Beiblatt zur Berliner Volks- Tribüne.

31.

[ Nachdruck verboten.]

Ein Bild.

3wei Raffen giebt's: die eine wird mit Sporen,...

Aus Sandstein ist das gelbliche Portal, Die rothen Säulen aus Granit gehauen, Und seitwärts in ein weißes Piedestal Bergräbt ein Löwe seine Marmorflauen. Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse, Der Straßendamm ist hoch mit Stroh bestreut Und lautlos drüberhin rollt die Karosse. Das Treppenhaus vertheidigt der Portier Und schüttelt grimmig seine graue Mähne, Und naht gar Einer aus der Haute volee, Dann fletscht er zerberusgleich seine Zähne. Im Prunksaal trauern hinter Flor und Tafft Die bunten Inderstoffe aus Lahore , Auch schleicht die goldbetreßte Dienerschaft Nur auf Spitzehen durch die Korridore.

Der hochgeborne Hausherr, Excellenz, Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne, Die erste Redekraft des Parlaments Fehlt heute abermals auf der Tribüne. 3war trat man gestern erst in den Etat, Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe: Schon viermal war der greise Hausarzt da Und meinte, daß es sehr bedenklich stünde. Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt, Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer, Und seine düstre Teppichpracht erhellt Nur einer Ampel röthliches Geflimmer. Weit offen steht die Thür zum Vestibül Und wie im Traum nur plätschert die Fontäne, Die Luft umher ist wie gewitterschwül, Denn ach, die gnäd'ge Frau hat heut- Migräne!

[ Nachdruck verboten.]

Der Sohn der Tugend.

Von August Strindberg . Deutsch von Gustav Lichtenstein. ( Fortsetzung.)

Sonnabend, den 3. August 1889.

Ein anderes.

Mit Sätteln wird die andere geboren!" Karl Köfting.

Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf Ins leste Stockwerk einer Miethstaserne; Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne. Was sie erspähn, o, es ist grad genug,

Um mit dem Elend brüderlich zu weinen: Ein Stückchen Schwarzbrod und ein Wasserkrug Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder, Und dort auf jenem strohgestopften Bett Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder. Drei fleine Kinder stehn um sie herum, Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen, Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm Und keine Thräne mehr nezt ihre Wangen.

Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein, Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten? Es klopft und durch die Thür tritt nun herein Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten. Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier, Den fie geholt aus Mitleid mit der Kranken, Indeß ihr Mann bei Branntwein oder Bier Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken. Der junge Doktor aber nimmt das Licht Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes, Doch gelb wie Wachs und spiz ist ihr Gesicht Und falt und starr die Glieder ihres Leibes. Da schluchzt sein Herz, indeß das Licht verkohlt, Von nie gekannter Wehmuth überschlichen: Weint, Kinder, weint! ich bin zu pät geholt, Denn eure Mutter ist bereits verblichen! Arno Holz .

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III. Jahrgang.

Matraße aus dem Bette; er fiel auf den Ofenfteinen auf die Kniee und betete mit eigenen Worten ein inbrünstiges Gebet zu Gott um Rettung, denn jetzt fühlte er, daß er mit dem Teufel in eigener Person im Kampfe lag. Er legte sich wieder nieder, auf den bloßen Bettboden und merkte mit besonderem Genusse, wie die Gurte ihm in Arm und Füße schnitten.

Und am Morgen erwachte er in vollem Fieber.

Sechs Wochen lag er zu Bett. Als er wieder auf­stand, war er frischer, als er vorher gewesen. Die Ruhe, die auserwählte Kost, die Heilmittel hatten seine Kräfte vermehrt und deshalb wurde der Kampf nachher doppelt so start. Aber er kämpfte.

Im Frühjahr wurde er konfirmirt.

Ein Jahr darauf legte er das Abiturienteneramen ab. Die Studentenmüße gereichte ihm zur großen Freude, denn unbewußt fühlte er mit ihr den Freibrief als Ober­klassiger erhalten zu haben. Er und seine Kameraden bildeten sich auch ein, daß sie etwas wüßten, und die Lehrer erklärten sie im Wissen reif. Aber wenn doch diese stolzen Jünglinge wenigstens den Unsinn kannten, mit dem sie prahlten! Hätte man sie bei dem Studenten­tommers gehört, wo sie betheuerten, nicht fünf Prozent von jedem Lehrgegenstand zu kennen, in dem sie die Reife erhielten, und wie sie versicherten, ein Wunder gethan zu haben, indem sie das Eramen bestanden hatten, einem Un­eingeweihten wäre es schwer gewesen, ihnen zu glauben. Und hätte man bei demselben Kommers einige der jüngeren Lehrer gehört, jeßt, wo der Zunftunterschied aufgehoben war und man einer weiteren Verstellung nicht bedurfte, wie sie mit halb berauschten Gesten schworen, daß es im ganzen Kollegium nicht einen Lehrer gäbe, der nicht im Eramen durchfallen würde, so hätte ein Nüchterner glauben können, daß das Abiturienteneramen eine Schnur sei, die Brunst etwas lag, das sich gegen die Natur richtete. Mit nach Belieben zwischen der Ober- und Unterklasse fester an­sechszehn Jahren konnte er nicht heirathen, da er eine gezogen werden konnte, und da erschien das ganze Mirakel Frau nicht versorgen konnte, aber er vermochte den nächsten wie ein unerhörter Betrug. Ja, bei der Bowle behauptete Gedanken nicht auszudenken und zu fragen, warum er eine ein Lehrer, man müßte Idiot sein, um sich einbilden zu Frau nicht versorgen konnte, da er mannbar war, denn können, daß ein Gehirn zugleich die dreitausend Jahres­hätte er es auch gewollt, die Geseze der Gesellschaft, von zahlen, die die Geschichte enthält, die es in der Welt giebt, den oberen Klassen gestiftet und mit Bajonetten bewacht, die Namen von sechshundert Pflanzen und siebenhundert Das Gebet wurde gesprochen, und das Lied von den hätten sich ihm entgegengestellt. Also ist die Natur auf Thieren, die Knochen des menschlichen Körpers, die Steine Wunden Jesu gesungen, aber heute Abend war es wie irgend eine Weise gekränkt worden, da die Mannbarkeit der Erde alle theologischen Lehrstreitigkeiten der Welt, ein­von Schwindsüchtigen vorgetragen, und bisweilen hörte es zeitiger eintritt als das Vermögen, Brot zu schaffen. Das tausend französische Worte, eintausend englische, eintausend ganz auf oder wurde von einem trockenen Husten wie von ist Depravation! Seine Phantasie war depravirt, und er deutsche, eintausend lateinische, eintausend griechische, eine Durftigen unterbrochen. Endlich gingen fie. Einer von wollte sie mit Entsagungen, Gebeten und Kämpfen reinigen. halbe Million Regeln und Ausnahmen, fünfhundert mathe­den fünfen wollte sich hinausschleichen, wurde aber durch Als er nach Hause kam, saßen der Vater und die matische, physische, geometrische, chemische Formeln zu­Geschwister zu Tisch. Theodor schämte sich vor ihnen wie ſammenhalten könne. Er wolle den Beweis übernehmen, Es war ein fürchterlicher Augenblick. Herr Theodor, ein Unreiner. Der Vater fragte wie gewöhnlich, ob er daß ein Gehirn, welches dazu im Stande sei, so groß wie der auf der ersten Bank saß, befand sich unter den fünfen. gehört habe, wann die Reihe an sie käme. Theodor die Kuppel des Observatoriums in Upsala sein müsse. Ihm war unbehaglich zu Muthe. Nicht weil er in dem wußte es nicht. Er des Abends nicht und gab Un- Humboldt kannte schließlich die Multiplikationstabelle nicht, Sinne eine Sünde auf dem Gewissen hatte, aber er wohlfein vor. Aber die Wahrheit war, daß er des und der Profeffor der Astronomie in Lunel konnte nicht Sie glaubten, empfand in seinem Innersten das Kränkende für einen Abends nicht zu essen wagte. Er ging in seine Kammer, zwei sechsziffrige ganze Zahlen dividiren. Mann, solchergestalt zu beichten. Die vier anderen um eine Schrift zu lesen, die er von dem Priester erhalten sechs Sprachen zu verstehen, und kannten, wenn es hoch setzten sich weit von einander; der Gürtler, der unter ihnen hatte. Sie handelte von der Nichtigkeit der Vernunft. kommt, nicht mehr als fünftausend Worte von den zwanzig­war, versuchte einen Scherz zu machen, aber er blieb ihm hier, gerade in dem letzten Punkte, wo er aus dem Un- tausend, die ihre eigene Sprache enthält. Und dann im Halse stecken. Vor sich sahen sie die Polizei, Gefäng- flaren zu kommen vermeinte, hier ward das Licht ver- sprach er davon, wie er sie hatte mogeln sehen. D, er niß, Hospital, und im Hintergrunde das Irrenhaus. Sie löscht. Die Vernunft, mit Hilfe derer er bisweilen die kannte alle Schliche! Er hatte gesehen, wie sie Jahres­wußten nicht, was ihnen bevorstand, aber daß es ähnlich schwache Hoffnung hatte, aus den düsteren Bergen heraus- zahlen auf die Nägel schrieben, wie sie Bücher unter dem sein würde, wie öffentlich die Ruthe zu bekommen," das zukommen, auch sie ist Sünde; größere Sünde als alles Tische hatten und wie sie einander zuflüsterten! Aber," fühlten sie schon. Ein Troft, ein einziger Trost in der andere, denn sie lehnt sich gegen Gott auf, will das be- so schloß er" was zum Teufel soll man denn thun? Betrübniß, war, daß er, Herr Theodor, mit dabei war. greifen, was nicht begriffen werden soll! Warum das" Wenn man nicht ein Auge zudrückt, so bekommt man Sie wußten nicht, warum das ein Trost war, aber sie nicht begriffen werden soll, davon stand nichts geschrieben, überhaupt keine Studenten." Während des Sommers blieb Theodor zu Hause im Garten fühlten es in der Luft, daß ihm, dem Sohne eines Pro- aber sicherlich deshalb, weil in demselben Moment, wo ,, das" begriffen war, auch der Betrug aufgedeckt war. der Norrtullsstraße. Er dachte viel an seine Zukunft, fessors, nichts Böses widerfahren könnte. Komm' herein, Wennerström," sagte der Priester, Er revoltirte nicht länger, sondern ergab sich! She was er werden sollte. Der Einblick, den er in die große der in der Sakristei das Gas angezündet hatte. er zu Bett ging, las er zwei ,, Morgenstimmen" aus Arndt, Jesuitenkongregation erhalten hatte, die unter dem Namen Wennerström ging hinein, und die Thür wurde ge- das ganze Sündenbekenntniß, das Baterunser und der Herr der Oberklasse von der Gesellschaft gestiftet wurde, und schlossen. Von den vieren saß ein jeder auf einer Bank segne uns. Er war entfeßlich hungrig, aber das empfand deren Geheimnisse er nimmer durchschauen konnte, machten und suchte, alle möglichen Stellungen einzunehmen, um er mit einer gewissen Schadenfreude, als ob sein Feind ihn mißvergnügt mit dem Leben, und er wollte sich als den Körper in Ruhe zu bekommen, aber es ging nicht. etwas Böses erlitten hätte. Prediger vor der Verzweiflung retten. Aber die Welt

des Magisters: Du bleibe! zurückgerufen.

Endlich kam Wennerström heraus, verweint, erregt, Er schlief ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte lockte ihn. Sie lag so licht und klar vor ihm, und das und ging sogleich seinen Weg durch die Chorthür. gträumt, er wäre auf Norrbacka gewesen, hätte einen starke, gährende Blut rief nach dem Leben. Er wurde in Als er auf den Kirchhof gekommen war, der voll- Sera" für zwei Reichsthaler gegessen, Champagner ge- feinem Kampfe arg mitgenommen, und die Unthätigkeit ständig verschneit war, ging er schnell noch einmal durch, trunken, und wäre schließlich mit einem Mädchen in ein brachte ihm nur schwerere Anfechtungen. Sein Trübsinn was dort drinnen vorgefallen war. Der Priester hatte Separatzimmer gegangen. Nun stand der ganze entseßliche und seine abnehmende Gesundheit begannen den Vater zu beunruhigen. Dieser sah wohl ein, wie es mit dem Sohne ihn gefragt, ob er gefündigt habe. Nein, das hatte er Abend wieder vor ihm! nicht. Db er Träume habe? Ja! Träume feien ebenso Er sprang aus dem Bette, warf das Laken und die bestellt war, aber er fonntech nicht dazu entschließen, in sündhaft, denn sie zeigen, daß unsere Herzen böse find, Polster auf die Erde und legte sich auf die bloße Roßhaar- einer so delikaten Angelegenheit mit dem Sohne zu sprechen. und Gott sieht in das Herz. Er durchforscht die Nieren matraße, nur mit einer dünnen Decke bedeckt. Er fror Eines Sonntagnachmittags hatte der Professor seinen und wird uns einmal für jeden sündigen Gedanken richten, und war hungrig, aber der Teufel sollte getötet werden. Bruder, den Fortifikationskapitän, bei sich. Sie saßen im und Träume sind Gedanken.- Gieb mir, mein Sohn, Er betete noch einmal das Vaterunser mit einigen kleinen Garten und tranken Kaffee. Dein Herz, sagt Jesus . Gehe zu Jesus , bete, bete, bete. Zusäßen auf eigene Hand. Das Gehirn wurde allmählich Was teusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus ! betäubt, die strengen Züge in seinem Gesichte ließen nach, Jesus von Anfang bis ans Ende, Jesus mein alles, mein der Mund lächelte, und lustige, frohe Gestalten, leises Leben, meine Hoffnung, meine Seligkeit! Kreuziget das Murmeln, unterdrücktes Lachen, Takte eines Walzers, Fleisch und seiet beständig im Beten, sagt Jesus ! Gehe funkelnde Gläser und offene, lebensmuthige Gesichter mit in Jefu Namen und sündige nicht hiernach! freien Blicken, die den seinen begegnen; da öffnet sich eine Er fühlte sich empört, aber vernichtet. Er konnte Thürgardine; zwischen die rothen Seidenvorhänge schiebt" Wenn ich Junggeselle gewesen wäre, so hätte ich es sich nicht verhehlen, daß er vernichtet war, und in der sich ein kleiner Kopf, der Mund lächelt und die Augen die Rolle des Onfels gespielt," sagte der Kapitän, aber Schule hatte er noch keine gesunde Vernunft gelernt leben, entblößt ist der Hals bis zu den Wölbungen der ich werde ihm Guften schicken! Der Junge muß Mädchen gegen die Jesuistische Sophistik. Daß Träume Gedanken Brust, die Schultern rund wie von weicher Hand modellirt; haben, sonst geht er zu Grunde. Starke Naffe, die feien, würde er zwar, mit der erlernten Psychologie, zu die Kleider fallen vor seinen Blicken ab, und er hält das Wennerström'sche. Wie?"

,, Hast Du Theodor gesehen, wie verändert er ist?" fragte der Professor. Ja, seine Zeit ist da," antwortete der Kapitän, ich glaube, sie ist schon lange dagewesen!"

"

Nun", sagte der Professor, willst Du nicht mit ihm sprechen, ich kann es nicht!"

Phantasien modifiziren, aber gleichviel, Gott sieht nicht Weib in seinen Armen. Als er erwachte, schlug die Uhr Ja," antwortete der Vater, ich war mit fünfzehn auf Worte! Seine Logik sagte ihm, daß in dieser zeitigen drei. Er war wiederum geschlagen. Jest zog er die Jahren soweit, aber ich hatte einen Schulkameraden, der