Preis: 60 i. cts.
Freiheit
Nummer 26-1. Jahrgang
Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands
Saarbrücken, Donnerstag, 20. Juli 1933
Chefredakteur: M. Braun
Ich hätte die Erbärmlichkeit der Menschen, und wie wenig es ihnen um wahrhaft große Zwecke zu tun ist, nie so kennen gelernt, wenn ich mich nicht durch meine naturwissenschaftlichen Bestrebungen an ihnen versucht hätte. Da aber sah ich, daß den meisten von ihnen die Wissenschaft nur etwas ist, insofern sie davon leben, und daß sie sogar den Irrtum vergöttern, wenn sie davon ihre Existenz haben.
Goethe.
Berlin , 19. Juli. ( Eig. Drahtb.)
Als Adolf Hitler in der Nacht zum 9. November 1928 im Bürgerbräu zu München , seinen jungenhaften Putsch gegen die Republik einleitete, stand er sehr unter der Wirkung des Alkohols in Form von Münchener Bier. Mitten in anige regten Verhandlungen mit Kahr und Ludendorff und Lossow brüllte er nach einer frischen Maß. Er war das mals ein großer Freund des bayrischen Nationalgetränks und ein Teil seiner wahnwißigen Aktionen ist auf altoho: lische Einwirkung zurückzuführen.
Hitler hat auf diesem Gebiete umgelernt. Er wurde bald nach dem Putsch radikaler Alkoholgegner und nimmt seitdem feinerlei geistige Getränke zu sich. Er lebt auch fleischloß und ohne Nikotin. Bisher hat er diese lebensreformerische Uebers zeugung nicht propagiert. Er befürchtete, daß das Bekannts werden seiner Anschauungen in weiten Schichten des Hochs kapitalismus, des Mittelstandes und des Bauerntums, die an der deutschen Alkoholproduktion interessiert sind, der nas tionalsozialistischen Bewegung schaden könnte. Zur Macht gelangt, tritt Hitler auch mit seinen lebensreformerischen Anschauungen mehr hervor. Er verbindet sie jetzt mit den Plänen einer gesundheitlichen Erneuerung und Höherzüch tung des deutschen Volkes.
Auf die persönliche Anregung des Reichskanzlers wird die Organisation einer gewaltigen Kampfbewegung gegen den Alkoholismus geplant. Unter dem Schuße der Staatsautoris tät und unter Bereitstellung staatlicher Mittel sollen die Massenorganisationen, insbesondere die gesamte Jugendbes wegung, eine das ganze Land erfassende Aufklärung über
In katholischen Zeitungen lefen wir:
Der Korrespondent des„ Tribune Preß Service" vers
bie Schäden des Alkohols als Genußgift burchführen. Auch die Schulen aller Grade sollen in den Dienst dieses Unters nehmens gestellt werden.
Man will den in Nordamerika gemachten. Fehler eines staatlichen Alkoholverbots vermeiden, jedoch mit anderen Siehe Enthüllungen Seite 3 Mitteln zu einer möglichsten Trodenlegung Deutschlands tommen. Sehr viel versprechen fich der Reichskanzler und seine Helfer von einem Ersaßgetränt, das mit allen Kräften moderner Reklame propagiert werden soll. Man rühmt diesem Getränk nach, daß es den Alkohol an Genußwert, Nährwert und Heilwert bei weitem übertreffe.. Da= hinter darf man ein großes Fragezeichen setzen, denn der Alkohol wird ja gerade um seiner berauschenden Wirkung willen getrunken, die dem neuen Ersaßgetränk fehlen muß.
Den an der Alkoholerzeugung interessierten industriellen und landwirtschaftlichen Schichten soll die alkoholgegnerische Aktion mit den Verdienstmöglichkeiten sympathisch gemacht werden, die sie an dem Ersaßgetränk haben sollen. Begreifs licherweise ist die Begeisterung der Alkoholinteressenten aber nicht besonders groß. Der Plan des Reichskanzlers dürfte noch auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen.
Der Reichskanzler empfängt den Marxisten Henderson Einvernehmen mit Daladier Hitler kapituliert vor Paris
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Berlin , 19. Juli. ( Eig. Drahtb.)
Unsere Meldung von neulich, daß Vizekanzler von Papen durch den französischen Botschafter Poncet Fühler zu einem deutsch - französischen Einvernehmen ausgestreckt habe, werden durch die amtlichen Mitteilungen über den Besuch des Präsidenten der Abrüstungskommission Henderson in Berlin bestätigt. Die amtliche Meldung spricht davon, daß Ergebnisse der Abrüstungskonferenz nur durch eine freundschaftliche Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich erzielt werden könnten und regt eine herzliche Aussprache zwischen
Die Bereitschaft zu einem herzlichen
Hitler muß nicht nur vor Paris kapitulieren, sondern sehr weitgehende Sicherungen" geben, wenn eine Aussprache zwischen ihm und einem französischen Ministerpräsidenten so etwas wie Erfolg haben soll. Alles in allem: Hitler ist zu jedem Entgegenkommen an Frankreich bereit, aber man glaubt in Paris nicht an seine Ehrlichkeit, und wenn er noch so feierliche Freundschaftsschwüre in die Hände des Margisten Henderson ablegt.
nimmt, daß der feit Bismard nicht mehr an einen deutschen dem französischen Ministerpräsidenten Daladier und dem Mahnung aus Paris
Staatsmann verliehene Chriftus- Orden, der höchste des Heiligen Stuhles überhaupt, an Reichskanzler Hitler nach der endgültigen Unterzeichnung des Reichskonkordates vers liehen und die Auszeichnung von einer besonderen päpfts lichen Mission überreicht werde.
„ Alte Garde"
Besonders geeignet für die ,, nationale Revolution" Eine Abordnung der alten Garbe" der SA. aus Niedersachsen , die von Hitler empfangen wurde, bestand aus folgenden Personen, deren Strafregister nachgesehen werden fonnten:
Georg Ritter, A.- Führer, 8 Jahre Zuchthaus wegen Zuhälterei, Einbruch und Diebstahl.
Rarl Roch, A.- Führer, 6 Jahre Zuchthaus wegen Falschmünzerei, Betrug, Diebstahl. Zuetterer, 3 Jahre Zuchthaus wegen Zuhälterei und Diebstahl.
Willi Musmann, SA. - Führer, 3 Jahre Zuchthaus wegen Betrug und Urkundenfälschung.
Willi Mell, 10 Jahre Zuchthaus und Gefängnis wegen Zuhälterei und Totschlag.
Karl Müller, 5 Jahre Zuchthaus wegen Suhälteret, Diebstahl und Betrug.
Reinhold Ralbe, 7 Jahre Zuchthaus wegen Buhälterei und Einbruch.
Walter Bachte, 5 Jahre Zuchthaus wegen Zuhälteret und Einbruch.
Georg Reese, 2 Jahre Zuchthaus wegen Diebstahl. Pabst, 4 Jahre Gefängnis wegen Betrug. Gebrüder Meier, 2 und 2% Jahre Gefängnis wegen Betrug und Urkundenfälschung.
Kommunistische Flugzettel
» Man nimmt an❝
Görlig, 19. Juli. In den frühen Morgenstunden wurden hente in der ganzen Stadt kommunistische Flugschriften ge= funden, die vom Antifaschistischenbund ausgeftrent worden find. Da die Zettel in verschiedenen Gegenden der Stadt ge= funden wurden, nimmt man an, daß sie aus einem Flugzeng geworfen worden sind.
Arnstadt , 19. Juli. Jn Geraberg bei Arnstadt wurden in einem zugeschütteten Bergwerkschacht 221 Infanteriegewehre ( Modell 98) und viele hundert Schuß Munition aufgefunden und beschlagnahmt. Bier Kommunisten sind verhaftet worden.
Hitler ist also bereit, den Kanofsagang nach Paris oder nach einer anderen Stadt Frankreichs anzutreten. Er hat den Marristen Henderson zu einem Besuche nach München einzuladen. Dieser Besuch wird erfolgen, sobald Henderson von Prag , das sein nächstes Ziel ist, zurückgekehrt sein wird. Die deutsche Reichsregierung wäre bereit, die französisch deutsche Aussprache entweder durch den Vizekanzler von Papen oder durch den Reichskanaler selbst sofort oder ler von Papen oder durch den Reichskanzler selbst sofort oder doch bald vorzunehmen, aber von französischer Seite ist fühl abgewunken worden.
Frankreich hält die Atmosphäre noch nicht für geklärt ges nug, als daß sich ein französischer Staatsmann mit einer solchen Zusammenkunft belasten könnte.
Die maßgebenden Kreise Deutschlands wissen auch sehr genau, daß eine solche Aussprache troß aller biedermännischen Versicherungen Hitlers an Frankreich zu feinen befriedigen den Ergebnissen führen kann. Es gibt niemanden in Frank reich, der Erklärungen Hitlers dieselbe ehrliche Bedeutung zumißt wie etwa Versicherungen Brünings oder Stresemanns.
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Traut Hitler nicht"
Paris, 19. Juli. Das„ Echo de Paris" macht heute gegen Hendersons Berliner Verhandlungen Stimmung, ins dem es schreibt, er verhandle in Berlin unter dem Vorwande, den Frieden retten zu wollen, darüber, daß Frankreich feine Rüstungen im Austausch gegen deutsche Versprechungen herabfeze, könne denn, so fragt das Blatt, Frankreich unter den gegenwärtigen Umständen seine Landesverteidigung ungestraft auch nur um einen Soldaten und um eine Kanone vermindern? Gegenüber der deutschen Revolution sei in der Abrüftungsfrage größtea Mißtranen erforderlich. Frankreich dürfe nicht an der Genfer Ideologie festhalten. Um den Nachweis, daß Frankreich nicht abrüsten dürfe, bemüht sich heute auch das" Journal", indem es mit der Veröffentlichung einer Artikelreihe über die geheimen Rüstungen Deutschlands und seine militärische Vorbereitung" beginnt.
Geldgeber Fritz Thyssen regiert
Die Nationalsozialisten unterwerfen sich offen der Schwerindustrie, die sie finanziert hat
Hauptförderer und Hauptgeldgeber Hitlers im Industriegebiet, aber auch Vermittler großer industriellen Summen war seit Jahren Fris Thyssen . Jetzt zeigt sich, wie sehr sich die in das politische Geschäft investierten Summen lohnen. Die Nationalsozialisten erkennen Frizz Thyssen als Wirtschaftsdiktator für das rheinisch- westfälische Industriegebiet art.
Die Gauleiter der NSDAP . von Essen, Düsseldorf , West
falen- Nord und Westfalen- Süd haben- jeder für sich- folgendes Unterwerfungsschreiben an ihren schwerkapitalistischen Gönner gerichtet:
„ Nachdem der preußische Ministerpräsident Ihre Berns fung aum preußischen Staatsrat als Bertreter der Wirts
schaft ausgesprochen hat, sind Sie für unser Gauwirtschaftss gebiet wirtschaftspolitisch die oberste staatliche Autorität geworden. Demgemäß habe ich alle meine Dienststellen angewiesen, sich in allen Fragen der Wirts schaftspolitik mit Ausnahme der agrarpolitischen Fragen ausschließlich an Sie zu wenden und Ihre Entscheidung als bindend anzusehen. gea. Unterschriften."
So unterwerfen sich die Arbeiterführer" dem Führer der Schwerindustrie. Von ähnlichen Unterwerfungsbriefen der Unternehmer weiß Herr Thyssen nichts zu melden.
Die Nazibonzèn sizen im Sattel und reiten gemeinsam mit den Hochkapitalisten die Arbeiter nieder,