— 2 Papier aus der Tasche. Reichte es herum. „Bitte, lesen Sie selbst. Meine Urgroßmutter: Ella von Freudenfels. Mein Großvater väterlicherseits: Adolar von Siegelburg. Mein Schwager: Carov von Blasienberg." Sie sahen ihn an, den großen edlen Recken. Die Fünf. Es war ein Starren in Ehrfurcht und Ergebenheit. Sie fanden keine Worte. Bis das Smichower kam. Und ihre Zungen löste. Da gab es ein„Freut mich ungeheuer", „Wie gefällt es Hoheit in Prag ",„Waren Hoheit schon auf dem Hradschin?". Erst allmählich wurde es formloser Der Fürst begann Witze zu erzählen, kleine schlüpfrige Witzchen, sehr pikant— wie kicherte da der Herr Rat, wie rieb sich der Her„Vorstand von irgendwas" angeregt die Hände, der Herr Schneidermeister fuhr sich mit dem Zünglein lüstern über die Lippen, der Herr Lehrer lächelte milde, und der Herr Zahntechniker dachte, daß es nun wohl bald an der Zeit sei, ins Bordell zu gehen... Da öffnete sich abermals die Tür. Und wieder war es ein Fremder, der den Raum betrat. Ein gemessener älterer Herr. Er sah sich im Zimmer um, erblickte den„Fürsten ", ging schnell auf ihn zu und erklärte ihn für— verhaftet. Empört rief das Schneiderlein:„Hier muß ein Irrtum vorliegen, Herr Detektiv. Das ist doch der Fürst Siegelburg." Der Beamte schmunzelte:„Keineswegs. Das ist Karel Pro- chaska, wir suchen ihn schon eine ganze Weile wegen Einbruchdiebstahls."—„Ausgeschlossen, Herr, sehen Sie sich seine Dokumente an, seinen Stammbaum, dann muß sich sofort alles aufklären." Der Detektiv nahm das vergilbt« Papier , das man ihm reichte. Schmunzelte von neuem:„Ist auch gestohlen. Und Mar ans dem Ueberzieher eines Hund ebesitzers, der den Verlust schon auf unserem Polizeikommissariat angezeigt hat. Bei diesem Dokument handelt es sich nämlich um den Stammbaum eines Hundes, meine Herren, nicht um den eines Menschen. Und Prochäska ist Prochäfla. Daran läßt sich nichts ändern..." Die Fünf saßen schweigend. mit bedrückten Mienen. Draußen verhallte i der Schritt des Detektivs und seines Deliquen- | tert in der Sommernacht. Am Himmel lächelt« I ein runder Mond spöttisch. Wiederkehr in den Tod S«« P „Als der jetzt 42jährige Fritz O. diese: Tage in sein Heimatsdorf in zurückkehrte. mußte er zu seinem Entsetzen feststellen, daß ibn seine Frau für tot erklären und seinen besten Freund geheiratet hatte. Fritz O. Ivar während des Krieges von den Russen gefangen genommen worden und seither verschollen. Als er jetzt, 18 Fahre nach Kriegsende, zurückkehrte und seine Frau mit seinem besten Freund verheiratet fand, ging er in den Dorfteich und ertränkte sich." Eine Zeitungsnotiz. Immer stärker, immer hämmernder, iuuner wilder klopfte sein Herz, als er sich dem Heimatdorf näherte—> Gleich mußten die ersten Silhouetten der schmalen, verstreuten Häuser im Rebeldunst des Frühmorgens auftauchen. Die Kirche mit dem spitz in den Himmel vorstoßenden Turm, der immer zu schaukeln schien, wenn der Wind zornig an ihm vorbeifuhr. Und, ein wenig abseits, wie an den sanft aufsteigenden Hügel geklebt, der das Dorf umschloß, lag es, das Haus, sein Haus... Fritz strich sich über die Stirn Auf seinen harten, von Sonne und Wind ausgekerbten Wangen brannten fiebrig« rote Flecken. „Mein Haus," murmelte er und machte mit ver linken Hand eine unsäglich ängstliche Bewegung, eine Bewegung, die müde, panisch verschreckt und erwartungsvoll zugleich war,„mein Haus—. Und die Frieda—." Unwillkürlich beschleunigte Fritz seine Schritte.„Ob man ihn wiedererkennen würde——?" so grübelte er.„Zweiundzwanzig Jahre wat» es jetzt her, daß es ihn fortgespült hatte, dieses fürchterliche, erbarmungslose Etwas, das man „Krieg" nannte. Genau ein Jahr war er verheiratet gewesen, genau ein Jahr, als er hinaus mußt« in das Grauen, mit Gott, für Kaiser und König, und fürs Vaterland.... So hoffnungsvoll hatte alles ausgesehen bis zu jenem Unglückstag, so solide und zu- kunftssicher. Tüchtig war die Frieda und anstellig, die kleine Schlosserei ging gut, ein wenig Land hatten fie auch, und wenn er am Abend in tiefen-Schlaf sank, spielte die Zufriedenheit hinein in sein« gesunde, traumlos« Rächt—. Er wußte, daß er wieder einen Schritt weitet! gekommen war. Dann kam die riesige Hand, die alles hinwegwischte, hinweg wischte wie einen Schatten, so gründlich Lebensträume und die kleinen Glücksempfindun» gen seines Alltagslebens ins Unwirkliche versanken. Fritz ließ seine Gedanken weitergreifen— bis er, innerlich swckcnd, zu jener wüsten, blutigen Nacht kam, in der sie ihn, zerfetzt und besudelt. aus dem Graben herausholten und er kriegsgefangen wurde. Im Trommelfeuer der Russen hatten sie gelegen, in einem wilden, heimtückischen Feuer, das nicht nachließ, sondern von Stunde zu Stunde znnahrn an zerstörungswütiger Grausamkeit. Die rücklvärtigen Verbindungen waren zerschlagen, die Telephondräht« zerrissen, die eigene Artillerie hatte, der Teufel mochte wissen weshalb, längst aufgegcben. Wie die Tiere, so hockten sie im Graben, hingekauert in Schlamm und Lehm, ausgesetzt, mitten in dieses mörderische Wüten. Wut und Angst im Herzen und das Gefühl grenzenloser Ohnmacht wie einen würgenden Klotz in der Kehle—. Und wie eine Erlösung empfanden sie es da, als schließlich das Trommelfeuer aufhört«, und eine unheimliche Ruhe über den blutenden Menschenacker schlich—.. Wie eine Erlösung, wenn sie auch wußten, daß diese Ruhe nur ein Trugbild, daß es die Ruhe vor dem Sturm war. Als dann die Russen vorstießen, geschah es—. Ausgepumpt, erschöpft, vor Hunger und Kälte zitternd, vor einer Uebermacht eingekeffelt, konnten sie nicht lange widerstehen. Die meisten fielen, ein paar entwichen, mitten durch die gelockerten Verbände der Gegner hindurch, und Fritz geriet mit einer Anzahl von Kameraden in Gefangenschaft—. Dann kam eine lange Zeit—. Gefangenschaft, Revolution, das neue Rußland, Fckbrik» arbeit, dann Ansiedlung in der Wolgadeutschen Bauernrepublik. Was gewesen war, sank in ein trübes Meer des Vergessens—. Frieda und das kleine, verträumte Dorf mit dem Häuschen am sanft ansteigendem Hügelabhang—. Nie mehr hatte er geschrieben—. Vor 20 Iahten, so erinnerte er sich, hat er ein letztes Lebenszeichen von sich gegeben. Eine Feldpostkarte, mit ein paar kargen Wo». tcn, einem langen Gruß, einem Gruß, der geboren war aus stumpfer Resignation und verzehrender Sehnsucht, eine Antwort hatte er nicht mehr bekommen—. Vielleicht war die Antwort verloren gegangen—. Vielleicht ging sie auch als„unbestellbar" zurück, denn kurz darauf wurde er gefangen genommen. Hier, in der Kriegsgefangenschaft, ging ihm, im Trubel der ersten Monate die Spur nach Hause verloren—. Er vergaß—. Er ertrank im Neuen, Vielfachen, im Schmerzlichen und Schönen, das ihn umbrandete. Bis ihn plötzlich, übermächtig und unbe« zwinzbar, ein fressendes Heimweh ergriff—. Bis ihn plötzlich ein scheinbar sinnloses Gefühl der Angst überwältigte, chn herausriß aus dem Boden, in den er sich hineingelebt hatte, ihn fortzwang und sorttrieb und, sich selbst kaum bewußt, hinspülte in das kleine verträumte Dorf seiner Heimat... Und jetzt, jetzt gleich würde er sie sehn—, sie und alles, was zu ihr gehörte-, die Heimat, das kleine Dorf, um das immer die müden Schleier weltferner Versunkenheit zu schweben schienen, das Häuschen am Hügel und sie, die Frieda. Ein fieberndes Glänzen trat in seine Augen, aber auch die Irrlichter der Angst flackerten in ihnen auf. einer Angst, die rätselhaft war und die zu zergliedern, er sich nicht traute, die ihm aber die Kehle zuschnürte, während er schneller und schneller ausschritt. Nun stand er vor der Türe—. Griff zur Glocke und lieh die Hand kraftlos wieder sinken. In seinem Gehirn arbeitete es—. Entsetzen sprach aus seinem gepreßtem Mund, aber auch die Gier einer Sehnsucht, die aus innersten Tiefen aufgebrochen war. Doch dann, mit verzerrten Zügen und weit geöffneten Augen, griff er doch zu, zog und fuhr zusammen, als der schrille Ton des Läutwerkes die morgendliche Stille durchbrach. Schritte ertönten—. Ein Schloß drehte sich knarrend herum, in schmalem Spalt öffnete sich die Tür —. Eine Frau blickte neugierig und Hxsorgt heraus—, es war Frieda. Ihm lvar, als ginge ein Zug des Erschreckens über ihr Gebiß, als würde sie blaß, totenblaß und Fritz wollte ihr schon, stammelnd, selig und erlöst, ihren Namen entgegenrufen, als die Frau mit ruhiger, aber gepreßter Stimme fragte: „Was wünschen Sie?" Fritz brachte keinen Ton heraus—. Brennende Röte stieg ihm in di« Stirn, seine Lippen zuckten, ihm war, als müsse er vergehen an dem, was in seinem Innern brannte—. Jetzt war hinter Frieda der breite Schatten eines Mannes sichtbar geworden. Die Tür öffnete sich nun etwas mehr, ein untersetzter, korpulenter Mann trat neben die Frau und wiederhoüe mit erstauntem, mißtrauischem Gesicht und ungeduldiger Stimme die Frage, di» vorhin die Frau gestellt Hatter „Was wünschen Sie?" Fritz erkannte ihn; es lvar Ernst, der Kleinhäusler, der einst sein bester Freund gewesen war—. „Wer ist die Frau?" fragte Fritz heiser und schnitt vor Schmerz«ine Grimasse, während sein Finger auf Frieda gerichtet war. „Das geht Sie gar nichts an," sagte der andere sehr laut und drohend,„sind Sie verrückt? Was wollen Sie überhaupt—?! DaS ist meine Frau—l" Fritz hob die Hand, als ob er den Untersetzten schlagen wollte——. Doch die Hand fiel kraftlos zurück. Er zitterte am ganzen Leibe. Sein Mund bewegte sich, als ob er redete. Aber kein Ton kam aus seiner Kehle. Dann
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15 (24.8.1935) 34
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