen baden, turnen, Sport treiben, die wir glauben, daß dadurch gerade das Un= wahrhaftige, Lüfterne, Niedrige der seruellen Begierde beseitigt wird, wir werden mit denen zusammen genannt, die Nacktheit in Kaba­reits und Schantstätten lieben. Es wird die Auf­reizung der Lüfternheit verboten zugleich mit dem, was durch gesunde Natürlichkeit gerade der Lüfternheit und Gemeinheit entgegenwirten will. Es sollte doch wirklich niemand wagen können, in solchen Dingen etwas zu befehlen, der nichts weiß von den schweren Gefahren und seelischen Verbiegungen, die aus der Prüderie, aus dem Berdrängen und Verbergen der Sexualität ent­stehen. Wer aber von diesen furchtbaren Gefahren etwas weiß, der weiß auch, daß nur ein Volk gesund bleiben kann, das sich offen und klar und rein zur Sexualität bekennt, als einer großen, heiligen, edlen Sache allerdings einer Sache, die mit großer Berantwortung erlebt und gestaltet werden muß. Aber mit jenen Methoden des Verdrängens, des Verhüllens, des Nicht davonredens, des Nichtsehen­wollens usw. erreichen wir das Gegenteil von Berantwortung und Reinheit. Die nordischen Völker, wie Schweden , sind nicht hinter uns zu= rüd, sondern vor uns voraus, wenn sie das nackte Baden als etwas Selbstverständliches empfinden. Es ist auch völlig falsch, von einer sinkenden Sittlichkeit in unserem Volk zu reden. Wer von uns Aelteren mit ehrlichem Auge zurüc sieht auf seine Jugendzeit, der weiß, daß unter Studenten im ganzen und unter den Alten Volksleben die Stellung zum Seguellen sehr wenig verantwortungsbewußt war, sehr wenig edel und reinnur öffentlich mußte geheuchelt und verhüllt werden. Heute sieht man mehr

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im Deffentlichen vom Seguellen- ja aber unsere Jugend denkt auch über diese Frage ganz anders und mit ganz anderer Ver= antwortung nach als früher. Jungen und Mädel baden miteinander. Sie wissen aber auch, was es heißt, Bäter und Mütter kommender Ge­schlechter werden zu sollen, und sie suchen dieser Verantwortung bewußt zu bleiben. Gewiß, es ist vieles noch so, wie es nicht sein sollte und dürfte. Aber, was so ist, tommt gerade von dort her, von wo aus man nun dem Volke verbieten will, jeinen Weg der offenen Stellung zu diesen Dingen weiterzugehen. Vielleicht ist es fein Zu­fall, daß man von dort aus das gemeinsame Baden und die Körperkultur so nahe an dem Varieté und den Schantstätten sieht Für die Masse des Volkes, für die Masse derer, die in diesen neuen Bestrebungen leben, ist es anders. Für sie ist das Bekenntnis zum Körper und zur Körperkultur nicht Frivolität, sondern Verantwor= tung und Reinheit und Gewissensaufgabe, den Gefahren der Verdrängung und Verbiegung beim kommenden Geschlecht zu mehren.

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Man glaubt, das Volk bevormunden zu müssen. Hinter diesen Verboten und Erlassen, hinter den Versuchen, die Zensur einzuführen und den Rund­funt zu reglementieren, steht jener naive Glaube, mit dem Ludendorff im Krieg den Widerstands­willen des Heeres und Volkes durch Vorträge und Reden aufrechterhalten wollte, während er ihn durch Taten, durch Gehenlassen der Hunger­demoralisation, der ungerechten Verteilung der Lebensmittel zerbrach. Aus der Tiefe des Volkes steigt ein unendlicher Lebenswille und eine mäch­tige Bewegung der Verantwortung auf, die gerade auch das Geschlechtliche mit einbezieht und gerade hier die Verantwortung deutlich machen will für alle. Statt daß man diese Bewegung der Jugend, der verantwortungsbewußten Alten, die der Jugend nahefstehen, benußt und begrüßt, hemmt und reglementiert man sie. Und man glaubt wie alle Reaktionäre immer glaubten fönne ,, Sittlichkeit" schaffen mit Worten und Er­lassen, während man gleichzeitig die Selbst­bestimmung und Selbst verantwor tung des Volkes auf allen Gebieten zu lähmen sucht während man gleichzeitig zugunsten der Privilegierten und Besigenden die Gesundheit des Lebens des Volkes aufs ernsteste gefährdet.

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man

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Ja es gibt eine ungeheure Macht der De­moralisation auch in den Tiefen des Volkes nicht nur bei denen, die es sich leisten können, teure Bäder und Varietés zu besuchen. Diese Macht der Demoralisation heißt Erwerbs= losigkeit", die Tatsache, daß der junge Mensch mit 20, 21 bis 25, 30 Jahren an Heiraten, Ehe, Gründung eines Hausstandes nicht denken kann. Und diese Demoralisation bessert man nicht mit freiwilligem und nicht mit pflichtmäßigem Arbeits­dienst, sondern nur mit der deutlichen Hoffnung auf Ehe, auf Kinder, auf Familie. Wer nur einen Augenblick nachdenkt, der wird sich über die un­geheure Gefahr klarwerden, die darin liegt, daß unsere jungen Leute heute an Ehe und Familie nicht denken können Aber wer darüber nachdenkt, der wird hier nicht mit Erlassen kommen, dem werden solche Erlasse in solcher Lage etwas merf­würdig vorkommen oder sehr politisch" er­scheinen.

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Wer eine wirkliche sittliche Kraft und Zukunft in unserem deutschen Volke will, der muß heute allen seinen Ständen, vor allem aber seinen Be= sigenden, denen, die noch höhere Gehälter empfangen und Einnahmen, Vermögen, Sachbesitz haben, deutlich machen, daß es gilt, alles andere zurückzustellen, gering zu achten vor der großen Pflicht, jedem jungen Deutschen die Mög­lichkeit der Ehe, der Familiengründung, der Er­ziehung gesunder Kinder zu geben. Geben wir fie ihm nicht, weil es uns wichtiger fcheint, Groß­grundbesitzer und Millionäre zu züchten als

DONNERSTAG, 10. NOV. 1932

noch eine Anhänglichkeit bewahrt, über die ihr euch selbst kaum Rechenschaft gabt, so helft diese Kirche aus den Fesseln befreien, in die sie Fanatismus und berechnende Willkür geschmiedet haben. Zerreißt das letzte Band, das fie mit Staatsinteressen verfettet. Staatskirchen­tum ist unchristlich! Stellt sie auf eigene Füße und sorgt dafür, daß ihr Fundament wieder die Magna Charta des Evangeliums werde, der Ruf nach Gerechtigkeit und Solidarität unter den Menschen aller Völker, unter den Entrechteten der Geplagten der ganzen Erde.

Geht am nächsten Sonntag zur Wahl in der für euch zuständigen Gemeinde und gebt eure Stimme, sofern ihr wahlberechtigt seid, und sofern dort ein Wahlvorschlag der religiösen Sozialisten vorliegt, für diese Liste ab. Zeigt euch einmal in diesem Sinne ,,, firchlich intereffiert", ihr, die ihr bewußte Sozialdemokraten und zugleich evange lische Christen seid, die auf ihr Christentum etwas halten.

Kinder, so werden wir mit feinem Erlaß dessen Herr werden, was daraus werden muß. Geben wir sie ihnen, dann wird die große, wundervolle Verantwortung unserer Massen für Kinder und Zukunft die heilige Freude, die sie daran haben, uns die Volkssittlichkeit schaffen, die wir brauchen, wenn auch einige Trottel weiter in Varietés und Schankstätten unmoralisch sein werden. Wir meinen, daß wir der Regierung von Papen recht deutlich sagen müssen: Nicht deine Er­lasse, sondern deine Taten für die Familie der Volksmassen sind für uns der Maßstab deines Willens zur Sittlichkeit.

Auguft Winnig

Ein Porträt

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Der Rundfunk der Freiherren lehnte Paul Löbe als Sprecher am Gedenktag der Revo­lution ab. Statt dessen sprach im Rahmen der Reihe ,, Erlebtes Leben" August Winnig über.. ,, Pflicht ohne Ende". Wir nehmen an, daß sich die Programmleiter des Cynismus bewußt waren, an diesem Tage diesen Mann mit diesem Thema heraus­zustellen.ser zustellen.

Maurerlehrling ursprünglich, blieb Winnig, nachdem er seine Militärjahre abgedient hatte, weiter beim preußischen Kommiß, um es dort bis zum Unteroffizier zu bringen. Ein Dienst­vergehen, daß ihm eine längere Festungs­haft eintrug, beendete seine Militärkarriere. Nun hielt er es für gut, sich als Gegner dieses Kommiß­stiebels bei der Sozialdemokratischen Partei anzubiedern. In seinem Buche ,, Preußi scher Kommiß" geißelte er mit einer Fülle von Tatsachenmaterial die Soldatenmißhand lungen. Er wurde Partei- und Gewerkschafts­mitglied, Redakteur des Grundstein" und stell­vertretender Vorsitzender des Baugewerksbundes.

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Dann kam der Krieg. Ein alter Gewerk­schaftler erzählte uns, daß er August Winnig 1920 gelegentlich einer Eisenbahnfahrt traf und ihn fragte, wieso er während des Krieges nicht an der Front gewesen sei, da er doch gesund sei, aktiv gedient, habe und die ersten Jahre in der Reserve gewesen sei. Darauf erklärte Winnig :

Man muß es eben schlau anzu­stellen wissen. Als ich in den letzten Juli­tagen 1914 sah, daß sich die politische Lage immer mehr komplizierte, lag ich am Freitag vor der Mobilmachung abends in meinem Ar­beitszimmer auf dem Sofa und sann darüber nach, wie ich mich vor dem Kriegsdienst drücken könnte. Ich ging am anderen Tage sofort zu meinem Hausarzt, der mir meine Dienst­unfähigkeit bescheinigte. Ich wurde dann in jedem Jahre immer wieder mit der Ein­berufung bedroht. Im Jahre 1918 in den ersten Monaten war ich sogar schon einmal einge= kleidet und erwartete den Befehl zum Aus­rücken; ich wandte mich aber an die Zivil­verwaltung, die mich dann für Propa gandazwede reklamiert hat, so daß ich als gemeiner Soldat Bortrag vor Offizieren in Uniform gehalten habe.

Daß Winnig noch vor Ausbruch der Revolution Gouverneur im besetzten Osten und dann Ober­präsident von Ostpreußen wurde, ist bekannt. Noch 1919 ließ sich August Winnig auf der Weimarer Tagung des Baugewerksbundes also vernehmen: Die deutsche Revolution muß sich auswachsen zur Weltrevolution, sonst ist sie ein Sturm in einem Glase Wasser." Seine ganze Rede war Kampfaufforderung für eine sozialistische Republik, die der Weltrevolu tion die größte Schwungkraft geben" würde. Und dann..., ja dann kam mit dem 13. März 1920 der Kapp Putsch und wer stellte sich sofort auf die Seite der Gegenrevolution? Auguſt Winnig! August Winnig, der auf die Weimarer Verfassung den Beamteneid geleistet, der darüber hinaus öffentlich für Republik , Sozialismus und Weltrevolution eingetreten war

Pflicht ohne Ende! Offenbar doch wie die Freiherrenregierung fie als mustergültig auf­faßt. lz.