8 Die Gefangene Bon Auatole France Mit der Empfehlung eines guten Freundes aus dem Justizministerium besuchte ich einmal ein Frauengefängnis. Der Gefängnisdirektor, rin alter Mann, den das lange Leben hinter Kerkergittern.gebessert" hatte<so pflegte er öfters zu sagen), empfing mich mit Herzlichkeit. Er machte sich über die moralischen und ethischen Werte seiner 300 Pflegebefohlenen keinerlei Illusionen, aber er sprach auch der Moralität der übrigen Menschheit ausserhalb der Gefängnismauern keine erhöhte Stufe zu. Man findet hier Menschen aller Sorten, schlecht«, gute, kluge, dumme und indifferente! Ein langer Zug gefangener Frauen kam an unS vorüber. Die Stund« des gemeinschaftlichen Spazierganges war vorbei und langsam, widerwillig schritten diese Unglücklichen über den kalten, kahlen Hof. Biele sahen alt, wild oder tückisch aus. Mit Befriedigung konnte der uns begleitende Psychiater auf die charatteristischen Merkmale Hinweisen. Viele unter ihnen schielten und fast alle ähnelten den Typen der Verbrecherin, den wir unS auS unserer behüteten bürgerlichen Sicherheit gebildet hatten. Der alle Direktor schüttelte den Hopf. Er war wohl nicht so ganz mit dem abschliessenden und vernichtenden Urteil des angesehenen Wissenschaftlers einverstanden. Er führte unS in die Arbeitssäle. Wäscherinnen, Bäckerinnen und Köchinnen sahen wir bei der Arbeit. Ucberall überraschte unS die grosse Sauberkeit. Der Direftor sprach steund- lich die Frauen an und selbst zu den böSartig- sten und dümmsten blieb er giftig und höflich. Später erklärte er, dass er schon längst nicht mehr an die moralisch« Wirksamkeit von Züchtigungen und Bestrafungen glaubte und dass er der Ansicht wäre, dass man Menschen durch Leid nicht bessern könne.- .Wenn auch unser verehrter Herr Professor den Kopf schüttelt, und meine Worte seinen erprobten Grundsähen widersprechen, ich lege sogar die Verordnungen meiner vorgesetzten Behörde auf meine Weise aus und«Mär« sie so de» Gefangenen. Zum- Beispiel gebietet die neu« Gefängnisordnung absolutes Stillschweigen. Wenn nun die armen Frauen wirklich nicht miteinander sprechen könnten, würden sie schnell idiotisch oder verrückt werden. DaS hat doch gewiss der Gesetzgeber nicht gewollt... denke ich mir und sage meinen Gefangenen also: Die Vorschrift befiehlt Stillschweigen! WaS heisst das? Die Aufseherinnen, die diese Vorschrift kennen und für ihre Anwendung haftbar sind, dürfen euch nicht hören. Wenn sie euch hören, müht ihr bestraft werden. Hören sie euch nicht, können sie euch auch nicht bestrafen. Denken könnt ihr euch auch waS ihr wollt und eS macht keinen Lärm. Wenn also euer Sprechen nicht viel mehr Geräusch macht, als euer Denken, ist alles in Ordnung. Ihr könnt euch verständigen und die Gefängnisordnung ist doch befolgt!" Der Psychiater ftagte ihn, ob seine Vorgesetzten diese Interpretation der Verordnungen billigten. .Oh." meinte er,.nicht so ganz. ES kam wohl vor, dass mir Inspektoren Borwürfe machten, aber ich zeigte ihnen dann unsere Eingangstür und wieS darauf hin, dass sie nur aus Holz ist. Wären Männer hier eingckerkert, in einer Woche stünde das Gefängnis leer. Meinen Frauen fällt es nicht ein, flüchten zu wollen. Aber darum darf ich sie doch nicht in Wut bringen. DaS wäre das gleiche, als ob ich sie daran: aufmerksam machen wollte, dass unser Tor aus Hol, ist." Die Schlafsäle und Krankenzimmer, die wir dann besichtigten, waren grosse, helle und klchke Räume. In einem Bette lag«ine kleine Kranke mit fieberglänzenden Augen. Sie sah auS wir ein Kind. Und wie mit einem kleinen Kinde sprach auch der Direftor:.Run, wie geht«S, Kleines?" .Besser, viel besser, Herr Direktor," sagte sie lächelnd. .Also sei schön brav und vernünftig, dann wirst du bald ganz gesund sein!" Wre Augen glänzten voll Freude und Hoffnung. Später erklärte er unS brummig:.Sie ist nämlich noch jung,— kaum sechzehn— und schwer krank!" .Für welches Vergehen wurde sie verurteilt?" .ES war kein Vergehen— ein Verbrechen — Kindesmord l Dafür bekam sie sechs Jahre, in diesem Falle lebenslänglich!" Am Ende eine» langen Ganges öffnete sich «ine Tür zu einem kleinen fteundlichen Zimmer. Durch das vergitterte Fenster sah man auf dar farbenglühend« herbstliche Land. Eine hübsche junge Frau fass an einem Puft und schrieb. Reben ihr stand ein junger schöner Mädchen und sucht« auS ihr«« Schlüsselbund einen Schlüssel, der einen der mächtigen Wandschränke aufsperren sollte. Ich begrüsste die beiden, denn ich dachte,«S wären die Töchter des Direktor», aber sie machten mich verlegen auf meinen Irrtum aufmerksam. .Sahen Sie nicht, dass sie Anstaltskleider trugen?" Rein, da» hatte ich wirkllch nicht bemerft. Wahrscheinlich, weil sie die Kleider ander» alS -ie übrigen trugen. Ihre Kleider hatten- besseren Schnitt und die Häubchen waren so Aein, dass man die Haare schrn konnte. .Ja, hindern sie«ine Frau, di« schöne Haar« hat, sie zu zeigen. Die beiden unterstehen auch der allgemeinen Vorschrift und arbeiten al» Bibliothekarin und Archivarin. Sie stehen ihrem Verbrechen ganz ftemd gegenüber. Es war wie ein Blitz in ihrem Leben. Sie sind aufrichttge, gerechte und mutige Geschöpfe. Hier, in der Ruhe und Sicherheit des Gefängnisses. Was aber das Leben draussen mit ihnen wieder machen toirb, das weiss ich nicht." Dann führte«r uns in sein Privatbüro und gab einem Aufseher den Befehl, die Gefangene Rr. SOS zu holen. Eine Gefangene bttrat in Begleitung einer Aufleherin den Raum. Sie war schlicht,, sanft und nett auSsehend wie ein junges hübsches Mädchen vom Land«. .Ich habe eine gute Nachricht für Sie," sagte der Direktor..Der Präsident der Republik hat von Ihrem guten Betragen erfahren und erlässt Unen darum den Rest der Strafe. Sie verlassen morgen die Anstalt." Sie hörte mit offenem Munde zu und starrte ihn verständnislos mit weit aufgerissenen Augen an. .Morgen können Sie dieses Hau » verlassen", wiederholte der Direktor..Sie sind steil" Viele« Dank! Jetzt hatte sie begriffen. Sie hob die Hände in einer verzweiflungsdollen Gebärde und mit zitternden Lippen sagte sie:. .Ich muss fort? Wohin? Was soll auS mir werden? Können Sie dem hohen Herrn nicht sagen, dass ich hier bleiben will?" Der Direktor erklärte ihr, dass sie.dir Gnade de» Präsidenten nicht zurückweisen könne und dass durch Auszahlung einer fteinen Summe vor ihrem Austritte für Re ersten Tag« gr» orgt sei.• »And dann? Wo find« ich Arbeit? Wer nimmt mich, di«. Zuchthäuslerin, auf?" Dam» blitzte.«in, Gedanke auf.»Ich werde«Bug kehlen, damit ich wieder herkomme." And. beruhigt ging sie hinan». Au» dem Aft la» der Direktor vor; .Rr. SOS. Landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin. Soll ihrer Herrschaft, d« reichsten Bäuerin ihres Heimatdorfes, einen Untevwck gestohlen haben. HauSdiebstahl, und wie Sie wissen teht darauf schwere Straft." .Ein verdorbenes, unverbesserliches Geschöpf!" urteilte der Psychiater. .Meinen Sie. Herr Professor? Eine verdorbene unverbesserliche Welt, glaube ich!" UPTON SINCLAIR : Briefe an einen Arbeiter mit Zeichnungen von Lili Rgthi Kö 20 Zu beziehen durch alle Kolporteure
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14 (4.8.1934) 31
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