BUNTE WELT

Mr. 34

Heinrich Martin:

Unterhaltungsbeilage

Der Stammbaum

Die Sonne fenkte sich hinter St. Niflas. Ueber die Karlsbrücke , funkelnd im vergehenden Licht, schritten Eilige und Geruhsame, Müde, Hungrige und Durstige. Zu den Füßen der Heiligen lauerten Bettler, streckten die Arme aus, bittend um eine Gabe. An den Ufern der Moldau wurden die ersten Lichter angezündet, spiegelten sich wider im friedlichen Bild des Stroms. Es war jene Stunde, in der die Prager Bürger zum Stammtisch zu eilen pflegen. Um beim Hellen oder Dunkeln die Ereignisse des Tages im allgemeinen und der bewegten Zeit im besonderen durchzusprechen. Milde steigt da bei der Tabakrauch aus Zigarre oder Pfeife, Kraut und Knödeln. Die Wände des Beisels, gebräunt vom Alter, sind stumme Zuhörer. Ihr glaubt nicht mehr an solche Idylle in unserer aufregenden, nervenzermürbenden Epoche? Geht nur auf die Prager Kleinseite, sucht nur eines der abseits liegenden, in versteckter Gasse be­heimateten Wirtshäuser auf. Dort findet ihr all das noch: die Stammtische und die verräu­cherten Wände, Tabakspfeifen nebst behaglichen Bierbäuchen. Plüschsofa mit gehäkelten Deckchen. Das Verschollene wird hier gepflegt, die Tra­bition lebendig erhalten. Um jeden Preis. Auch um den der Rückständigkeit.

"

So saßen sie also zusammen. Der Fünf­Männer- Stammtisch im Wirthaus Bur gol­denen Kugel" am Kleinseitner Ring. Der Herr Apotheker, der Herr Bahntechniker, der Herr Vorstand von irgendwas, der Herr Rat und auch ein zünftiger Herr Schneidermeister. Sie waren bereits bei der sechsten Runde angelangt, auf blankgescheuerten Tischen leuchtete das weiß und golden schäumende Bier in hohen Krügen. Sie sprachen nicht allzu viel, diese fünf Herren, sie genossen mit Andacht das wahrlich ehrs furchtverdienende Bier, und ihre Kleinbürger­Seelen freuten sich, daß es für sie noch einen Winkel gab, in dem sie voll Behagen des Lebens leiblichen Genüssen frönen durften. Manchmal sagte der Herr Vorstand von irgendwas" ia, ja", der Herr Apotheker meinte dazu gewiß", gewiß", und die anderen Drei waren genau der gleichen Ansicht. Es herrschte seltene Harmonie in diesem Spißweg- John, und man hätte es mitunter übertragen gewünscht auf die Zeit, auf die Verhältnisse, auf die ganze Politik.

"

Heute war die Atmosphäre jedoch anders. Spannung lag in der Luft. So wie es vor großen, besonderen Ereignissen der Fall ist. Der Herr Vorstand von irgendwas" stopfte sich die Pfeife. Zündete sie an. Tat ein paar tiefe Baffer. Sagte schließlich: In drei Tagen wird also die Hochzeit sein." Der Herr Lehrer nickte. Ich habe die Braut schon einmal gesehen. Man zeigte sie mir am Graben". Ein hübsches Fräulein."- ,, Uralt ist der Adel ", bemerkte jetzt der Herr Bahntechniker. Die Ahnen die­ses hübschen Fräuleins reichen bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück." Der Herr Schneider­meister seufzte. Wer doch auch einen solchen Stammbaum aufzuweisen hätte. Ich kann mich faum noch an meinen Großvater entfinnen. Er verkaufte Würstel am Kohlmarkt." Träumerisch

"

"

|

"

blickte der Herr Rat auf die weiße Schaumkrone seines frischgefüllten Glases. Die Trauung soll ganz groß gefeiert werden. Ja, ja der Adel. Der versteht es noch, Feste zu feiern. Als ich noch jung war, da gab es ihn noch. Da konnte man was erleben."- Sind Sie jemals zu einer so prunkvollen Hochzeit eingeladen worden?" fragte der Herr Schneidermeister mit dem Würstel- Großpapa spiß. Der Herr Rat rüdte etivas unruhig auf seinem Stuhl. ,, Nun, nein. Ich selbst, direkt, nicht. Aber man hört doch allerlei. Und die Zeitungen berichteten damals spaltenlang davon. Heute ist ihnen ja alles andere wichtiger. Jeder Mord, jeder Diebstahl, Mode, Politik. Als ich noch jung war.. Der Herr Rat tat einen tiefen Schluck des Ge­denkens.

-

"

Der Her Zahntechniker, der bis jetzt zuge­hört hatte, meinte: Immerhin, sie heiratet einen Fürsten der Hochfinanz, dieses hübsche Fräulein. Einen Fürsten des Geldes, keinen des Adels."" Die Zeiten haben sich eben geändert", sagte nachdenklich der Herr Schneidermeister. Der Adel ist verarmt." Dem Herrn Rat traten, als er dies hörte, Tränen in die Augen. Er selbst lebte von einer bescheidenen Pension. Doch er war ja nur ein schlichter bürgerlicher Beamter gewesen. Daß es aber auch Menschen geben sollte, deren Stammbaum Jahrhunderte zurückreichte einfach unvorstellbar. Nach dem siebenten Glas wurde der Herr Rat immer etwas rührselig. Seine Freunde fürchteten diese Stimmung. Daher lenkte der Herr Lehrer schnell ab. Immerhin sollten wir uns in diesem Fall freuen. Der Adel vereint sich mit dem Bürger­hum. Wir müssen zusammenhalten gegen die Arbeiter. Sonst wachsen sie uns noch über den Kopf."" Sehr richtig", der Herr Rat atmete getröstet auf. Ganz Ihrer Meinung, lieber Stammtischbruder."- ,, Es sollen viele aus­wärtige Gäste kommen", mischte sich jetzt der Herr Borstand von irgendwas" wieder ins Gespräch. Hoher und höchster Abel. Aus Jta­lien, aus Deutschland

-

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des raucherfüllten Beisels. Es war schon spät. Fast Mitternacht. Ein unbekannter Gast trat ein. Der Fremde mochte etiva vierzig Jahre zäh­len, war groß, schlank, mit gewardten Gesten und Manieren. Er schien den Stammtisch­Kleinbürgern äußerst elegant. Das farbige Sei­denhemd, die bunt wehende Krawatte, dazu Halbschuhe von rötlichem Gelb, am fleinen Fin­ger der linken Hand ein Ring mit riesigem blaugrünem Stein.

" Wetten ", flüsterte der Herr Schneider­meister, daß es einer ist, der zur Trauung der böhmischen Gräfin geladen wurde? Sein An­zug, die Schuhe, der Ring. Ganz unpragerisch. Ich möchte meinen Kopf dafür geben: das ist ein italienischer Fürst. Die Italiener lieben das Bunte. Ich weiß es. Denn ich wäre beinahe einmal nach Rom gereist."

"

Der Herr Rat iviegte den mit letten wenigen Haaren bedeckten Kopf auf seinem etwas ängstlich herabfallenden Schultern. Ein

1935

italienischer Fürst? Das beziveifle ich denn doch. Sehen Sie die Unterlippe. Echtes altes Habs­burg. Ich glaube bestimmt, wir haben ein Mit­glied des ehemaligen Herrscherhauses leibhaftig uns gegenüber fiben." Die anderen wußten nicht recht, wem sie zustimmen sollten: dem Nat oder dem Schneidermeister. Eifrig flüsterten sie mite einander, zankten und berieten sich. Was für eine Sensation um Mitternacht. Einbruch der großen Welt in ihre kleine Jdylle. Aufregend war das Ganze.

-

Der Fremde hatte sich inzwischen bereits drei Biere zu Gemüte geführt. Er trank mit gutem Zug. Es schmeckte ihm sichtlich. Ueber sein jungenhaft- fröhliches Gesicht, das weder Sor­gen noch Kummer zu kennen schien, breitete sich verbindliches Lächeln, als vom benachbarten Tisch ein Herr auf ihn zutrat, sich tief vers beugte und sagte: Ich bitte sehr um Ver­zeihung, daß ich Sie störe. Aber meine Stamm­tischbrüder und ich, wir haben eine Wette abge­schlossen. Der Herr Rat" der Schneiders meister machte dabei eine höflich- hinweisende Bewegung, behauptet, Sie seien sicher ein zur Trauung der Gräfin Kinsky geladener Gast. Ich bin durchaus der gleichen Ansicht, denn ich ere kenne an Ihrer Kleidung gestatten Sie, Schneidermeister Káčirek den Fremden. Das für habe ich von Berufs wegen einen untrüg lichen Blick. Nur der Herr Rat meint, Sie seien ein Mitglied des ehemaligen Herrscher hauses der Habsburger - Monarchie. Ich hingegen glaube, in Ihnen einen italienischen Fürsten ere fennen zu dürfen. Nochmals Entschuldigung, aber würden Sie die große Freundlichkeit haben, uns zum Austrag der Wette zu verhelfen? Es geht rund heraus gesagt, um drei Lagen Smichover. Sie werden verstehen, mein Herr

-

-

-

"

Der Unbekannte lächelte. Ich verstehe durchaus. Denn ich weile seit einigen Tagen in diesem gesegneten Land und habe bereits sämt liche Marken hellen und dunklen Bieres erprobt. Obwohl ich persönlich dem Pilsner den Vorzug gebe, so sei doch bei Gott nichts gegen gut abe gelagertes Smichover gesagt. Nun, hiermit sollen. Sie es wissen. Ich bin allerdings ein Hochzeits­gast der böhmischen Gräfin Kinsky. Doch stamme ich weder aus dem Haus der Habsburger noch aus der italienischen Aristokratie. Ich bin, um es furz zu machen, ein Fürst aus deutschen Landen. Jawohl. Aus Württemberg. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle? Fürst Siegelburg. Von und zu Siegelburg. Da aber feiner von Ihnen beiden die Wette gewonnen hat, so sollen Sie dennoch nicht um Ihre drei Lagen kommen. Gestatten Sie, daß ich sie ausgebe? Und mich zugleich in Ihrer Mitte daran beteilige? Sie würden mir ein großes Vergnügen gewähren."

Die Stammtischbrüder murmelten, daß sie hoch erfreut seien, dem illustren Gast auf ihrem Plüschsofa Plaz anbieten zu dürfen. Es sei eine geradezu unvorstellbare Ehre für sie. Der Fürst setzte sich leutselig zu den Fünfen. Im übrigen, meine Herren", sagte er, damit Sie feinesfalls an meinen Angaben zweifeln, hier meine Dokumente." Er zog ein vergilbtes