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Parlamentsberichte.

Deutscher Reichstag .

21. Sigung vom 25. Januar, 2 Uhr. Am Tische des Bundesraths: v. Bötticher. Bur ersten Berathung stehen die von den Abgg. Hitze Genoffen und Ackermann u. Gen. eingebrachten Gesetz­ürfe, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung( Be igungsnachweis).

Aba. Hike: Schon in drei Seffionen war das Haus mit n Anträgen beschäftigt, und ihre Freunde haben sich seit­vermehrt; die meisten Parteien haben dem Grundgedanken jtimmt. Für die Bauhandwerker wollen auch die Regie­ten- hen den Befähigungsnachweis einführen und haben eine uete deswegen veranlaßt. Preußen hat ihn bereits für das ebenbeschlag- und Schornsteinfegergewerbe eingeführt, das Prinzip anerkannt und streitig nur noch die Art und der Um­der Durchführung. Die Reichspartei will nur die Bei gung von Arbeitszeugnissen, wir wollen eine Prüfungs es Streits mission. Streitig ist ferner, welche Handwerker dem Nach­and durch zu unterstellen find. Die Meisterprüfung soll nicht nachdem eine Kontrole für den Gesellen, sondern auch für t, troßdem Meister selbst sein, der ihn ausgebildet hat und wir gegen das Pfuscherthum schüßen wollen. Bu wollen wir eine sittliche und technisch gute Erziehung Lehrlinge ermöglichen. Dann werden die Innungen er blühen und durch sie das Handwerk die Konkurrenz des tals bestehen können. Wir wollen weder die Maschinen, die Arbeitstheilung beseitigen; ich kann mir aber feinen gemachte feren, abhängigeren Menschen denken, als den, welcher nur bei der einzige Manipulation in seinem Handwerk mit Hilfe der mpner befchine ausführen kann. Die einzelnen Gewerbe streng von abzugrenzen ist ja manchmal schwierig; aber diese Perjowierigkeit wierigkeit werden Verwaltungsbehörden und Gerichte bald winden. Deshalb muß den ersteren ein möglichst weiter elraum eingeräumt werden. Eine Kommissionsberathung ist mehr nöthig.

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Herzog.

Abg. Ackermann: Ich begründe heute unseren Antrag vierten Male in erster Lesung. Er hat in den Kommissionen die Zustimmung der Majorität gefunden, ohne daß es jezt zur zweiten Lesung und zur Entscheidung des Hauses mmen wäre. Es liegt auch im Interesse der Gegner, von Wollich die Entscheidung herbeizuführen, daher wir uns den mm Antrag auf fommissarische Berathung widersetzen ner diese den. Von dem Antrage des Zentrums unterscheidet sich ibn, für unfrige nur in unwesentlichen Bestimmungen, z. B. sollen zulegen Snnungen fein zweites Meisterstück verlangen können, Dir die elegt hat. Der Befähigungsnachweis ist für das öffentliche und fab, die Gesundheit und das Vermögen Aller von Bedeutung, Arbeit for ich bedaure, daß die Regierung uns die Ergebnisse der

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Weinber

Donnerstag, den 26. Januar 1888.

5. Jahrg.

wärtsgekommen; ich brauche nur auf die Entwickelung des Kunsthandwerks hinzuweisen. Pfuscher hat es zu allen Zeiten Der gegeben und wird es immer geben in allen Dingen. Handwerker leidet nicht unter der Konkurrenz der Pfuscher, sondern unter der der Großindustrie und der großen Magazine. Von der Sozialdemokratie werden Sie durch den Befähigungsnachweis das Handwerk nicht zurückhalten. Dies jenigen, die die Prüfung nicht bestanden haben, werden sich erst recht der Sozialdemokratie zuwenden. Es wird dann überhaupt eine so große Unzufriedenheit in Deutschland unter den Hand­werkern entstehen, daß die Sozialdemokratie in diesen Kreisen erst recht gute Geschäfte machen wird. Eine absolute Garantie für die Sicherheit bei Bauten bietet der Befähigungsnachweis auch nicht; zumeist ist der schlechte Bau nicht auf zu geringe Fähigkeit, sondern auf mangelnde Sorgfalt und unangebrachte Sparsamkeit zurückzuführen. Dem Bundesrath und der höheren Verwaltungsbehörde wollen Sie die Anträge überlassen, Ausnahmen zu gestatten; die Schwierigkeiten des Gesetzes beginnen dadurch erst mit seiner Ausführung; sehr angenehm finde ich deshalb die Aufgabe für den Bundesrath nicht. Weit verbreitete Kreise des deutschen Handwerks find sicherlich mit den Vorschlägen der Antragsteller einverstanden, gehen aber andererseits über dieselben weit hinaus, weil sie eben nichts Anderes wollen, als die alten Zwangsinnnungen. Eine große Zahl von Gewerbe treibenden, und gerade die tüchtigsten und energischsten, stehen indeffen auf dem genau entgegengesezten Standpunkt. Die Handwerkerprüfungen, wie sie von 1849 bis 1868 in Preußen bestanden haben, haben sich durchaus nicht bewährt; die gleichen Erfahrungen hat man nach meinen Erkundigungen auch in Desterreich gemacht. Ich erinnere nur an die kleinen Kompetenz­streitigkeiten, die dort zwischen den einzelnen Gewerben stattge funden haben. Die österreichische Regelung dieser Materie hat dem Handwerk feine Hilfe, aber neue, unerschwingliche Lasten gebracht. Davor möchte ich unser Handwerk bewahrt wissen, und ich bitte Sie deshalb, die Anträge Hize- Ackermann abzus lehnen.

Schon die Reden von Bebel und Grillenberger hätten Ihnen zeigen können, daß ihre Anträge, wenn sie erst Gesetz sind, der Sozialdemokratie diejenigen in die Arme treiben, die die Prüfung nicht bestanden haben, und nun glauben, sie seien aus Furcht vor der Konkurrenz von den Prüfungsmeistern zurückgewiesen. Uebrigens glaube ich durchaus nicht, daß die Todesstunde des Handwerks schon geschlagen habe, daß es von der Groß­industrie mit unerbittlicher Konsequenz aufgefogen werde. Das Handwerk hat noch heute seinen goldenen Boden, sowohl in Deutschland wie in anderen Ländern. Die Berufsstatistik von 1882 hat ja festgestellt, daß die große Mehrzahl aller in Gewerbe und Industrie Beschäftigten von 7 340 789 mehr als die Hälfte, nämlich 4719 511 in Hand­werksbetrieben arbeiten. Führen Sie jetzt neue Beschränkungen für den Handwerker ein, erschweren Sie ihm den Uebergang von einem Handwerk zum anderen, so geht er desto leichter in die Fabrik und Sie fördern damit nur die Großindustrie. Warum verlangen Sie denn nicht konsequent auch den Befähi­gungsnachweis für die Großindustrie? Das Handwerkerparla­ment von 1849 war wenigstens so konsequent und verlangte, alle Handwerksarbeiter in den Fabriken sollten an die Innungs­meister des Ortes kommen, jeder sollte nur ein Gewerbe treiben und nicht mehr als zwei Lehrlinge halten; die öffentlichen Ar­beiten sollten nicht an den Mindestfordernden, sondern durch den Gewerberath an die Innungsmeister vertheilt werden. Die Herren wußten doch wenigstens, was sie wollten. Uebrigens sollte Ihnen die österreichische Gewerbenovelle von 1883 als warnendes Beispiel dienen. Diese hat auch den Befähigungs­nachweis für das Handwerk, und was ist das Ergebniß der­selben? Die ärgerlichsten Streitigkeiten zwischen den einzelnen Handwerkern und den Großindustriellen. Man ist dort auch sehr verwundert, daß der Deutsche Reichstag mit ähn lichen Anträgen immer wieder, trotz der schlimmen Erfahrungen in Desterreich, behelligt wird. In Frankreich und England denkt kein Mensch mehr daran, den Befähigungsnachweis und die Innungen einzuführen, obwohl das Handwerk dort nicht mehr blüht, als bei uns. Sie wollen im§ 14a etwa 44 Hand­werksgattungen dem Prüfungszwang unterwerfen. Sind denn die Leistungen des Handwerls zurückgegangen? Auch der Kol­lege Miquel sagte ausdrücklich, daß, wenn die Wohnungen der Arbeiter auch jetzt noch nicht gut, fie doch viel besser als früher Bauwesen für völlig berechtigt, aber der Befähigungsnachweis find. Auch ich halte eine strenge staatliche Kontrole über das Bauwesen für völlig berechtigt, aber der Befähigungsnachweis derartigen Unglücksfälle in Berlin find in den 60er Jahren vor­verhindert den Einsturz von Bauten auch nicht. Die schwersten gekommen, also zur Zeit des Prüfungszwanges, unter der Herr­schaft der strengen Verordnung vom 24. Januar 18 6. Schlecht angebrachte Sparsamkeit beim Verwenden der Baumaterialien, Gewiffenlosigkeit, das Bauen bei starkem Frost verhindert der Befähigungsnachweis nicht. Sie können Kenntnisse, aber nicht die Gewissenhaftigkeit prüfen. Für Verbreitung dem Bauhandwerker nöthigen Kenntnisse haben nicht einmal die Innungen das Meiste gethan; freie Vereinigungen, die Regie­rungen haben vielmehr für die Errichtung von Baugewerksschulen gesorgt.( Sehr wahr!) Aber auch die übrigen Handwerke haben feine Rückschritte gemacht. Während nach 1869 die ganze vor­nehme Welt ihre Kleider u. f. w. aus Paris bezog, find es heute nur wenige. Pfuscher giebt es in jedem Berufe, auch unter den Berufen mit einem Prüfungszwange, unter Juristen, Aerzten, Lehrern, Baumeistern 2c. Eine solide Geschäftsgebahrung werden Sie feinesfalls durch den Befähigungsnachweis verhin dern. Es wird aber auch jest wieder, wie der Minister Delbrück 1869 bei Berathung der Gewerbeordnung nachwies ,,, in diesen Prüfungskommissionen der Leidenschaftlichkeit und dem Brot­neide zu Ungebühr Gehör gegeben werden." Glauben Sie nur nicht, daß das ganze Handwerk hinter den Antragstellern steht. Was wollen denn die 50 000 Handwerker, die den Befähigungs­nachweis wünschen, bedeuten gegen die oben erwähnte Zahl von 4 700 000 Handwerkern, von denen mehr als 1 Millionen selbst­ständig find.( hört!) Ich will, um Ihnen die Konsequenzen Ihres Antrages an einem praftischen Beispiel zu zeigen, nur die Bestimmung des§ 14 gg aus Ihrem Antrage herausgreifen. Dort verlangen Sie: den Nachweis der Befähigung haben die Frauen nicht zu führen, welche allein oder mit ihren Fa­milienangehörigen für Frauen und Kinder arbeiten". Da nach dürfen die Frauen beispielsweise nur Frauenhemden an fertigen; ist aber der Bedarf an Herrenhemden plößlich groß und fönnen bei der Anfertigung derselben Frauen lohnend Beschäftigung finden, so dürfen sie ohne Befähigungsnachweis diese Hemden nicht machen, fie müßten denn erst vom Bundes­rath selbst die Erlaubniß hierzu bekommen.( Seiterkeit.) Solche Fälle werden tausendfach vorkommen. Ich bitte Sie, die Anträge nicht erst in einer Kommission zu berathen.( Bei­fall links.)

quete bezüglich der Bauhandwerker noch nicht mitgetheilt Der Nachweis wird das sich breit machende Pfuscherthum, Ser hat dwischenhändler und die unreellen Abzahlungsbazare be= igen, dagegen die Tüchtigkeit und die gesellschaftliche Stellung Handwerkers heben, der jetzt, zum Proletarier herabgedrückt, der Sozialdemokratie zuwendet. Die Mißstände der Zünfte Mittelalter vermeiden wir durch die obrigkeitliche Aufsicht. er derselben wird die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit der Vungen nicht fraglich und Abgrenzung der Gewerbe nach erwindung des ersten Stadiums leicht möglich sein. Von 1 bis 1861 haben wir bereits mit dem Befähigungsnachweis e Erfolge erzielt.( Widerspruch links.) Wenn auch die tigkeit des Einzelnen eingeschränkt wird, so ist es doch r, ein Gewerbe tüchtig zu verstehen, als in hundert Dingen zu können. Durch Herabsetzung der Prüfungskosten wird uch dem Unbemittelten möglich werden, sich selbstständig zu Cen. Bringen Sie also die Sache zum Abschluß und richten

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abier 30 F ein Bollwert auf gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen

heimer Aeinde des Vaterlandes,

ilie.( Gelächter links.)

der Gesellschaft und der

af Flascbg. Cegielski( Pole): Wir Polen find der Ueberzeu­sinnens

daß, um dem Handwerker zu helfen, den verderblichen des Kapitals zu paralyfiren, der Ausbeutung durch herz­pändler vorzubeugen, die tüchtigen Meister von der unbe ten Konkurrenz der Pfuscher und Stümper zu befreien, wachsenden Handwerkerproletariat und damit der Aus­

ann, ng, fozialdemokratischer Tendenzen entgegen zu wirken, die

des Loos

Zieb dieser

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zu

ereinführung der obligatorischen Meisterprüfungen hlen wäre, zu denen nur solche Kandidaten zuzulassen find, Jahre alt find und 3 Jahre als Lehrlinge und drei als Men gearbeitet haben. Wir Polen können aber aus chen Gründen den Anträgen wenigstens in der jetzigen ng nicht zustimmen. Die Prüfungen sollen stattfinden dem Vorsitz eines stimmberechtigten obrigkeitlichen Kom 3. Damit wird die Regierung einen mächtigen Einfluß effer 330 en Handwerkerstand gewinnen. Der Kommissar wird die o Mk,% ſtimme und die Entscheidung über den Ausfall der Prüfung Jedes zwei wohl wollte, so würden wir keine Bedenken tragen, unsere gewinwerfer dem Schute derartiger Kommissare

lotte

22 Mk.,

amtlichen

1/16

anzuver

obwohl wir der Staatsgewalt bereits nach allen Seiten ehende Vollmachten gegeben haben. Sie werden aber zu­über so viel Vertrauen nicht einflößen kann, daß wir zu

1000 Mk Daß das Verhalten der preußischen Regierung uns Polen Liste 75 Pneuen Machterweiterung unsere Zustimmung geben können. eigt werden Der Schule würden wir eine Art von politischem Selbst­einen Ziehu begehen, wenn wir diesem Antrage zustimmten. Deshalb

empfiehlt

Loose

über den legten Beschlüssen des Landtags auf dem Ge­

vir durch politische Rücksichten gezwungen, gegen die An­zu stimmen, obwohl wir den Prüfungszwang für noth­halten.

Porto u. Lbg. Goldschmidt: Zwei Grundtöne haben die Aus­

im Faber

Friedrigen der Antragsteller sowohl im vorigen wie in diesem

durchklungen, einmal wirke der Befähigungsnachweis nt erzieherisch, dann bilde er ein Bollwerk gegen die demokratie. Aber statt die junge Generation zu erziehen, Der Befähigungsnachweis frisches Blut vom Handwerker zurückhalten und eine Stagnation des Handwerks herbei­, wie sie schon einmal nach Einführung der Gewerbe­ng vom Jahre 1849 herrschte, und schließlich Brivilegium für die Nichtbefähigung sein. Nicht der der Innungen, nicht die Prüfungen und der

hneid

Mängungsnachweis haben den künstlerischen Sinn, die

u jeder Be

geboten,

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heine Bildung des Handwerks gefördert, erst die Freiheit Bewerbeordnung von 1869 hat das Handwerk wieder besser t. Wenn wir die Ausbildung des Handwerks weiter n, so nüßen wir dem Handwerkerstande unendlich viel als wenn wir die Handwerker in ihrem Egoismus noch

er und sie zurückverseßen in jene gute, alte Beit", die

ar, aber nicht gut. Hier müffen Sie einfeßen und hierbei n Sie uns stets bereit finden, zu helfen und zu fördern. gut.) Wie wollen Sie nun gar durch ihre Vorschläge fandwerker vor den sozialdemokratischen Frrlehren bewahren?

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Abg. Lohren: Meine Freunde und ich treten für den Befähigungsnachweis ein, aber nicht in der weitgehenden Form, die von den Abag. Ackermann und Hize empfohlen wird. Wir

verlangen den Nachweis nur soweit, daß derjenige, der ein

und drei Jahre in dem betreffenden Handwerke oder einer dem­selben verwandten Fabrit gearbeitet hat. Das genügt schon, die schlechten Lehrmeister, die Stümper und Pfuscher fernzuhalten und auch den Haufirern und Marktbeziehern eine Grenze zu setzen. Der von mir früher gestellte Antrag wollte den Bes fähigungsnachweis überall da, wo Leben und Gesundheit in Frage steht. Die Meisterprüfungen wollen wir nicht von Kon­furrenzmeistern, sondern von technischen Prüfungsbeamten abge­halten wiffen. Wir wollen feine Vorrechte für die Meister, sondern eine Prämie für Gesellen und Lehrlinge auf das gute Erlernen des Handwerks. Unser Bestreben geht überhaupt nicht dahin, einen Schritt in das Mittelalter zurück, sondern einen Schritt vorwärts zu thun. Ich kann deshalb nur bitten, den Antrag Ackermann abzulehnen oder eine Amendirung in dem von mir bezeichneten Sinne in der zweiten Lesung vor­zunehmen.

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Abg. Grillenberger: Die Kürze der heutigen Reden ent spricht ganz dem Werthe des Berathungsgegenstandes; es läßt fich auch absolut nichts Neues mehr vorbringen. Herr Ackermann hat wieder in der ihm eigenen rührenden Weise, die ihm so wohl ansteht, von einem Bollwerk gegen die Sozialdemo fratie gesprochen. Herrn Ackermann muß eben Alles zum Besten dienen, und auch bei der Gewerbeordnung hat er nur ein Boll­werk gegen die böse Sozialdemokratie im Auge. Immer spricht man von einem Pfuscherthum, aber Niemand hat erklärt, was darunter zu verstehen ist. Sie verstehen darunter nicht die, welche nichts gelernt haben, sondern die armen Teufel, deren Konkurrenz den großen Meistern unangenehm ist. Wenn Sie die Meister schüßen wollen, so müssen Sie noch viel mehr die armen Lohnarbeiter vor der Heranziehung immer billigerer Kräfte schüßen. Die Baugewerksmeister ziehen alljährlich im. Frühjahr große Massen ungelernter, billiger Kräfte heran, die den Gelernten Konkurrenz machen. Die schlimmen Folgen des Befähigungsnachweises würden sich in einigen Jahren zeigen. Für uns ist diese Frage allerdings nicht so wichtig, die Groß­industrie macht doch ihre Forschritte. Die große Mehrzahl der sogenannten Freunde des Handwerks, der Bunftheiligen, refrutirt sich nicht aus den Handwerkerkreisen, sondern solchen Kreisen, die gar nicht wissen, was dem Handwerk noth thut. Die gelernten Handwerker hier im Hause find Gegner des Befähigungsnachweises. In Berlin find nur wenige An­hänger dieser Bestrebungen zu finden, dagegen die meisten in gewiffen schwarzen Ecken des Reichs. Von einer Kommissions berathung sehen Sie ab; wenn nicht, so werde ich in der Kom­misfion vorschlagen, dem Befähigungsnachweise rüdwirkende ( Heiterkeit), dann würden von diesen Leuten sehr viele Sau Kraft auch für die jetzt schon selbstständigen Meister zu geben luffe zu Pauluffen werden. Unser Standpunkt läßt sich in die Worte zusammenfassen: Man fann eine Leiche wohl durch elektrische Experimente zum Buden bringen, aber nicht lebendig machen.

Abg. Gehlert: In den Grundsäßen differire ich von den Antragstellern nicht, sondern nur in der Modalität. Der Begriff des Handwerks läßt sich gar nicht definiren, nach oben verläuft das Handwerk in die Großindustrie, nach unten in die niederen Arbeiter. Die freie Konkurrenz müßte überhaupt aufhören, wenn man dem Handwerker helfen wollte. Dann habe ich auszusetzen, daß an den Anträgen, wie sie formulirt find, das nothwendige Korrelat der Pflichten fehlt. Die Handwerker, die jest sündigen, werden in der Korporation im gesteigerten Maße fündigen. Die aus der freien Konkurrenz entspringende große Noth würde durch den Befähigungsnachweis nicht be= feitigt werden, denn die Handlungen unter der Anwendung der freien Konkurrenz entbehren durchaus nicht der Intelligenz; fte entbehrten nur das Kriterium der sittlichen Handlung. Wir produziren doch heute nicht ungeschickter, als im Mittelalter, sondern nur offenbar unsolider. Unsere Produktion ist zum größten Theile weiter nichts, als ein vom Staate geschützter objektiver Betrug. Der Staat kann doch keine Intelligenz fäen, so lange wir nicht im Befiße von Nürnberger Trichtern find. ich Darin stimme mit dem frei Redner überein, finnigen Redner daß auch unter unferen Eraminibus fich die Dummheit durchzuschleichen versteht. Wenn im Mittelalter das Handwerk blühte und solide war, so ist damit doch nicht bewiesen, daß mit Meisterprüfungen oder anderen Zunftformen diese Blüthe heutzutage herbeigeführt wer den kann. Der Unterschied ist der: Im Mittelalter gab es nur Ganzproduzenten, jeßt nur Theilproduzenten. Das persönliche Interesse des ersten Konsumenten deckte sich mit dem des letzten Konsumenten. Wandte der Produzent illegitime Mittel an, so riskirte er den Verlust seiner Kundschaft und seiner ideellen und materiellen Eristenz. Er mußte mithin fortgesetzt den Beweis seiner Befähigung liefern. Die einmalige Meisterprüfung konnte ihm also nichts nüßen. In unserem jezigen Zeitalter, wo an der Herstellung einer Stecknadel vielleicht fünf Welttheile bes theiligt sind, gehen die Interessen von Produzenten und Kons sumenten weit auseinander. Der Produzent produzirt nicht mehr für das Intereffe des letzten Käufers, sondern im Interesse des Preises. Wo das nicht der Fall ist, haben wir heute noch solide Waare. Weshalb find die Faber'schen Bleistifte solide? Weil in dem kleinsten Quantum, welches der letzte Konsument kauft, der Produzent durch seinen aufgedruckten Namen ihm einzig verantwortlich ist. Wie einmal die Dinge liegen, nüßen Sie durch den Befähigungsnachweis dem soliden Geschäft in keiner Weise. Gerade in der Art und Weise der Verwendung von Surrogaten steckt eine große Summe von Intelligenz. Und wenn ich eine derartige Waare zu beurtheilen hätte, so würde ich die Krone dem Vater der gemeinschädlichen Konkurrenz und bem Todtengräber meines eigenen soliden Geschäfts gegeben haben. Der solide Produzent ist gezwungen, entweder mit dem Strome zu schwimmen und unsolide Waare zu liefern, oder seine Werkstätte zu schließen. An sich hat der Produzent nicht das mindeste Interesse, schlechtes Material zu verwenden, denn der Konsument läßt sich fünf- bis zehnmal täuschen, aber

Abg. Dr. Meyer- Jena : Darauf, daß an der Spize der Prüfungskommission ein obrigkeitlicher Kommissar steht, lege ich fein Gewicht, denn er versteht die technische Seite der Sache am wenigsten. Der Befähigungsnachweis bietet feinen Schutz dagegen, daß der Handwerker schlechtes und verfälschtes Material braucht oder uns mit seinen Waaren über­theuert. Ob aber ein Schuhmacher mir bequeme Stiefel macht, will ich lieber selbst beurtheilen, als es durch eine Prüfungs fommission oder die Polizeibehörde geschehen lassen. Auch ich wünsche dringend, daß die Heranbildung unseres Handwerker standes in siftlicher und technischer Beziehung so vorzüglich wie nur möglich sei, und bin in dem Ziele mit den Antragstellern vollkommen einverstanden. Aber daß das Mittel des Befähi­gungsnachweises dazu führen kann, glaube ich nicht. Nicht auf das Meisterstück, sondern auf das Gesellenstück ist das Hauptge wicht zu legen, und da können die freien Innungen besonders fegensreich wirken. Durch Ausstellung von Lehrlingsarbeiten, Fortbildungsschulen, Fachschulen läßt fich auf diesem Gebiete viel mehr thun. Das Handwerk ist nicht zurück, sondern vor