Unser„aufrichtiger" Anhänger der friedlichen Sozial- reform kramt noch einen ganzen Sack von Rathschlägen aus, die wir uns aber füglich schenken könnein Sie waschen alle den Pelz, ohne ihn naß zu machen. Um aber dem Verfasser der Schrift nicht Unrecht zu thun, sei noch erwähnt, daß sich unter diesen Rathschlägen auch der, allerdings sehr kleinlaut geäußerte, achtstündige Normalarbeitstag findet. Die übrigen aber entsprechen sämmtlich den früher angeführten; die spießbürgerliche Bornirtheit feiert in ihnen wahre Orgien. Dieselbe be- greift eben nicht, daß alle heutigen Mißstände aus ge- meinsamer Quelle stammen, daß alles Elend auf der Privatproduktion und dem Klassengegensätze basirt. Freilich hat es Gesellschaftszustände gegeben, die, obwohl auch ihnen ein Klassengegensatz zu Grunde lag, den Mitgliedern der Gesellschaft unter normalen Ver- hältnisfen eine gewisse Sicherheit der Existenz bot. Jetzt aber ist der Klassengegensatz auf die Spiye getrieben, der Rest von Harmonie, der noch die feudale Gesellschaft umnebelte, ist in alle Winde zerstoben und unerbittlich in die wilde freie Konkurrenz aufgelöst. Hier heißt das Gebot des Fortschritts: Aufhebung des Klassengegensatzes und Anerkennung der Prinzipien des Sozialismus.
Bürgerliche Grziehutigsidenle. P. E. In einer ihrer letzten Nummern enthält die den verschiedensten Richtungen Raum gebende„Freie Bühne" einen Artikel über„Moderne Jugendschrift- stellerei", welcher zwar an sich nicht besonders geistvoll ist, aber eine Reihe von Gedanken ausspricht, welche für die bürgerliche Auffassung vom Menschen bezeichnend sind. Wo bisher herrschende Klassen bestanden haben, da suchten sie ihr Ziel im Genuß, und ihre Philosophie bestand darin: die Andern müssen arbeiten, damit wir genießen können. Die Bourgeoisie findet ihren Zweck im Zusammenscharren, sie philosophiert: die Anderen find dazu da, damit wir Geld zusammenscharren können; das Zusammenscharren ist das Oberste und Erste, dem sich Alles unterordnen und fügen muß. Danach muß denn auch die Kindererziehung ein- gerichtet werden. In der Erziehung ist noch mancher alter Zopf abzuschneiden. Wie lächerlich, die Kinder mit allerhand unnützem Wissen, formalem Kram, wo- möglich mit künstlerischen Eindrücken aufzupäppeln! der Junge soll mal eine Fabrik gründen und seinen Arbeitern Mehrarbeit abzapfen, das ist sein Lebenszweck und auf den muß man hinarbeiten! So predigt denn der Artikelschreiber:„Seit aber so die Naturwissenschaft das Recht in Anspruch nimmt, eine Pädagogik nach eigenen Normen zu haben und diese Frage mit einer, ihrer Macht angemessenen Ausschließ- lichkeit zur Geltung bringt, entbehrt die Märchen- und Fabeldichtung sogar theoretisch jeder Fürsorge. Während sie vormals bei der vorwiegend literarisch-lvgischen Bil- dung die denkbar beste Propädeutik war, wird sie von nun an mehr ein berauschendes Gift, denn durch sie be- kommt die kindliche Phantasie Bedarf nach poetischen Genüssen, den ihm die spätere Bildung nur sehr mangel- hast befriedigen kann. Wer sich später an den Gesetzen der Schwere, der Anziehungskraft, der chemischen Affi- nität, oder den trocknen Formeln und Deduktionen der Algebra, Trigonometrie und Sphärometrie, oder den
entsetzlich langweiligen Kniffen der höheren Mathematik logisch bilden soll, bedarf wohl kaum jener Macht, welcher man seit zweitausend Jahren den vordersten Platz in der Geistesbildung eingeräumt, der Phantasie!" Hinaus mit der Phantasie! Was hat die bei uns zu thun? Um Lohnabzüge zu machen, Bücher zu führen, die Courszettel zu studiren, dazu hat man keine Phan- tasie nöthig! Besonders grimmig wüthet der Artikelschreiber gegen das Märchen, das er mit prachtvoll rationale frischem Tiefsinn erklärt:„Das Märchen beruht psycho- logisch auf der Wahrnehmung, daß die Fassungskraft des Kindes die Kategorie des Abstrakten noch nicht zu bewältigen vermag. Um also eine moralische Tendenz dem Kinde verständlich zu machen, muß die früherstarkte Einbildungskrast Hilfe leisten." Ja ja, meint der Verfasser, die Kinder sind schon von selbst anders geworden.„Die Alten, welche die ganze Wandlung mit durcherlebt, vermissen das vor- malige Naive, Bescheidene, Demüthige, Kindlich-Ueber- müthige, und finden Qualitäten, welche sie als Altklug- heit, frühreife Selbstsucht, hebräische Unverblümtheit und Frivolität verdammen. Mit Bedauern sehen sie, wie dieses neue Geschlecht sich noch in den Kindesschuhen in die Kritlelsucht und Blasirtheit der Alten hineinlebt und allerdings schon in den Jahren, wo es die Märchen empfänglich aufnehmen soll, anfängt, sie einfältig zu finden. Wir„Jungen" sehen in diesen beanstandeten Qualitäten nur vollgiltige Fahrkarten für die moderne Welt. Für uns ist Altklugheit— frühe Urtheilsfähigkeit, Selbstsucht— Selbständigkeit, Unverblümtheit— noth- wendige Rücksichtslosigkeit, Frivolität— Gedanken- und Witzfreiheit gegenüber jeder Institution." Gewiß, das alles muß die bürgerliche Gesellschaft wünschen. Menschen, ganze Menschen mit ihren sämmt- lichen Sinnen und Fähigkeiten, selbständige Wesen, die Selbstzwecke sind— die hat sie ja nicht nöthig. Ob das Ding, das die Maschine beaufsichtigt, ein Arbeiter ist oder ein Automat, das ist ihr einerlei, wenn nur zwei Hände da sind, welche diese und diese Handgriffe ver- richten. Ob der Kapitalist ein Mensch ist oder ein Automat, welcher schreibt, rechnet und spekulirt, das ist auch einerlei. Ja, da die Automaten viel präziser und sicherer arbeiten, so sind ihr die Automaten sogar noch Wünschenswerther. Also machen wir den Menschen zum Automaten!„Erziehen wir ihn zu seinem künftigen Beruf"— so heißt es ja, nicht:„Erziehen wir ihn zu einem Menschen." Trichtern wir ihm ein, was er wissen muß, halten wir alles andere von ihm fern, denn das stört nur, und wir werden das Ideal der Gesellschaft erreichen! In einer phantastischen Erzählung, welche die Welt des nächsten Jahrtausends schildert, war einmal die logische Weiterführung des gegenwärtigen bürgerlichen Ideals dargestellt: die Menschen wurden nicht mehr nach der alten, unwissenschaftlichen Routine erzeugt, sondern sie wurden chemisch zusammengesetzt, und zwar so, daß für jeden Beruf ein besonderes Rezept existirte; das waren dann ganz ideale Berufsautomaten: die Tischler thaten nichts als essen, schlafen und hobeln, die Schuster nichts als essen, schlafen und schustern, die Schriftsteller nichts als essen, schlaien und schreiben, und zwar Jeder in seinem bestimmt abgegrenzten Gebiet.
Wie reinlich, wissenschaftlich, utilitarisch, ordentlich ist das nicht eingerichtet? Der Zweck des Lebens ist Essen, Schlafen und Arbeiten! Allein unter den Bekennern dieser Lehre selbst erhebt sich Widerspruch gegen sie; ihre nothwendige Folge ist der Pessimismus. Wenn das Leben weiter keinen Zweck hat— das ist ja eine elende Fopperei! Wozu denn noch leben? Was für einen Zweck hat es, diesen Zweck zu erfüllen? Wir wollen glücklich sein, wir wollen wenigstens Glück hoffen, dazu leben wir, das hält uns allein am Leben; sobald das nicht mehr garantirt ist, dann können wir allerdings rufen: das Leben, welche Fopperei! Haben wir nicht den Glauben an ein jenseitiges Glück, der uns hält, nun. so wollen wir jedenfalls hier im Leben das Glück haben. Jenen Glauben hat das Bürgerthum selbst zerstört, diesen giebt es nicht! Denn ist das Glück: möglichst vollkommen seinen Beruf auszufüllen? Allerdings weiß die scheinheilige Moral, die uns dozirt wird von allen Predigern, christlichen, theistischen, atheistischen Moral- Philosophen— diese Moral weiß allerdings viel von dem Glück der Pflichterfüllung der treuen Arbeiter und so weiter, zu reden.— Eigenthümliches Menjchenherz, dem die Pflichten und die Nothwendigkeiten des Berufes meistens sehr unangenehm sind, und dem es immer nur Vergnügen macht, das zu thun, was man nicht nöthig hat, zu thun! Die aufgeklärte Neuzeit schimpft so sehr über das finstere Mittelalter, wo z. B. solche Schändlichkeiten vorkamen, daß man Knaben kastrirte, damit sie ihre helle Stimme behielten, oder daß man Kinder zwischen Bretter einklemmte, damit sie Zwerge wurden. Heutzutage kastrirt man nicht und klemmt auch nicht zwischen Bretter ein. Bewahre! Darüber sind wir hinweg! Aber, wenn man genauer zusieht, was bedeuten denn diese Operationen? Waren das nicht auch Vorbereitungen auf den zukünftigen Berus ? Und wenn man den Geist vermickert und verschneidet,, damit er recht geeignet wird für den künftigen Beruf, ist das etwas anderes? Weg mit der Phantasie, weg mit der feineren Bil- dung des Geistes, das hat keinen Nutzen! Die Märchen sind Unsinn, denn so was kann ja doch gar nicht passiren, was da geschrieben steht; beschreibe man lieber den Bau des Eiffelthurms statt die Geschichte von Dorn- röschen oder Schneewittchen ! Welches Glück kann ein fein gebildeter Geist ge- nießen, ein Geist, der im Stande ist— nun, auch ein Märchen zu genießen, sich über ein Märchen zu freuen! Wirkliches Glück erzeugt ein Kunstgenuß, rein, ohne Nachgeschmack, ohne Trübung. Aber der Kunstgenuß setzt ihm einen gebildeten Geist voraus. Auch der Bourgeois genießt. Da er aber leider nicht Automat ist, so muß er sich auch zuweilen ab- spanne». Und weil er den wahren, beglückenl'en Genuß nicht haben kann, so ist er brutal und beschränkt in seinen Vergnügen. Das ist die Kehrseite der Erziehung „für den zukünftigen Beruf".
Briefkasten. G. Kch. Der Aussap:„Sozialismus und Christenlhu«" erschein! in nächster Plummer. Georg Ioyanne», Zittau . Wir bitten um Ihre Adresse
Unlerzeichneler. 33 Jahre alt, körperlich gewandt, gesund mit physischen Arbeiten vielfach vertraut, seit längerer Zeit sür die Arbeitersache produkti» schriftlich thätig. sucht, da gegenwärtig existenzlo», KteUung, gleichviel welche. Aus'unst über mich eriheilt auch die Rcvaktion veS„Thüringer Pulksfreund" in Sonneberg i. Th. Albin Schwendemann. Ouittungsmarken& Kautschutstempelsabrik von Conrad Müller sHchkeuditz-Lripzig empfiehlt sich allen Arbeit«!- vereinen, Krankenkassen u. s. w. aß* Ausführung sauber und schnell. Preislisten gratis und franko. Allen Freunden und Genossen empfehle mein
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