gegangen waren, daß ich plötzlich sehe, daß ein Mensch unserer Zeit und fährt dann in seiner Schilderung der über die Erziehung seine Gedanken weiter entwickelt, auf mich gerade zugelaufen kommt. Ich hätte ihm aus Erlebnisse der Weihnacht fort:

dem Wege oder selbst zur Seite gehen müssen, als mich plöglich ein ganz eigenes Gefühl erfaßt. Ich war wie verblendet, erhebe mein Gewehr und schieße auf ihn los... Wie eine Garbe fiel der Arme hin, und stieß den lezten Seufzer aus... Und was für ein stattlicher Bursche war es! hoch und schlank, und hübsch und noch so blut­jung!... Von der Zeit an habe ich keine Ruhe! Ich werde wohl auch diese Gewissensqual mit in den Tod nehmen.

Und lebhaft steigen in den Erinnerungen von Sergei Ivanitsch die bitteren Klagen des Fuhrmannes auf und er meint den blutjungen, stattlichen Burschen zu sehen, wie er, von der Kugel getroffen todt niedersinkt und es kommen ihm die Erzählungen der andern Soldaten in den Sinn...

In der Hütte ist alles still. Nikolai singt nicht mehr. Sergei Joanitsch sitzt am Webestuhle, sein Schiffchen fliegt von einer Seite zur andern. Zuweilen schaut er aus dem Fenster heraus. Und zum Fenster herein guckt die Früh­lingssonne, und ihre Strahlen sind so warm, so ein­schmeichelnd... Und Sergei Ivanitsch ist es, als ob er mit eigenen Augen sicht, wie diese Strahlen die ganze Welt bescheinen, alles erwärmen, wie der Schnee ihnen nicht widerstehen kann und immer mehr zusammenschmilzt und verschwindet... So wirken die Sonnenstrahlen auch auf ihn. Es ist, als ob sie sich in sein Herz hinein- der schmeicheln und dort die Liebe zu den Menschen, zu allem, in was lebt, wecken. Wenn doch diese Sonnenstrahlen auf Alle eine solche Wirkung ausüben möchten!... Und wieder erheben sich alle ihn quälenden Gedanken und Fragen: warum lieben die Menschen einander so wenig? warum soviel Betrug und Lüge? warum quälen die Leute einander so unbarmherzig. 2" ( Schluß folgt.)

Aus Karl Hendel's Liedern.

Aus den aufstrebenden dichterischen Talenten der Gegenwart hebt sich Karl Henckel durch seine wahrhaft moderne Gesinnung, feine künstlerische Selbständigkeit und Formbeherrschung auf das Vortheilhafteste hervor.

Der Engel zu Kommerzraths kam Mit Atlaskleid und Schleppe, Mit Silbertand und Flitterkram, Dekolletirt und ohne Scham Wie eine feine Schneppe Champagnerpfropfen knallten zur Decke- Jesus von Nazareth , freue Dich!

Durch eis'ge Gassen schritt der Wind In weißem Todtenkleide Und mähte auf dem Weg geschwind Ein kleines, müdes Bettelkind

Mit seines Messers Schneide. Pfiff um ein fadenscheiniges Dach. Fuhr durch den Schornstein in's Zimmer, Da psalterte durch ein düst'res Gemach Eines Säuglings matt Gewimmer.

Die Mutter trug ihn auf dem Arm Und stillte kein Verlangen,

Ihr Auge glomm von langem Harm, Und Kinder, ach, daß Gott erbarm! Mit freidebleichen Wangen.

Die Hungergeister tanzten den Reigen, Das Unheil hockt' auf dem Ofenrost, Der Jammer hub an Crescendo zu geigen, Die Noth fraß Spinnen als Vesperkost.

-

-

-

-

Auch für den heldenhaften Kämpfer für die Rechte Arbeiter findet unser Dichter das rechte Wort. So einer Darstellung eines Begräbnisses:

Kein Salvenschuß, fein Trommelflang, Als sie den Freund begruben, Kein Sonnenschein, kein Lerchensang War doch ein Held sein Leben lang..

Der Herbstwind pfiff, sein Heulen schwoll, Die Weiden seufzten schaurig;

Die Schaufel voll, die Erde scholl, Verschränkten Armes stand der Groll Am Grabe stumm und traurig.

Kein Schwarzrock gab ihm das Geleit, Kein Pfarrer las die Messen;

Ein heilig Leid, ein schweigend Leid. In ihrem dunkeln Feierkleid Wehklagten die Cypressen.

In kleineren Sinngedichten hat Henckel auch seine Leider dürfte sein Enthusiasmus für die Sache des Meinung über Tagesfragen knapp und scharf ausgesprochen. Volkes mehr ein Ergebniß des Gefühls wie tieferer Studien Wir lassen einige Proben hier folgen: sein und daraus erklären sich wohl manche Seitensprünge, die der junge Poet neuerdings zu machen scheint: das Gefühl ist eben etwas sehr Wandelbares und leicht zu Be­einflussendes, während die Ergebnisse reifen Nachdenkens fest wurzeln.

Das soll uns aber die Freude an den bisherigen Leistungen Henckels nicht verkümmern und wir geben daher einige Proben aus seinen Liedern für unsere Leser wieder. Hendel singt mit Recht von sich selber:

Ich bin kein gotterkorener, Kein himmlischer Prophet, Ich bin ein staubgeborener, Ein irdischer Boet.

All meines Geistes Glut Ist Menschenhirn und-Blut, In meiner Mutter Schooß Keimt auf mein Dichterloos; Ich bin kein Sterngesendeter, Kein Engel aus der Höh', Ich bin ein Unvollendeter In Wonnen und im Weh.

Vom Vater trozig- schweigender, Von Mutter weicher Sinn, Vom Ahnen liedergeigender Poet ich worden bin. Beim ersten Liebeshauch Tönte die Seele auch, Leicht aus dem Kopfe schwang Sich eigner Rhythmen Klang; Ach, in der Heimath brausenden Eichenwäldern irrt' ich gern, Im Föhrenhain, dem sausenden, Träumt ich von Glück und Stern.

Ich bin ein schwertgegürteter Vorfämpfer in der Schlacht, Ich bin ein zartbemyrteter Spielmann auf stiller Wacht. Brozt die Berlogenheit, Bin ich zum Hieb bereit,

Lieb' ich ein süßes Kind,

Wind' ich ein Angebind;

Kein Wahn von himmlisch blinkender

Unsterblichkeit mich narrt,

Ich bin ein zukunftwinkender

Poet der Gegenwart.

Daß wir über Volfsvertretung verfügen, Ist eine Lüge zu andern Lügen; Wir haben, daß man's beim Namen nennt, Ein volkszertretendes Plapperment.

Das allgemeine Wahlrecht? Nein! Mit Märchen fullt man Kinder ein. Vorläufig steht bei uns in Kraft, Die ganz gemeine Wahlknechtschaft.

Seine ganze Auffassung des Berufes eines wahrhaft modernen Dichters spiegelt sich vielleicht am besten Folgendem wieder:

Laßt ein ehrlich Lied erklingen, Mit Gedankenfracht beladen, Herzerschütternd müßt Ihr fingen, Dichter von der Wahrheit Gnaden!

Laßt das Rauschen dunkler Zeiten, Laßt der Menschheit Leidens fluten Durch den Rhythmenhochwald schreiten, Durch das Sprachgeäder bluten!

in

Es wäre jammerschade, wenn ein Dichter von solchen Gaben sich von der Bahn abdrängen ließe, die er so erfolgreich in seinen Erstlingswerken betreten hat.

Robert Owen und die Erziehungsfrage. Robert Owen , der geniale englische Sozialist, ist auch auf dem Gebiete des Erziehungswesens einer der größten Reformatoren, die bisher aufgetreten sind.

stellt er sich ganz auf den Standpunkt, den man heute den sozialen" oder den der materialistischen Geschichts­philosophie" nennt.

-

-

Er sagt: Der Charakter eines Menschen wird, ohne eine einzige Ausnahme, immer durch die Verhältnisse ge­bildet; er kann gebildet werden und wird hauptsächlich gebildet durch seine Vorfahren. Sie geben ihm und tönnen ihm nur geben seine Gedanken und Gewohn­heiten, welches die Mächte sind, die ihn in seiner Handlungs­weise leiten und beeinflussen. Niemals hat daher ein Mensch seinen eigenen Charakter gebildet, und konnte ihn niemals bilden; neben der Vergangenheit ist es die Umgebung, in der das Kind aufwächst, welche die ererbte Neigung ungeheuer beeinflussen und sogar voll­ständig umwandeln kann. Daher die nicht hoch genug zu veranschlagende Wichtigkeit, die Kinder vom Beginn ihres Lebens an richtig zu erziehen und z. B. von ihren ersten Spielversuchen an darauf hinzulenken, daß sie alle Anderen um sich glücklich zu machen streben." Daher die noch größere Wichtigkeit der folgenden Vorschläge, die Robert Owen in seinen großen und vielbewunderten Versuchen in New Lanark selber durchführte. Dabei muß jedoch, wie wir gleich einschalten, im Gedächtniß behalten werden, daß die Kinder der Fabrikarbeiter in New Lanark in den Schulen sowohl ernährt wie auch erzogen wurden, und daß die Väter und Mütter zu jener Zeit, als Owen sein Werk begann, eher unter als über den Vätern und Müttern in den übervölkerten Fabriken der Gegenwart standen.

Robert Owen fordert:

Kein Schlagen oder sonstiges Strafen der Kinder, fortdauernde Freundlichkeit im Sprechen, in den Blicken und im Auftreten und zwar gegen alle Kinder ohne Aus­nahme, sodaß zwischen den Lehrern und Schülern eine wirkliche Zuneigung und volles Vertrauen geschaffen wird.

Die Belehrung soll hauptsächlich durch die An= schauung der Wirklichkeit erfolgen, daran sollen sich vertrauliche Unterhaltungen zwischen Lehrern und Schülern knüpfen. Lettere sollen das Recht haben, eigene Fragen zu stellen, um weitere Klarheit zu gewinnen, und diese Fragen sollen stets in freundlicher und vernünftiger Weise beantwortet werden. Wenn was oft der Fall sein wird der Lehrer keine Antwort weiß, soll er dies offen eingestehen, aber niemals in die jungen Gemüther einen Irrthum einpflanzen.

-

Feste Schulstunden soll es nicht geben; sowie der Lehrer entdeckt, daß die Schüler von Ermüdung befallen werden, oder wenn er selber abgespannt wird, so soll die weitere Thätigkeit in körperlichen Uebungen im Freien be= stehen, oder bei rauhem Wetter in körperlichen Uebungen innerhalb der Anstalt, und in der Pflege der Musik.

Ferner sollen die Kinder der Arbeiter militärisch geschult werden, um sich an Ordnung, Gehorsam und Pünktlichkeit zu gewöhnen, um ihre Gesundheit zu festigen und um sich in geeigneter Zeit darauf vorzubereiten, das Vaterland mit möglichst geringen Kosten und Steuern für sie selber zu vertheidigen.

Auch das Tanzen sollen sie lernen, um ihr Auftreten, ihre Manieren und ihre Gesundheit auszubilden. Ich fand aus Erfahrung, schreibt Owen, daß für beide Geschlechter die militärische Ausbildung, die Uebung im Tanz und in der Musik, wenn sie vernünftig gelehrt und angewendet werden, mächtige Mittel waren, um einen guten, vernünftigen und klugen Charakter zu bilden und in jedem vernünftig organisirten und geleiteten Seminar zur Entwicklung des Charakters sollten sie einen Theil des Lehrplans bilden; sie machen einen wesentlichen Theil der Verhältnisse aus, welche die Kinder und die Jugend, während sie heranreift, nüßlichen Einflüssen unter­werfen.

Aber auch die körperlichen Uebungen sollen niemals länger fortgesetzt werden, als sie nüßen und den Schülern Es ist betrübend zu sehen, daß die Ansichten, die er Freude bereiten: beim ersten Anzeichen der Ermüdung sind vor mehr als 80 Jahren entwickelte, und durch seine die geistigen Beschäftigungen wieder aufzunehmen, für Wirksamkeit in New Lanark als praktisch und nüglich er- welche die körperlichen Bewegungen eine gute Vorbereitung wies, bisher noch nirgends weiter durchgeführt worden bilden und zu denen, wenn sie vernünftig geleitet werden, sind eine Folge der Selbstsucht und Hartherzigkeit der die Kinder stets auch mit erneutem Vergnügen zurückkehren. sogenannten oberen" Klassen, wie der Unwissenheit und Beide Arten der Erziehung, die körperliche wie die Gleichgültigkeit der unteren", und zugleich ein neuer geistige, können so gestaltet werden, daß sie den Kindern Beweis dafür, wie selbst ein so großherziger und auf- nur Freude bereiten. opfernder Geist wie Robert Owen wenig Einfluß auf Beim Lehrplan ist auch wesentlich darauf zu achten, seine Zeit und seine Mitmenschen ausüben kann, wenn daß die Kinder vertraut werden mit den Erzeugnissen der diejenige Klasse, für die er zu wirken gedenkt, nicht auf- Gärten, Felder und Wälder, mit den Hausthieren und geklärt und energisch genug ist, seine Ideen sich anzueignen mit der Naturgeschichte im Allgemeinen. So wurden zu meiner Zeit auch die Schulkinder in New Lanark behandelt", Robert Owen stellt seinen Betrachtungen folgende also vor 85 Jahren. Gedanken voran:

An einer anderen Stelle schreibt er über das Wesen und für deren Verwirklichung einzutreten. der modernen Poesie:

Verehrte Herren Kritici,

Ich will Euch' mal was sagen:

Es mausert sich die Poesie

In diesen jüngsten Tagen.

Nun merket, wie sie mannbar wird!

Das Piepsen hat ein Ende;

Sie redet rauh und ächzt und girrt

Und guckt auf ihre Lende.

Schon zuckt durch ihren sehnigen Leib Vorwonne süßer Feier,

Und an den Nagel hängt das Weib Die liebe Kinderleier.

-

-

"

Freilich, in den Schriften Robert Owen's ist Vieles Wenn man fragt, woher die Verderbtheit und das enthalten, das nicht in Uebereinstimmung ist mit den Elend stammt, so erwidere ich: Einzig aus der Unwissen- Lehren des modernen wissenschaftlichen Sozialismus. Aber heit unserer Vorfahren! Diese Unwissenheit, meine Freunde, daß die Kinder von frühester Jugend an gut genährt sein war bisher stets und ist auch heute noch die einzige Ur- müssen, daß sie körperlich, geistig und sittlich in freund­sache all des Elends, das die Menschen erfahren haben. licher und sympathischer Weise erzogen werden müssen, Solange diese Unwissenheit unserer Vorfahren fortfährt, ohne harte Worte und Strafen, daß sie nicht zu früh mit die Welt zu verderben sei es unter welchem Namen leerer Buchgelehrsamkeit" vollgepfropft werden dürfen, es auch wolle ist es geradezu eine Art von Wahnsinn, sondern daß sie durch die Anschauung und im Freien sich einzureden, daß wir wirklich gut, weise und glücklich lernen sollen, daß körperliche und industrielle Erziehung sein könnten." abwechseln sollen mit der rein geistigen, und daß die Es unsern Kindern zu ermöglichen, daß sie später Kinder dazu angeleitet werden müssen, immer weiter zu gut, weise und glücklich werden, ist nunmehr aber die entwickeln, was Allen gemeinsam ist, anstatt darauf Aufgabe der Erziehung, und Robert Owen fordert deswegen hinzuwirken, daß der Eine vor dem Andern sich hervor= nicht nur eine gute Charakterbildung für Alle von thut und so ein krankhafter persönlicher Ehrgeiz zur Welch ein erschütterndes Gemälde der sozialen Noth der Wiege bis zum Grabe, sondern auch einen reichlichen Triebfeder des Handelns gemacht wird, das alles sind bietet z. B. die Christnacht". Der Verfasser betont erst Lebensunterhalt für Alle. den Widerspruch zwischen dem Gelöbniß, daß Frieden Von den hierzu nöthigen wirthschaftlichen und sozialen Wirklichkeit geworden sind. unumstößliche Wahrheiten, die leider noch immer keine auf Erden" sein solle und dem furchtbaren Kriegsaufwand Aenderungen sehen wir ab. Indem Robert Dwen aber

Henckel's Bedeutung liegt jedoch vornehmlich in der polemischen Poesie, in seinen Kampf- und Trußliedern. Er ist kein Dichter, der sich zu gut dünkt, das Elend des niedersten Proletariers, der durch die Schuld der Verhältnisse verkommenen Straßendirnen mitzufühlen.