Stationen vorgezeigt werden muß. Diese Päffe werden in der Behausung des Kommandanten unentgeltlich ausgegeben; der Wagenmeister wird, wenn es ein Fremder verlangt, bei Be stellung der Pferde auch zugleich für den Paß sorgen. Wenn ein Fremder bei einer weiten Reise etwa einen Gesundheitspaß verlangt, so meldet er sich persönlich bei dem Stadtiekretär, auf dem Rathhause oder in deffen Behausung, und erhält ihn gegen Bahlung von 12 Gr. für Stempel und Expedition. Ein Reisender fann, wenn er mill( doch ist er dazu nicht verbunden) vor der Abreise seine Koffer auf dem Packhofe besichtigen, plombiren und sich darüber Bescheinigung geben lassen, und nur sein Nachtzeug oder was er sonst unterwegs brauchen will, im Wagen oder einem besonderen Päckchen herausbehalten, damit nicht, bei etwa entstehendem Verdachte einer Defrau dation, auf einer Station unterwegs oder an der( Brenze sein Gepäc vifitiren werde. Doch ist durch eine K. Verordnung festgesetzt worden, daß niemand verbunden ist, sich auf den Landstraßen vifitiren zu lassen. Ungemünztes Gold und Silber, alte Treffen u. dgl., desgleichen alle gemünzte Gold und Silbersorten, außer Dukaten und Königl. Preußischen Silberfourant, dürfen nicht außerhalb Landes geführt werden; daher hat sich ein Fremder deshalb wohl vorzusehen. Doch ist einem Reisenden vom adelichen oder Militärstande erlaubt, die zu seiner Reise nöthigen Gelder, und wenn er ein Kaufmann ist, bis 500 Rthlr. in Golde an Friedrichsd'or, Louisd'or u. s. w. zu seinem Gebrauche außer Landes zu nehmen. Auch ist es Reisenden verboten, versiegelte Briefe und Packete zur Be stellung mitzugeben bei Strafe von 10 Rthlr. für jeden Brief.
Diesmal hält sich der Winter an den Kalender. Schnee und Sturm bemühen sich, in überzeugendster Weise uns darzuthun, daß Winters Anfang ist. Die Straßen find ver weht, der Sturm heult ärger als gewisse Blätter über die Ablehnung der Militärvorlage und glücklich ist, wer im geheizten Zimmer verweilen fann. Die Fuhrwerke auf den Straßen haben Mühe vorwärts zu kommen und die armen Pferde müffen sich dabei unmäßig anstrengen. Das Schlimmste ist, daß die Schneestürme auch den Verkehr der Eisenbahnen störten, da viele Strecken durch Schneeverwehungen gesperrt find. Der plöglich mit so großer Macht hereingebrochene Winter trifft besonders hart vor allem das Federvölkchen, wir meinen nicht die Zeitungsschreiber, welche durch das Ausbleiben aller Posten in Verlegenheit tommen, sondern die gefiederten Sänger der Lüfte; der Ruf: Vergeßt der armen Vögel nicht! ist daher ficher gerechtfertigt und wir finden ihn auch in allen Zeitungen bereits ausgesprochen; etliche derselben erinnern auch an die armen, nothleidenden Menschen, denen Kälte und Schnee ihr Elend noch vergrößern. hierher gehören in erster Linie die armen Handwerksburschen, die als industrielle Reserve- Armee" jezt auf der Landstraße wandern Aber trop der Aufwendungen Aber trop der Aufwendungen für öffentliche und private Wohlthätigkeit, die sich von Jahr zu Jahr steigern, fann dem Elend nicht gesteuert werden, bei jedem Anlaß muß auf's Neue der Bettelsack geschwungen werden, ohne daß deshalb die Zunahme der Noth gehindert werden
tann.
Das sollte doch auch zu denken geben und nicht nur wenn Schneestürme brausen, sondern überhaupt Veranlassung sein, sich des Unglücks zu erbarmen. Bei aller Achtung vor dem Wohlthätigkeitsfinn der Bevölkerung müssen wir aber fagen, zur Linderung des Massenelends unserer Zeit reicht das Wohlthun nicht aus. Nicht ein Almofen, sondern nur eine gefunde, umfassende Sozialreform fann da helfen.
Eine nüßliche Anregung betreffs der Haltestellentafeln der Berliner Pferdebahnen finden wir in der Deutschen Bauzeitung". Unzweifelhaft wäre es für den Verkehr, zumal auch im Hinblick auf die vielen Fremden in Berlin , von bedeutender Wichtigkeit, wenn die Haltestellentafeln erstens mehr auffielen und eine kurze Belehrung enthielten, statt wie bisher einfach anzufündigen: Hier hält die Pferdebahn. Am Abend beispielsweise sind die neuen gußeisernen bronzirten Tafeln für den Fremden kaum in die Augen fallend. Die " Deutsche Bauzeitung" schlägt nun folgende Neuerung vor: Statt die Tafeln, wie bisher mit ihrer Schriftfläche gegen die Häuser und den Fahrdamm aufzustellen, stelle man die Tafelfläche quer zur Straßenrichtung, so daß sie dem auf dem Bürgersteig achenden sofort auffallen muß. Zur wünschenswerthen Belehrung würde dann auf der Vorderseite der Tafel, das heißt auf derjenigen Seite, welche sichtbar ist, wenn der Blick dahin gerichtet ist, wohin die Wagen auf dem neben der Tafel liegenden Geleise fahren, eine möglichst umfangreiche schriftliche Angabe über die auf diesem Geleise zu erreichenden Ziele zu machen sein. Auf der hintern Seite der Tafel dagegen würde nur anzudeuten sein, daß die Rückfahrt auf dem anderen Geleis erfolgt; während auf Tafeln an eingeleisigen Strecken, wenigstens auf Der Rückseite, ein Hinweis zu geben sein würde, durch welche andere Straße etwa die Rückfahrt erfolgt. Als Beispiel, wie die Sache durch welche den Pferdebahngesellschaften gewiß feine sonderlich großen Opfer auferlegt würden, durchzuführen wäre, sei das Muster einer solchen Tafel an einer verkehrsreichen Stelle, etwa am Thorhaus, Leipziger Plaz, hier wiedergegeben: b) Rückseite( Seite nach dem Potsd. Platz): Hultestelle der Gr. B. PferdeEisenbahn. Theilstrecke.
a) Vorderseite( Seite nach der Innenstadt): Haltestelle der Gr. B. Pferde:
Eisenbahn. Theilstrecke.
Fahrten nach: Die auf nebenliegendem Geleise 1. Potsdamerstr.- Schöneberg. erreichbaren Biele sind auf der 2. Potsdamer u. Bülow- Str. Vorderseite dieser Tafel ange( Ecke.) geben.
3. Potsdamer u. Bülow- Str. Bur Rückfahrt dient das andere Nollendorf- Play. Geleis.
4. Potsdamer und Lüzow
Straße
Garten.
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Boologischer
Geleis.
Sämmtliche Wafferläufe sind jetzt mit Eis bedeckt. An der Unterbaumbrücke trieb am Donnerstag ziemlich starkes Grundeis in so großen Schollen, daß diese sich bald vor die Tragpfeiler der Brücke legten und die Wasserfiraße sperrten; ein Kahn, welcher von der Stadt her das freie Fahrwasser zu gewinnen suchte, fonnte nur langsam durch das Einschlagen einer langen Furche in das stehende Eis vorwärts gebracht werden. Die große Beengung, welche das Fahrwaffer am Unterbaum durch die an den dortigen Ufern im Waffer lagernfaen Holzvorräthe erfährt, beschleunigte, wie in jedem Jahre, so au diesmal das schnelle Verstopfen der Brücke durch den Eise gang, was für den lebhaften Schiffsverkehr mit Berlin von großem Nachtheile ist. Hält der Frost noch einige Tage an, so dürfte für die Weihnachtsfeiertage die prächtigſte Schlitts schuhbahn auf der Oberspree vorhanden sein. Am Donnerstag unternahm die bei solchen Gelegenheiten stets raftlofe Jugend Die üblichen Versuche, die Festigkeit des Eises durch Werfen mit schweren Eteinen von der Unterbaumbrücke aus festzustellen. Bald darauf sah man am Ufer einige jüngere Schlitt fchuhläufer sich bewegen.
Daß der Schnee in Berlin sich auch dem Geruch bemerklich macht, ist nach den Erfahrungen der legten Taae nicht mehr zu befireiten. Wer beispielsweise zur Zeit eines heftigen Schneegestöbers durch die öftliche Köpenickerstraße, durch die Mühlenstraße, oder auch über einen der in fener Ge gend gelegenen Spreeübergänge paffirte, dent trugen die witbelnden Flocken einen sehr deutlich wahrnehmbaren Geruch von Steinfohlenrauch entgegen, den die zahlreichen Fabrikschornsteine in jener Gegend zu beiden Seiten der Spree den ganzen Tag hindurch in die Höhe senden. In der Gegend vor dem Stra
lauerthore, wo die hohen Effen weniger eng beisammen stehen, fonnte man im Schnee den trockneren Rauchgeruch des Koakes deutlich von dem fettig- fragenden Steinkohlengeruch in der Nähe der einzelnen Schornſteine unterscheiden; auch im Innern der Stadt war oft ein ganzer Straßentheil mit dem Kiengeruch erfüllt, der von dem Backofenfeuer einer Kuchenbäderei her rührte. In allen diesen Fällen war auch bei aufmerkſamſter Beobachtung der Rauch als solcher nirgends erkennbar; er zog vielmehr in seinen üblichen Wolfen aus den Schornsteinen der Windrichtung nach und wurde hier von den dichten Flocken durchkreuzt, die in ihren leichten Krystallen soviel Rauch aufs nahmen, daß dieser sich beim Niederfallen der Schneeflocken auf die Erde dem Geruch bemerkbar machen konnte. In dieser Art dürfte also ein Schneefall zugleich die oberen Schichten der Athmospähre reinigen, und den natürlichen Prozeß, nach welchem ja auch die Rauchtheile wieder zu Boden sich senken, welchem ja auch die Rauchtheile wieder zu Boden sich senken, beschleunigen.
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Auf die vorgeftrige erlogene Notiz der Staatsbürger Beitung" brachte das Blatt gestern folgendes: Die Firma Gebrüder Singer bestreitet in einer Zuschrift an uns die Mittheilung aus voriger Nummer, daß fie zwei für fie thatigen Schneidermeistern unter Androhung der Arbeitsentziehung untersagt hatte, eine aus der Mäntelnäherinnenbewegung bes fannte Arbeiterin weiter zu beschäftigen. Wir haben daraufs hin nur zu konstatiren, daß die Betreffende, Frau Krankemann, die Wahrheit der von uns gemachten Angabe aufrecht erhält und auch die Namen der beiden Schneidermeister, welche ihr die betreffende Mittheilung gemacht, angegeben hat."- Nun ist dem genannten Blatt von der Firma Gebrüder Singer unter dem gestrigen Datum folgendes Schreiben zuges gangen: In Folge Ihrer heutigen, unser gestriges Schreiben betreffenden Notiz haben wir Frau Krankemann ersucht, uns die Namen der Schneidermeister, welche die betr. Mittheilung gemacht haben sollen, zu nennen. Frau K. theilt uns mit, daß der Schneidermeister Falkenstein, Megerstraße 14, und die Schneidermeister Willer u. Heinze, Brunnenstraße 5, die uns betreffenden, von Ihnen veröffentlichten Angaben gemacht haben. Wir bemerken zunächst, daß der Schneidermeister Faltenstein einmal Anfang dieses Jahres ganz vorübergehend und die Herren Willer u. Heinze niemals für uns gearbeitet haben. Die bez. Behauptung anlangend erklären wir dieselbe wiederholt als eine in allen Theilen dreist erfundene Lüge und versichern nochmals, daß wir zu feiner Beit weder die Genannten noch irgend einen Andern aufgefordert haben, der Frau K. keine Beschäftigung weiter zu geben. Ebensowenig haben wir jemals unter Androhung von Arbeitsentziehung einen unserer Schneider meister aufgefordert, die Frau K. oder eine andere Arbeiterin nicht zu beschäftigen. Wir müssen Sie nun bitten, event. nach eingeholten Erkundigungen, die bez. Notiz richtig zu stellen, da wir anderenfalls gezwungen find, gegen Sie wegen öffentlicher Verleumdung flagbar zu werden. Wir find neugierig, was die Staatsbürger- Beitung" nunmehr zu erwidern haben wird. Endlich soll anch für die vernachlässigte aller Ber liner Vorortsstrecken, die Strecke Berlin - Wusterhausen , etwas mehr als gerade das dringend nothwendige geschehen. Die Strecke ist von Grünau ab eingeleifig. In Folge dessen konnten wenigstens die Orte zwischen Grünau und Wusterhausen in erheblich geringerem Maße als Johannisthal und Grünau in Verbindung mit Berlin gebracht werden. Alle auf Abhilfe dieses Uebelstandes, der besonders von den zahlreichen Sommerfrischlern in Schmöckwitz , Hankel's Ablage, Beuthen und Wusterhausen- Neue Mühle, deren Zahl von Jahr zu Jahr steigt, schmerzlich ampfunden wurde, gerichteten Petitionen blie ben unberücksichtigt. Jest endlich zwingt die mit der Stadtbahn hergestellte Verbindung, deren Einfluß sich überall in den Ortschaften an der Oberspree und deren Seen in einer gestei gerten Baulust geltend macht, endlich auf Abhilfe des genannten Uebelstandes zu denken. Damit zugleich werden noch verschie dene Neuerungen bezw. Umbauten ausgeführt werden. Hierher gehört zunächst die Verlegung des bisherigen Verbindungsweges zwischen Niederschönweide und Johannisthal . Derselbe führt jest direkt über den Bahnkörper, und bei dem besonders im Sommer gewaltigen Personenverkehr, der hier herrscht, ist es geradezu ein Wunder, daß noch fein Unglück geschehen ist. Dieser Weg soll aufhören und dafür eine Ueberbrückung der Bahn einige hundert Meter südlicher stattfinden, so daß der Verkehr zwischen den beiden Orten ganz unabhängig von dem auf der Bahnstrecke wird. In Adlershof , dessen Terrain in neuerer Zeit besonders für den Bau von industriellen Gebäuden bevorzugt wird, soll des starken Güterverkehrs wegen, der bisher an den Stationen Grünau oder Köpnic zu bewältigen war, eine Güterabfertigung eingerichtet werden. Auch der Per sonenverkehr von und nach dort hat sich in Folge des Zuzugs einer Arbeiterbevölkerung, die in den umliegenden Fabriken Beschäftigung findet, nicht unbedeutend gehoben. In Folge deffen wird Adlershof eine große Wartehalle erhalten und zu gleich die Vereinigung der nur durch eine Wärterbude gefrennten Stationen Adlershof und Glienicke erfolgen. Ebenso sollen die Stationen Schmöckwit und Hantels- Ablage, Beuthen je eine Wartehalle erhalten. Bugleich wird bei Hanfels Ablage eine Kreuzung erbaut werden. Damit wird die Möglichkeit gegeben, daß der Stadtbahnverkehr, ohne den Güter und Eil zugverkehr zu hemmen, den Orten Schmöckwiz, Hankels Ablage und Wusterhausen in reichlicher em Maße, als bisher möglich war, zu Theil wird. Wenn aber erst die Ober- Spree und Elbe - Spree - Verbindungen hergestellt sind, bei denen die Waffer becken der Dahme eine wichtige Rolle spielen, dann vermag fich hier ein Verkehr zu entwickeln, der von feinem auf sonstigen Berliner Vorortsstrecken übertroffen werden dürfte.
Berlin zur Weihnachtszeit im Schnee! Bleiern hängen die Wolken über dem Häusermeer, fein Sonnenstrahl lacht freundlich in die Melancholie hinein, es ist, als ob man oben im Norden, in Hammerfest oder auf den Lofoten, wohne und von aller Welt abgeschieden sei. Wir find wenigstens von ähnlicher Einsamkeit umgeben: verödet und still liegen die Straßen da, selten daß sich Jemand in das Schneegestöber hinauswagt; schweigsam und still vom echten Winterschlaf um fangen, ragen die verschneiten Bäume der Hausgärten in die falte Natur hinein, und selbst Meister Spaß, der unverwüstliche Gaffenbube, hat das Fliegen verlernt und fist traurig in einer geschüßten Ecke, das Köpfchen zwischen die Flügel geſtedt. Und ausgeblieben ist schon seit gestern der Briefbote mit den sächsischen, schlesischen und österreichischen Beitungen. Aus den Depeschen des Wolff'schen Bureaus" aber erficht man, daß Schneeftürme die Bahnstrecken fast in allen Theilen Preußens unfahrbar ge macht haben und die Züge im Schnee steden geblieben sind. So ist man von der Außenwelt für 24 Stunden abgeschloffen, und im Leben einer Großstadt will das viel sagen. Der Schnee verschuldet sogar, daß es auf den Bahnhöfen äußerst melancholisch aussieht: auf den Perrons herrscht trübe Dämmerung, denn das Weiß ruht auf den gewaltigen, gewaltigen Glasgewölben als undurchfichtige Tede in Stärte von mindestens dreißig Bentimetern; auch der Zufluß Bentimetern; auch der Bufluß an Reifenden ist spär licher wie ſonst, well jeder fürchtet, daß ihm unfreiwilliger Landaufenthalt durch ein Liegenbleiben des Buges bereitet werde. Lebendiger fieht es im Zentrum der. Stadt aus. Dort geht es geradezu toll zu. Mit Hiefenträften waltet die Direktion der Straßenreinigung ihres Amtes; Tausende von Arbeitern sind beschäftigt, die Schneemaffen sett lich der Straßendämme zu Hügeln aufzuschichten und die Fahr bahnen frei zu machen. Eine braune, schmuzige, wässerige Maffe von Schnee, Salz und Eand zieht sich über die verschlungenen Adern des städtischen Verkehrs hin, das Vor wärtskommen für Thier und Mensch erschwerend. Die Pferde bahnen haben Dreigespann erhalten, die Rollwagen fahren mit Vieren, die Droschkentutscher mit Sweien. Dampfend teuchen die Pferde dahin, fie fönnen nicht mehr weiter, der Verkehr
flockt, eine lange Wagenburg sammelt sich, Fluchen
und Schimpfen, Beitschengeknall und anfeuernde Rufe werden laut, und die langsam ſept fich Kolonne hundert Schritten wieder
in
nach Bewegung, um
zu ſtoden. Selbst der Boftwagen, der gewöhnlich alle Hindernisse zu überwinden vermag, bleibt stecken und vermag feine zur Weihnachtszeit besonders schwerwiegenden Pflichten faum zu erfüllen. Und seitlich dieses originellen, endlosen Wagenverkehrs arbeitet sich auf den Bürgersteigen die immer thätige, fieberhaft schaffende Bevölkerung der Riesenstadt pustend und ausgleitend vorwärts, um das tägliche Arbeitspensum zu erledigen. Doppelt gewaltig ist der Verkehr vor dem Feste, da Jeder noch das Nothwendigste erledigen will, um die Feiertage in Ruhe und Frieden zu verleben. Da wird der Schneefall ganz besonders schwer empfunden. Und doch ist Jeder froh. daß er da ist, denn Weihnachten ohne Schnee ist kein richtiges Fest; die Flocken müffen herniederwirbeln und die Erde zudecken, auf daß der Aufenthalt im warmen Heim und im Familien kreise doppelt behaglich empfunden wird.
Der Polizeipräsident hat eine zwar schon bestehende, aber früher nur sehr wenig in der Praris ausgeübte Be stimmung, die Pfandleiher betreffend, wieder in Wirksamkeit gesezt. Die Marktpolizei wird jezt angehalten, die Geschäftsbücher der auf Pfänder Leihenden genau dahin zu kontroliren, ob dieselben auch im Verhältniß zu den versezten Pfandgegen ständen angemessen hoch bei den Feuerversicherungsgesellschaften versichert sind.
Nach Mittheilung des Statistischen Amts der Stadt Berlin find bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 12. Dezember bis intl. 18. Dezember cr. zur Anmeldung gekom men: 203 Eheschließungen, 924 Lebendgeborene, 29 Todt geborene, 575 Sterbefälle.
Der Wunsch der Vater des Gedanken. Die Hall. 8tg." läßt sich von hier melden, daß u. A. der Reichs- und Landtagsabgeordnete Alexander Meyer für die durch Runge's Tod erledigte Stelle des Stadtkämmerers von Berlin in Aus ficht genommen sei. Die Beziehungen des Herrn Alexander Meyer zur Hall. 3tz." find zu bekannt, als daß man nicht ers rathen könnte, von wem diese Notiz herrührte. Diese Art, die Fühlhörner auszustrecken, ist ein wenig sehr plump, so plump, daß man fie Herrn Alexander Meyer sigentlich nicht zutrauen sollte. Bierredner allein qualifiziren denn doch noch nicht zum Berliner Kämmerer.
Der Mangel eines Krankenhauses im Südwesten Berlins wird immer fühlbarer. Es haben sich hier in legter Zeit wieder zahlreiche Unglücksfälle ereignet, wobei die Uebers führung der Betroffenen in ein Krankenhaus dringend noth wendig war. Perfonen, welche in der Nähe des Halleschen Thores schwer verunglückten, wurden entweder nach der Charitee, der königlichen Klinik oder nach dem Krankenhause Bethanien geschafft! Man erwäge, daß es wenigstens einer Zeit von einer halben Stunde bedarf, ehe die Kranken bezw. Verunglückten Das Ziel in einer für den Transport wenig geeigneten Droschke erreichen. Erliegt der Aermfte unterwegs den Schmerzen, fo ist das gewiß fein Wunder. Daß hier also dringend eine Abhilfe erforderlich ist, liegt auf der Hand.
Der Kultusminister erläßt folgende vom 3. b. M. dat irte Bekanntmachung hinsichtlich einer neuen Arzneitare: Unter Berücksichtigung der in den Einlaufspreisen mehrerer Droguen und Chemikalien eingetretenen Veränderungen und der hierdurch nothwendig gewordenen Aenderung in den Tarpreisen der betreffenden Arzneimittel habe ich eine Revision der Arzneitare angeordnet und hiernach eine neue Auflage der felben ausarbeiten laffen. Die demnach abgeänderte Taye tritt mit dem 1. Jannar 1887 in Kraft und enthält wiederum im Anharge Vorschriften zur Bereitung einer Anzahl gebräuch licher, in die Pharmacopoea Germanica nicht aufgenommener Arzneimittel, wie solche bei Festsetzung der für diese Arzneimittel ausgeworfenen Preise maßgebend gewesen find.
Der wahnsinnig gewordene Bahnassistent Fris P. bea drohte in verflossener Nacht seine Umgebung in seinem Haufe, indem er mit einem offenen Meffer auf alle losging, die ihm in den Weg kamen. Der an Verfolgungswahnsinn Leidende wurde, nachdem der Arzt seinen Zustand für gemeingefährlich erklärt hatte, auf Veranlaffung des 36. Polizeireviers der Königlichen Charitee zugeführt.
Ueber einen Raubanfall geht uns folgende Mittheilung zu: Ein in der neuen Königstraße wohnhafter Fabrikant P hatte in der Nacht vom 22. zum 23. d. M. in animirter Stim mung auf dem Heimwege das Wiener Café am Alexanderpla besucht, in welchem fich zwei junge Leute zu ihm gesellten. Beim Verlassen des Lokals erboten sich die jungen Leute, den P. nach Hause zu begleiten, faßten ihn unter den und führten ihn in die neuangelegte Straße Arm A.( früher Schüßenplay). Auf einen Pfiff, wel chen einer der Begleiter ertönen ließ, sprangen noch etwa sechs Personen hinzu, die den P. sofort umringten, zur Erde in den Schnee warfen und ihn seiner gol benen Uhr nebst Kette im Werthe von 300 Mart und seiner Baarschaft beraubten. Im Laufe des geftrigen Tages gelang es der Revierpolizei, vier Personen festzunehmen, welche dringend verdächtig find, an den Raubanfall betheiligt zu sein. Die Verhafteten find mehrfach bestrafte Personen und gehören zur Bunft der Zuhälter.
wurde
Der in der Verbrecherwelt besonders als geschickter Leichenfledderer" befannte Schneidergeselle May Kinkel, genannt Raiser, gestern auf Veranlassung der vierten Abtheilung des föniglichen Polizeipräsidii der föniglichen Charitee zugeführt, nachdem der polizeiliche Phyfitus seinen geistigen Zustand für gemeingefährlich bezeichnet hat, Rinkel ist nicht weniger als 20 Mal wegen Leichenfledderei und anderer Streiche mit haft, 2 Mal mit längerer Gefängnißftrafe nnd zulegt wegen schweren Diebstahls mit 1 Jahr 7 Monaten Buchthaus bestraft worden.
Da er
Epileptischer Wahnsinn führte gestern den Schuhmacher Ernst W. aus der Schlesischenstraße auf Veranlassung des 53. Polizeireviers zur Jrrenstation der fal. Charitee. Der bes dauernswerthe 16jährige Mensch litt in letter Beit so heftig an Krämpfen, daß schließlich das Gehirn affigirt wurde. außer dem bestehenden Größenwahn er hält sich für den schönsten und beften Menschen auch in der legten Nacht recht unangenehm geworden ist, indem er in plöglicher Wuth um fich biß, trapfe und schlug, so mußte sein Bustand als gemein gefährlich bezeichnet werden.
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Im Aufnahmebureau der königl. Charitee spielte fich gestern Vormittag in der elften Stunde ein erschütternder Fall ab. Das Bureau war überfüllt. Auf der Bank saß ein junger Mann mit unheimlich glänzenden Augen; et wurde von zwei anderen Männern gehalten, denn er war tobsüchtig. Neben dieser Gruppe saß ein Anderer mit schmerzerfülltem Geficht: Knochenfraß am Bein. Weiter standen dicht gedrängt Alt und Jung, wegen verschiedener Leiden um Aufnahme bittend. Da betritt eine Frau das Bureau und naht fich dent Beamten mit der Frage:„ Ich wollte den fleinen Mar 2. besuchen!" Liebe Frau, die Besuchss geit ist erst später," lautet die Antwort. Nachher habe ich teine Beif, o bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch jest, cre widert die Frau mit flehender Stimme. Der Beamte schlägt das Buch auf und sagt dann: Ja, liebe Frau, da kommen Sie zu spät; der Kleine ist heute früh gestorben." Mit jähm Schrei finkt die Frau auf die Holzbant. Dein Kind, mein einzig Glück verloren!" Da faß die Mutter, die für den Liebe ling gekauften Weihnachtsgaben in der Hand, dieselben mit wehmüthigem, hoffnungslosem Ausdrud betrachtend. Selbst die an folche Auftritte gewohnter alten Beamten fonnten die innere Bewegung nicht verbergen, alle waren erschüttert von dem Anblick nur der Wahnsinne lachte bell auf. Blutvergiftung durch einen lhrschlüffel. Ein höchft eigenthümlicher Fall von Blutvergiftunt, der durch die ihn be