BUNTE WELT
Nr. 41
Unterhaltungsbeilage
Der Richter vor dem Spiegel
Um neun Uhr sollte die Verhandlung beginnen; der letzte Tag eines Prozesses, der die ganze Stadt in Fieber verseßte, in dem es um Tod und Leben eines Menschen ging. Der Staatsanwalt hatte die ganze Nacht gearbeitet. Das Plädoyer lag auf dem Tisch: es faßte meisterhaft knapp alle Indizien zusammen, es war eine glühende Kette, die sich um den Hals des Angeklagten legte, ihn erwürgte und in das Dunkel hinabzog, in das er sein Opfer gestoßen hatte. Der Staatsanwalt hatte seine Rede gebaut wie ein Haus, an dem der Sturm vergeblich rüttelt. Sie hatte Grundpfeiler, festgefügte Mauern, ein schweres Dach, sie hatte Verzierungen und Verschalungen, und auf dem Giebel eine funkelnde Spitze, die den tödlichen Strahl aus den Wolfen an sich zog, um ihn in die Erde zu Teiten, in der wir alle versinken, früher oder später.
Draußen war ein trüber Morgen, es war Ende Oktober. Frau Martin, die Haushälterin, brachte die Poſt. Der Staatsanwalt ließ die Briefe durch seine Finger gleiten, er öffnete sie nicht. Er kannte das Gesicht der Frau Martin seit vierzehn Jahren. Heute, in der fahlen Dämmerung, erschien es ihm verwandelt. Als wäre eine Frau zu ihm gekommen, die er viele Jahre nicht gesehen hatte. Ich bin überarbeitet, dachte er. Der Prozeß, gut, daß es heute zu Ende geht. Nun mußte er sich noch rasieren. Er ging ins Badezimmer, drehte das Licht über dem Spiegel auf. Es blendete ihn, die weiße Kugel war grell an diesem traurigen Morgen, er schloß die Augen für einen Herzschlag.
Als er sie wieder öffnete, war es, als blickte ihm ein fremdes Antlitz aus dem Spiegel entgegen. Es war sein Gesicht, aber er war jünger um Jahre und Jahrzehnte. Als er die Lider ein wenig zukniff, um dieses seltsam vertraute fremde Gesicht schärfer zu sehen, war es, als ve schwände der Raum, in dem er stand. Der Spiegel wurde zu einer Landschaft, durch die er ging. Er kannte sie... Ein Badehotel, ein See, Wolfen am Himmel, die Wellen rollen gegen das Ufer.
Säge zuckten durch seinen Kopf- Säße aus dem Plädoyer. Der Angeklagte hat seine Frau vergiftet. Er leugnet es. Aber er kann nicht bestreiten, das Gift selbst gekauft und in der Stunde ihres Sterbens in
ihrem Zimmer geweilt zu haben... Jm Spiegel war ein Zimmer. Der Staatsanwalt er fennt den Anzug wieder, den er damals trug vor zwanzig Jahren. Eine Frau fißt neben ihm. Helene. Er hatte sie geliebt, er hatte sie heiraten wollen. Aber die Liebe erlosch, wie ein Licht im Winde, wer kann dafür. Er hatte nicht den Mut, es ihr zu sagen. Aber sie ahnte es auch ohne Worte. Und es war, als ginge das Feuer, das in seinem Herzen ausgebrannt war, in ihr Blut über. Es gab oft Streit. Sie war eifersüchtig. Sie quälte ihn. Ohne Grund. Er dachte an teine andere Frau. Er dachte nur an seine Arbeit: Prüfimgender Anfang seiner Karriere- es war viel zu überlegen, viel zu entscheiden.
Für einige Tage war er mit Helene in einen kleinen Badeori gefahren. Eine Frau in einem hellen Kleid stand am Ufer des Sees, allein. In der Sonne war ihr Haar wie Seide. Er sah hin- das Bild fing ihn, blendete ihn. Helene beobachtete ihn genau. In ihre Augen kam der fahle, stechende Blick, den er genau kannte und fürchtete.
Auf dem Heimtveg flagte sie über Kopfschmerzen. Sie wollte ein Schlafmittel. Das Rezept trug sie stets bei sich. Er ging in eine Apotheke, kaufte zwanzig Tabletten, in einem
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falten, gläsernen Rohr. Noch heute fühlt er dieses Rohr in der Hand.
Helene begann zu streiten. Er widersprach ihr nicht, sie redete sich immer tiefer in Born. Endlich schwieg sie, nahm ein Pulver, legte sich schlafen. Er lag neben ihr, die Augen ges schlossen; aber er war wach. Er sieht heute noch die Tapete des Zimmers vor sich- blaßbraun mit matten grünen Streifen. Er wußte genau um jede Bewegung, die Helene machte. Sie stand auf. Sie ging durchs Zimmer. Sie trat an sein Bett.„ Schläfſt du?“ Er antwortete nicht, drehte sich zur Wand.
Da
che da hörte er, wie ihre Hände das Glasröhr
nochmals öffneten. Er sah es nicht, aber er wußte es, und er zählte im Stillen mit: neunzehn Tabletten. Er hörte Wasser in ein Glas rauschen. Er wollte aufspringen, ihr das Glas, die Tabletten aus der Hand reißenaber er blieb unbeweglich liegen. Eine schwere Hand griff nach ihm, umklammerte ihn, feſſelte ihn. Er wußte nicht, was es war. Erst später wieviele Jahre dachte er an diesen Augenblic
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begriff er es. Sein eigener Wille war zu einem Stein geworden, der sich auf ihn nieders sentte und ihn zivang, still zu liegen und zu schweigen. Schlafen, dachte er, schlafen. Er
Das verschwundene Heer
Von Martin Grill
Er hieß Hans Schmidt und war einmal Er stand um Unterstützung an bevor der Krach begann als Packer in der Tuchfabrik und malte Kisten an.
Die Arbeit bracht ihm nicht viel ein, doch war sie auch nicht schwer,
Hans Schmidt im Rathaussaal, da sagte man so manchem Mann, es wär' das letztemal.
Man zeigte ihm die Statistik und die bewies es klar,
und als man ihn aufs Pflaster warf, daß er mit vielen andern Schmidts
da grämte er sich sehr.
Er hatte damals noch viel Mut, war auch die Arbeit rar, doch sah er bald, daß nirgendwo er zu gebrauchen war.
Die Zeit verrann und Hannes ging daan stempeln manches Jahr, und hinter, vor und neben ihm ging eine ganze Schar.
Sie gingen stumm und ohne Blick und waren fast ein Heer, so mancher dachte an den Strick und keiner ans Gewehr.
Die Stempellisten wiesen bald viel tausend Namen aus; man sah, daß dies nicht weiter ging und strich die Hälfte aus.
Als man mit einem Federstrich die vielen umgebracht, da stellte man befriedigt fest den ,, Sieg der Arbeitsschlacht".
nicht mehr vorhanden war.
Sie sprachen nicht, sie lachten nicht, Sie sahen böse aus,
sie trauten sich nicht anzusehn und gingen nicht nach Haus. Sie waren vor Entsetzen stumm weil es sie nicht mehr gab, fie gingen fort und suchten sich in andrer Welt ein Grab.
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Sie sind nicht hier, sie sind nicht dort, fie find ich weiß nicht wo... Wer weiß, nach welchem fernen Ort das grane Heer entfloh.
Vielleicht, daß einst, wenn Feuerbrand die alte Welt zerfrist,
sich aus dem unbekannten Land ihr grauer Strom ergießt. Dann frallt sich wohl um manchen Hals die dürre Knochenhand.
Ich möchte nicht der Schuld'ge sein der sie ins Nichts verbannt!
wollte schlafen, und er Schlief
Als er erwachte, es war ein trüber Morgen, der See war grau verhängt und Regen praffelte gegen das Fenster, lag Helene fahl neben ihm. Sie atmete noch. Er ließ einen Arzt rufen. Helene wurde in ein Sanatorium gebracht. Aber es war bereits zu spät.
Zu spät. Das Wort stand im Spiegel, fleine elef trische Birnen formten die Buchstaben, es war wie die Leuchtschrift über einem Varieté. Dahinter lag breit und uferlos das Dunkel.
Etwas Feuchtes berührte ihn er zucie zurüd. C3 war seine eigene Hand, der Rasierpinsel, die Creme. Er blickte in den Spiegel. Sein Gesicht starrte ihm entgegen weißer Schaum um rahmte es die Augen waren groß und brannien. Er griff nach dem Appas rat, legte eine Klinge ein. Seine Hände zitterten. Starr blickte er das Bildnis im Spiegel an. Das Bildnis im Spiegel hatte den dunklen Funken im Auge, den er an allen Menschen und sich selbst haßte. Da flatschte er Seifenschaum gegen den Spiegel, al3