Beiblatt zur Berliner Volks- Tribüne.

Nr. 34.

Aus Phantasus".

Der Mond blitzt durch die Fensterscherben, Um's dunkle Dachwerk pfeift der Wind Und Nachbars Lieschen liegt im Sterben Und ihre Mutter weint sich blind.

Das Haar gebleicht von tausend Sorgen, Im dünnen Kleidchen von Kattun, Erwartet sehnlichst sie den Morgen Der Apotheker will nicht borgen, Der Doktor hat ,, zu viel zu thun!".

Der Märznacht gold'ne Sterne scheinen, Ihr Himmel deckt uns Alle zu: Hör auf, du Mütterchen, mit Weinen, Dein Kind ist besser d'ran als du!

Es braucht nicht nähend mehr zu sputen Sich spät bis in die Nacht hinein, Und wenn die Lüfte sie umfluthen Und roth die Rosen wieder bluten Spielt um sein Grab der Sonnenschein!

Die Noth im löch'rigen Gewande Zertritt die Perle der Moral;

Das Loos der Armuth ist die Schande, Das Loos der Schande das Spital! Ja, jede Großstadt ist ein Zwinger,

Der roth von Blut und Thränen dampft; Drum hütet euch, ihr armen Dinger, Denn diese Welt hat schmutz'ge Finger Weh, wem sie sie in's Herzfleisch krampft!

Da horch! ein langgezogenes Stöhnen, Und jetzt ein wilder, geller Schrei!

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Was thuts? Man muß sich dran gewöhnen! Hier hieß es wieder mal: ,, Vorbei!" Schon übermorgen karrt der Racker Das arme Mädel vor die Stadt, Und Niemand kennt den Todtenacker, Darauf, beim öden Sterngeflacker, Ein Herz sein Glück gefunden hat! Arno Holz

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Was sollen wir also thun! Von Graf Leo Tolstoi . Deutsch von August Scholz .

VI.

Sonnabend, den 22. August 1891.

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V. Jahrgang.

lustigen Bemerkung, einem unschuldigen Scherz Veran- forscht, erwogen und verbessert werden mußten. Ich suchte laffung gab. einfach Unglückliche, die infolge ihrer äußeren Noth un­Viele trafen wir beim Mittagessen oder beim Thee, glücklich waren, und denen man abhelfen könnte, indem und jedesmal luden sie uns freundlich zu Salz und man ihnen vom eigenen Ueberflusse etwas abgab. Solche Brot" oder zu Thee und Zucker" ein und machten uns Unglückliche hatte ich wie mir schien, infolge besonderen sogleich Platz am Tische. Statt der beständig fluthenden Mißgeschicks nicht gefunden; ich hatte vielmehr nur und wechselnden Bevölkerung, die wir hier zu finden solche Unglückliche gefunden, denen man viel Zeit und wähnten, fanden wir in diesem Hause zahlreiche Quar- Mühe widmen mußte, wenn man ihr Unglück beseitigen tiere, welche seit langer Zeit von denselben Miethern be- wollte. wohnt waren. So hatte ein mit etlichen Gesellen ar­beitender Tischler seine Wohnung bereits sein zehn Jahren inne, und dasselbe war mit einem Schuhmacher der Fall. Die Wohnung dieses Schuhmachers war sehr schmutzig und eng, aber seine Gesellen und Arbeiter waren trob dieses Umstandes doch recht lustig bei ihrer Arbeit. Ich J. Z. Ein erfreuliches Gegenstück zur angeführten machte den Versuch, einen der Gesellen auszuforschen, schlechten Wirkung des Akkordsystems theilt der Wiener­um von ihm etwas über seine vermuthlich recht ärmliche Baumwollspinnerei auf die Dauer von 12 Wochen Neustädter Gewerbeinspektor mit. Darnach hatte eine Lage, über Verschuldung beim Meister oder Aehnliches

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Die österreichische Gewerbe- Inspektion.

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II.( Schluß.)

zu erfahren; aber der Geselle verstand mich gar nicht und die behördliche Erlaubniß erhalten, täglich 2 Stunden äußerte sich über den Meister wie über seine eigenen Ver- über die gefeßliche Arbeitszeit hinaus zu arbeiten. Allein die Arbeiter zeigten große Abneigung gegen die Ueberzeit­hältnisse in der allerzufriedensten Weise. arbeit und einzelne von ihnen beschwerten sich beim In einem der Quartiere wohnte ein altes Ehepaar, Aufsichtsbeamten, daß die Verlängerung der das einen Kleinhandel mit Aepfeln betrieb. Das Zim Arbeitszeit dazu benutzt werde, die Akkordsäze merchen dieser alten Leute war geheizt, sehr sauber und her abzusehen, wodurch die Verdienste troß der ganz behaglich ausgestattet. Der Fußboden war mit Ueberstunden nicht höher als vorher bei nor­strohgeflochtenen Läufern bedeckt, an den Wänden standen ma ler Arbeitszeit sich stellen, nach Aufhören Koffer und Schränke, auch ein Samowar und allerhand der Ueberzeit aber so tief herabsinken dürften, Geschirr war vorhanden. In der Ecke hingen zahlreiche daß der Lebensunterhalt nicht mehr bestritten Heiligenbilder, vor welchen zwei Lämpchen brannten; werden könnte." Der Aufsichtsbeamte bemerkte dazu, weiterhin bemerkten wir an der Wand zwei sorgfältig daß die gepflogenen Erhebungen ergeben haben, daß diese mit Laken bedeckte Pelze. Das alte Mütterchen mit Beschwerden, sowie Befürchtungen leider begründet seien. feinem feingerunzelten, frenndlichen Gesichte und seinem Dieser amtlich berichtete Fall beweist drastisch, wie gesprächigen Munde schien offenbar selbst über sein stilles, raffinirt vom Kapital die Ausbeutung und Uebervor­wohlanständiges Leben ganz glücklich. theilung der Arbeiter in jeder möglichen Weise betrieben Iwan Fedotytsch, der Besitzer der Theewirthschaft wird. Die österreichischen Aufsichtsbeamten sind denn und Obermiether dieser Quartiere, tam aus seiner Schenke auch bei ihrer nunmehrigen Kenntniß der traurigen Arbeits­herbei und leistete uns Gesellschaft. Er scherzte in ge- verhältnisse und der Gewissenlosigkeit der Kapitalisten zu müthlicher Weise mit einigen der Miether, nannte sie alle der Erkenntniß gelangt, daß zur Durchführung der Geseze mit Namen und Vatersnamen und gab uns kurze Cha- die Mitwirkung der Arbeiter und ihre Berufung auf ihre rakteristiken von ihnen. Sie alle waren Menschen wie gesetzlichen Rechte unumgänglich nothwendig ist und der andere Menschen, es gab da einen Martin Semjonowitsch, Grazer Inspektor ist bereits dazu gelangt, aner­einen Peter Petrowitsch, eine Maria Iwanowna, kurz kennend der Thätigkeit eines allgemeinen Arbeiter-, Die Bewohner dieser Häuser bildeten die sogenannte und gut, es waren lauter Menschen, die sich durchaus Fortbildungs-, Rechtsschuß- und Unterstützungs­Die Bewohner dieser Häuser bildeten die sogenannte nicht für unglücklich hielten, sondern einfach für Menschen vereins zu gedenken. unterste Schicht der städtischen Bevölkerung, eine Schicht, wie alle andern Menschen, was sie denn auch in Wirk­welche in Moskau etwa hunderttausend Seelen zählt. lichkeit waren. Schlimm steht es in jeder Beziehung mit den Aus­Hier, in diesem Hause, findet man jegliche Art von Ver­führungen des Gewerbegesezes im Kleingewerbe. Die tretern dieser unteren Volksschicht; hier giebt es fleine über Schrecken zu sehen. Und nun trat mir nicht nur Lehrlinge verwandeln sie in 15-18stündige, von 5 Uhr Ich hatte mich darauf vorbereitet, nichts als Schrecken vorgeschriebene 8stündige Arbeitszeit für 12-14jährige Gewerbetreibende und Handwerksmeister, Schuhmacher, nichts Schreckliches entgegen, sondern sogar sehr viel Morgens bis 10 und 12 Uhr Abends werden diese Bürstenbinder, Tischler, Drechsler, Schneider, Schmiede, Gutes und Schönes, das mich unwillkürlich zur Achtung Rinder zur Arbeit angehalten. Von der im Gesetz vor­ferner Droschfenfutscher, kleine Wucherer und Handel­treibende jeder Art, Wäscherinnen, Flickschneiderinnen, wang. Es gab hier so viele dieser guten Menschen, daß geschriebenen Einhaltung der Arbeitspausen ist keine Rede; treibende jeder Art, Wäscherinnen, Flickschneiderinnen, bie zerlumpten, verkommenen, nichtsthuenden Menschen, den Lehrlingen werden Arbeiten zugewiesen, die ihre Tagelöhner, Menschen ohne bestimmte Beschäftigung, die wir vereinzelt inmitten jener vorfanden, den Haupt- törperlichen Kräfte weit übersteigen. Die Schlafstellen Bettler und liderliche Dirnen. eindruck nicht verwischen konnten. Hier giebt es viele von jener selben Art, wie ich sie der Lehrlinge und auch der Gewerbegehilfen sind in ent­am Eingange des Ljapinischen Hauses gesehen, nur daß Für die Studenten war die Sache nicht so über- seßlichem Zustande, schmutzig, eng, nicht gelüftet, oftmals sie hier mitten unter der Arbeiterbevölkerung verstreut raschend wie für mich. Sie unterzogen sich bei der Zäh- sogar in der Werkstatt, die Betten übereinander gestellt leben. Ueberdies hatte ich jene in ihrer unglücklichsten lung einfach einer Sache, die nach ihrer Meinung für die und in vielen dieser" sogenannten" sagt der Wiener Beit gesehen, als sie alles verzehrt und vertrunken hatten, Wissenschaft von großem Nußen war, und machten so Inspektor Betten schlafen zwei, auch sogar drei Per­als sie, vor Frost zitternd, aus den Wirthshäusern ge- nebenbei noch ihre zufälligen Beobachtungen. Ich aber sonen zusammen. Ebenso ungesund sind die Werkstätten. worfen waren und wie ein himmlisches Manna den Ein- war der große Wohlthäter, ich war gekommen, um den Auf die Reklamationen der Inspektoren hin versprachen laß in das Asyl und das Gefängniß und die kostenfreie unglücklichen, verkommenen und sittlich verderbten Menschen ihnen die Handwerksmeister die Abstellung der gerügten Abschiebung in die Heimath erwarteten. Hier aber sah zn helfen, die ich in diesem Hause zu finden gehofft hatte. Mißstände, aber das Versprechen wird nicht gehalten, ich sie mitten in der großen Menge der Arbeiter und zu und nun sah ich plößlich statt jener Unglücklichen, Ver- theils aus bösem Willen, theils aber auch, und das ist einer Zeit, da es ihnen gelungen war, auf die eine oder kommenen und Verderbten eine überwiegende Mehrzahl nach den Berichten bei den meisten der Fall, weil sie andere Weise ein paar Ropeken für ein Nachtlager und von arbeitsamen, ruhigen, zufriedenen, heiteren, zuvor- zu arm sind, bessere Einrichtungen zu beschaffen. Es vielleicht sogar einen Rubel auf Nahrung und Getränk fommenden und überhaupt recht guten Menschen. macht sich also hier in einer ganz bedenklichen Weise zu verdienen. Ganz besonders lebhaft kam mir das zum Bewußt- die Kulturfeindlichkeit der Zwergbetriebe geltend, Und wie seltsam es auch erscheinen mag; ich habe sein, wenn ich in diesen Quartieren thatsächlich einmal deren völlige Aufreibung im Interesse der öffentlichen hier nicht nur nichts von jenem Gefühle verspürt, das auf jenes schreiende Elend stieß, dem ich abzuhelfen beab- Sittlichkeit und Gesundheitspflege und des allgemeinen mich im Ljapinischen Hause erregt hatte, sondern im sichtigte. Fortschritts von jedem Menschenfreunde dringend ge­Gegentheil, ich sowohl wie auch die Studenten empfanden Wenn ich auf solches Elend stieß, so fand ich jedes- wünscht werden muß. In einmüthiger Weise verurtheilen bei unserem ersten Besuch sogleich ein fast angenehmes mal, daß demselben bereits in der Hauptsache abgeholfen die österreichischen Gewerbeinspektoren diese unhaltbaren Gefühl. Aber weshalb nur ein fast angenehmes?" war, daß jener Beistand, den ich leisten wollte, schon ge- Bustände. Ebenso einmüthig sind sie in ihrem Urtheil Nein, das Gefühl, welches der Verkehr mit diesen Men- leistet war. Man war mir in meinen guten Absichten über die traurige Art, wie die Handwerksmeister die schen in uns erregte, war, wie sonderbar es auch scheinen schon zuvorgekommen, und wer war es, der mir zuvor- Ausbildung der Lehrlinge auffassen. Nicht blos, daß sie mag, geradezu ein sehr angenehmes Gefühl. gekommen war? Dieselben unglücklichen, verkommenen sehr häufig selbst nichts leisten können und gänzlich un­Der erste Eindruck, den wir gewannen, war der, daß Geschöpfe, die ich mich anschickte zu retten, und zwar fähig für die Rolle als Lehrherren sind, so liegt ihnen die meisten der Menschen, welche hier lebten, arbeitsame hatten sie in den meisten Fällen so gründlich geholfen, auch gar nichts an einer tüchtigen Berufsbildung des und dabei sehr gute Menschen waren. gewerblichen Nachwuchses; sie benußen und beuten die Die größere Hälfte aller Bewohner trafen wir bei In einem Kellerraum lag ein alleinstehender Greis, Lehrlinge nur als billige Arbeitskräfte aus. Mehrfach der Arbeit an, Wäscherinnen am Waschtrog, Tischler an der am Typhus erkrankt war. Er hatte keine Ange- wird sogar das Lehrlingswesen in den Fabriken als ge­ber Hobelbank, Schuhmacher auf ihren Schemeln. Die hörigen, die sich um ihn hätten bekümmern können. Eine sunder und besser dem Handwerk gegenübergestellt. Ueber von Menschen, überall Wittwe mit einem Töchterchen, die ihm ganz fremd war die Wirksamkeit der gesetzlichen Zwangsgenossen­herrschte werkthätige, muntere Arbeit. Es roch nach Ar- und nur in seiner nächsten Nachbarschaft wohnte, pflegte schaften( gleich den deutschen Innungen) der Handwerker beitsschweiß und beim Schuster nach Leder, beim Tischler ihn, gab ihm Thee zu trinken und kaufte ihm für ihr läßt sich das Urtheil der Inspektorenberichte dahin zu­nach Hobelspähnen; öfter vernahm man ein Lied und eigenes Geld Arzenei. In einer anderen Wohnung lag sammenfassen, daß diese Körperschaften in eklatantester man bemerkte die entblößten, muskulösen Arme, welche eine Wöchnerin im Kindbettfieber. Eine Dirne, die vom Weise ihre totale Unfähigkeit zur Lösung der ihnen ob­rasch und gewandt die gewohnten Bewegungen ausführ- Laster lebte, wiegte das Kind, füllte ihm die Saugflasche liegenden Aufgaben bewiesen, daß sie den geistigen und ten. Ueberall wurden wir munter und freundlich em- und vernachlässigte zwei Tage lang ihr Geschäft. Die moralischen Bankerott des Handwerks überzeugend dar­pfangen, nirgends verursachte unser plöglicher Eintritt Mutter starb, wie ich später erfuhr, und das verwaiste gethan haben. Damit ist aber auch die Handwerkspolitik in das alltägliche Leben dieser Leute jene prahlerische, kleine Mädchen fand in der Familie eines Schneiders reaktionärer Regierungen, welche die Innungen resp. Ge­auf Schein berechnete Wichtigthuerei, welche den Volks- Aufnahme, der selbst drei eigene Kinder besaß. Es blieben nossenschaften als fümmerliche Treibhauspflanzen künstlich zählern in den Wohnungen wohlhabender Leute entgegen- für meine Thätigkeit nur jene unglücklichen Müßiggänger aufgepäppelt haben, um sie als staatserhaltende Dämme trat; im Gegentheil, alle unsere Fragen wurden schlicht übrig, Beamte, Schreiber, Lakaien ohne Stellung, Bettler, gegen die heranstürmenden sozialdemokratischen Arbeiter und recht beantwortet, ohne daß ihnen irgend eine be- Trunkenbolde, lasterhafte Weiber, elternlose Kinder. deren aufzurichten, fläglich gescheitert. Der Innsbrucker sondere Bedeutung beigelegt wurde. Höchstens, daß die Noth nicht auf einmal durch eine Gelounterſtügung zu Aufsichtsbeamte konstatirt, daß die Meister ihren Ar­eine oder andere unserer Fragen jemandem zu einer beseitigen war, deren Verhältnisse vielmehr eingehend er beitern an Bildung und Anstand nachstehen,

engen Quartiere waren voll

wie ich es nicht vermocht hätte.

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