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Freiheit

Nr. 197 2. Jahrgang

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Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands

Saarbrücken, Sonntag/ Montag, 26./27. Aug. 1934 Chefredakteur: M. Braun

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Todesstunde

des Kapitalismus

Verfolgung

der neinsager

Deutsche Lohntüten ( Faksimile)

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Seite 3

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Rohstoffnot( Dokument)

Seite 4

Geheimakten Röhm- Ernst- Heines

Die Gestapo   fahndet auf Memoiren und Briefe der Ermordeten

Der letzte Reichstagsbrandstifter

Bern  , 25. Aug.( Eigenbericht). Die Fahndung" nach dem SA  - Mann Kruse aus dem Stabe Ernst Röhms ist bisher erfolglos geblieben. Sie bestand ja nur aus der Nennung des Namens im amtlichen Polizeianzeiger und war nur ver: ursacht, weil sich der politische Flüchtling Kruse unangemel: det in der Schweiz   aufgehalten hat. Die Vermutung einiger ichweizer Blätter, daß die Fahndung auf Veranlassung Ber  liner Regierungsstellen erfolgt sei, ist unzutreffend. Allge= mein und auch in amtlichen Kreisen der Schweiz   fällt auf, daß Berlin   keinerlei Dementi gegen die schwerwiegenden Behauptungen des SA.- Mannes Kruje   herausgibt, In zwischen wird von mehreren Seiten berichtet, daß die Ver­

maßnahmen ist es aber gelungen, eine ganze Reihe schwer Zuchthausfront!

belastender Briefe vor den Händen der Gestapo   zu retten. Für solche belastenden Briefe zeigen auch Personen Inter: esse, die gewissen Kreisen der Reichswehr   nahestehen. Dort befinden sich übrigens nicht nur Akten, die mit einem Schlage die letzten Fragen über den Reichstagsbrand klären könnten, sondern auch zahlreiche Dokumente, die auf die internsten Vorgänge in der Nazipartei bezug haben. Natürlich fragt man sich immer wieder, wozu auch noch jetzt das Intereffe der Reichswehr   nach solchen Dokumenten vorhanden ist. Nach dem großen Umfall Blombergs ist sie mitschuldig geworden und mitverantwortlich an dem, was geschehen ist und weiter geschieht.

öffentlichung der Memoiren Röhms in Buchform und in E.K. I strafverschärfend

Zeitungen demnächst bevorstehe.

Die Jagd auf Akten

Berlin  , 25. Aug. Der Gestapo   Görings ist bekannt ge worden, daß einflußreiche Oppositionskreise den Verfuch machen, an die hinterlassenen Aufzeichnungen der erschossenen Raziführer zu gelangen. Die Memoiren Röhm s befinden fich bereits im Auslande. Die Geheimakten des erschossenen Berliner   Führers Ernst sind ebenfalls verschwunden. Die Freunde von Ernst haben sie beiseite gebracht und wie ver= lautet, der Opposition zur Verwendung angeboten. Eine vergebliche Saussuchung hat auch in der Wohnung von Gregor Straffer stattgefunden.

Die Aften von Ernst sind für Hitler und Göring   wichtig, weil sich in ihnen der Plan und die Durchführung des

Ein Oppositioneller von rechts

Braunschweig  , 24. Aug. Vor dem Amtsgericht Königslutter  hatte sich ein Angeklagter wegen Beleidigung und Herab: setzung der Regierung zu verantworten. Er war in einer Gastwirtschaft mit einem Mitangeklagten zusammengekom­men und hatte diefen nach groben Ausfällen gegen die Re­gierung zu gefeßwidrigen Handlungen aufgefordert. Der Angeflagte batte zur Verhandlung das G. R. I angelegt; ber Staatsanwalt erklärte hierzu, daß es eine Herausfor derung der heutigen Regierung sei, wenn ein Ange­Flagter, der diese Regierung in der Oeffentlichkeit beleidigt und verächtlich gemacht habe, um seines Vorteils willen mit derartigen Auszeichnungen vor Gericht erscheine. Das Ur­teil lautete auf zehn Monate Gefängnis, während der zweite Angeflagte wegen des Amnestiegeseßes freige­sprochen wurde.

Reichstagsbrandes, wie auch die Pläne zur Be General Bredows Ermordung

lämpfung des Marrismus" befinden; die Papiere Gregor Strassers sind vor allem für Hitler   wertvoll, weil sich aus ihnen ergibt, daß der Mord an Strasser in der Tat nur ein Privatmord Görings gewesen ist, der einen unbequemen Konkurrenten für immer aus dem Wege schaffen wollte.

Besonders eifrig sind Görings Lente dabei, die Privat­briefe des eines zu sammeln. Bei Freunden von Heines find Haussuchungen vorgenommen worden, und ihre gesamte Korrespondenz wurde beschlagnahmt. Trotz aller Vorsichts:

Rublands Note

Eine neue Verschärfung

Berlin  , 25. Aug. Ueber den Tod des Generals v. Bre dow, der von deutscher   Seite geheimgehalten wird, liegen jetzt endlich auch verläßliche Einzelheiten vor. Er wurde in der Nacht zum 1. Juli aus seiner Wohnung geholt und im Auto nach Lichterfelde   geschafft. Als das Auto dort geöffnet wurde, war er bereits tot. Man hatte ihn unterwegs umge: bracht. Die entsegte Witwe erhielt nach längerer qualvoller Wartezeit die Aschenurne.

Japans   Kriegsschiffe

Die Lage im äußersten Osten hat eine neue Verschärfung erfahren. Sie wurde veranlaßt durch eine russische Pro­test note gegen die Massenverhaftungen sowjetrussischer Angestellter der oftchinesischen Bahn. Die Note, die Sowjet­botschafter Jureneff dem Auswärtigen Amt   in Tokio   über­reichte, macht Japan   und die Mandschurei   gemeinschaftlich für diese Verhaftungen verantwortlich. Sie spricht von vor­fäßlichen Verlegungen der verbrieften Rechte der Räte­republik:

Diese Beschuldigungen werden unterstützt durch das japanische Kriegsministerium und durch Vertreter des japa­nischen Außenministeriums. Abgesehen von den Verhaf­tungen und von der sinnlosen Beschuldigung der Verhaf= teten haben die japanisch- mandschurischen Behörden Be­schuldigungen ausgesprochen gegen offizielle Behörden und Vertretungen der Sowjetunion   in der Mandschurei  , so z. B. gegen das Konsulat und gegen den Konsul der Sowjet­ union   in Pogranitschnaja und gegen das Kommando der russischen fernöstlichen Armee."

Mit äußerster Schärfe erhebt Sowjetrußland dagegen Ein­spruch, daß offizielle Sowjetstellen und Militärfommandos in Ostsibirien Sabotageakte gegen die ostchinesische Bahn organisiert hätten. Das japanische Kriegsministerium habe sich sogar die Behauptung erlaubt, daß hinter den Bahn­katastrophen und Bahnüberfällen durch eine Stelle der Or­ganisation der russischen Bahnbeamten stände, die überhaupt nicht existiere. Zum Schluß heißt es:

Die japanische Regierung wird zugeben, daß die letzten Ausschreitungen auf der Ostchina- Bahn, die sich immer mehr verstärken, von den aggressiven Bestre bungen bestimmter japanischer Kreise zen­gen. Die Sowjetregierung ist überzeugt, daß die oben er­

mähnten Maßnahmen den mandschurischen Behörden und der mandschurischen Regierung zuzuschreiben sind, und hat mich beauftragt, Ihnen, Herr Minister, einen Protest zu überreichen. Die Sowjetregierung nimmt an, daß die japa­nische Regierung die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen wird."

Nach Meldungen aus Tokio   hat diese russische Protestnote wie eine Bombe gewirkt. Die militärischen Vorbereitungen wurden außerordentlich beschleunigt. Nach Charbinsind Kriegsschiffe und Bombenflugzeuge unter­wegs, wobei noch allerdings der Versuch gemacht wird, diese Maßregeln als kombinierte Land-, Luft- und See­manöver zu bezeichnen. In einer Antwortnote des japani­schen Außenministeriums versucht Japan   die Verantwortung für sich abzuwenden und die Verhaftung sowjetrussischer Be­für sich abzuwenden und die Verhaftung sowjetrussischer Be­amter der Ostchinabahn als Maßregel der mandschurischen Justizbehörden zu bezeichnen.

Gleichzeitig wirft man Sowjetrußland vor, daß die Ver­handlungen über den Verkauf der oftchinesischen Bahn von Rußland   absichtlich hinausgezögert würden. Die Bahn habe für Rußland   die allergrößte strategische Bedeu­tung, weil die Truppentransporte direkt von Moskau   nach Wladiwostok   verlaufen. Andererseits berichtet Osterpreß aus Moskau  , daß man hier nach wie vor verhandlungsbereit sei, um den Weltfrieden zu erhalten. Bei gutem Willen der japa­nisch- mandschurischen Seite könnten die Verhandlungen jeder­zeit wieder aufgenommen werden.

Alle diese Nachrichten sind von den Interessen der beteilig­ten Länder diktiert und darum tendenziös. Gewiß ist nur, Bortfesung fiebe 2. Seite.

Ein Dokument

Berlin  , 25. Aug.( Inpreß.) In der Knorrbremse, Berlin  , ist folgende Bekanntmachung veröffentlicht worden: Die Mitglieder der NSBO. sowie diejenigen der DAF.( Deutsche Arbeitsfront  ) werden in Zukunft intensiver, d. h. gründlicher zu der Mitarbeit bzw. Aufbauarbeit, wie es der Führer bzw. die Bewegung verlangen, herangezogen. Es geht in Zukunft nicht mehr an, daß verschiedene Volksgenossen sich einbilden, nur ihrem Lohn und Brot nachgehen zu können und die Bes wegung und deren Erhaltungsziele außer acht zu lassen, oder fich oberflächlich daran zu beteiligen. Veranstaltungen jeder Art, die die Bewegung vorschreibt, müssen von oben= genannten Mitgliedern innegehalten werden bzw. befolgt werden. Es wird von mir aus durch die jetzt ernannten Blockwarte eine genaue Kontrolle geführt; wer dreimal unentschuldigt oder ohne stichhaltigen Entschuls digungsgrund fehlt, wird aus der DAF.( Deutsche Arbeits­ front  ), der ja alle Verbände angeschlossen find, ausge= fchloffen..

Achtung! Es ist strengte Pflicht, das jetzt neu herauss gegebene Arbeitertum" zum Bezugspreise von 0,10 Mart abzunehmen. Die Blodwarte find angewiesen, mir jeden aus der Abteilung zu nennen, der fich weigert, das Arbeitertum" abzunehmen, und ich werde die erforderlichen Maßnahmen gegen die Betreffenden einleiten.

gez. Harting."

Der Endkampf beginnt

An diesem Sonntag sammeln sich die beiden gegne­rischen Fronten des am 13. Januar stattfindenden Saar­plebiszits zu großen Rundgebungen, die den Endkampf um die Werbung der Abstimmungsberechtigten einleiten. Jn Koblenz über dem deutschen   Eck in der alten preußischen Festung Ehrenbreitstein   wird die deutsche Front" des Saargebietes eine Rede des Führers" hören. Die Welt erwartet, daß er sich endlich einmal zu den drängenden außenpolitischen Fragen äußert, und zwar nicht nur in allgemeinen Friedens- und Versöhnungs­phrasen, die ihm niemand glaubt.

In dem saarländischen Flecken Sulzbach   inmitten des umstrittenen Gebietes mit seinen Kohlengruben und Eisenhütten wird die deutsche   Freiheitsfront auf­marschieren. Sozialdemokraten, Kommunisten, Ratholiken und viele andre der deutschen   Kultur gegen den Einbruch von Barbaren   treu gebliebene Männer und Frauen. Der Sozialdemokrat Mar Braun und der Kommunist Friz Pfordt, die führenden Männer der deutschen  Freiheitsbewegung an der Saar  , werden sprechen unter der Losung: Nie zu Hitler  !

Seit Monaten wirbt die deutsche   Front" an der Saar  für die Reise zum Rhein  . So groß sind die Ermäßigungen, daß sie fast umsonst zu machen ist. Für die Möglichkeit bil liger Einkäufe, die den Geschäftsleuten an der Saar   ver loren gehen, sorgt ohnehin der Tiefstand der deutschen  Registermark. Aus allen Teilen des Reichs werden mehr oder minder auf öffentliche Kosten Saarländer   und Neu­gierige und Festfreudige und alle, die zu einer billigen Rheinfahrt kommen möchten, nach Koblenz   zusammen­geholt. Für Propaganda ist immer noch Geld vorhanden.

Für die deutsche   Freiheitsfront fließen die Reichsquellen nicht. Das bestreitet nicht einmal die gleichgeschaltete Presse. Es ist von der Saarregierung nur eine geschlossene Rundgebung erlaubt, also nur von Mitgliedern beteiligter Organisationen, und verboten ist die Beteiligung von Pers sonen, die außerhalb des Saargebietes wohnen. Das hat insofern sein Gutes, als es nun schwer sein wird, einiger­maßen glaubhaft zu erzählen, die Kundgebungen der Frei­heitsfront seien nur von Emigranten, Lothringern, Lugem burgern und andern fremden und wilden Völkerschaften besucht.

Das Saargebiet ist für das dritte Reich" und das per­sönliche Prestige des Führers" eine ernsthafte Sorge ge worden. Seitdem in der Rheinproving bei der Hitler  - Wahl