Berliner

Volks- Tribüne

1

Sozial- Politisches Wochenblatt.

Die Berliner Dolks Tribüne" erscheint jeden Sonnabend früh. Abonnementspreis für Berlin monatlich 50 Pf. pränumerando( frei in's Haus). Einzelne Nummer 15 Pf.

Redaktion und Expedition: SO.( 26), Elifabeth- Ufer 55. Ausgabe für Spediteure:

Durch jede Post- Anstalt Deutschlands zu beziehen.( Preis viertelj. 1 mk. 50 Pf.) ,, Boltsblatt", Beuthstr. 3.

46.

-

-

Inserate werden die 4spaltige Petitzeile oder deren Raum mit 20 Pf. berechnet. Dereins- Anzeigen: 15 Pf.- Arbeitsmarkt: 10 pf. Inseraten- Annahme in der Expedition: Elisabeth- Ufer 55. Die ,, Berl. Volfs- Tribüne" ist unter Nr. 893 der Zeitungs- Preisliste eingetragen

Sonnabend, den 14. November 1891.

-

Politische Notizen. ,, Individualität. Die Rückberufung hat und in Wirklichkeit hat er sie gar Schule und der Sozialismus.( Schluß.)- Verschiedenes. nicht ohne Grund. In der Broschüre Ablehnen oder Gedicht. Novelle. Die Durchführung des Annehmen", offenbar verfaßt von seinem Leib- Bucher, schweizerischen Fabrikgesetzes.( Schluß.) Die stille findet sich folgende Stelle: Revolution im Austauschsystem. Bei der Heilsarmee .

-

-

-

Politische Notizen.

-

Dem russischen Ausfuhrverbot auf Roggen nunmehr auch ein solches auf die anderen Zerealien Ausnahme des Weizens gefolgt.

Koggen Gerste

.

Rußland exportirte 1889:

Weizen.

37 760 679 Hektoliter

18 996 723 16 360 794

"

"

24 260 193

"

4 377 723

"

1 115 604

"

5 729 004

"

643 779

Hafer

Mais

Erbsen und Bohnen Verschiedene Getreide Mehl

11

ist

mit

Bon dieser Ausfuhr kamen auf Deutschland 65,3 pCt., ungerechnet das, was über Dänemark und die Nieder­lande zu uns kommt. Die Folge dieses außerordentlichen Ausfalls wird also eine weitere bedeutende Erhöhung der Lebensmittelpreise und damit eine Steigerung der Hungers­

noth sein.

Das Ausfuhrverbot für Weizen, das bis jetzt noch fehlt, ist nur noch eine Frage von ein paar Tagen. Nach einer Meldung eines gut informirten ungarischen Blattes wolle der Finanzminister 1-2 Rubel Ausfuhr­zoll, der Zar verlange aber gänzliches Ausfuhrverbot. Die furchtbaren Zustände, welche sich unter der Hungersnoth in diesem Winter entwickeln werden, sind gar nicht auszumalen. Die Saat, welche Bismarck gefät hat, reift zur Ernte zu welcher Ernte! Schon jetzt sind die Zeitungen voll von Notizen, welche eine Ahnung des Kommenden geben. Von vielen Ausschnitten, welche wir im Lauf der letzten Wochen ge­macht haben, greifen wir einen heraus, der als Typus

gelten mag:

V. Jahrgang.

nächsten Umgebung nicht für möglich gehalten hatte. ( Es ist doch nicht etwa gar auf Herrn von Buttkamer an­gespielt? Die Red.)

Ebenso ist, seit Bennigsen sich von der thatsächlichen Leitung zurückgezogen hat und Miquel Minister geworden ist, bei der das königliche Ansehen hat unverkennbar ganz allein ge- parlamentarischen nationalliberalen Fraktion das litten durch die Entlassung Bismarcks, im Auslande vielleicht persönliche Streberthum an Stelle der klaren Rich= mehr wie im Inlande, da das Ausland von den persönlichen tung getreten. Auch hier haben die neuen Männer manchen Schwierigkeiten im Umgang, die Fürst Bismarck gleich allen alten Hunger gestillt und jungen rege gemacht." großen Männern hatte, nichts empfand. Diese Einbuße an An­fehen kann nur wiedergewonnen werden durch Rüdberufung Kanaille gut gezeichnet. Aber wer hat denn diese Leute Bravo, Bucher , Bravo, Fürst, Sie haben die Bismards, unter Entfernung der Leute, welche der forrumpirt? Wer hat denn die konservative Partei durch Krone seiner Beit jenen verhängnißvollen Rath zu­geflüstert haben. Abgesehen von den geschworenen Feinden Bestechungen im Großen Kornzölle 2c.- auf ihren Bismarcks, die nie Freunde der Monarchie gewesen sind, giebt gegenwärtigen moralischen Stand gebracht die national­es teine Klaffe der Bevölkerung, welche nicht die Entlaffung liberale freilich billiger, bei diesen Jammergestalten waren Bismarcks schmerzlich empfunden hätte und dessen Wiedereinsetzung

-

-

ersehnte.(!) Unsere Feinde würden bestürzt sein, unsere Bundes- bloß einige Drohungen nöthig; wer hat denn versucht, genossen sich gestärkt fühlen, das deutsche Volt aber würde seinem die einzige Partei, die sowohl den Bestechungen, wie den Raiser zujubeln, wie es dieser noch nicht erlebt hat, an jenem Drohungen unzugänglich war, die sozialdemokratische, Tage, da er wieder an der Seite des bewährten Mannes durch die brutale Gewalt zu brechen; wer hat denn das fich ihm zeigte. Dann wäre von dem geschichtlichen Andenken

-

Wilhelms II. der Schatten genommen, der ihm anders bei- gethan, Fürst Bismarck ? Und wenn man von Streber­wohnen wird, selbst wenn das Höchste zu vollbringen ihm be thum" spricht und von Ueberzeugungslosigkeit" hm, schieden sein sollte: daß er den größten und bewährtesten seiner Herr Bucher , Sie sind ja wohl ein alter Achtund­Diener aus seiner Nähe gewiesen." vierziger, waren flüchtig in London , dann Mitglied der Alle Minen läßt der alte Sünder springen, er läßt Internationale, wurden dann rechte Hand" Bismards Leib- Bucher sogar sentimental werden und ein Kozebue'sches und schrieben für einen Mann, welcher einmal gesagt Schauspiel verfassen: Bismarck auf dem Todtenbett. hat: Anständige Leute schreiben nicht für mich!" Was dem" Lage, da es in allen seinen guten Schichten einmüthig in Von dem deutschen Volke schwände die bange Sorge vor meinen Sie, Herr Bucher? Trauer und Dankbarkeit sich schaaren wird um die Todtenbahre In Sachen des Murphybrotes erhalten wir im Sachsenwalde, während der deutsche Kaiser und König von von einem Fachmann aus Ludwigshafen folgende Mit­verdankte, ihm allein vielleicht verdankte, daß es noch einen Preußen, der doch das Großtheil seines Erbes diesem Todten theilung: König von Preußen und diesen als deutscher Kaiser giebt, nicht in den Sinn, als ich in der vorigen Nummer den Artikel über Amerikanischer Humbug! Unwillkürlich kam mir dieses Wort an diese Bahre treten könnte, um eine dankbare Königshand auf das gute und billige Maisbrot nach dem Rezept des Amerikaners die kalt gewordene Brust zu legen, unter der das treueste Herz Murphy las. Als Humbug nämlich ist es zu bezeichnen, wenn für das preußische Königthum geschlagen. Und da sollte es das genannter Herr behauptet, aus 2 Pfd. Mehl 4%, Pfd. Brot her Ansehen der Majestät schädigen, wenn diese Majestät aus freier tellen zu fönnen. Wenn dies wirklich möglich wäre, dann wäre ruhmreichsten Mann, den zur Zeit unser Erdball trägt, den Befehl dann um billiger stellen müßten. Wir deutsche Bäcker haben Entschließung und in Bestätigung ihres Herrscherberufs an den es mit unseren Brotpreisen noch nicht schlimm, da sich dieselben erließe, das deutsche Reichskanzleramt wieder zu übernehmen, nämlich zur Herstellung von 4 Pfd. Roggen- oder Weizenbrot und dieser Mann dem Befehl gehorchte, wie er früher härteren 3 Pfd. Wehl nöthig, währenddem Matsmehl, das keinen Kleber Befehlen entsprach! Die Leute, die das glauben machen wollen, hat und infolgedessen weniger Wasser annimmt, auch weniger find überzeugt vom Gegentheil."

Wenn dat nich helpt!

Brot ausgeben muß. Auch mit dem Preis von 20 Pf. wird es nicht ganz stimmen, da 1 Pfd. Roggenmehl und 1 Pfd. Mais­Freilich wird sich jeder anständige Mensch mit Efel mehl ohne die Brotherstellungskosten gerechnet, fich höher stellen von einer solchen Gesinnungsniedrigkeit abwenden. Hätte als 20 Bf., wenigstens nach hiesigen Preisen. Was den Geschmack des mit Maismehl vermischten Brotes Bismarck sein Loos mit Würde zu tragen verstanden, so anlangt, so ist derselbe sehr zweifelhafter Natur und auch nicht Aus Spandau wird geschrieben: Die Ernte ist schlechter stände er ganz anders da in der öffentlichen Meinung". annähernd dem eines guten Stück Roggen- oder Weizenbrotes ausgefallen, als die gute Witterung im September erhoffen ließ. Nun, darauf kommt es ja nicht an. Jedenfalls ist der zu vergleichen. Möglich schon, daß es von den großen Herren, Der Ertrag ist stellenweise so gering, daß zahlreiche kleine Land­die eben an der Nothstandskalamität herumdoktorn und die es wirthe überhaupt keine Startoffeln verkaufen. Der Preis dafür gegenwärtige Kurs nicht zu halten, er stellt eine jammer- ja tin Nothfall mit Butter und Schinken belegen können, gut geht fortwährend höher und beträgt jetzt im Havellande schon volle Halbheit vor; und da wird man wohl schon wieder geheißen wird, etwas anderes ist es aber mit dem Arbeiter, der über drei Mark, um diese Jahreszeit etwas Unerhörtes. In auf Bismard zurückkommen müssen, der mit eiserner es oft zu einer dünnen Taffe Kaffee genießt, wie es ja in vielen wahrhaft erschreckendem Umfange mehren sich die Kartoffel- Brutalität und Strupellosigkeit allein die Dinge halten Gegenden Deutschlands Gebrauch. Diebstähle. Nicht in eigener Behausung ist der Vorrath sicher. Ich habe vor ungefähr Jahresfrist im Auftrage einer hiesigen

Leider scheuen die Diebe, welche immer in großen Trupps, meist kann so lange sie sich eben halten lassen. Es ist ein Fabrit, die ebenfalls die löbliche Absicht hatte, ein billiges Ar­mit Hundewagen, kommen, auch vor Gewaltthätigkeiten nicht Irrthum, wenn die gegenwärtige Regierung die Bismarck 'sche beiterbrot herzustellen, verschiedene Versuche mit Mais- und zurüd. Baffirte es doch unlängst dem Major von Bredow in Politik glaubt fortführen zu können ohne Bismark und Roggenmehl gemacht, und zwar anfänglich/ Roggen und Bößow, daß eine Frau, welche in Gemeinschaft mit andern ihm ohne die Charaktereigenschaften Bismarcks. Zwar wird Mais, und nachdem dies herzlich schlecht ausgefallen war, Kartoffeln in großer Menge stahl und dabei betroffen wurde, Roggen und Mais. Trotz dieser kleinen Beimischung fand thren Hund losspannte und auf ihn hezte! Ein Bauer in Baaten der moderne Marius seine Rehabilitirung eben so wenig das Brot in hiesigen Arbeitertreisen keinen Anklang, indem sich wollte neulich die Diebe, welche ihm schon großen Schaden an- lange genießen, wie der alte, er wird den Wagen, der Feder sagte, lieber will ich für ein gutes Brot 4 Pf. oder 6 Pf. gerichtet hatten, mit geladenem Gewehr verscheuchen. Angesichts dem Abgrund zustürmt, nur beschleunigen; aber kommen mehr bezahlen. der Uebermacht und der schrecklichen Drohungen der Diebe hielt wird er. er es aber für gerathen, sich zurückzuziehen. Die Diebe voll­brachten ungehindert ihr Wert. Wir gehen einer schweren Zeit entgegen. Die Kartoffeln sind bei den hohen Preisen für Viele fast unerschwinglich.

Solche Berichte kommen aus allen Theilen des Reiches!

-

In der Broschüre findet sich noch eine weitere interessante Stelle, die im Munde eines Lothar Bucher noch interessanter wird:

aber sind die Nationen ins Unglück gebracht worden, wo

Bei diesen Versuchen habe ich gefunden, daß das kurze sandartige Maismehl eher zu allem andern als zur Brot­bäderet geeignet ist, und glaube ich, daß derjenige, der ein gutes Brot davon herstellen will, schon ein Herenmeister à la Murphy sein muß. Darnach scheint es denn doch sehr bedenklich mit

" Für die faulfte Wunde an unserem politischen Leibe halten dem Murphybrot zu stehen. Einen viel größeren Werth wir die bei den großen Parteien unserer Parlamente, Und damit zu allem Unglück der Hohn nicht fehle, Staatsleiter wie bei einem Theile unserer verantwortlichen für die Volfsernährung dürften jedenfalls die Meyer'schen unverkennbar eingerissene Ueber Rezepte haben, die wir s. 3. abgedruckt haben. Leider schiebt der verruchte Anstifter desselben alle Schuld auf zeugungslosigkeit, die nachgerade als Erforderniß scheinen sie ganz unbeachtet geblieben zu sein. die paar winzigen Erleichterungen, die seither eingetreten zur Regierungsfähigkeit angesehen wird. Regelmäßig find, und behauptet in den Hamburger Nachrichten", wechselnde Laune das beständige Wollen ersetzte, Unterwerfung tag gehorsamst bewilligen wird, rechnet die" Freisinnige Den neuen Anleihebedarf, welchen der Reichs­der entrüstete Protest der Bauern in Stolp- Lauenburg die Ueberzeugung vertrat und mehr Eifer herrschte bei der Zeitung folgendermaßen aus: gegen seine Wirthschaft rühre davon her, daß infolge der Mehrheit, als bei der Wahrheit zu sein. Unter solchen Ver- Die Reichsregierung verfügt gegenwärtig auf Grund Aufhebung des Schweineeinfuhrverbots die Schweine so hältnissen wird dem Herrscher der Schein bereitet, als früherer Bewilligungen des Reichstags noch über Kredite in billig geworden seien, daß die Ferkel für zwanzig Pfennige febe sich in ihm der Volkswille verkörpert, während Höhe von 171 497 957 Mart. Dazu kommen demnächst noch die er in Wahrheit von den Schmeichlern vereinsamt neuen Kredite, welche der Reichshaushaltsetat pro 1892/93 der verkauft würden während die Armen ihr Vieh deshalb wird und statt durch die lebendige Berührung mit der wahren Regierung zur Verfügung stellen soll. Etwas Näheres über die so billig verkaufen müssen, weil infolge der Bismarck 'schen Meinung des Landes, nur noch durch Enttäuschungen Er- Höhe der verlangten Kredite ist noch nicht bekannt. Ginige Theuerungspolitik das Futter, namentlich die Kartoffeln, fahrungen gewinnen kann. Zeitungen berichten über ein erhebliches Anleihebedürfniß zur unerschwinglich sind! Beschaffung neuen Artilleriematerials. Doch ist noch nicht er­sichtlich, wie hoch der Gesammtbetrag sich beläuft und ob der­selbe sich nicht auf eine Anzahl von Jahren vertheilt. Indeß erheischt in jedem Fall schon die Fortführung der begonnenen

-

Eine Eisenstirnigkeit sondergleichen verräth es, daß bei alledem Bismard noch die Hoffnung auf eine

In der konservativen Partei ist ein unglaubliches Maß von Charakterschwäche und Stellengier, die wider lichste Form des Streberthums, an Tag getreten und zwar bei Personen, von denen man es selbst in der