Aerliner Social-Politisches Wochenblatt. Der internationaleArbeiterkongreßinParis. DienächstenReichstagswahlen und die Frauen. Das englische Parlament und die inter - nationale Fabrikgesetzgebung. Berufskrank­heiten der Arbeiter. II. Die deutsche Haus­industrie. I. Der Pariser Frauenkongrest. Aus Amerika. Streiks und Kontrakt­bruch. Reaktion und Volksschule. Zum 14. Juli. Gedicht. Novelle von August Strindberg. Die Erstürmung der Bastille. Louis Philipp, der Spekulanten- könig. I, An alle Arbeiter und Parteigenossen richten wir widerholt die Aufforderung, unermüdlich neue Abonnenten für unser Blatt zu werben. Die nächsten Monate werden wesentlich eine Vorbereitungszcit für die nächsten Rcichstagswahlen bilden, deren ungeheure Wichtigkeit jedem Parteiangehörigen sofort klar sein muß, nachdem die Legislaturperioden im Reiche auf fünf Jahre verlängert wurden. Da gilt es mit doppeltem Eifer zu wirken, und wir rechnen darum auch auf die regste Mitarbeit und Unterstützung der weitesten Kpeise der Partei. Jui Feuilleton bringen wir einen in Deutschland noch wenig bekannten Roman von August Strindberg . In der..Neuen Zeit"(Juli 1888) nennt ihn ein Landsmann des hervorragenden Dichters:einen wuchtigen Schlag gegen die bigotte Heuchelei der Bourgeoisie." Um unseren Genossen die Gewinnung neuer Abonnenten zu erleichtern, werden wir Exemplare gratis zur Agitation versenden. Alle Freunde unseres Blattes, die eine bestimmte Anzahl solcher Gratis-Exemplare wünschen, bitten wir um umgehende Benach- richtigung durch Postkarte. Die Vertheilung empfiehlt sich besonders in Vereinen und Versammlungen. Der Verlag derBerliner Bolks-Tribüne". Berlin S. O., Oranienstr. 23, Zum Pariser Arbeiterkongreß. Als vor hundert Jahren die Pariser Bastille unter dem Ansturm der empörten Masien fiel, da hoffte das bedrückte Volk, daß eine nimmer endende Aera des Friedens und des Wohlstandes anbrechen würde für alle Menschcnbrüder, daß alle politische Knechtschaft und wirth- schaftliche Ausnutzung hinsinken würde mit der Zwingburg und Verkörperung des Feudalismus und der absolutistischen Mißwirthschaft. In den näcksten Tagen kommen in Paris die Ver- treter der arbeitenden Klasse aller vorgeschrittenen Länder zusammen und ihr achtunggebietender Kongreß wird ein lebendiger und eindringlicher Prolest sein gegen die alte, festgewurzelte Bourgeoisillusion, daß mit der Befreiung des Kapitals aus mittelalterlichen Fcffeln auch die große Befreiungsbewegung der Menschheit zum Abschluß und zum Stillstand gelangt sei. Die Herrschaft des Bürger- thums hat die Abhängigkeit des Menschen vom Menschen nicht ausgehoben, sondern nur neue Abhängigkeitsverhält- niffe geschaffen; sie hat den Frieden der Völker vernichtet und anstatt des verheißenen allgemeinen Wohlstandes das furchtbarste Massenelend erzeugt. Mag das Bürgerthum soweit es sich nicht gar seiner revolutionären Vergangenheit schämt seine Feste feiern und in Rückerinnerungen an seine dereinstige welt- geschichtliche Heldenrolle schwelgen: zu gleicher Zeit wird es durch das Weltparlament der Arbeiter daran erinnert werden, daß diese Rolle ausgespielt ist und daß neue Kräfte seine Erbschaft als Träger der Kulturentwicklung antreten werden. Schutz der Arbeit und Frieden nach außen! es sind bescheidene Forderungen, die in Paris die Arbeiter- Vertreter beschästigen werden. Aber hinter ihnen steht heute schon eine imposante und gefürchtete Macht, die lawinenartig wächst und wächst und die dereinst auch die höchsten Ideale unserer Zeit zur Verwirklichung bringen wird. Der Pariser Congreß wird dem Solidaritätsgefühl und dem zielbewußten Emanzipationsstreben der Arbeiter einen neuen Aufschwung verschaffen und in diesem Sinne begrüßen wir ihn als die bedeutsamste Kundgebung zur Säkularfeier der großen französischen Revolution. Die nächsten ReichstagsWahlen und die Frauen. *) Zu allen Zeiten, wo sich eine große gesellschaftliche Umwälzung anbahnte und vollzog, wo neue soziale Ver- Hältnisse und Ideen mit einer zu Grabe gehenden ge- schichtlichen Welt rangen, hat das weibliche �Geschlecht ein hervorragendes Interesse an dem allgemeinen exntwickelungs- prozeß bekundet, hat es an diesem unmittelbar oder mittel- bar regen Anthcil genommen. Charakteristisch ist dabei, daß sich die Frauen während dieser Epochen stets entschlossen aus die Seite der neuen Welt stellen, auf der Seite des Fortschritts stehen. Die Thatsache erklärt sich natürlich genug dadurch, daß die Frauen als gesellschaftlich Enterbte von einem Umschwung der allgemeinen Verhältnisse, von dem neuen eine Besserung ihrer eigenen Lage hofften. So finden wir, daß Frauen mit Leib und Liebe für das junge Christenthum eintreten, daß Frauen eine wichtige Rolle in der Geschichte der mächtigen Geistesbewegung der Renaissance spielen, daß es Frauen sind, welche mit den Philosophen zusammen der Periode vor der großen Revolution die ihr eigenthümliche geistige Physiognomie geben, 1789 vor­bereiten und sich an den nachfolgenden großen Ereignissen hervorragend betheiligen. Indirekt hat die Frau stets�das öffentliche Leben beeinflußt und sie beeinflußt es auch noch; die Franzosen haben nicht ohne Grund bei Vorgängen in der Welt der Politik, der Finanz, das Sprichwort zur Hand:Cherchez la femme!" man suche die Frau! Sowie die Frau selbständig zu denken anfängt, muß sie durch die Verhältnisse ihres eigenen Lebens auf den Zusammenhang nnt der Allgemeinheit hingewiesen werden, sie muß sich für das öffentliche Leben interessiren und an demselben Antheil nehmen wollen. Die Art und Weise, wie sich die Existenzbedingungen der Frau unter dem Ein- fluß der bestehenden Produktionsbedingungen gestaltet haben, muß dieselbe mehr als je zuvor zur Betheiligung an dem öffentlichen Leben hindrängen. Je entschiedener sie darnach strebt, in dieser Beziehung ihr Recht, Wahrung ihrer Interessen zu erhalten, um so mehr werden auch die politischen Parteien ohne Ausnahme beginnen, den Ein- fluß der Frauen für sich zu suchen und auszunutzen. Die Zeit wird kommen, wo das Wettrennen um die arme Frau, die Arbeiterin, zu einem ebenso unumgänglichen politischen Sport gehört, wie das Wettrennen um den armen Mann. Die sozia­listische Arbeiterpartei thut also gut, sich bei Zeiten einen Bundesgenossen zu sichern, der den Verhältnissen nach durchaus zu ihr gehört. Allerdings ist der Frau zur Zeit noch die direkte Selbstbethätigung am öffentlichen Leben versagt, aber ihr Einfluß auf dasselbe macht sich trotzdem geltend. Nur daß sich derselbe wie der aller Unterdrückten und Abhängigen nicht offen, daß er sich oft in verkehrter Weise, ja sogar im Widerspruch mit den eigenen Interessen äußert. Jeder, der in der Arbeiterbewegung und speziell zur Zeit der Wahlagitation thälig gewesen ist, weiß aus eigener Er- fahrung, wie hinderlich oder förderlich die Stellungnahme der Frau wirken kann. Eine große Anzahl von Männern wird durch die Aengstlichkeit, das Unverständniß ihrer Frauen von der Betheiligung am öffentlichen Leben, der Thätigkeit in einer Bewegung zurückgehalten, der er seiner ganzen Ueberzeugung nach angehört, weil er weiß, daß sie allein seine Interessen vertritt. Wie es vielfach *) Vergl. auch den Arttkel in Nr. 24 derVolkstribüne". die Frau ist, welche den Mann unter Hinweis auf das Wohl der Familie dem Willen des Fabrikherren botmäßig macht, ihn vom Gang nach der Wahlurne zurückhält oder ihm den offiziell vom Vorgesetzten zugestellten Stimmzettel in die Hand drückl, so giebt es auch genug Fälle, wo die Frau, klarblickender und energischer als der Mann, diesen zur Erfüllung seiner Bürgerpflicht antreibt, ihn auf den Weg stößt, der zur Wahrung seiner Interessen führt. Thatsachen solcher Art, sowie auch der Nutzen, welchen der Klerikalismus durch das Mittel des Beichtstuhls aus dem Einfluß der Frau über den Mann schlägt, sind Fingerzeige für das, was zu thun ist, um der sozialistischen Partei bei den nächsten Wahlen und überhaupt neue Hilfstruppen zuzuführen. Der Einfluß der Frau muß als ein eventuell förder- licher oder hinderlicher Faktor in Anrechnung gebracht werden. Er muß zur Zielscheibe einer energischen, auf- klärenden Agitation werden, welche ihn zielbewußt gestaltet, ihn auf die Interessen der Allgemeinheit hinweist. Der Anknüpfungspunkt für eine derartige Agitation liegt nahe genug, es sind alle die Fragen aus der Welt der Arbeit, welche die Existenzbedingungen der Frau be- einflussen, zumal der Frau, welche als Arbeiterin ökono- misch auf eigenen Füßen steht. Je schwieriger sich diese Existenzbedingungen zuspitzen, um so mehr muß die Frau den entsprechenden Aufklärungsbestrebungen zugänglich sein; wenn der Schuh drückt, so fängt man an, nach der Ursache davon zu suchen. Eine richtige Erkenntniß der Lage muß aber die Frau unfehlbar in die Arme des Sozialismus treiben. Bis jetzt ist die Frau und deren Thätigkeit auch seitens der sozialistischen Parteien als quantitö negligeable, als weiter nicht in Berechnung zu ziehender Faktor, be- handelt worden. Da sich aber der Kampf zwischen ihnen und der bürgerlichen Welt immer schroffer zuspitzt, während zugleich die Verwendung der weiblichen Arbeitskraft in der Industrie immer größere Ausdehnung annimmt, so wird es von stetig größerer Bedeutung, die für die Ausbreitung des Sozialismus ein Hinderniß bildende indifferente oder direkt reaktionär gesinnte Frau in einen Kampfesgenossen zu verwandeln. Gerade die Zeit der Wahlagitation, während der hunderterlei Fragen von höchster Wichtigkeit für die Existenz des Arbeiters, der Arbeiterin in der Luft liegen und mehr als gewöhnlich Mittelpunkt des allgemeinen Interesses sind, bietet reiche Gelegenheit, die Sympathie des weiblichen Geschlechts für das öffentliche Leben zu wecken, sie für eine Partei zu gewinnen und durch ihren Einfluß auf die Männer zurückzuwirken. Die Wahlagitation sollte sich deshalb nicht bloß auf die Kreise der Männer beschränken, sie müßte sich auch bis in die Welt der Frauen erstrecken, ihnen nachweisen, daß gerade sie das vollste Interesse an der Ausbreitung und dem endlichen Siege des Sozialismus haben müssen. Man kann versichert sein, daß die so oft beklagte theil- weise Gleichgültigkeit der Männer gegen das öffentliche Leben bis zu einem guten Theil verschwinden würde, so- bald die Frauen Antheil an demselben nähmen. Mit der Frau ist nicht nur diese selbst individuell sondern auch oft der Mann, ein Freund, ein Bruder gewonnen mit der Frau als Mutter vor allem die künftige Generation. Die sozialistische Bewegung würde durch eine systema- tische und Hand in Hand mit der Agitation unter den Arbeitern geführte Propaganda unter den Frauen, d. h. zumal den Arbeiterinnen, nicht nur an Breite, sondern auch an Tiefe und Stärke gewinnen. Die Frauen würden der Bewegung gegenüber nicht mehr als Bleigewicht am Manne hängen, das denselben nach rückwärts oder ab- wärts zieht, sondern sie würden, eingedenk der alten Tradi- tion, in und hinter den Schlachtreihen stehen, die Fliehenden durch Spott und Hohn in den Kampf zurücktreiben, die Kämpfenden durch ihre Zurufe zum Aushalten, zu neuem Muthe anfeuern.