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ZWEITE BEILAGE

FREITAG, 2. DEZ. 1932

321 ROMAN von STEFAN POLLATSCH EK]

(Copyright Satutn-Terlag.)

Sie haben mir damals sehr geholfen, Herr Weltlin. Heute muß ich zwar in diesem Lokal Klavier spielen, obwohl das gar nicht mein Instrument ist, aber damals war mir Ihr Geld eine große Hilfe." Beschämen Sie mich nicht! Ich hätte Ihnen zu jener Zeit den zwanzigfachen Be- trag geben können und sollen und tat es nicht. Das war schlecht von mir." Nein, oh nein! Ich glaube, Sie können überhaupt nichts Schlechtes tun. Ich habe viel von Ihnen gehört und viel über Sie ge- lesen. Ich bin stolz darauf, mit Ihnen ver- wandt zu sein, Herr Weltlin! Ich möchte Sie fragen, ob ich Ihnen das Geld zurück- geben darf. Auf einmal ginge das zwar nicht, aber ich könnte Ihnen jede Woche etwa fünf Mark retournieren." Aber, aber..." Ich sehe doch, daß es Ihnen nicht allzu glänzend geht, Herr Weltlin. ich kann die paar Mark wirklich entbehren." Weltlin sah auf, und sah in ein blasses, reines Gesicht. Nein, ich benötige das Geld nicht", sagte er langsam,ich habe alles, was ich brauche." Aber ich will nicht ewig Ihr Schuldner bleiben. Darf ich Sie besuchen? Bitte geben Sie mir Ihre Adresse! Aber ich muß nun wohl wieder zu meinem Marterkasten. Die Leute werden sonst ungeduldig und dann könnte ich kaum meine Schulden abstatten. Darf ich also kommen?" Kommen Sie so oft Sie wollen, mein Lieber", brachte Weltlin mühsam hervor und fühlte, daß seine Hand schmerzhaft stark gedrückt wurde. Sehen Sie, mein Fräulein", sagte Weltlin nach einer langen Pause,sehen Sie, es gibt immer noch Menschen auf dieser gottverdammten Welt."

Die Berichte, die Crusius über Ernas Lebensführung erhielt, waren abenteuer- licher Art. Als sie dem Willen ihres Vaters gemäß die große Summe Geldes ausbezahlt bekam, war sie auf Reisen gegangen. Bon Zeit zu Zeit bekam Crusius' kurze Gruß- karten, aus Holland , Frankreich , England, Skandinavien . Auch ihrer Mutter schrieb sie nicht ausführlicher, es waren meist trockene, oberflächliche Mitteilungen über Landschaf- ten, Menschen, Gebräuche. Dennoch wußte Therese Dinge zu erzählen, Einzelheiten, Er- lebnisse, deren Quellen sie geheimhielt und auch vor Crusius nicht nannte. Es schien aber, als wäre sich der über die Glaub- Würdigkeit solcher Erzählungen im klaren. Therese war eine alternde Frau geworden, von krankhaft gesteigerten Phantasievisio- neu besessen, längst war ihr Wesen dem Lebensgefährten unverständlich geworden. Nach ihren geheimnisvollen Berichten hatte die Tochter in schwangerem Zustand die Heimat verlassen, in Frankreich ein Kind zur Welt gebracht, einen Knaben, dem sie den Namen Wilhelm gegeben hatte. Kaum genesen, habe sie das Kind verlassen und mit einem jungen Spanier eine Reise nach Schottland angetreten. Der Spanier sei dann gegen einen Finnen, der Finne gegen einen Holländer und der Holländer gegen einen Amerikaner getauscht worden. All dem hörte Crusius geduldig zu. Nicht eine Miene verriet, daß er diesen Phantasien keinen Glauben schenke, nicht ein einziges Mal fragte er auf welche Weise Therese in den Besiß dieser Kenntnisse gelangt sei. Er saß da. hörte zu, dachte an ferne, vergangene Tage, da diese Frau ihm so viel bedeutet hatte, und zeigte auch keine Bewegung, als der Amerikaner von einem Asiaten abgelöst worden war. Und nun war Erna wieder daheim. Um die Mittagsstunde hatte sie Crusius ange- rufen und ihren Besuch avisiert. Sie hatte

angefragt, ob sie einen jungen Ausländer mitbringen dürfe, der den sehnlichen Wunsch habe, den berühmten Gelehrten kennen zu lernen. Als sie dann in Gesellschaft eines hochgewachsenen Mannes von brauner Ge- sichtsfarbe eines Inders bei ihm er­schien, war Crusius seltsam bewegt. Waren also die phantastischen Erzählungen The- resens doch Wahrheit oder kamen sie der Wahrheit nahe? Auf welche Weise wußte Therese hiervon? Waren unsichtbare Ver- bindungen zwischen Mutter und Tochter vor- handen? War es die Stimme des Blutes? Er lauschte dem Wortschwall der jungen Dame. In einer Atempause fragte er, ob Erna schon ihren Vater aufgesucht habe. Ja, war die Antwort, bereits gestern, doch habe

sie ihn nicht angetroffen: die alte Frau habe bloß gewußt, daß sich ihr Mieter auf eine Wanderung begeben, Ziel und Dauer jedoch nicht genannt habe. Sie hätte angenommen. daß Albert um die Absichten des Vaters wüßte, aber weder der, noch die wenigen Parteifreunde waren informiert. Man ver- mutete nur, daß Weltlin, von seiner fixen Idee, den Verbrechen der Zeit nachzuspüren, immer mehr besessen, sich vielleicht in die Tschechoslowakei begeben habe, wo gerade der Prozeß gegen einen Arzt geführt werde. der aus wenig durchsichtigen Gründen seine Frau ermordet hatte. Eine telegraphjsche Anfrage, ob sich Weltlin in der betreffenden Stadt aufhalte, wurde verneinend beant- wartet: ob etwa Crusius etwas über den Verbleib des Vaters wüßte? Nein, ant­wortete der, ihm sei gar nichts bekannt: vielleicht sei nur das Bedürfnis des Wan - derns maßgebend gewesen. Solche Bedürf- nisse seien bei Männern eines gewissen Alters durchaus nicht selten, er selbst, Crusius, sei zu wiederholten Malen von solchen Wünschen heimgesucht, deren Er- füllung er sich aber versagen müsse, da ihn seine Arbeit nicht loslasse: der weitaus freiere Freund aber, der so glücklich sei, der- artige Bindungen und Hemmungen hinter sich zu haben, könne sich diesen Wünschen

LBenediM,(lerileuuimihveife Sine SSauerngelchichte/ Ton Andre.ßuitlon

"Alle Tage ist kein Sonntag, aber ein Stück Sonntag hat jeder Tag.an dem man KAFFEE HAB trinkt

Vater Benedikt war ft5 Jahre alt. Wenn einen in diesem Alter ein Uebel befällt, so sitzt es meist im Kopf oder im Kreuz oder auch im Magen. Bei ihm war es nicht so arg: kaum der Rede wert so ein ganz kleines bißchen im Daumen der rechten Hand. An einem schönen Morgen stellt« er die Sache fest. Als er ihn krümmen wollte, mußte sich Vater Venedikt sagen, daß dieser Daumen wider- spenstigerweise ganz steif blieb. So etwas wie ein kleiner Knochen verhinderte ihn sich zu krümmen. Pöh! Ein steifer Finger macht nichts bei der Arbeit. Die Ernte ging bald zu Ende. Die ganze Woche über fuhr er sein Getreide ein. Erst am Sonntag, als er sich auf der Jagd befand und seine Flinte ausi einen Hasen zueckte pafs!, geschah es Bater Benedikt, der sein Leben lang kein Tier veriehtt hatte, daß er einen Schuß ins Leere tat. Dieser verfluchte Finger!" Etwas später stieg das Uebel äus der Um­friedung. in der es sich verschanzt hatte, in die Hand und nistete sich zwischen den Knochen des Handgelenks ein. Die Hand war nicht tot, da sie ja brannte. Deshalb war sie aber doch nicht zu brauchen. Im übrigen war es nicht so schlimm mit ihr. Kann man seine Arbeit nicht mit der Rechten machen, macht man sie mit der Linken. Aber nach der Ernte, als er den Pflug führte, um ein Feld zu bearbeiten, benötigte er seine beiden Hände auf einmal. Holla, holla! Er gab sich die größte Mühe. Mer zum ersten Male halte Vater Benedikt, der sein Leben lang kerzen- gerade Furchen gezogen hatte, ganz schiese gemacht. Dieses verfluchte Handgelenk!" Im darauffolgenden Sommer wanderte das Uebel, das während des Winters seinen Platz nicht verlassen hatte, vom Handgelenk in die Hand hinunter und entschwand durch den Daumen. Fort! Nur ein bißchen Steifheit blieb zurück. Danach hätte man vermuten können, daß es niemals wiederkommen oder doch dort wieder- kommen würde, wo es entschwunden war. Ge- sehU! Eines guten Morgens, als sich Vater Ben«- dikt aus seinem Bett erhob, kam es anderswo zum Vorschein. Diesmal im Bein und nicht auf der rechten Seite wie bei der Hand, sondern aus der linken Seite. Das Bein schwoll erst ein bißchen an, dann ein bißchen mehr, dann sehr Wenn er es beim Sitzen ausgestreckt hielt, ging es ja so ziemlich. Aber sowie er aufstand, ei wei!, er hatte nicht genug Hände, um sie an sein Bein zu hallen, an sein Kreuz, an sein« Hüften..., be- hende war dieses Uebel wie eine tückische Katze: in allen Teilen seines Körpers faß es zugleich. Sollte er sein Leben damit zubringen, auf einem Stuhl, zu hocken und zu seufzen? Man mußte sich Klarheit verschaffen. Eines Tages kam der Tierarzt, um eine Kuh zu besichtigen. Diesem guten Tier fehlte Gott sei Dank nichts. Da Sie nun mal hier sind", sagte Vater Venedikt,sehen Sie sich doch auch mein Bein an." D a s". sagte der Tierarzt,ist Rheunjatismus. Gehen Sie zum Doktor." Rheumatismus! Vater Benedikt würde gerade wegen eines lumpigen Rheumatismus seine Groschen zum Doktor tragen! Nicht weit von ihm wohnte der Schäfer Joseph. Der Schäfer Joseph wußte alles. Als die Tochter des Stellmachers in andern Umständen war, hatte er ihr ein Tränklein aus Kräutern gebraut. Dieses Träntlein Halle so stärkend gewirkt, daß diese brave Frau, obwohl sie nicht zu den kräftigsten gehörte. Zwillingen das Leben schenkte, einem Knäblein und einem Mägdelein, die allerdings während der Geburt starben was absr alles in allem ein Segen war. denn die Mutter verschied

ebenfalls aljobald. Er verstand sich darauf, den Schafen die Dornen herauszuziehen, die sie sich beim Weiden im Gestrüpp eintraten. Es mußte doch noch viel einfacher sein, dem Voter Benedikt das Uebel herauszuziehen, das er sich ins Bein getreten hatte. Eines Morgens schleppte sich Vater Benedikt also au, au, au! so gut er konnte zum Schäfer. Schäfer Joseph ließ sich nicht lange bitten. Er forderte 2» Sous und jagte: Die Tierärzte jind Esel". Und fügte hinzu' Die andern Aerzte auch" Was Vater Benedikt quäle, fei nicht Rheuma- tismus. Auch nicht, wie man hätte glauben können, ein Knochen. Nein,«in Wind! Dieser Wind sei durch ein Loch hereingekommen, das sich Vater Benedikt, ohne es zu wissen, unter dem Nagel gestoßen habe. Das geschieht auch, wenn sich die Schafe zwischen den Wurzel» verwickeln. Vom Nagel sei der Wind in den Arm gestiegen, in den Körper geschlichen und warte jetzt auf eine Gelegenheit, zum Bein herauszuschlüpsen. Vielleicht genüge ein Einschnitt, um den Ausweg zu ermög- lichen. Aber ein Einschnitt könne das Blut ver- giften und es stehe noch mehr auf dem Spiel: «inen Frank koste das. Vater Benedikt solle also nach Hause gehen, sich ein schönes Stück Kuhmist aussuchen und als Pflaster aufs Bein pappen. Acht Tage und das Pflaster werde den Wind ausgesaugt haben. Heilmittel sind bekanntlich um so wirksamer, je mehr Schmerzen sie verursachen. Vater Benedikt kehrte heim, legte das Pslaster auf und hatte große Schmerzen. Er hatte, wenn man so sagen darf, für seine Zll Frank vollauf genug. Am ersten Tage den Gestank konnte man gerne in Kauf nehmen mors nicht schlimmer und nicht besser als vorher. Zweifellos verhielt sich der Wind mäuschenstill in seiner Ecke. Am zweiten Tage war der Gestank verschwunden, der Schmerz blieb derselbe. Am dritten Tage fing der Wind an, sich im Bein zu rühren. Auch in der Wade begann es zu stechen. Gegen Abend trat ein Brennen hinzu. Am vierten Tage mußte sich Vater Benedikt zusammennehmen, um nicht das Pflaster in die Hölle zu schicken. Pfui Teufel, das stach und brannte nicht nur, dieser böse Wind unter dem Kuhmist fulzr hin und her, um einen Ausweg zu finden, so daß das Bein zum Platzen anschwoll. Am sünsten Tage begann Vater Benedikt zu stöhnen, und wußte nicht mehr, wo es ihm am meisten weh tat: in der Wade, im Fuß, im Knie oder sogar habt ihr Worte� im Kops, in dem der Wind mit heftigen Stößen tobte. Schließlich kam der achte Tag. Man wartete den Abend nicht ab. Man entfernte das Pflaster. Man betrachtete die Stelle. Wie der Schäfer gesagt hatte, hatte sich der Wind ein großes Loch geöffnet. Nur war das Bein jetzt doppelt so dick wie früher, und nanu?, als man es mit kaltem Wasser gewaschen halte, war es nicht mehr rot, sondern blau. Ob er wollte oder nicht, seine Frau ließ Geld hin, Geld her den Arzt kommen. Die Aerzte sagen, was ihnen paßt, und die Frauen sind sich alle gleich. Kaum hatte ihm die Alte den ersten Löffel Medizin verabreicht verlor Vater Benedikt alle Lust zu esien und zu schlafen und verlangte nur noch zu trinken. Und sein Beut wurde so steif. daß die Steifheit den ganzen Körper steif machte und er sich nicht mehr rühren konnte. Holla, holla Vater Benedikt glaubte wahrhaftig, er müfle sterben. Aber seine Gesundheit war stärker al« die

hingeben... Wenn es aber Erna beruhige, wolle er gern geeignete Nachforschungen an- stellen lassen. Während des Sprechens fühste Crusius die ganze Zeit hindurch die suchenden, glei- tenden, tastenden Blicke des jungen Inders. Er fühlte ein seltsames Brennen der Haut. Sie sind Inder?" wandte er sich dann an den Besucher. Mischling. Herr Geheimrat." Wie gefällt es Ihnen in Europa ?" Oh, ich kenne Europa gut. Ich habe in Paris , Berlin und München studiert, ich kenne ganz Westeuropa ." Und wie lange bleiben Sie hier?" Solange es dem gnädigen Fräulein ge- fällt", sagte der junge Mann, und Crusius mußte über die Formelgnädiges Fräu- lein" unwillkürlich lächeln sprach hier ein Inder oder ein ehemaliger preußischer Gardeoffizier? Aber der junge Mann sah bescheiden zu Boden, und nur Erna hielt den Blick des Professors aus, ja sie er- widerte ihn mit einem rätselhaften Lächeln, das Crusius ein wenig unsicher machte. Zum Glück aber war ja ein junger Mann da, mit dem man das Gespräch fortsetzen konnte:Wann waren Sie das letztemal in Europa ?" (Fortsetzung folgt.)

Medizinen des Doktors Nach drei Monaten haue sie gesiegt: er konnte wieder gehen An einem Julimorgen jedoch, als er Holz spaltete, stellte er fest, daß er einen Finger nicht krümmen konnte. Potzblitz! Knochen. Rheumatis- mus oder Wind er würde sich nicht von neuem mit Medizin vergiften lassen. Wenn er sich auch während seiner Krankheit nicht bewegen konnte, so hatte er doch hören können. Es waren gute Nachbarn erschienen. Die einen hatten gesagt: Rheumatismus ? Braucht Wasser, muß ertränkt werden." Die andern: Rheumatismus ? Ist Frost, mutz erhitzt werden." Er hatte eine gute Idee. Seine Frau war auf dem Felde. Er machte ein mächtiges Feuer im Backofen, zog die Kohlenglut heraus, kroch hinein und schloß die Tür... Punkt zwölf kam seine Frau zum Essen nach szause. Sie suchte Benedikt. Er war nicht in der Küche, nicht auf dem Boden und auch nicht im Keller. Aber dort der Backofen die rauchenden Kohlen, eine Bombenhitze... Es war doch heute nicht Lacktag. Großer Vater im Himmel! Da drin war ja ihr Mann. Benedikt! Verdammtes Luder, kommst du heraus?!" Aber Vater Benedikt wollte nicht hören. Drei Leute mußten anpacken. Man legte ihn auf den Tisch. Und da blieb er liegen wie ein gebackcncs Brot. lAutorisier!« Uebcrsctzung aus dem Französischen von Lina Frei, der.

Hilfe bei Arterien - Verkalkung

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