Völker in Sturmzelten Nr. 21

Völker in Sturmzeiten

Im Spiegel der Erinnerung- im Geiste des Sehers

Samstag, 15, September 1934

Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde

Von Wilhelm Voigt Voigt

schilderte im vergangenen Kapitel das Ende des Köpenicker Abenteuers. Die Mann­schaften marschierten ab, der Herr Hauptmann ging unbehelligt zu Fuß zum Bahnhof und fuhr mit dem Zuge nach Berlin . Bald darauf kam alles heraus. Eine fieberhafte Suche nach dem Eroberer von Köpenick begann, während die ganze Welt alarmierend lachte. 3000 Mark Be­lohnung wurden für die Entdeckung des Täters ausgeworfen. Es fand sich ein Verräter...

Wilhelm Voigt stand einige Monate später vor den Geschworenen im überfüllten Gerichts­saale. Journalisten aus allen Ländern waren gekommen. Voigt erzählte die Geschichte seines Lebens: ,, Was ich brachte, war nichts als Wahrheit." Wilhelm Voigt eroberte sich Köpfe und Herzen. Aber dann traten die Zeugen auf. Nun lachte man wieder.

Auch über die Augenblickssituation des Unterzeichnens der Quittung und der Uebergabe des Geldes drückte er sich so ungenau wie nur möglich aus.

Wirklich großartig und bezeichnend war das Verhalten des Richters gegen Kallenberg; während die andern Zeugen nach ihrer Vernehmung im Saale bleiben durften, mußte jener auf Anordnung des Richters sofort nach seiner Aussage den Sitzungssaal verlassen.

Da die vorhandenen Zeugen der Staatsanwaltschaft zu der Sache selbst nichts mehr zu sagen hatten, ging der Gerichts­hof jetzt zu der Vernehmung meiner Leumundszeugen über. Es waren in dem Anstaltsgeistlichen, dem Anstaltslehrer und dem Oekonomieinspektor Leute vorhanden, die mich fast ein halbes Menschenalter täglich in meinem Tun und Lassen beobachtet hatten.

Da war ferner mein Chef aus Wismar , ein Mann, der sich selbst emporgearbeitet hatte, der die Mühen, Sorgen und Nöte des Lebens genau kannte und der an meiner Sache gar nicht interessiert war. Das waren Zeugnisse, die schwer ins Gewicht fielen!

Was sonst noch von Zeugen vorhanden war, hat ja weniger Bedeutung. Ich konnte bemerken, wie alles dies doch eine sehr ernste Stimmung im Publikum hervorrief. Als dann die ganzen Machinationen des Bürokratismus klar vor aller Augen lagen, fühlte ich förmlich die Teilnahme, die für mich und meine Angelegenheit unter den Anwesenden Platz griff. Als nach Schluß der Beweisaufnahme der Staatsanwalt zu seinem Plädoyer das Wort ergriff, da lauschte alles mit großer Spannung, wie er sich zu der Sache stellen würde. Der Staatsanwalt suchte in seiner Rede diese Teilnahme soviel wie möglich zu verwischen. Mit negativem Erfolg! In seinen Eingangsworten sagte er, ich hätte eine Tat vollbracht, die die Bewunderung der ganzen Welt erregt hätte. Diese Bewunderung verdiene ich aber nicht, denn ich hätte den ganzen Staatsorganismus in Trümmer geschlagen! Ich fand diese Ausdrucksweise etwas eigentümlich! Ich, der bescheidene Mann, der friedlich seines Weges dahinzieht, dem jede Gewalttat in seinem Leben ferngelegen hat. mit zehn Gardesoldaten, drei Gendarmen und zirka sieben Polizeibeamten die ganze Staatsordnung in Trümmer geschlagen!!

Ich habe ihm nichts darauf geantwortet und mir nur das Entsprechende dabei gedacht.

Weiter fuhr er fort, mich und meine Auslassungen zu widerlegen, und zwar in einem neuen merkwürdigen Satze. Er behauptete, wenn es mir nur um einen Paß zu tun gewesen wäre, dann hätte ich nicht nach Köpenick zu gehen brauchen, den hätte ich mir in der ersten besten Kaschemme holen können.

Das heißt, der Mann, der mich jetzt ében wegen Urkunden­fälschung zur Verantwortung ziehen will, zeigt mir einen Ausweg, der, wenn ich ihn betreten hätte, mich doch wohl gleichfalls zum Urkundenfälscher gemacht hätte!

Das ist nun allerdings ein sehr eigenartiges Ansinnen, um so mehr, da mir die Kaschemmen gänzlich unbekannte Orte sind und ich mich erst beim Herrn Staatsanwalt hätte er­kundigen müssen, was darunter zu verstehen ist und was da etwa für mich zu holen gewesen wäre.

Zum Schluß beantragte er eine Strafe von fünf Jahren Zuchthaus.

Zunächst trat mein Rechtsanwalt Dr. Schwindt auf und

Als ich geendet, wandte sich noch der Vorsitzende, im Begriffe aufzustehen, an seine beisitzenden Richter mit den Worten:

..Also mildernde Umstände!"

Darauf verließen sie den Situngssaal und betraten den Beratungsraum. Ich hatte beobachtet, daß die Erregung im Zuhörerraum sich von Stunde zu Stunde gesteigert hatte.

Nachdem der Gerichtshof den Saal verlassen, traten die Leute in Gruppen zusammen und unterhielten sich lebhaft über das, was eben an ihren Augen und Ohren vorüber gezogen war.

Ich selbst sah mit einer gewissen Ruhe, dem entgegen, was da kommen konnte.

Es währte ungemein lange, bevor der Gerichtshof sich über die zu fällende Strafe geeinigt hatte.

Selbst der Staatsanwalt war ungeduldig geworden. Der Vorsitzende entschuldigte sich fast über die lange Verzögerung und führte dabei aus, daß ich dem Gerichtshof mit meiner Tat eine harte Nuß zu knacken gegeben hätte.

Ob der Gerichtshof mit seinem Urteil diese nun wirk­lich geknackt hat, das dürfte wohl der juristischen Nach­Drüfung unterliegen.

Im ernsten Ton verkündete er zunächst das gefällte Urteil: Vier Jahre Gefängnis!

Mir fiel es auf, wie der Vorsitzende sich bei der Klar­legung der juristischen Gründe fast durchweg an den Wort­laut des Plädoyers des Staatsanwaltes hielt. Er wiederholte sogar ganze Sätze aus der Anklageschrift wörtlich! Andrer­seits schien es, als könnte er sich auch den Gründen, die gegen die Auffassung des Staatsanwaltes sprachen, nicht ver­schließen.

Fast väterlich war der Ton, in welchem er mich darüber belehrte, daß nur auf Grund der harten Vorstrafen das Urteil so gefallen war.

Es war unverkennbar, daß auch die große Mehrzahl der Zuhörer sich über die Bedeutung dieser Stunde vollkommen klar waren. Etwa zwei Monate nach meiner Entlassung schrieb mir eine Dame, welche durch die irrigen Zeitungs­notizen über mich und mein Handeln zu einer falschen Ansicht gekommen war, ich möchte die Weihe, die über der Stunde des Gerichts gelegen hätte, nicht dadurch zer­stören, daß ich mich zu Handlungen verlocken ließe, die den gerechten Unwillen meiner Freunde heraufbeschwören würden.

Nun folgte etwas, was wohl in der Rechtspflege ohne Beispiel dasteht:

Nachdem ich auf die Frage, ob ich das Urteil annehme, bejahend geantwortet hatte, war die Sigung geschlossen. Der Vorsitzende legte sein Barett ab, zog seinen Talar aus, trat zu mir an die Schranken und wünschte mir ,, Gottes Segen", daß ich meine Strafe gesund überstehen möge.

Ich selbst war von diesem unerwarteten Vorgange so be­troffen, daß ich im Augenblick gar nicht darauf zu ant­worten vermochte. Erst aus meiner Haft heraus schrieb ich einen Brief an den Herrn Gerichtsdirektor, um mich für mein damals fast tölpelhaftes Benehmen, das durch die Erregung, des Augenblicks hervorgerufen war, zu entschuldigen, und für seine Freundlichkeit zu danken, deren ganze Bedeutung ich wohl ermesse.

War es mir doch ein Zeichen, wie schwer es dem Gerichts­hof geworden sein mußte, dieses Urteil gegen mich zu fällen.

hielt seine Rede, welche lediglich die moralische Seite der Wieder im Gefängnis Angelegenheit zum Vorwurf hatte.

Ich war bereits durch die Verhandlung so erschöpft, daß ich sie am liebsten in Anbetracht meiner Gesundheit auf einige Stunden unterbrochen gesehen hätte, aber ich ließ es gehen. nur konnte ich nicht mehr mit der nötigen Auf­merksamkeit der Rede meines Verteidigers folgen und habe deshalb auch nicht bemerkt, welchen Eindruck dieselbe auf die Anwesenden gemacht hat. Nach ihm ergriff mein zweiter Verteidiger, Rechtsanwalt Bahn, das Wort.

Er hatte die rechtliche Seite als sein Thema gewählt. Er behauptete, daß meine Behandlung in Mecklenburg nicht auf dem Boden des Gesetzes gestanden hätte, mithin eine ungesetzliche Gewalttat gewesen sei. Er enthüllte klar, wie durch die Manipulationen der Polizeibehörden die Ver­brecher und das Verbrechertum geradezu gezüchtet würden; er machte darauf aufmerksam, daß Gesetze, die vor sechzig Jahren am Platze waren, bei den heutigen Kulturverhält­nissen und Lebensbedingungen nicht mehr anzuwenden seien und daß sie gerade das Entgegengesetzte von dem zeitigten, was sie nach der Absicht des Gesetzgebers wirken sollten. Keiner von beiden Herren hatte ein bestimmtes Strafmaß ins Auge gefaßt. Selbst mildernde Umstände hatten sie nicht beantragt. Ich glaube, sie hielten den vorliegenden Tat­sachen gegenüber einen solchen Antrag nicht mehr für nötig.

Als ich schließlich auch gefragt wurde, ob ich nun auch selbst etwas zu sagen hätte, konnte ich das, was ich eigentlich hätte dem Gerichtshof sagen wollen, nicht mehr. vortragen, weil meine Körperkraft zu Ende war. Ich sagte deshalb in kurzen Worten, ich schlösse mich den Ausführungen meiner Verteidiger an und bäte um eine milde Beurteilung meiner Sache.

Ich wurde kurze Zeit, etwa zehn Tage, nachdem das Urteil rechtskräftig geworden, zur Verbüßung meiner Strafe in die Gefangenschaft nach Tegel übergeführt.

Schon am Nachmittag desselben Tages besuchte mich der Direktor, und die ersten Worte, die er an mich richtete, sind mir heute noch gegenwärtig:

,, Nun sind Sie also nach langer Irrfahrt hier gelandet!" ..Jawohl, Herr Direktor," antwortete ich, aber an welchem Ufer!"

Es ist mir sehr erfreulich, hier sagen zu können, daß die Gefängnisanstalt Tegel , sowohl was die Beamtenschaft an­langt, wie in bezug auf Pflege und Fürsorge, geradezu mustergültig genannt zu werden verdient. Gerade ich konnte dies am besten beurteilen.

ich Mir persönlich ist man stets von allen Seiten mit- möchte sagen freundlicher Zuvorkommenheit begegnet, bis zu dem Augenblick, da sich die Tore der Freiheit für mich wieder auftaten.

Es hatten sich bekanntlich sowohl während meiner Unter­suchungshaft wie auch nach meiner Verurteilung viele Freunde und Freundinnen gefunden, die Geldmittel und sonstige Spenden aufbrachten und sich auch für meine Zu­kunft bemühten.

Nach meiner Entlassung überlieferte mir eine bekannte Ber­ liner Zeitung , als Ergebnis einer öffentlichen Sammlung, fast 2000 Mark, ein Frankfurter Blatt 440 Mark.

Achtundvierzig Stunden nach meiner Verurteilung erhielt. ich durch Vermittlung einer Dame aus den ersten Kreisen Berlins die feste Zusicherung, daß mir, solange ich in Haft war, 50 Mark monatlich und nach meiner Entlassung bis zu meinem Tode 100 Mark monatlich ausbezahlt werden sollten

Wenn man Zeitungsnotizen aus jener Zeit Glauben schenken wollte, so müßte ich heute ein sehr reicher Mann sei. Nur ich selbst habe davon nichts gemerkt.

Das Gerücht, daß mir große Geldsummen zugewendet sein sollten, veranlaßte in der nächsten Zeit einen ganz eigenartigen Briefwechsel. Hunderte von solchen Briefen trafen in der Anstalt ein, die alle beinah denselben Wortlaut hatten:

..Sie sind jetzt ein reicher Mann, verfügen über Geld­mittel, also helfen Sie auch jetzt uns armen Bedrängten!" Dann wurde die Summe aufgeführt, die notwendig war, um den Briefschreiber aus seiner bedrängten Lage zu be freien.

Die höchste Summe, die mir abgefordert wurde, betrug 6000 Mark, und dann ging es von Tausenden zu Hunderten hinab und von hundert Mark zu kleineren Beträgen.

Der Gefängnisinspektor versicherte mir schon nach vier Monaten, daß, wenn alles das, was von mir gefordert wurde, von der Verwaltung aushezahlt würde, ich bereits über 100 000 Mark verausgabt hätte.

Die Briefe und Karten, die mir aus allen Weltteilen und fast allen Staaten der Erde zugingen. setten mich oft in großes Erstaunen darüber, was in der Welt geschah und ge­sprochen wurde; und daß man das alles als bekannt vor. aussetzte, während ich doch davon keine Ahnung hatte.

Wiederholt bin ich in Briefen und Karten dazu aufge fordert worden, doch etwas für meine Befreiung zu tun. Allein die Wege, die man mir dazu vorschlug, konnte ich nicht betreten.

Ich hatte mich so ziemlich darein gefunden, daß ein Gnadengesuch aussichtslos sein würde, und meine ganze Hoffnung darauf gesetzt, nach verbüßter Strafe von drei Jahren vorläufig" entlassen zu werden.

Ob von anderer Seite in meiner Angelegenheit Gesuche um Begnadigung bei Sr. Majestät dem Kaiser gemacht worden sind, weiß ich nicht.

Es kam mir und allen, die teilnahmen an meinem Schicksal, deshalb auch ganz unerwartet und überraschend, als plötzlich direkt auf

Ordre Sr. Majestät des Kaisers meine Freilassung erfolgte.

Freiheit! Freiheit!

Es war an einem Sonntagnachmittag, etwa 3.45 Uhr, als ein stellvertretender Beamter des Sekretariats in Begleitung des Oberaufsehers meine Zelle betrat, in der ich gedankenlos auf und ab schritt. In der einen Hand hielt der Beamte meine Personalkarte, daraufliegend ein kleines Papier. Die Freude leuchtete beiden aus den Augen.

Es war ein ungewohnter Vorgang. zu ungewohnter Zeit, als der Beamte den Mund öffnete und mir sagte: ..Herr Voigt, ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht mitzuteilen!"

Da fuhr es mir wie ein Blitz durchs Gehirn: ,.Du wirst frei!"*

Als er dann aber weiter fortfuhr, daß ich auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers sofort in Freiheit gesetzt würde, war ich vor Ueberraschung zunächst ganz sprachlos und auch die Herrschaft über meine Sinne und Glieder verließen mich ich taumelte rückwärts gegen die Wand.

Mit Mühe ermunterte man mich so weit, daß ich dem Beamten wenigstens in die Freiheit folgen konnte. Er war mir beim Zusammenlegen der wenigen Sachen, die mein persönliches Eigentum darstellten, behilflich und führte mich in die Räume der Hausväterei, damit ich mich dort um. kleidete. Ich war in so großer Erregung, daß mir das ohne Beihilfe gar nicht gelingen wollte und die Beamten mich selbst beim Anlegen meiner Kleidungsstücke unterstützen mußten.

Der Kassenbeamte war nicht im Dienst. Andere Ober beamte auch nicht. Deshalb schoß mir der stellvertretende Sekretär aus seinem eigenen Bestande eine Mark vor. Diese in der Tasche, eilte ich hinaus in die Freiheit. Es war ein wunderschöner, heller Tag, der erste regenlose Sonn- oder Feiertag des ganzen Jahres.

Ein Gefühl des Wohlbehagens durchströmte mir Leib

und Seele.

So lange in der trostlosen Einsamkeit, in die kaum ein Ton menschlichen Lebens hineindringt! Ich glaube nicht, daß ich in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Tegel fünfzig Menschen außerhalb der Gefängnismauern gesehen habe. Wenn auch mein Blick über die Mauern hinausreichte, so war doch die Gegend, die ich übersehen konnte, so ab­gelegen, daß selten ein menschlicher Fuß sie betrat.

Ich konnte nur Sand, Fichten und das Laub der Bäume sehen. Mit einem gewissen Wohlbehagen durchschritt ich die Straßen des Vorortes und freute mich an den wandern­den, fröhlichen Menschen.

Ich wußte, mit welcher Teilnahme mein Ergehen in Tegel und meine Freilassung in der Welt verfolgt wurde.

War es mir doch zu Ohren gekommen, daß viele meiner Freunde sich verabredet hatten, am Tage meiner Freilassung vor den Toren des Hauses auf mich zu warten und mich abzuholen.

Hatten lich doch schon einmal früher, als das Gerücht verbreitet wurde, ich würde freigelassen, Hunderte von Menschen eingefunden, die mich sehen wollten. Und heute?

Keiner von diesen Menschen dachte daran, daß ich unter ihnen wandelte, und so konnte ich unbelästigt das heitere Leben, das an schönen Sonntagen die Vororte von Berlin durchflutete, genießen.

Die erste Stunde der Freiheit, die direkt der Gnade ent flossen, unerwartet und doch so erwünscht kam, kann ich mit Worten nicht schildern! So etwas muß man haben!..

erlebt

( Schluß folgt)