Der ermordete Prophet E

Leben und Tod des Eric Jan Unter diesem Titel hat fürzlich Frederic Lassagne in der vorzüglichen Pariser FIllustrierten Bu eine Serie von sechs Artikeln veröffentlicht, die geeignet sind, Aussehen zu er­regen. Leider( aber auch begreiflicherweise) gibt der Autor nicht die Quellen an, aus denen er sein sehr detailliertes Wissen geschöpft hat. Man muß ihm also die Verantwortung für die historische Richtigkeit seiner Darstellung überlassen, deren Glaubwürdigkeit allerdings unter anderm durch eine ganze Reihe interessanter Fotos erhärtet zu werden scheint. Im übrigen tut man gut, fich zu erinnern, daß die Wirklich­feit oft weit abenteuerlicher und fantastischer ist, als sie selbst die fruchtbarste Erfindungsgabe ausdenfen könnte. Aber fol­gen wir der Darstellung des Autors:

Der junge Prophet

Der ursprüngliche Name des Hellsehers Eric Jan Hanus= sen ist Herschel Steinschneider. Er ist der Sohn eines Syna­gogendieners in einem kleinen galtzischen Ort, wo er als Talmudschüler den Unterricht des Habbiners genießt; denn dieser wilde und kräftige Bursche beweist schon als Halb­wüchsiger eine ungewöhnliche Intelligenz und eine beson­dere Begabung für die esoterischen Geheimnisse einer Lehre, deren religiöse Bedeutung ihn freilich wenig fümmert. Als er, um Lassagne zu zitieren, der Tochter des Rabbiners in einer anderen Währung das Lehrgeld für die Unterrichts­stunden ihres Vaters zahlt", muß er aus seinem Dorf flie­hen. Er schließt sich dem Wanderzirkus Bellachini an, wo er unter dem Namen Steno als Degenschlucker und manch­mal auch als Wahrsager auftritt. Eines Tages, irgendwo in der Krim , hat er das Glück, daß der Zar Nikolaus der Zweite während eines Landaufenthaltes die Vorstellung des Zirkus Bellachini besucht und dabei auf den merkwürdigen Degenschlucker Steno aufmerksam wird, der die Gabe des Hellsehens besitzen soll. Einer Laune folgend, läßt der Zar ihn am nächsten Tage rufen und reicht ihm einen Ring mit dem Wappen der Romanoffs, der die Verbindung mit dem Hellseher herstellen soll. Und plößlich überkommt diesen her­gelaufenen Zirkusmenschen eine furchtbare Vision, die fich unwiderstehlich über seine Lippen drängt. Er prophezeit den Krieg, Millionen von Toten, die Niederlage, die Revolution, den Sturz des Thrones und endlich das jämmerliche Ende der ganzen Zarenfamilie im blutigen Dunkel eines Kellers. Der Zar hört die Weissagung an, ohne ein Wort zu spre­chen, aber er will den Ring nicht zurücknehmen, der so schreck­liche Bilder eingab. Und blizschnell begreift der Prophet aus dem Wanderzirfus, daß er der Stärkere ist, daß seine Gabe, echt oder unecht, ihm die Macht gibt, Furcht zu erwecken und dadurch zu herrschen. Er wird das niemehr vergessen. Aber am nächsten Tag erhält der Zirkus Bellachini den Aus­weisungsbefehl und muß Rußland auf schnellstem Wege ver­lassen.

Der weissagende Soldat

Dann kommt der Krieg, und aus dem Degenschluder Steno wird der österreichische Infanterist Herschel Steinschneider, vierundzwanzig Jahre alt. Aber er hat wieder Glück. Sein Regimentsfommandeur, Oberst von Helmhacer, ist Spiritist und interessiert sich brennend für diesen jungen galizischen Juden, der durch seine Weissagungen den Baren selbst in Schreden verjetzt hat und deffen untrügliche Prophetengabe man natürlich auch für strategische Operationen nußbar machen kann. Sogar der Divisionskommandeur verzichtet auf Angriffe, deren verlustreiches Scheitern der Prophet mit Sicherheit vorausgefagt hat. Und tatsächlich beweist dieser merkwürdige Mensch ja täglich seine übernatürliche Fähig Leiten, er findet verborgene Quellen, vergrabene Schäße, versteckte Lebensmittel; er ist unentbehrlich. Aber dabei nicht ctwa düster und feierlich, sondern ein guter, lustiger Same­rad, der oft des Abends Offiziere und Mannschaften durch feine Vorführungen erheitert. Auf solche Weise läßt sich felbft im Krieg Geld verdienen, und als das alte Defterreich zusammenbricht, fann Herschel Steinschneider seinen Auf­stieg beginnen. Er ist schon beinahe reich, als er, noch mitten in der Revolution, sich in der Wiener Löwengaffe als Heil­magnetiseur und Wahrsager niederläßt. Von nun an heißt er Eric Jan Hanussen , ein athletisch gebauter, rothaariger Nordländer von unzweifelhafter Echtheit.

Ganz Bien liegt damals im Bann von Sigmund Breit bart, dem stärksten Mann der Welt, der schwere Eisenstangen mit den Zähnen biegt und auf seinem Brustkasten riesige Steine mit Schmiedehämmern zerschlagen läßt. Gegen einen fo glanzvollen Ronfurrenten ist schwer aufzukommen. Als der edle Nordländer Hanussen die schreckliche Enthüllung macht, daß Breitbart ein galisischer Jude sei, wird ihm mit derselben Feststellung geantwortet, und auch als er, die Glanznummer Breitbart parodierend, auf dem schmächtigen Körper eines hypnotisierten Mediums Martha Farra noch größere Steine als die von Breitbart zerschlägt, nüßt ihm das nichts, er wird als Taschenspieler abgetan. Aber Hanus­ sen ist entschlossen, den Konkurrenten zu vernichten. Und fiehe da, ein merkwürdiger Zufall kommt ihm zur Silfe. A18 Breitbart eines Abends in der Vorstellung mit bloßer Faust große eiferne Nägel in Holzplanfen einschlägt, verlegt er fich leicht an der Hand. Am nächsten Tage stirbt er an Blut­vergiftung. Aber merfwürdigerweise nust Sanufen feinen Triumph nicht aus. Sowie der Tod Breitbarts bekannt ge= worden ist, verläßt der Hellseher plöglich Wien und geht nach Prag .

Der ,, lebendige Gasometer"

Gaza

Dort tritt er sieben Monate lang im Variete mit einer fenfationellen Nummer auf. Sie heißt der lebendige Gaso­meter" und besteht darin, daß ein Mensch im hypnotischen Schlaf mit Leuchtgas vollgepumpt wird, worauf dieser Gas behälter Beleuchtungskörper speist oder selbst eine Roch flamme, auf der man ein Omelette zubereiten fann. Es gibt genug Arbeitslose in Prag , die sich für billiges Geld zu die­fem Grperiment aur Verfügung stellen. Aber eines Abends ist der lebendige Gasometer" ein toter Gasometer vergiftung! Die Nummer wird polizeilich verboten, und Sanuilen zieht sich auf seine Praxis als Heilmagnetifeur und Hellseher zurück. Er hat eine große, vorwiegend weibliche Klientel, die er vorzüglich zu benüßen versteht. Alles, was ihm schwabhafte Frauen in der Hronofe oder in einer Lie­besstunde ausplaudern, die ganze Standalchronit von Prag wird von ihm zu einer geführten Kartothef verarbeitet, deren Beherrschung nicht nur seiner Hellseherei zugute tommt. Er läßt fich fein Wissen auch direkt bezahlen, d. H. er erpreßt; zum Teil in verblüffend einfacher Weise. So ver­missen z. B. die Frauen, die seiner Unwiderstehlichkeit zum Dofer fallen, oft nach der Schäferstunde ein kostbares Schmuditüd, aber beareiflicherweise maat feine, danach zu fragen. Sanuifen ist allzu mächtig. Er fann Standale ent­feffeln oder eritiden- ganz wie es ihm beliebt. Sogar die Polizei macht von feinen übernatürlichen Gaben Gebrauch, und selbst die Bärfenfurie vermaa er vorherzufagen, viel­leicht allerdings auch nur vorzubereiten. Aber ganz gleich, er verdient auf jeden Fall so viel Geld wie er will. Doch

Hanussen , Hellseher. Jude und Nazi

eines Tages bricht die ganze Herrlichkeit zusammen. Die Scheidungsklage eines Industriellen, dessen Frau als lien tin Hanussens ihren Schmuck und ihr gesamtes Vermögen verloren hat, wird zur Anklage gegen den Hellseher. Und iezt, da der Bann gebrochen ist, laufen plötzlich innerhalb weniger Tage hundertsieben Anzeigen von Frauen ein, die bei ihm ihren Schmuck verloren haben. Nur in vierund dreißig Fällen freilich erscheint die Beschuldigung stichhaltig, aber auch das genügt, um die Verhaftung Hanussens unver meidlich zu machen. Es kommt zu einem Prozeß, der sich aber merkwürdigerweise weniger um die Frage des Schmuckdieb­stahls und der Unterschlagung dreht als um die Frage der Hellseherei. Ist Hanussen ein Schwindler, ein Scharlatan oder doch ein echter Hellseher? Man macht im Gerichtsjaal allerhand Experimente mit ihm, die teils gelingen, teils fehlschlagen, zwei Sachverständige sprechen für, zwei gegen ihn. Aber die Atmosphäre ist dem Angeklagten günstig, und der Prozeß endet mit einem Freispruch, der einer gericht­lichen Anerkennung des Hellsebers gleichfommt. Trotzdem zieht Hanussen es vor, aus Prag zu verschwinden und nach Berlin zu gehen, wo grade die Fieberkurve der Inflation im steilsten Anstieg ist.

Aufstieg zum hellsehenden Politiker

Er fängt zunächst flein an. In einer hauptsächlich von klei­nen Kofotten bevorzugten Querstraße der Bülowstraße mie­tet er zwei bescheiden möblierte Zimmer, in denen er seine Praxis ausübt. Auch hier nimmt die Polizei gelegentlich seine Dienste zur Aufklärung dunkler Kriminalfälle in An­spruch. Seine merkwürdige Orientiertheit läßt ihn der Poli­zei schließlich selber verdächtig erscheinen, und man stellt ihm eine Frage an Hand eines nur fonstruierten Verbrechens. Aber Hanussen erringt einen doppelten Triumph, den der Hellsicht und den der Tugend. Das Bekanntwerden dieses Falles stärkt sein Ansehen, bald fann er in den vornehmen

Westen übersiedeln, und während er noch immer im Variete auftritt, wächst, zugleich mit seiner Privatpraxis, auch eine neue Karthotet, die womöglich noch aufschlußreicher ist als die in Prag . Alle fürchten ihn und bedienen sich seiner. Er tennt alle Welt und zugleich eine Fülle von gefährlichen Ge­heimnissen, die freilich auch für ihn selbst Gefahr bedeuten. Bis dahin hat er mit schöner Unparteilichkeit seine Opfer und seine Kunden gesucht, wo er sie grade fand. Aber schließ lich scheint es ihm doch sicherer, fich den Schuß einer politi­schen Partei zu sichern. Er hat die Wahl zwischen den Repu­blikanern, die grade noch an der Macht sind, oder den Jun­fern und Generälen, die im Grunde nie aufgehört haben, an der Macht zu sein, oder aber endlich den Nationalsozia­listen, deren teils geräuschvolle, teils geheime Aktivität da­mals noch niemand ernst nimmt. Aber grade dort sieht Hanussen seine besten Chancen. Außerdem zeigt ihm Sitlers Horoskop den sicheren fünftigen Erfolg. Es gibt keinen Zwei­fel mehr. Der Antisemit Hitler wird zur Macht kommen und Hanussen wird mit ihm steigen, Hanusfen alias Herschel Steinschneider, der Sohn des galtzischen Synagogendieners. Sein Verbindungsmann ist der Salonpornograph Hanns Heinz Ewers , der mit seinen erotisch- mystischen Reißern im Stil der Alraune" einen, wenn auch anrüchigen, Welterfolg erzielt hat, um sich endlich durch einen Horst- Wessel- Roman als Nazi zu legitimieren. Es ist ihm gelungen, im Auftrag des Führers", aus dem Zuhälter Horst Weffel einen Nationalhelden zu machen, und seitdem genießt Ewers im Lager der Nazis eine ungeteilte Autorität als großer Schriftsteller. Ewers ist der geeignete Mann, um in seinem Haus die Begegnung zwischen Hanussen und Hitler herbeizuführen. Es ist irgend­etwas in diesen beiden Männern, was sie zueinander hin­sieht. Und nachdem Hanussen aus Hitlers Hand noch die Be­stätigung des günstigen Horoskopes gelesen hat, ist das Bündnis geschlossen. Sitler ist groß und Sanussen ist sein Prophet, ein gutverdienender Prophet natürlich. Er wird nebenher Druckereibeüßer und gründet zwei eigene Blätter, ein populäres, Hanussens Zeitung" mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren und die pseudowissenschaftliche Andere Welt".

Feinste Gesellschaft

In seinen von einem modernen Architekten eingerichteten Appartements, wo die geheimnisvollen Tierkreiszeichen als leuchtende Ornamente den Fußboden und selbst den Tisch der Hausbar verzieren, drängt sich eine bunte Gesellschaft. Juden und Antisemiten, Politifer aller Parteien, Großindustrielle, Schauspieler, Literaten, Künstler, Artisten und vor allem ein ganzer Schwarm von hübschen Frauen, die alle nur auf den Wink des Meisters warten. Hier werden die schönsten Or­gien von Berlin gefeiert, aber der scharmante Gastgeber ver gißt dabei nie eine Gelegenheit, seine kostbare Kartothef um einige neue Blätter zu vermehren, deren Duplikate jeweils dem Generalstab der nationalsozialistischen Partei übermit­telt werden. Jeder findet bei ihm, was er braucht, die Kofai­nisten tröstet er mit Rofain, und die besorgten Banfiers mit der Versicherung, daß Hitlers Sozialismus nur eine beson­ders ingeniofe Verteidigung des Kapitalismus darstelle. Er besitzt die schönsten Autos, einen Rennstall, ein Schloß und ein von approbierten Aerzten geleitetes Sanatorium für feine reichsten Klienten, die hier schon durch die Preise sich in die Sphäre des Wunderbaren gerückt fühlen. Auf dem Wannsee schwimmt die weiße Jacht Hanussen ". der Schau­play intimster und geheimster Festlichkeiten, an denen Män­ner nur teilnehmen können, wenn sie über ein ganz beson­deres Maß von Geld oder Einfluß verfügen. Mit unerfätt­licher Lebensgier genießt diefer seltsam weltliche Magier die goldenen Früchte des Erfolgs. Das Leben ist schön und leicht -die Zukunft voller Versprechungen. Graf Helldorf erscheint

Eines Tages erscheint bei Hanussen ein junger Mann, ein verarmter bayerischer Aristokrat, Graf Helldorf , der nach Berlin gekommen ist, um bei Hitler Karriere zu machen, und sich deshalb zunächst die Protektion des Hofastrologen sichern will. Hanussen begreift sofort, daß diefer junge, unbedenkliche Draufganger von Nußen für ihn fein kann. Helldorf ist ihm empfohlen durch ein altes Parteimitglied namens Horst, der sich rühmen fann, die Mitgliedskarte Nummer 37 zu besißen und dem entsprechend über ein großes moralisches Prestige ver­fügt. Zusammen mit Ewers , dem großen Schriftsteller der Partei, und Hanussen selber, der die Macht des Geldes und der geheimnisvollen Allwissenheit repräsentiert, stellt dieses Biermännerfollegium eine bedeutende Macht dar. Es ge­lingt, Helldorf zu lancieren; Hitler überträgt ihm die Orga nifierung der Berliner SA.- Truppen, wobei der Umstand mitspielt, daß Hanuſſen diese Operation finanziert. Der Pro­phet kann sich das leisten, denn von allen Seiten, durch tau­fend geheime Kanäle, fließt ihm das Geld zu. Er versteht es, auf dunklen egen und feiben, at er ommiffionen Rapita lien ins Ausland zu verschieben, aber dafür unterstützt er auch die Geheimkasse der Partei mit großen Beträgen. Vor allem freilich ist er bemüht, dem ständigen Geldbedürfnis seiner Freunde Helldorf und Horst, nachdem er schon jedem

von ihnen ein schönes Auto geschenkt hat, mit immer neuen Darlehen abzuhelfen. Nur der Form halber" läßt er sich dafür Schuldscheine und Wechsel ausstellen, durch die er sich immerhin auf alle Fälle gesichert fühlt. Auch die Gerissen­sten", bemerft Lasagne, find in irgend einer Hinsicht naiv.

Sanussen glaubte nicht an Dankbarkeit, nicht an Ehre oder

edle Gefühle, aber er glaubte an die Gültigkeit von Unter­schriften." Miẞerfolg in Frankreich

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Vergeblich suchen Hanussens Gegner ihm einen Konfur­renten, einen demokratischen Hellseher namens Möcke ents gegenzustellen oder die Tatsache seiner jüdischen Herkunft, die Affäre Breitbart und die Geschichte mit dem lebendigen Gasometer gegen ihn auszuspielen. Hanussen sitzt fest im Sat­tel. Man weiß, daß Hitler oft seinen Rat einholt und große Stücke auf ihn hält, besonders seit Hanussen den Prinzen August Wilhelm der Partei zugeführt hat, der seinerseits auch durch finanzielle und andere Verbindungen mit dem Hellseher verknüpft ist. Troßdem fühlt Hanussen im Herbst 32 das Bedürfnis, ein wenig ins Ausland zu gehen. Er will eine Tournee durch Frankreich machen. Am 29. Oktober gibt er in dem Pariser Etablissement" Empire" mit seinem Me­dium Greta von Suseten eine Eröffnungsvorstellung. Aber der Erfolg ist schlecht, und nach dem dritten Auftreten gibt Hanussen seine Tournee auf. Nur im Club du Faubourg findet noch eine Art Privatvorstellung statt. Als ihn ein Unbekannter bittet, die Linten seiner Hand zu deuten, wei­gert Hanuffen fich zunächst hartnädig, um endlich doch die düstere Prophezeihung auszusprechen: Sie werden eines gewaltsamen Todes sterben!" Aber der unbekannte Frage­steller ist nicht erschreckt, sondern ergreift Hanussens Hand, untersucht die Linien und sagt lachend: Sie auch- Sie wer­den ermordet werden! Im übrigen, wenn Sie nach Mi­seille kommen, werde ich Ihnen applaudieren." Und damit überreichte er Hanussen seine Karte: Jean Cauferet, Prefect des Bouches- du- Rhone ." In ein paar Monaten waren beide Weissagungen erfüllt. Der Präfekt Causeret wurde am 7. März 1933 von seiner Geliebten erschossen, Hanussen doch davon später. Diese Anekdote ist durch Lev Poldes bestätigt.

Der ,, ruhigste Jude"

Endlich ist der Tag des Triumphes gefommen. Hitler ist zum Reichskanzler ernannt. In den Salons von Hanussen wird das große Ereignis feftlich gefeiert. Durch seine Prophezeihung des Erfolges schien der Hellseher ihn hervor­gerufen zu haben." Der Astrologe wird zum Oberpriester des neuen Glaubens, Ganz Berlin ist da, natürlich vor allem Brinz Auwi, Graf Helldorf , Horst und Ewers , aber auch ein paar reiche Juden und sogar der jüdische Komiker Siegfried Arno , der die ganze Gesellschaft zum Tränenlachen bringt durch seine parodistischen Darstellungen der kommen­den Judenverfolgung. Es wird ein sehr vergnügter Abend, und irgendjemand macht sogar Momentaufnahmen, die z. B. den Grafen Helldorf in den Armen einer schönen Jüdin zei­gen, während er grade mit Siegfried Arno anstößt. Am näch= sien Morgen hätte man sich dieser Aufnahmen doch lieber versichert, aber der jüdische Amateurfotograf ist vorsichtig ge= nug gewesen, die Filme gleich nach Holland zu schicken, mit der Anweisung, sie sofort zu publizieren, falls ihm das ge= ringste zustoßen sollte. Dieser Mann ist jetzt der ruhigste Jude in ganz Deutschland ."

Hanussen macht auch noch sein fleines Privatpogrom und erscheint in Begleitung einiger SA.- Leute im Romanischn Cafe", um seinen unglücklichen Rivalen Möde verprügeln zu lassen. Alles schön und gut. Aber Hanussen hat doch einen ersten Mißerfolg zu verzeichnen. Sein Freund, Graf Hell­ dorf , hat den ihm zugedachten Posten des Berliner Polizei­präsidenten doch nicht erhalten. Der Generalstab der Parici hat Hitler zu bedenken gegeben, daß Helldorf durch seine finanziellen und anderweitigen Verbindungen zu Hanussen , dem Juden Hanussen , doch allzustarf kompromittiert sei. Hanussen spürt die Grenzen seiner Macht, und der Boden des dritten Reiches" scheint ihm ein wenig heiß zu werden. Er beschließt, sich mit einem letzten, großen Coup zu verab­schieden. Als er hört, daß sein Freund Vetter, der Verlags­direktor des demokratischen Berliner Tageblatts", sein vom Verbot bedrohtes Blatt für zwei Millionen an die Nazis verkaufen will, kommt ihm ein glänzender Gedanke. Vetter, bisher ein Hort der Demokratie, Veranstalter großer De­nonftrationen für die Annäherung der deutschen und fran­ zösischen Republikaner, und Protektor des Reichsbanners, hat den Hellseher Hanussen häufig bei den Reklameveranstal tungen seines Blattes auftreten lassen. Die beiden kennen sich seit langem, und so macht Hanussen seinem guten Freunde Retter einen vertraulichen Vorschlag. Aber geben wir den Dialog so wieder, wie Lassagne ihn formuliert.

Die Rechnung!

" Du willst deine Zeitung an die Nazis verkaufen- fein schlechtes Geschäft, aber nicht ganz sicher. Ich kann Dir die Möglichkeit bieten, ein besseres Geschäft dabei zu machen und die Nazis zur Loyalität zu zwingen, weil sie der unseren richt sicher find. Seit Jahren leihe ich Horst und seiner Bande Geld, hier sind die Wechsel. Mit diesen kleinen Papierchen in der Hand kannst du das dreifache verlangen. Sie werden es dir zahlen, ohne zu handeln und ohne Sintergedanken, denn sie wissen nicht, ob das schon alle Wechsel sind. Wir teilen den Profit und ich verschwinde."

,, Einverstanden," erwiderte Vetter und lief eiliast zu Horst. Verehrter Herr, Sie sind von Hitler als Presse­fommiffar eingesetzt, ich weiß, daß Sie in Geldverlegenheit find. Hier ist ein Scheck über zehntausend Marf, als fleine Aufmerksamkeit."- Woher wissen Sie, daß ich in Geldver­legenheit bin?" fragte Horst, während er den Scheck ein= steckte. Worauf der andere von dem Besuch Hanussens er= zählte und von dem Erpressungsversuch, zu dem dieser den Irnalen Vetter hätte verleiten wollen. Hanussen war also ein Verräter, seine Rechnung war gemacht."

Leiche im Walde

Am selben Abend, kurz vor seinem Auftreten in einem Berliner Variete, wird Hanussen von ein paar S.- Leuten abgeholt. Hitler wolle ihn sprechen. Hanussen steigt mit sei­ren Begleitern in seinen berühmten roten Cadillac. Das Publikum wird gebeten, fich ein wenig zu gedulden. Es mar­tet noch heute. Fünf Tage später wird in einem Wald in der Nähe von Potsdam , wo Graf Helldorf die Polizeigemalt. in Händen hat, die Reiche des Propheten gefunden, von fünf Revolverfugeln durchbohrt, furchtbar verstümmelt, die Hände und Füße mit Eisendraht gefefelt. Es wird nicht viel Ausbebens von diesem Mord gemacht. Der Nachlaß des Hell­schers wird zu lächerlichen Preisen auf einer Auition ver­schleudert. Wo die Wechsel von Horst und Helldorf hinge= kommen sind, bleibt undurchdringliches Geheimnis. Herr Horst wird als Kommissar im Berliner Tageblatt" einge­ſeßt, aber er bleibt es nicht lange, da er, wie der umsichtige Better entdeckt, sechzigtausend Marf der Stasse entnommen hat.

Ob diese Darstellung von Frederic Paffaane in ieder Ein­zelheit authentlich ist, darüber maa vielleicht einmal bas Che richt der Geschichte fein Urteil fällen, oder vielleicht auch schon ein anderes Gericht, varansaefest, daß einer der von ihm mit Namen Genannten die Alage gegen ihn zu erheben

wagt.­