Freiheit

Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Nummer 97-1. Jahrgang Saarbrücken , Donnerstag, den 12. Oktober 1933 Chefredakteur: M. Braun

An unsere Bezieher!

Infolge der starken Nachfrage, die ins besondere durch unsere Berichterstattung über den Reichstagsbrandprozeß hervor gerufen wird, ist in den letzten Tagen unsere Auflage sprunghaft gestiegen. Dadurch find wir heute mit dem Papier so knapp geworden, daß ein Teil unserer Auslandsauflage auf grünem Druds papier hergestellt werden mußte. Wir hoffen, morgen wieder mit dem ge= wohnten Drudpapier herauszukommen. Verlag der Deutschen Freiheit"

SA. übt mit Handgranaten

Die SA. - Stürme strafen ihren Führer Lügen

Der wirkliche Organisator und Führer der braunen Miliz­armee. Stabschef Röhm, hat eben erst in einem Interview beteuert, die SA. und die SS. hätten feinerlei militärischen Charakter. Sie dienten nur dem inneren Aufbau Deutsch­ lands . Leider beweisen die Tatsachen das Gegenteil

Sa der A. S. D. 2. p.

Der führer des Sturmbann III C

Standartenführer Mayer

Briesbuch er. Betrifft:

436

Um dem verlogenen Landesverratsgeschrei nicht neue Nah­rung zu geben, halten wir uns wieder nur an partei= amtliche 8eugnisse der braunen Armee selbst. Vor uns liegen Reflame- Drudiachen der Voẞloh- Werte in

München , den 17. 8. 1933 Pestalozzistraße 40/48, 5. 8 fernfprecher 57074

Begutachtung.

Die mir heute von Trupp führer Otto Soeneke Sturm 12/131 vorgeführte Uebungshandgranate ist in allen Teilen hervorragend ausgeführt.

Ganz besonders möchte ich hervorheben, dass die Granate ohne Rücksicht auf das Auffallen, explo­diert, was gerade für nicht gediente SA Männer von sehr großer Bedeutung ist.

Eine allgemeine Einführung in die SA ist nur zu

empfehlen.

SA DER N.S.D.A.P. STURM. BANN

III/ L

MÜNCHEN

Der Führer des Sturmbann III L

Mayer

Standartenführer.

Der Prospeft enthält noch weitere derartige SA.- 3eug­nisse. Wem will da Herr Stabschef Röhm noch weismachen, seine SA. , über die langjährig gediente Soldaten" solche Seugnisse ausstellen, habe keinen militärischen Charakter?

Werdohl , die durch Reichspatent und Reichsgebrauchs­muster geschützte nallende Wurfkeulen" herstel­len. Es handelt sich um regelrechte Uebungs- Handgranaten, wie folgende Briefe beweisen:

S. A. der NSDAP .

Br. B. Ar. Betrifft:

Sturmbann V/ 167

Fulda, den 3. Aug. 1933 Lindenstr. 13

Postfach 250 fernsprecher 2210

Gutachten.

Herr Otto Soennecken, Ober- Brügge, führte mir heute eine Übungshandgranate vor, die beim Werfen einen lauthin hörbaren Knall erzeugt.

Als langjährig gedienter Soldat kann ich die Konstruktion dieser Handgranate als äußerst glück­lich bezeichnen. Ich halte sie insbesondere zu Uebungszwecken, zum Erlernen der Wurftechnik und zum Abhalten von Geländeübungen sehr geeignet.

M. E. ist gerade der Umgang mit Handgranaten in allen SA. - Stürmen noch sehr wenig geübt worden und sehe ich in dem mir vorgeführten Übungsmodell das gegebene Mittel, Versäumtes nachzuholen.

Der verhältnismäßig niedrige Preis ermöglicht. es, daß jeder SA.-Mann sich eine solche Handgranate beschaffen kann.

SA DERN.S.D.A.P. STURM. BANN

FULDA

V/ 167

Wer soll noch an die Harmlosigkeit dieser Geländeübungen" glauben, wenn hier parteiamtlich bezeugt wird, das Ueben mit Handgranaten sei gerade für nicht gediente Männer von sehr großer Bedeutung".

Paris und London gccint!

Die außenpolitische Niederlage der Nationalsozialisten

Paris , 11. Oft. Der englische Staatssekretär für aus: wärtige Angelegenheiten Sir John Simon hat, als er gestern Paris passierte, mit dem englischen Botschafter Lord Tyrrell eine furze Besprechung gehabt, um ihn über die Beschlüsse des englischen Kabinettsrates in der Abrüstungs­frage zu unterrichten. Journal" will über die Beschlüsse der englischen Regierung folgendes erfahren haben:

1. Völlige 3ustimmung zu der Rede Bald: wins in Birmingham , was einer feierlichen Bekräftigung der Abkommen von Locarno gleichkomme;

2. Notwendigkeit einer Probezeit mit wirts famer Kontrolle;

3. Energischer Widerstand gegen jedwede Ausrüstung Deutschlands ;

4. Angleichung des Macdonald- Planes im Sinne des französisch englisch- amerikanischen Abkom=

men 3.

Die gesamte französische Presse begrüßt die Einstellung der englischen Regierung und erwartet unter Berufung auf fie, daß Frankreich in Genf in nichts nachgeben werde. Die Berichte, die die Blätter aus Genf erhalten, bewegen sich in der gleichen Linie: Paul- Boncour habe alle Versuche der deutschen Delegation unter Berufung auf die Rede Dala­diers in Vichy abgewiesen.

Nadolny wird kleinlaut

London , 11. Oft. Reuter meldet aus Genf , bei der Unter­redung zwischen Botschafter Nadolny und Außenminister

Paul- Boncour sei der Ton der Ausführungen des deutschen Delegierten äußerst versöhnlich ge­wesen. Er habe Deutschlands dringenden Wunsch nach einer Abrüstungskonvention betont. Die Unterredung zwischen Nadolny und Norman Davis scheine bei den Amerikanern einen günstigen Eindruck gemacht und die Spannung etwas erleichtert zu haben. Im Laufe der Unterredung habe Nor­man Davis auf Veranlassung seiner Militärsachverständigen um Einzelheiten bezüglich der deutschen For derungen nach Waffenmustern ersucht.

In einem Bericht des Genfer Korrespondenten der Daily Mail" heißt es, Norman Davis habe sich Herrn Nadolny gegenüber sehr freimütig geäußert. Der deutsche Dele­gierte mache keine großen Schwierigkeiten wegen der vor­geschlagenen vierjährigen Kontrollperiode, aber er sei nicht bereit, dem Gedanken zuzustimmen, daß es wäh­rend dieser Zeit keine wirksame Abrüstung 3- maßnahme geben solle.

Die englische Haltung scheint nun vollkommen klar zu sein. Das britische Kabinett hat seinem Außenminister Sir John Simon für Genf freie sand gegeben, aber in einigen wich tigen Fragen hat ihm das Kabinett feste Richtlinien ge= zeigt: 1. feine neue Verzögerung, sondern Entscheidung; 2 die große europäische Politik steht im Vorder­grund und nicht die Technik der Abrüstung; 3. der sogenannte Macdonald- Plan wird zurückgestellt. Dafür soll zunächst die Fortschung fiehe Seite 2.

Der Führer des Sturmbann V/ 167. m. d. F. b. Böhm Sturmführer

Ehe wir diese in den Prospekten faksimilierten Briefe ver öffentlichten, haben wir uns vergewissert, daß der Prospekt für jedermann, auch für Ausländer, zu haben ist.

Nach dem Attentat

Die Hochspannung in Oesterreich

Wien, 11 Oktober. Der Mann, der auf den österreichischen Bundeskanzler. geschossen und ihn glücklicherweise nur leicht verletzt hat, gab sofort nach der Tat zu erkennen, daß er Nazi sei; dennoch schrie das erste Extrablatt, das die Nachricht in Wien verbreitete, aus: ein Sozialdemokrat habe auf Dollfuß geschossen. Diese Lüge war in kaum einer Stunde erledigt. Nicht nur der Attentäter ist Nazi, seine ganze Familie trägt die braune Uniform. Aber die Falschmeldung des christlich- sozialen Weltblattes" ist sehr charak­teristisch. Ein Sozialdemokrat als Attentäter hätte besser gepaßt. Vormittags, vor dem Attentat, hielt Dollfuß in seinem Parlamentsklub eine überaus scharfe Rede gegen die Sozialdemokraten und betonte, die Nazi seien keine Gefahr mehr in Oesterreich. Am Nachmittag hätte diese Rede von den christlichsozialen Abgeordneten dis­kutiert werden sollen, insbesondere wollten sie Be­dingungen formulieren, unter denen die Sozial­demokraten weiter bestehen dürften. Zur Diskussion kam es nicht, denn ein Nazi schoß auf Dollfuß.

Die Christlichsozialen aber gehen dennoch ihren falschen und verhängnisvollen Weg weiter. Auch nach dem Atten­tat. Sie wollen Wien entmachten. Der Bürgermeister von Wien ist zugleich Landeshauptmann, er soll nach dem Plan der Klerofaschisten nur noch Bürgermeister bleiben und die Stadt, deren soziale Fürsorge bei den Christlich­ sozialen Anstoß erregt, soll einer Finanzkontrolle unter­worfen werden. Dabei sind, solange der Bund nicht in Wiens Wirtschaft eingriff, Wiens Finanzen selbst 1933 in Ordnung gewesen! In Graz, in dem die Sozialdemokratie ebenfalls mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausmacht