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Abend-Ausgabe

Nr. 596 B 290 49. Jahrg.

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19. Dezember 1932

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Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Eduard Bernstein

Am Sonntagmittag ist unser Genosse Eduard Bernstein kurz vor Boll­endung seines 83. Lebensjahres in Berlin gestorben.

Einer der Großen aus der Geschichte der deut­ schen und der internationalen Arbeiterbewegung ist von uns gegangen: Eduard Bernstein , dessen weißes Gelehrtenhaupt aus einer der fämpfereichsten Epochen in unsere Zeit ragte, der noch bis in die letzten Monate seines Lebens leidenschaftlichen Anteil nahm an den politischen Geschehnissen der Gegenwart und besonders an dem Ringen der Arbeiterklasse.

Was Eduard Bernstein der Internationale und besonders der deutschen Sozialdemokratie bedeutet hat, ist kaum mit menigen Strichen zu umreißen. Er war einer der großen Theoretiker der Partei, auch wenn diese nicht immer jeine Wege gegangen ist. Er war daneben aber auch ein heißblütiger Kämpfer, den es nicht in seiner stillen Gelehrten­stube litt, sondern der sich mitten im politischen Kampfgewühl am wohlsten fühlte.

Man hatte ihm nicht an der Wiege gesungen, daß er einmal den sozialistischen Theoretiker und Politiker von Beltruf in einer Person vereinigen würde. Am 6. Januar 1850 geboren, wuchs er als Proletarierkind auf. Sem Vater war ein fleiner Lokomotivführer an der damals noch pri­vaten Anhalt- Berliner Bahn. Aber die Eltern schufen unter eigenen Entbehrungen ihm die Mög lichkeit einer besseren Schulbildung. So ward er Schüler des Werderschen Gymnasiums in Berlin . Obschon seiner ganzen Beranlagung nach zum Bissenschaftler gefchatten, tonnte er doch den Be fuch der Universität nicht ermöglichen. Deshalb trat er nach Beendigung der Schulzeit als Lehr­ling in ein Bankgeschäft ein. Schon früh ent­widelte er die besondere Anlage, die ihm Zeit seines Lebens treu geblieben ist, nämlich die in feinen Gefid, tsfreis tretenden Ereignisse gedank­lich zu zerlegen und sich aus den einzelnen Teilen wieder ein Ganzes zu machen.

Wenig mehr als 20 Jahre alt, trat er dem demokratischen Verein in Berlin bei, dem auch jein langjähriger Freund Paul Einger ange­hörte, um sich dann, Johann Jakoby folgend, 1872 zum Protest gegen den Leipziger Hochver­ratsprozeß der Sozialdemokratischen Arbeiter­partei( Eisenacher) anzuschließen. In dieser er­lebte er die schweren Bruderkämpfe mit, die mit den Lassalleanern ausgefochten wurden, bis end­fich 1875 der Einigungskongreß von Gotha unter diese Periode einen Strich machte

Im Jahre 1878 folgte Bernstein dem Rufe Karl Höchbergs nach der Schweiz , wo er als dessen Privatsekretär an der Herausgabe der Zukunft" und anderer sozialistischer Schriften beteiligt war. In der Schweiz fiel ihm dann die Aufgabe zu, die ihn für Jahrzehnte auf das innigste mit der fozialdemokratischen Bewegung Deutschlands ver fnüpfen sollte. Er wurde 1881 als Nachfolger Bollmars zur Leitung des Sozialdemokraten" be­rufen, der in Zürich als Zentralorgan der in Deutschland verbotenen, verfolgten und verfemten Sozialdemokratie herausgegeben wurde. In engster Zusammenarbeit mit den führenden deutschen Parteigenossen und mit den Altmeistern der so­ zialistischen Theorie gestaltete er das Blatt zu dem schlagkräftigen Kampf- und Werbeinstrument, das trop Sozialistengesetz und Spizelgezücht in Zehntausenden von Exemplaren in Deutschland verbreitet wurde und das den versprengten Ge­nossen ein Band der geistigen Verknüpfung bot. Auf Betreiben Bismards gleichzeitig mit Motteler aus der Schweiz ausgewiesen, übersiedelte Bern­ stein Ende der achtziger Jahre nach London , von wo der Sozialdemokrat" ähnliche Echmugnelwege nach Deutschland fand wie er sie nen der Schweiz aus gefunden hatte. Der Zorn der deutschen Po­lizei und Justiz über die Wirksamkeit des., So­zialdemokrat" war so groß und nachhaltend, daß bte Sted briefe gegen Bernstein und Motteler auch dann nicht aufgehoben wurden, als

das Sozialistengesez längst verfault war. Erst nach der Jahrhundertwende war es beiden mög­lich, in die Heimat zurückzukehren.

Durch die jahrzehntelang währende Berbannung fonnte Eduard Bernstein zwar nicht alle Phasen der Entwicklung in der deutschen Sozialdemokratie mitkämpfend erleben; aber er nahm nichtsdesto weniger lebhaften Anteil an ihnen, soweit das be­

sonders von London aus möglich erschien. Biel­leicht gerade durch seine Abwesenheit von der Heimat gab er unbewußt und ungewollt den An­stoß zu jenen lebhajien Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratie, die als Kämpfe um den ,, Revisionismus " bekannt sind und dauern­den Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen haben. Von London aus schrieb er jene theoreti­schen Aufsätze, die als Kritik an den Grundlagen des Marrismus und der sozialistischen Pragis in Deutschland empfunden wurden Sie riefen leb= hafte Entgegnungen und heftige Parteinahme her vor. In den Zeitschriften und den Tagesblättern der Partei, in Versammlungen und auf Partei­tagen wurde um den Berniteinian: smus", den ,, Revisionismus " und andere Ismen leidenschaft­lich gerungen. Es ging nicht immer ganz fried­lich dabei zu. Aber so hoch auch die Wogen der Polemik gehen mochten, Bernstein selbst blieb immer bemüht, die fachlichen Erörterungen Don persönlichen Zuspigungen frei zu halten.

Die Entwicklung hat diesen Streit um Theorien und Lehrsäge in den Hintergrund treten lassen. Die Tatsache, daß die Sozialdemo­fratie Deutschlands durch ihr eigenes Wachstum vor immer neue politische Aufgaben gestellt wurde, lenkte die Aufmerksamkeit der Arbeitermassen mehr auf die praktische Tätigkeit in Gewerkschaft und Partei. Und Eduard Bernstein , der sich bald nach seiner Heimkehr aus London mit Eifer an die politische Arbeit begab, fand in ihr reiche Ge= legenheit, seine Kräfte dem Proletariat dienstbar zu machen. Als Abgeordneter im Deutschen Reichs­tag( 1902 bis 1906, 1912 bis 1918 und dann von 1920 bis 1928) sowie als Stadtverordneter und Stadtrat in Schöneberg , fonnte er zeigen, daß seine Stärke nicht nur in der Theorie lag.

Seit ihn 1902 der Wahlkreis Breslau- West an des verstorbenen Bruno Schönlonks Stelle zum erstenmal in den Reichstag fandte, gehörte er zu den pflichteifrigsten unter den Volksvertretern. In Kommissionen und im Plerum fard sein durch tiefe Sachkenntnis gestüztes Wort Beachtung. Aber über den Saal des Reichstags hinaus reichte sein vielfaches Wirken für die Idee des Sozialis mus. In den großen Bolfsversammlungen wie in fleinen Zirfeln der Parteigenoffen, auf dem Ka­theder atademischer Hörsäle mie am Rednerpult missenschaftlicher Bereine war er zu finden. Er

warb um die Erkenntnis des Fabritarbeiters mit der gleichen Begeisterung wie um das Verständnis bei den Intellektuellen.

Aber neben der praktischen politischen Wirksam­feit als Redner und Agitator, als Reichstagsabge­ordneter und Kommunalpolitiker entfaltete er eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, die der deutschen sozialistischen Literatur eme Reihe der besten Werte bescherte. Die Zahl seiner Bücher ist außerordentlich groß. Seine Gesamtausgabe der Werte Lassalles ist weit bekannt. Seine theoreti schen Schriften nicht minder. Besonders seine ,, Boraussetzungen des Sozialismus und die Auf­gaben der Sozialdemokratie". Aber auch auf dem Boden der Geschichte hat er Hervorragendes ge­leistet. Seine dreibändige ,, Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung" bietet ein unerschöpfliches Ma­terial für die Beurteilung des Weges, den die Partei in Berlin gegangen ist. Ebenso wertvoll ist seine Geschichte des Deutschen Schneiderver= bandes. Unzählig sind seine parteigeschichtlichen Aufsätze, die in einer Reihe von Zeitschriften zerstreut sind. In den letzten Jahren war wohl faum einer noch in unserer Mitte, der im gleichen Maße persönliche Erinnerungen an die Mit­tämpfer von ehedem mit dem umfassenden theore­tischen Wissen und der Fülle internationaler Be= ziehungen verband wie Eduard Bernstein .

Sein Name hatte nicht nur innerhalb der deut­ schen Grenzen einen guten Klang, sein wissen­schaftlicher Ruf war in der ganzen Welt ver­breitet. Man tann wohl sagen, daß von den deutschen Sozialisten außer Mary, Engels und Kautsky feiner einen so internationalen Gelehrten­ruf sich erworben hat wie Eduard Bernstein .

An der Bahre dieses Alten stehen heute trauernd nicht nur die deutsche Sozialdemokratie, sondern auch die sozialistischen Schwesterparteien der In­ternationale. Schwer lastet auf jeden, der Bern­ steins Persönlichkeit und sein Wirken kannte, der Berlust dieses hervorragenden Mannes, dessen Mitarbeit sich auch der ,, Vorwärts" durch lange Jahre hindurch erfreuen durfte. Oft werden wir diese Mitarbeit schmerzlich vermissen. Aber wenn ein Trost am offenen Sarge bleibt so ist es der, daß durch Bernsteins Wort und Schrift unzählige neue Kämpfer für die gemeinsame Sache des So­zialismus gewonnen worden sind, die nun als ge= reifte Männer oder in strotzender Jugendkraft weiterbauen an dem Werke, dessen Fundament legen zu helfen dem Verstorbenen vergönnt war. Ein Großer aus der Geschichte der deutschen und internationalen Sozialdemokratie ist von uns gegangen. Wir trauern um den Heimgang des Führers und Kameraden, aber wir handeln in

seinem Geiste, wenn wir an der offenen Gruft den Blick vorwärts lenfen auf den Weg neuer Kämpfe, zu dem Ziel, das er erstrebt. Das Banner muß stehn, wenn der Mann auch fällt!

Ehrung durch den Parteivorstand Im Namen des Parteivorstandes erschient heute mittag der Parteivorsitzende Otto Wels Trauerhause und legte auf die Brust des toten Vorkämpfers Eduard Bernstein einen Strauß roter Nelken nieder.

Nachruf im Rundfunk

Zum Gedächtnis Eduard Bernsteins spricht heute, 19 bis 19.10 Uhr, Genosse Paul Kampffmeyer im Rundfunt.

Heute drei Uhr Ueberführung

Die Ueberführung der Leiche Eduard Bernsteins vom Sterbehause, Bozener Straße 18, nach dem Krematorium Wilmersdorf findet heute. 15 Uhr. statt.

Einäscherung am Donnerstag

Die Einäscherung Eduard Bernsteins findet am Donnerstag, 4 Uhr nachmittags, im Krematorium Wilmersdorf statt.

Beileidskundgebungen

Beim Vorstand der Sozialdemokratischen Partei und in der Redaktion des Vorwärts" laufen Bei­leidstelegramme in großer Zahl ein. Unter anderem drahtet der Parteivorstand der finnischen Sozialdemokratie aus Helsingfors :

Finnlands Sozialdemokratie ehrt das An­denken des Kämpfers und Lehrers Eduard Bernstein .

Die Auslandsvertretung der SDAP . Rußlands versichert:

Mit Ihnen und der ganzen Internationale trauern wir am Sarge Eduard Bern­ steins , des Altmeisters und Borkämpfers des marristischen Sozialismus, der als Lehrer und Mensch von uns allen tief verehrt und geliebt wurde.

Auch die georgische Gruppe der Sozial­demokratie in Deutschland beeilt sich, ihr Beileid auszusprechen.

Regierung Paul Boncour

Das Finanzprogramm Chérons

Eigener Bericht des Vorroärts"

Paris , 19. Dezember.

Das neue französische Kabinett Paul Boncour ist ernannt. Boncour übernimmt die Ministerpräsidentschaft das

Außenministerium.

und

Inneres: Chantemps, Finanzen: Chéron, Krieg: Daladier , Marine: Laygues, Luft: Painlevé , Unterricht: de Monzie, Kolo­nien: Sarraut , Arbeit: Dalimier .

Das Kabinett besteht einschließlich der Unter­staatssekretäre aus fünf Senatoren und 24 Ab­geordneten. Von den Senatoren sind zmei( Paul Boncour und Chéron) parteilos, die übrigen find Mitglieder der radikalen Senatsfrattion. Bon ben Abgeordneten find 15 Raditale, drei Mit

glieder der radikalen Linken, zwei parteilos( dar­unter Unterstaatssekretär Frot, der wie Paul Boncour der Sozialistischen Partei angehört hatte, aber infolge seines Botums gegen die Abschaffung der Reserveübungen freiwillig ausgetreten war), einer ist Sozialrepublikaner, einer französischer Sozialist", zwei sind Mitglieder der Unabhängigen Linken. Das Kabinett hat also fast die gleiche Zusammensetzung wie das Kabinett Herriot , was auch in der Besetzung der Ministerien mit fast denselben Personen zum Ausdruck kommt. Es wird, wie Paul Boncour erklärt hat, auch

die Politik Heriots fortsetzen; nur in der Finanzpolitik und der Schuldenfrage wird es eine andere Haltung

einnehmen. Der Versuch Paul Boncours, den früheren Minister Biétri zum Eintritt in sein