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Abend- Ausgabe

Nr. 560 B 272 49. Jahrg.

Rebattton und Berlagi Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher A7 Amt Dönhoff 292 bis 297 Telegrammabresse: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts

BERLINER

VOLKSBLATT

MONTAG

28. November 1932

Jn Groß Berlin 10 Pf. Auswärts. 10 Pf.

Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise siehe Morgenausgabe

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

,, Waffenstillstand?"

Schleichers politische Erkundungs­

versuche

Papen bedeutet Krieg, Krieg der Reichsregierung gegen das deutsche Volk, das Papen und den Papen- Kurs mit Neun­zehntelmehrheit verurteilt. Eine Regierung, die mit der Mehrheit des Volkes und der Bolksvertretung in Frieden zusammen­arbeiten fann, ist nicht zu finden. Also redet man von einer Regierung des Waffen­still stands und nennt als ihren Chef Herrn v. Schleicher.

Man möchte zunächst wenigstens verhin dern, daß der Zusammentritt des Reichstags sofort wieder zu einer Explosion führt. Im Reichstag haben aber Nazis und Kommu­nisten die Mehrheit. Es genügt, daß die Nazis mit den Kommunisten stimmen, dann ist es sowieso mit dem Waffenstillstand nichts.

Vormarsch in Belgien

Eigener Bericht des Vorwärts"

Brüssel , 28. november.

Die vorläufigen Wahlergebnisse zeigen ein startes 2nwachten der sozialistischen Stimmen in allen Teilen des Landes, mit ein­ziger Ausnahme von Cütlich und Verviers , wo die kommunisten einigen Boden Boden gewinnen

fonnten.

Der Gewinn der Sozialisten beträgt insgesamt etwa 10 Proz. und vielleicht acht Mandate, die in Brüssel , Antwerpen , Ostende , Tournai und Mons erobert wurden.

Die& atholiken halten sich gut und ge­winnen auf Kosten der flämischen Front­partei an Stimmen, die große Berlufte erleiden. Die Liberalen erleiden in fast allen Wahl­freifen ein fatastrophale Niederlage. Die kommunisten dürften je ein Mandat in Lüttich und Charleroi erobern, dagegen ihr bis­heriges einziges Mandat in Brüssel zugunsten der Sozialisten verlieren.

Für die Sozialdemokratie steht die Frage des Waffenstillstands" ganz einfach. Der Kampfzustand zwischen der Sozialdemo­fratie und den regierenden Kreisen von heute ist durch einen unprovozierten geradezu überfallsmäßigen Angriff der regie deutschen Katholiken noch die Sozialisten besonders

renden Kreise auf die Arbeiter tlasse geschaffen worden. Die politische und soziale Reaktion hat in ihrem Klassen­fampf von oben wichtige Positionen ge= wonnen, sie hat das mit Methoden getan, deren rechtliche Unzulässigkeit feststeht. Wäre es den Machthabern von heute ernst mit ihrer Absicht, einen Waffenstillstand mit der Arbeiterklasse und ihrer politischen Vertre= tung herbeizuführen, so müßten sie zunächst jene Positionen räumen und das be­gangene Unrecht wieder gutmachen. Wollen sie das nicht tun, so ist jeder Ge­danke an eine auch nur vorübergehende Ein­stellung des Kampfes widersinnig.

Auf die Frage, wie mir uns eine Regie­rung vorstellen, die der Regierung Papen folgen soll, haben wir schon einmal geant­wortet, diese Regierung müßte das genaue Gegenteil der Regierung Papen sein und das genaue Gegenteil von dem tun, was die Regierung Papen getan hat. Eine Regierung aber, die das Wert Papens fort­setzen oder auch nur bewahren will, hat mit der schärfsten Gegnerschaft der Sozialdemofratie zu rechnen.

Es heißt, daß jezt Herr v. Papen selbst seine Unmöglichkeit als Kanzler erkannt hat und seine Entlassung wünscht. Wäre das richtig, so wäre das der erste Fall, in dem wir die Absichten dieses Herrn billigen fönnten. Sein Verschwinden würde die innerpolitischen Spannungen für den Augen­blic ebenso erleichtern, wie seine Wiederkehr sie bis zur Explosionsgefahr verschärfen würde. Für die Sozialdemokratie aber fommt es darauf an, daß nicht nur die Person Papen , sondern auch das System Papen verschwindet. Dieses System wird sie bekämpfen, solange auch nur ein Rest von ihm besteht!

Verfall des Pfundes

Am Montag neuer Rückgang

aus­

Nach der vorübergehenden Erholung am Sonn­abend sank das Pfund am Montag wieder auf 3,20 Dollar, womit der tiefste Stand, den das entwertete Pfund je gehabt hat, erreicht ist. Die bevorstehende Auszahlung an ländische Kriegsanleihebefizer wird, in deutsche Währung umgered net, 2,2 Milliarden Mark be­tragen, und man befürchtet, daß wegen des an= haltenden Sintens der englischen Währung die meisten Auslandsgläubiger die erhaltenen Pfund­beträge fofort wieder auf den Markt werfen und damit zu einem neuen schweren Kurssturz Anlaß geben.

In Eupen Malmedy haben weder die

Bürgerblockmehrheit verringert

gut abgeschnitten. Dies ist vermutlich durch das Eingreifen des Erzbischofs von Lüttich gegen die Heimatbewegung verursacht worden. Im ganzen Яoa­dürfte die katholisch- liberale lition im Parlament eine knappe Mehr­heit erhalten. Aber selbst wenn die geschlagenen Liberalen sich wieder zu einer Koalition hergeben, wird dem Bürgerblod das Regieren recht fauer werden.

Einer Brüsseler Meldung der Telegraphen- Union zufolge dürfte sich die belgische Kammer nunmehr wie folgt zusammensetzen:

Katholiken 80( 76) Liberale 23( 28). Sozialisten 73( 70)

Flämische Frontpartei 8( 12) Rommunisten 3( 1)

Danach wäre der Mandatsgewinn der Sozia­listen etwas geringer als in unserer Meldung an­genommen wird, doch fügt der Bericht der Tele­graphen- Union hinzu, daß noch einige Ber eintreten schiebungen wahrscheinlich werden, da die Bestimmungen über Listenver­

Schleicher verhandelt

Noch immer kein Abschluß der Regierungskrise

bleiber

Reichswehrminister Schleicher und ebenso benio Papen haben am Sonnabend und Sonntag zahlreiche Besprechungen über die po­lifisch- parlamentarische Lage geführt. Schleicher führt hauptsächlich Unterredungen mit den politischen Parteien, die bis auf die Deutsch­nationalen und die Deutsche Bolkspartei mit dem geschäftsführenden Reichskanzler möglichst nichts zu tun haben wollen, während Papen in erster Linie damit beschäftigt ist, die Auffassung be­stimmter Wirtschaftsführer zu erkunden.

Schleicher hat am Sonnabend mit dem Deut­schen Volksparteiler Dingelden und Vertretern anderer Splittergruppen verhandelt. Am Sonn­tag führte er Besprechungen mit Hugenberg und dem Führer der Zentrumspartei Dr. Ka as sowie mit Göring . Schleicher sondiert nicht nur

Die starken Männer

Reichs

Regierung

Wenn du nicht kannst, laß mich mal, Bei mir geht das im Nu.

( Aelteres Couplet)

die Auffassungen der einzelnen Parteien zur gegenwärtigen politischen Lage, sondern erkundigt sich auch eingehend nach deren Stellung= nahme zu Papen , ihren Wünschen hinsicht­lich der fünftigen Politik und der zukünftigen

Reichskanzlerschaft, furzum, er interessiert sich für alles, was im Zusammenhang mit der Lösung der gegenwärtigen Krise überhaupt erwähnens­mert ist.

Das Ziel dieser Besprechungen ist, eine Ent= spannung der politischen Lage her= beizuführen, indem man versuchen will, den Wün­schen der politischen Parteien entgegenzukommen, und möglichst an die Stelle Papens eine andere Persönlichkeit gesetzt werden soll. Als Nachfolger nennt man zur Zeit immer noch mit an erster

hudda

bindungen äußerst verwickelt sind und ein end­gültiges Resultat nicht vor Dienstag oder Mitt­woch zu errechnen sein wird.

An dieser Brüsseler. Meldung der Telegraphen­Union ist übrigens auch folgender Satz be­merkenswert:

Der verhältnismäßig starke Verlust der Libe­ralen geht auf gewisse örtliche Vorgänge in Ant­ werpen zurück, wo die Liberalen den Kommunisten den Kulturkampf ansagten, was den letteren einen unerhörten Auftrieb gab."

Die stramm nationale" Telegraphen- Union ent­deckt also auf einmal, daß in Belgien die Kultur­propaganda gegen den Bolschewismus nicht ihren Urhebern nützt, sondern nur den Kommunisten einen ,, unerhörten Auftrieb" gibt.

Nur in Belgien ? Wenn ein TU.- Redak= teur eine ähnliche Festellung über die Wirkung der antibolschewistischen Propaganda der Barone machen würde, dann würde er sofort im weiten Bogen hinausfliegen. Es gibt eben Wahrheiten, die ein nationaler Mann nur erkennen und aus­sprechen darf, wenn sie sich in einem anderen Lande, offenbaren.

findet, hängt äußerlich wohl noch von einer Besprechung Dr. Breitscheids mit seinen engeren Parteifreunden ab. Innerlich ist diese Frage aber sicher schon erledigt. Die Sozialdemokraten denken nicht daran, irgendein Rechtsfabinett oder eine bürgerliche Regierung 3u tolerieren."

Diese Meldung gibt die Sachlage durchaus richtig wieder. Inzwischen hat heute um 12 Uhr und eine Unterredung zwischen Leipart Schleicher, um 12% Uhr eine Unterredung zwischen Breitscheid und Schleicher ſtatt­gefunden.

Stelle den gegenwärtigen Reichsaußenminister Werwolf revolutionär?

v. Neurath , der dazu iedoch ebenso wenig Neigung haben soll wie der ebenfalls viel ge= nannte Staatssekretär beim Reichspräsidenten Dr. Meißner.

"

Parlamentarisch soll sich das Ergebnis der Be­sprechungen in einem, Winterwaffen= still stand" zwischen Reichsregierung und Reichstagsfraktionen äußern. Man denkt sich diesen Waffenstillstand" so, daß sich der Reichs­tag nach Entgegennahme einer Erklärung der neuen Regierung bis Anfang oder Ende März vertagt und die Regierung in der Zwischenzeit die mit den Fraktionen vereinbarten Maß­nahmen zur Arbeitsbeschaffung durchführt.

Im Zusammenhang damit erörtert man selbst­verständlich die Frage, was werden soll, wenn der Reichstag sich auf einen derartigen Waffen­stillstand nicht einläßt und die Regierung ein Mißtrauensvotum erhält.

Borerst scheint nur das eine ziemlich sicher zu sein, daß man selbst in Kreisen der geschäfts­führenden Reichsregierung eine Wiederkehr Papens zu verhindern wünscht, weil man sich end­lich auch dort über die Konsequenzen einer der artigen Wiederkehr im flaren ist.

Leipart und Breitscheid bei

Schleicher

leber die Besprechungen Schleichers und feine Einladungen zu Besprechungen mit Gozialdemo fraten wurde von einer Nachrichtenagentur folgende Meldung verbreitet:

,, lleber die ganzen Besprechungen ist der Schleier tieffter Bertraulichkeit gebreitet. Das gilt auch für gewisse Fäden, die General von Schleicher zu den Sozialdemokraten zu spinnen versuchte. Er hat sich wohl mit Dr. Breitscheid in Verbindung gesetzt, eine Besprechung ist aber am Sonntag nicht zu­stande gekommen, und ob sie am Montag statt­

Eine neue Spielerei

"

Eisleben , 28. November. Auf der Reichsführertagung des Bundes Wer­wolf" lauteten die Berichte der Führer der Wer­wolfgliederungen übereinstimmend dahin, daß Deutschland sich in einer schnell wachsenden Revolutionierung befinde. Es wurde eine Entschließung gefaßt, in der es heißt: Weder das parlamentarische System, noch ein Präsidial­kabinett würden in der Lage sein, den not­Der wendigen Umbruch zu vollziehen. Werwolf glaube, daß er nach seiner zehnjährigen stillen Vorbereitung die Führung der Revolution in entscheidender Stunde übernehmen werde und fönne.

Es wurde erklärt, daß der Werwolf damit die Entwicklung vom Bund zur nationalrevolutionären Kampfbewegung vollzogen habe.

Ueberflüssige Anklage

Strafverfahren

gegen den ,, Wahren Jacob "

Gegen den verantwortlichen Leiter des ,, Wahren Jacob ", Genossen Friedrich Wendel , ist wegen an­geblicher Verächtlichmachung firchlicher Einrich­tungen und Gebräuche( Berstoß gegen§ 166 StGB.) das Hauptverfahren eröffnet und die Ver­handlung vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte auf den 5. Dezember, mittags 1 Uhr, angesetzt worden.

Das Vergehen wird in dem Titelblatt der Nr. 17 des ,, Wahren Jacob" erblickt, die seinerzeit zu einem vierwöchigen Verbot führte. Das Titel­blatt zeigte eine hafenfreuzgeschmückte Guillotine in Form eines monftranzähnlichen